Marcel Bernet | 19.03.2010 | Medien

Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung

qualitätsjournalistEine US-amerikanische Analyse des Medienjahrs 2009 zeigt den drastischen Rückgang von Inseraten, Auflagen und Arbeitsplätzen. Diese Tendenz setzt sich 2010 fort. Wohin das alles führt, weiss  niemand genau – drei Bewegungsrichtungen sind klar.

Das Pew Research Center bietet eine vorbildliche Sammlung von Daten rund um Medien und Journalismus – in einer Qualität, die auch für die Schweiz wünschenswert ist. Das Zentrum bezeichnet sich auf der Website als «überparteilicher Fakten-Tank», getragen von den gemeinnützigen Pew Charitable Trusts. Über die jährliche Studie «State of the News Media» hat der bernetblog schon anfangs 2009 berichtet: «Wo versteckt sich die Rendite?» bleibt auch in der Studie 2010 Kernthema. Die wichtigsten Daten von 2009 samt den Trends, wie sie durchaus auch für Europa und die Schweiz gelten:

1. Das Geld geht aus
Die Zahlen sind dramatisch: US-Zeitungen haben 2009 in Online und Print zusammen 26 Prozent Werbeumsatz verloren. Der kumulierte Rückgang der letzten drei Jahre liegt damit bei 43 Prozent. Immer noch kommen 90 Prozent der Zeitungseinnahmen aus dem Printbereich. Einzig das Kabelfernsehen konnte im letzten Jahr ein minimales Umsatzplus verzeichnen:

pewresearch change in ad revenue by medium 08-09

Im Vergleich dazu liegen Schweizer Zahlen nur für Print vor. Die Erhebungen von Schweizer Presse/VSW/Wemf zeigen für 2009 2010 [Korrigenda: Das ist ja nur ein Monat kumuliert - die 2009er Zahlen besorge ich für einen nächsten Artikel] ein kumuliertes Minus von 17 Prozent für Print, mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen nach Titeln, Regionen und Art der Inserate. Dieser Auszug ist der Wemf-Januarstatistik (PDF-Link) entnommen:

wemf inseratestatistik januar 2010

Es geht uns also noch deutlich besser als den Verlagskollegen in den USA – trotzdem steckt in diesem Fazit der Autoren die Wahrheit auch für Europa: «Die Industrie muss ein neues Geschäftsmodell finden, bevor das Geld ganz zu Ende geht.»

2. Mehr Plattformen, weniger Aufmerksamkeit
Diesbezüglich ist die Entwicklung in den USA ein ganzes Stück weiter – und wird uns Europäern mit den vielen sprachregionalen Abgrenzungen und den kleinräumigeren Märkten immer voraus bleiben. Immer mehr nicht-klassische-Verleger drängen mit Inhalten aufs Web. Auf einer Seite des Spektrums stehen mitschreibende User mit privaten oder politischen Interessen, früher nur als «Leserin und Leser» bekannt. Auf der anderen buhlen journalistisch ausgerichtete Plattformen wie Politico, Huffington Post, ProPublica, Kaiser Health News oder Global Post um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Irgendwo dazwischen stehen Aggregatoren von Yahoo über MSN bis GoogleNews.

Da weiss der geneigte Leser nicht mehr, wohin gucken. Von der beschränkten Zeit wird überall ein bisschen weniger verteilt, niemand mehr hat einen einzigen bevorzugten News-Kanal – siehe dazu auch den Beitrag «Newskonsum: Internet rückt vor». Das drückt auf die Anzeigenpreise und die Auflagen – dazu eine letzte schlimme Kurve zu Tages- und Sonntagszeitungen in den USA:

pewresearch newspaper circulation 03-09

3. Mehr Meinung, mehr Sofortberichte
Die Pew-Studie zeigt auf, dass der Mehrinhalt auf diesen Plattformen vor allem mehr Meinung bringt. Original recherchierte Artikel kommen immer noch in erster Linie aus den Online-Angeboten der traditionellen Verlage. «Unsere langfristige Auswertung von mehr als einer Million Blogs und Social Media Seiten zeigt zum Beispiel das 80 Prozent der dortigen Links auf die Online-Seiten klassischer Medienhäuser führen.» Meinung verdrängt die Recherche, bezieht sich aber gleichzeitig gerne auf die inhaltlichen Vorleistungen.

Ebenso bedrängt wird die Recherche vom Echtzeit-Rausch der Absender und Empfänger. Jedes Medium will die News zuerst im Web haben, da bleibt keine Zeit für Rückfragen. Flatterhafte News-Empfänger wechseln ihre Favoriten, wenn der Bericht über eine Unternehmensfusion auf der einen Plattform zuerst steht. Zu recht sieht Pew als Folge immer mehr Instant-News, die unreflektiert aus PR-Quellen oder Social Media Diskussionen übernommen werden.

Die «Alten» sind noch die Grössten – wie weiter?
Alle diese Beobachtungen blicken auf einen vorbei ziehenden Lavastrom. Noch ist er keineswegs erkaltet. Er zerstört lieb gewordene Denkmuster, Geschäftsmodelle und journalistische Praktiken. Das Neue, das aus dieser Zerstörung wachsen wird, erscheint ungewiss bezüglich Finanzierung und Akzeptanz. Interessant ist, dass bei aller Aufmerksamkeit für das Neue die klassischen Medienanbieter immer noch eine herausragende Rolle spielen: 67 Prozent der meistbesuchten News-Seiten gehören «alten» Verlegern.

Die Zeit läuft aus, das Geld wird knapp. Gespart und rationalisiert wird in der Produktion von Inhalten. Journalismus wird schneller, meinungsorientierter und in vielen Fällen unreflektierter, näher an den Newsquellen aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Tagesgeschehen. Es macht wenig Sinn, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. In der Grundrichtung wird sie sich durchsetzen.

Nischen für Qualität und mehr Kooperation
Verleger tun gut daran, Gefässe für Recherche und Reflektion weiterhin zu pflegen – in Nischen werden diese Inhalte sehr gefragt sein und sie werden als Orientierungs-Leuchtfeuer dienen. Denn der Newskonsument von morgen wird noch überforderter sein in seiner Quellenwahl als er es heute ist. Sprunghaft wird er trotzdem bleiben. Von eminenter Bedeutung ist die Zusammenarbeit der Verleger in allen Bereichen, die über den Redaktionsraum hinausreichen. Das verlangt ein schmerzhaftes Umdenken. In diese Richtung weisen das E-Reader-Projekt von Swisscom, NZZ, Ringier, tamedia und Orell Füssli oder die im Aufbau befindliche Online-Bezahlplattform Journalism Online in den USA.

Dieser Artikel erschien auch auf NZZ Online / Extrablog.

Marcel Bernet | 02.02.2010 | Medien

Ich poste – also bin ich: Schöne neue Medienwelt

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblogRekordbeteiligung am Gipfeltreffen von Medien- und PR-Schaffenden. Die Paneldiskussion brachte wenig Erhellendes. Interessant war das Plädoyer für bezahlschrankenfreie Qualität des Spiegels.

Setting und Titel erinnerten an die Dreikönigstagung der Schweizer Verleger (Bericht vom 6. Januar). Und das Thema «Schöne neue Medienwelt – ratlose Branche» zieht – mit rund 400 Teilnehmenden war das Auditorium Maximum rekordvoll. Mathias Müller von Blumencron war acht Jahre lang Chef von Spiegel Online und ist seit 2008 Co-Chefredaktor der gedruckten Ausgabe. Hier die wichtigsten Passagen aus seinem Eingangsreferat. Alle Teilnehmenden des anschliessenden Podiums sind auf der ZPRG-Seite gelistet.

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblog

PR-Branche in der Steinzeit
Den wohl relevantesten Bezug zur stark vertretenen PR-Branche brachte Moderator Reto Lipp in der Anmoderation:  «Wenn ich heute noch gewisse Communiqués lese – dann frage ich mich schon, ob die PR-Branche ein bisschen in der Steinzeit verweilt.» Ratlos sind zuweilen nicht nur die Verlage. Aber näher diskutiert wurde dieses heisse Thema dann doch nicht. A propos Steinzeit: Mathias Müller von Blumencron erinnerte an eine zentrale Forderung des damaligen Online-Projektleiters beim Spiegel, formuliert Mitte der Neunziger Jahre: «Ich bestehe auf wöchentlichen Updates». Das waren noch Zeiten.

Es läuft nicht so, wie die Verlage wollen
Der Spiegel-Chef ist überzeugt, dass wir trotz der grossen Umwälzungen der letzten drei Jahre erst am Anfang stehen. «Jetzt haben wir uns 15 Jahre Online abgerackert, haben hohe Reichweiten, machen 20 Millionen Gewinn mit Spiegel Online und einen mickrigen Gewinn. Doch mit der Printausgabe erreichen wir zehn mal soviel Umsatz und ein Vielfaches an Erfolg. Ist die digitale Welt nichts für uns Verlage?»

Qualitätsjournalismums habe eine Chance. Aber die Verlage müssten endlich aufgeben mit allen Versuchen, die Online-Welt ihren Bedürfnissen anzupassen: «Wir leben in einer Welt des ‘Ich poste, also bin ich.’ Die Welle schwillt an und ab. Mal ist sie furchtbar genial, mal total banal. Mal sind es intime Details, mal politische Ereignisse. Dieses gewaltige Gemurmel droht, uns Verleger ein Stückchen mehr an den Rand zu drücken. Bestehen können wir nur dann, wenn wir Bestandteil dieser digitalen Welt bleiben.»

Relevant sein heisst: findbar sein
Bei aller Diskussion um Google plädiert der deutsche Chefredaktor mit Schweizer Wurzeln resolut gegen Bezahlambitionen der Verlage. Der Spiegel löst das Problem durch ein Spiel zwischen täglich aktueller Online-Plattform und wöchentlichem Druckmagazin. Die Titelgeschichten sind Online nur gegen Micropayments verfügbar, nach drei Wochen kommen sie dann kostenlos ins Archiv. «Um relevant zu sein, müssen wir findbar sein.»

Für die nahe Zukunft sieht er drei Faktoren: Erstens werde das gedruckte Produkt Kern des Schaffens bleiben, nicht zu verschenken sondern eher noch teurer anzubieten. Zweitens würden immer mehr Leser mobil auf Inhalte zugreifen – und im mobilen Bereich seien Verrechnungsmöglichkeiten eher da, wenn auch zu minimalen Preisen. Drittens schliesslich erlebten wir eine «Explosion der Gerätschaften» mit neuen Möglichkeiten für die «kraftvolle und emotionale Platzierung von Inhalten, vor allem für Zeitschriften». Hier müssten die Verlage Ideen und Geld investieren in die neue Aufbereitung von Inhalten.

Guter Journalismus – mit weniger Rendite
Müller von Blumencron ist klar, dass er damit kein Patentrezept in der Hand hält für seine Branche, die weiterhin von grosser Unsicherheit geprägt sein wird. Nachdem sie «über Jahrzehnte so verdammt verwöhnt war. Die Traumrendite früherer Jahre ist dahin – guter Journalismus aber nicht.»

Marcel Bernet | 02.02.2010 | Medien

Die Macht der Einfachheit: Apple gegen alle?

jobs_ipadNur ein Sturm im Wasserglas? Oder waren es die überhörten Glocken einer Revolution? Apples neues iPad ist ein genialer Schachzug im Kampf um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Konsumenten.

Keine Angst: Dieser Beitrag bringt keine uneingeschränktes Lob, keine Was-noch-fehlt-Liste und keine Analyse von Apples Kommunikation. Nachdem sich die Wogen ein wenig geglättet haben, interessiert die Gesamtsicht: Was vollzieht sich mit diesem Endgerät und des damit verbundenen Ausbaus von iTunes und AppStore?

Geräte und Plattformen binden Kunden
«Closest to the consumer is the best place to be.» Auf diesen einfachen Nenner brachte UCLA-Professor Uday Karmakar das Thema Medienkonvergenz schon 2008, in einem Vortrag in Zürich. Heute sitzen die Konsumenten einen grossen Teil ihrer Arbeits- und Freizeit an Bildschirmen. In dieses Puzzle von Endgeräten fügt sich der iPad ein. Matchentscheidend ist die Anbindung dieses Endgeräts an eine Inhalts-Plattform – iTunes verzeichnet weltweit 140 Millionen Nutzer.

So einfach wie möglich
Mehrheiten wollen einfache Geräte und einfache, sichere Plattformen. Das iPad ist das im Moment wohl simpelste Endgerät – ohne Tastatur, ohne Multitasking, mit wenig Optionen. iTunes ist die im Moment einfachste Plattform für den gleichzeitigen Einkauf von Musik, Videos, Podcasts, Büchern und über den AppStore Programmen oder Spielen. Einfach heisst für die Mehrheit: Einfaches Bezahlmodell, nur einmal registrieren, sichere Inhalte, grosse Auswahl.

Ein weiteres Element der Einfachheit zeigt sich in dieses Schema: Tablets, Smartphones und TV-Konsolen können von verschiedensten Anbietern kommen – wer sich für Apple entscheidet, muss sich nur an ein System, einen Login, einen Backup «gewöhnen».

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Die Grenzen dieses einfachen, aber geschlossenen Systems zeigen sich bei MobileMe und Möglichkeiten für den sozialen Austausch. Bei den mobilen Datenspeichern ist die Konkurrenz der kostenlosen Möglichkeiten gross. Und Soziale Netzwerke wie Facebook werden klar bevorzugt – weltweit waren dort am 1. Dezember 350 Millionen User registriert. Die Macht der Einfachheit zeigt sich auch bei Facebook: Je grösser eine Plattform ist, desto einfacher wird es für die Benutzer, mit einem Login Kontakte zu erreichen und sich dabei an die Eigenheiten eines Systems zu gewöhnen.

Der Preis der Einfachheit
Die Masse will ein einfaches System. Das führt in der Regel zu einem Standard. Siehe Microsoft für Betriebssysteme, Google für Suchresultate, Kleenex für Taschentücher. Wird Apple zum Standard für Endgeräte und Inhalts-Plattformen? Der Preis, den wir für die von Apple etablierte Einfachheit bezahlen, liegt in der geschlossenen Plattform. Es ist ein Eintrittspreis, den Konsumenten für die Einfachheit bezahlen – und dafür gewisse Austausch-Einschränkungen in Kauf nehmen. Auf der anderen Seite stehen Inhaltslieferanten wie Verlage, Musikproduzenten oder Programmierer Schlange. Sie entrichten gerne 30 Prozent ihrer Verkaufseinnahmen als Obolus an Apple, um damit Zugang zu den Käufern zu erhalten.

Das Spiel läuft. Das iPad wird dabei in der genialen Integration mit allen anderen Apple-Geräten und -Plattformen eine wichtige Rolle spielen. Gerätehersteller, Web-Anbieter und Inhaltslieferanten werden sich weiterhin um den Kuchen streiten. Bei diesem Spiel sitzen die klassischen Inhaltslieferanten leider etwas in der zweiten Reihe. Die grossen Spieler im inneren Zirkel werden versuchen, möglichst alle Felder von Gerät bis Plattform zu kontrollieren.

Medienkonvergenz – Uday Kamarkar (Juni 2008)
Die Zukunft des Online-Journalismus (Oktober 2009)

Marcel Bernet | 07.10.2009 | Medien

Amazon gibt Gas: Kindle kommt in die Schweiz

amazon_jeff_bezos_kindle_reutersSchon Ende Oktober soll es das Kindle E-Book in Europa geben, dank einer Kooperation mit ATT. Ich hab mal eins bestellt. Die Auslieferung ist auf 21. Oktober versprochen – und die Inhalte?

Im deutschen Mediendienst kress habe ichs heute erstmals gelesen, dann auf Spiegel Online und schliesslich auf der Amazon Homepage. Jeff Bezos lädt die Kunden weltweit ein, einen Kindle zu bestellen. Das sieht dann so aus:

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Die FAZ als erster deutschsprachiger Inhalt
Da wird auch klar, dass erst englischsprachige Bücher verfügbar sind – mittlerweile 250′000. Und als erstes deutsches Produkt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.  Wow, ich gratuliere dem Verlagsleiter Tobias Trevisan für diesen Scoop – siehe übrigens blogsofa-Interviews vom Januar 2009 (Teil 3, Was müssen Journalisten können).

ATT als Roaming-Partner
Wie schon in «Amazon oder Apple – wem gehört die E-Book-Zukunft?» beschrieben: Entscheidend sind erstens ein gutes Gerät und zweitens die Vertriebsplattform für die Inhalte. Wie schon bei iPod und iTunes. Bezos hat mit dem Kindle das im Moment beste Gerät, dicht verfolgt von Sony. Amazon hat die Inhalte und als Vertriebspartner für den drahtlosen Download der Inhalte eine Generalvereinbarung mit ATT. Die kümmern sich dann Land für Land um die Roaming-Partnerschaften.

Endlich ein Kindle in der Schweiz
Natürlich habe ich mich sofort in die Tiefen der Amazon-Kindle-Infos gestürzt. Voilà – auch für Switzerland gibts Infos: Das Ding soll laufen, es kommt mit einem US-Stecker (kann ich verkraften) und über Zölle und so weiss man noch nicht Bescheid.

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Wie ists mit den spezifischen Wireless-Bedingungen für die Schweiz? Hier erscheint eine Welt-Übersichtskarte. Aha, die Schweiz ist drauf, Zürich bekommt eine 3G-Abdeckung.

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Wird ATT mit der Swisscom zusammenarbeiten? Werde ich Ende Oktober ein Gerät erhalten ohne Download-Möglichkeiten? Ich habe schon mal vorbestellt und bin gespannt.

Jetzt gehts los mit E-Books
An der Frankfurter Buchmesse wird Sony sein neustes Gerät präsentieren (FastCompany Kurzporträt), sie arbeiten mit der Buchhandelskette Thalia und Google zusammen. Ich bin weiterhin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren eine grobe Umwälzung des Leseverhaltens erleben werden. Auch wenn ich ein Papierstreichler bleiben werde: Gewisse Zeitungen, Fachhefte und Fachbücher werden elektronisch zu mir gelangen.

Nachtrag 1: Tagi-Online-Interview zum Thema mit Peter Hogenkamp.
Nachtrag 2: Die FAZ ist seit über zwei Jahren dabei im Programm mit Amazon USA – um Erfahrungen zu sammeln. Und hat dort 100 Abos verkauft, wie mir Tobias Trevisan per E-Mail mitteilt.

Marcel Bernet | 06.10.2009 | Medien

Die Zukunft des Online-Journalismus: Vorwiegend gratis

stacheldrahtDas neue Mantra der Zeitungsverleger heisst: Schluss mit Gratis. Sonst sei bald Schluss mit Journalismus. Wer hat Gratis erfunden? Wohin führen Bezahlmauern?

Das böse Internet bringt Dinge kostenlos ins Haus, für die man früher bezahlt hat. Und erst noch viel besser sortiert als früher – aber mehr darüber am Schluss dieses Beitrags. Der Winkelried des Bezahl-Webs heisst Rupert Murdoch. Im August 2009 hat der Medienmogul die Einführung von Bezahlmodellen für seine Online-Besitztümer angekündigt; seither getrauen sich viele Verleger wieder, ins selbe Horn zu tuten. Gerade wieder am letzten Freitag John Riding, Chef der Financial Times, im Guardian: «Bezahlte Inhalte sind die einzige Rettung für den Journalismus». Ich behaupte: Wer anfängt mit Bezahlmodellen, stürzt sich selbst ins Aus.

Qualität kostet. Wieso gibt es Gratiszeitungen?
Qualität kommt von Qual, meint Wolf Schneider, deutscher Vorbildjournalist und Buchautor. Er bezog sich damit auf die Herausforderungen des Schreibens und Redigierens. Zu diesen Kosten gesellen sich die Mieten der meist sehr zentral gelegenen Verlagshäuser, Administration, Marketing, Technik, Druckmaschinen, Distribution. Zeitungen sind sehr teuer. Deshalb gibt es auch wenige, kapitalkräftige Verleger. Und weil Zeitungen so teuer sind (stimmt, das ist eine hämische Einleitung), haben die Verleger die Gratiszeitung erfunden. Die gibts seit 1995, da war das Gratis-Internet noch keine Zeitungsbedrohung.

Gratis gibt man immer dann etwas weg, wenn man damit auf andere Art und Weise mehr Geld machen kann. Im Falle der Gratiszeitungen sind es die Werbekunden, die nach Auflage bezahlen. Und damit in der Schweiz 20Minuten zu einer Geldmaschine gemacht haben. Andere haben mit dieser Idee hohe Verluste eingefahren. Im Detail auch zu lesen bei Kurt W. Zimmermann, ex-Chefredaktor grosser Schweizer Medien, heute Südtiroler Verleger, Verlagsberater, Kolumnist – und Autor von «War’s das?» im lesenswerten neuen NZZ-Folio (wo noch alle Inhalte Online verfügbar sind, siehe dazu auch Interview mit Folio-Chefredaktor Daniel Weber).

Spiegel Online schreibt gratis schwarze Zahlen
Wenn ein Verleger mit Gratis mehr Leser erreicht, dann kann er mehr für die Werbung verlangen. Das gilt auch im Web. Deshalb schreibt Spiegel Online seit 2005 einen Gewinn. Und Chefredaktor Rüdiger Ditz mag in einem SonntagsZeitungs-Interview vom 30. August auf keinen Fall der Vorreiter für bezahlte Inhalte sein. Ob er die Gebührenpflicht bei Spiegel-Online noch erleben werde? «Für den gesamten Auftritt? Nein, das glaube ich nicht.» Für bestimmte Applikationen schon, so kostet der Zugang zur E-Paper-Ausgabe schon heute.

Rund die Hälfte der Leser dank Google
Das erwähnte SonntagsZeitungs-Interview ist nur über das bezahlte Archiv zugänglich. Deshalb ist das Original hier nicht verlinkt. Und das führt zu einer Problematik, welche die ganze Gratis-Web-Geschichte wesentlich verschärft. Denn dieses Interview ist im Netz nicht auffindbar, keine Suchmaschine wird je einen Leser dorthin führen. Und damit nicht den Traffic auf SonntagsZeitung.ch erhöhen. Und dadurch die Werbe-Einnahmen des Verlegers nicht erhöhen, seine Reputation für interessante Inhalte nicht stärken. Am meisten schmerzen wird das erste «nicht». Google ist schon heute eine der wichtigsten Traffic-Quellen für Online-Medien. Schon im August 2008 schrieb meedia.de: «Bei Focus Online liegt die Zahl der User, die über Google kommen, derzeit schon bei 45 Prozent, Tendenz steigend.» Wollen Sie wirklich einen Zaun um Ihre Online-Inhalte bauen, Herr Burda? Ankündigen tut ers seit 2002, wie dieser (offen zugängliche) Handelsblatt-Artikel zeigt.

Drei neue Spielgregeln des Web
Vergessen wir kurz, dass die Verleger selbst im Printbereich zu den Erfindern von Gratis zählen. Online-Inhalte bringen schwierige neue Dimensionen ins Spiel:

1. Jeder kann mitmachen: Die Eintrittshürden liegen tief – die Produktion ist günstig, die Distribution kostenlos. Es braucht nur noch Grips fürs Schreiben. Klar, man kann auch abschreiben.

2. Alle Inhalte sind sichtbar: Plötzlich wird sehr transparent, dass wir nichts anderes als eine Inhalts-Überkapazität haben. Es werden viel zu viele Inhalte hergestellt und im Markt angeboten. Bei so viel Angebot ist das Finden noch offener Spezialisierungs-Nischen eine riesige Herausforderung. Und man kann nicht mit einem Preis in einen derartigen Markt einsteigen. Wie sagt sogar John Riding in seinem Guardian-Interview, welches mit dem Ende des Journalismus durch Gratis-Inhalte droht? «The FT luxury magazine ‘How to Spend It’ will launch online this weekend, but there will be no charge while it builds critical mass.»

3. Inhalte sind suchbar, sortierbar, abonnierbar, aggregierbar: Ausser man versteckt sie hinter Bezahlmauern. Das eröffnet neue Möglichkeiten fürs leserorientierte Zusammenstellen von Inhalten.

Das Meiste bleibt gratis, wo sind die Extras?
Meine Prognose: Wir werden weiterhin einen Überfluss an Online-Inhalten haben, mit hoher Qualität. Die Konsumenten werden nur bereit sein, für Extraleistungen zu bezahlen. Soche Extras sind benutzerdefinierte Zusammenstellungen, mobiler Zugriff, automatische Meldungen. Hier öffnen sich mit der weiteren Entwicklung von intelligenten, mobilen Endgeräten neue Chancen. Bezüglich leserfreundlicher Zusammenstellung geht Google mit FastFlip voran. Dieser Service bringt Inhalte verschiedener Quellen auf den Bildschirm oder aufs iPhone – wobei dort der Bildschirm aus meiner Sicht noch zu klein ist. Ich habe mir eine Suche nach «Public Relations» eingerichtet. Wenn ich auf diese Startseite gehe, erhalte ich die aktuellsten Beiträge aus amerikanischen Magazinen oder Zeitungen in übersichtlicher Form. Interessanterweise hat Google den beteiligten Verlegern erstmals ein Bezahlmodell für die derart aggregierten Inhalte vorgeschlagen.

Bezahlmauern sind Selbstmord
Diese Extraleistungen dürfen aber nicht dazu führen, dass Inhalte für Suchmaschinen versteckt bleiben. Mit diesem Stacheldraht schaufeln die Verleger weiter an ihrem eigenen Grab. Mögen Sie dieses Mantra noch hören? Bezahlt, sonst nehmen wir Euch den Journalismus! (Und bitte nehmen Sie noch einen Blick am Abend.)

Zusammenstellung von Standpunkten schon im August im medienspiegel
Interessanter Aufsatz zum Wert von Inhalten «The Price of Freedom»

Weiterführende Artikel bei bernetblog:
Glaubwürdigkeit und Rendite-Modelle amerikanischer Medien

Interessantes Beispiel einer regionalen Online-Zeitung in Graubünden

Newsablauf Online bis Print: Lieber schnell als richtig?

Neuer Tages-Anzeiger: Dialog mit dem Chefredaktor

titel_neuSchon vor der Neulancierung hat der Tages-Anzeiger die Leserschaft zum Dialog aufgefordert – die «Reklamations-Nummer» führt heute morgen zur Chefredaktion.

Für meine Kurzkritik zur neuen Optik habe ich ein Test-Telefon gestartet. Nach mehrmaligem Besetzt-Zeichen meldet sich ein Herr Eisenhut unter der Lob- und Tadel-Nummer. Ja, es ist der Co-Chefredaktor Markus Eisenhut persönlich. Er sitzt von 9 bis 11 an der Leitung, gemeinsam mit der stellvertretenden Chefredaktorin Daniela Decurtins und zwei Verlagsleuten.

Tagi hört zu, Meinungen gehen weit auseinander
Bravo, das nenn ich echten Dialog. Der Tages-Anzeiger interessiert sich wirklich für die Meinung des Publikums. Wie heiss läuft die Leitung? Markus Eisenhut hat bestimmt heisse Ohren: «Das Echo ist sehr intensiv, wir sind dauernd besetzt – in der ersten Stunde konnten wir wohl über 80 Anrufe bewältigen.» Die Meinungen gingen sehr weit auseinander. Einige sähen den Tagi jetzt ganz nahe an der NZZ, die anderen dagegen näher an einer Regionalzeitung wie der Luzerner Zeitung. Einige seien sehr zufrieden, andere gar nicht. Doch insgesamt sei das Echo positiv und die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Meinungen bringe wichtige Anregungen.

Interview und Meinung mit Flattersatz
Wie ist das eigentlich mit dem Flattersatz und der Spaltentrennung? «Bei Interviews und in Meinungsbeiträgen wechseln wir auf Flattersatz – und setzen die Trennstriche zwischend den Spalten ein.» Aha, wieder was gelernt. Eisenhut interessiert sich für meine Meinung. Mir hats zu viele Elemente, der neue Tagi spielt mir zu aggressiv mit Titelzeilen, Textkästen, Textauszügen, vielen Schriftvarianten. Ich werde mich daran gewöhnen, mehr dazu im vorher gehenden Beitrag. Und mehr zur Philosophie des Umbaus sagt Markus Eisenring in der zweiten Hälfte dieses persönlich-Beitrags.

Marcel Bernet | 29.09.2009 | Medien

Na ja: Der neue Tagi ist da

titel_neuRichtig gefreut habe ich mich. Nun bleibe ich ein wenig enttäuscht: Das neue Layout des Tages-Anzeigers ist mir zu unruhig, zu fett. In der Agentur stehen die Meinungen 3 gegen 2 – was meinen Sie?

Das neue Design war der Aufhänger einer gut gemachten Kampagne (persönlich.com) – jetzt ist es da. Wenn ich direkt vergleiche, so finde ich den neuen Tagi definitiv schöner, aufgeräumter. Aber leider ist das Gesamtbild sehr dicht geworden. Und vor allem diese dicken Schlagzeilen, die gehen mir zu stark in Richtung Blick am Abend, News. Hier eine Gegenüberstellung des Wirtschafts-Bundes vorher und nachher:

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Der Header gefällt: Aufgeräumt, klar, viel Weissraum. Und ich gratuliere zum Mut, oben rechts nur einen Artikel anzureissen, mit einem schön freigestellten Bild. Da ist die NZZ im Redesign weniger innovativ, reisst zu viele Artikel mit zu viel Text an (Beitrag zum Re-Design von letzter Woche). Am meisten Mühe habe ich mit diesen gedrängten Schlagzeilen – wo sie vorher zu luftig waren, kommen sie mir jetzt bleischwer entgegen. Seltsam ist der Flattersatz fürs Interview. Was bringt das, ausser Unruhe? Auch beim Einsatz der Trennlinien zwischen den Spalten erkenne ich kein klares Muster – ist die Redaktion da noch am Ausprobieren? Die folgende Seite zeigt den Mix, der sich auch auf den anderen Seiten irgendwie abspielt:

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Gross gefallen mir die Schlagzeilen besser. Und wie wird die Farbe oben eingesetzt? Passend zu den Bildern? Später mal gibts Beige, dieser Akzent ist noch selten aufzufinden. Doch gehen wir zurück auf die Startseite, den ersten Eindruck:

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Schön: Die Aufrisse. Das Datum ist zu gross und nimmt zu viel Platz ein. Wieso dieser Weissraum rechts neben Omega? Wieso ist die Namenszeile nicht eingemittet? Weil dieser Weissraum für die Postversand-Adressen frei bleiben muss, schade.

Interessant ist die Nähe des Papiers zum Bildschirm: Jetzt verstehe ich auch die Wahl der Titel-Schrift besser. Der Verbund News – Tagi Online – Tages Anzeiger soll auch optisch herausgestrichen werden. So sieht heute morgen www.tagi.ch aus:

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Fazit? Ich werde mich daran gewöhnen. Am besten gefällt mir die Dialogausrichtung des ganzen Redesigns, samt Telefon-Hotline. Ganz klassisch, auch im Zeitalter der Social Media. Einige interessante Antworten zum Redesign im nächsten Beitrag, denn an der Hotline antwortete gleich der Co-Chefredaktor Markus Eisenhut persönlich.

Marcel Bernet | 15.09.2009 | Medien

E-Books: Toshiba reizt mit Tablet

altes BuchDer Reader und die dazu passende Download-Plattform werden die E-Book-Markt prägen. Toshiba zeigt an der IFA den JournE, Steve Jobs glaubt an integrierte Geräte.

Apple muss seine Studien nicht selbst zeigen. Die werden von fleissigen Gestaltern rund um den Globus mit grosser Liebe entwickelt – die Google-Bildsuche «Apple Tablet» zeigt unzählige Beispiele. Damit holt man sich viele Klicks und Apple profitiert von der üblichen Geheimnistuerei bis hin zum definitiven Launch.

In einem Interview mit der NY-Times gibt sich Steve Jobs kryptisch. Auf die Frage von David Pogue, ob die Zeit für E-Book-Reader reif sei, meint der Apple-CEO: «Ich bin sicher, es wird immer spezialisierte Geräte geben, und die mögen einige Vorteile haben indem sie genau ein Ding tun. Aber ich glaube, dass sich Mehrzweck-Geräte durchsetzen. Weil ich glaube, dass die Leute wahrscheinlich nicht bereit sind, Geld für ein Spezialgerät auszugeben.» Letzten Mittwoch gabs kein Tablet. Dafür einen neuen iPod-Touch, der als günstiges Spielgerät positioniert werden soll, und den iPod-Mini mit Videokamera.

An der IFA zeigten die Toshiba-Entwickler den JournE, hier das Bild aus dem FastCompany-Beitrag zu dessen Präsentation:

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Die Fakten: 7 Zoll (17 cm) Touchscreen ohne Multitouch aber mit Stylus, Wireless, Video-Out, 1 GB interner Speicher ausbaubar mit SD-Karten, via USB an externe Laufwerke anschliessbar, Windows CE 6.0 Pro, verschiedene Video-Formate, auch für YouTube, Facebook, Chats, Flickr-Bildarchive. Mein Einschätzung: Sieht aus wie ein klobiges iPhone. Nur 250 Euro sagt die Netzwelt, und zitiert den Lancierungstermin für das vierte Quartal 2009.

Ich wünsche mir ein Mittelding zwischen iPhone und MacBook, höchstens doppelt so gross wie das iPhone.

Hintergrund: Wem gehört die E-Book-Zukunft, Amazon oder Apple?

Reisejournalismus und Publireportagen: Konzept entscheidet

podium_stwGestern abend haben sich Medien- und PR-Profis über die Zukunft des Reisejournalismus ausgetauscht. Hier meine persönliche Kurzfassung des sehr gut besuchten STW-Podiums, samt Videoausschnitt.

Bin ich wirklich hochkarätig? Wie fühlt sich das an? Nun, die Rekordbeteiligung mit rund 70 Teilnehmenden aus der Medien-, Kommunikations- und Reisebranche spricht dafür, dass die Ankündigung eines «hochkarätigen Podiums» beim Publikum angekommen ist. Ich durfte den lebendigen Austausch mitgestalten. Eingeladen hat der Swiss Travel Writers & Tourism Journalists Club – oder einfacher STW.

Der Reisebund bleibt in der SonntagsZeitung
Christoph Ammann, langjähriger Leiter der Reiseredaktion der SoZ und sehr erfahrener Reisejournalist, ist erleichtert: Letzte Woche hat er von der Verlagsleitung die Mitteilung erhalten, dass der Reisebund erhalten bleibt, trotz Bundreduktion von neun auf acht. Als Leiter des Zeitschriftenbereichs bei Ringier sieht auch Urs Heller eine weiterhin bestehende Nachfrage nach Reise-Seiten: «Journalistische Produkte haben dort Erfolg, wo sie ein Lesebedürfnis und gleichzeitig ein Werbebedürfnis treffen. Wer nur auf eine der beiden Seiten setzt, muss floppen.»

Weniger Inserate, mehr Publireportagen
Hochkarätig wird man, so fiel mir ein, wohl erst durchs Alter. Und weil wir fünf so erfahrene Profis sind, schwelgte das Podium kurz in der Erinnerung an tolle Zeiten. Als sich die grossen Reiseanbieter um die Inserate rissen, die Budgets gross waren und noch kein Geld ins Web floss. Heute werden Reise-Seiten immer rarer, die Honorare für freie Autoren immer tiefer.

Um doch noch Werbe-Etats anzuziehen, setzen Verlage verstärkt auf Publireportagen. Und um ihre Zielgruppen in der Flut von Inhalten und Inseraten doch noch zu erreichen, schalten Auftraggeber lieber Publireportagen als Inserate. Diesen Sonntag erscheint in der SonntagsZeitung eine Reise-Beilage mit lauter gekauften Beiträgen. Christoph Ammann sollte dazu ein Editorial schreiben, man hat dann aber darauf verzichtet – er sieht diese Beilage als klar abgegrenztes, kommerzielles Projekt. Und weiss nicht einmal, welche Artikel dort erscheinen werden. Dazu dieses Video:

Publireportagen müssen journalistisch sein
Urs Heller bringt im obigen Video-Ausschnitt seine Sicht der Publireportagen auf den Punkt: Sie müssen spannend sein. Und gut geschrieben, von Journalistinnen oder Journalisten. Gemacht werden sie, weil sie Geld bringen.

Ich persönlich lese bezahlte Artikel immer mit einer gewissen Zurückhaltung. Unseren Kunden empfehlen wir sie selten. Interessant finden wir gerade im Reisebereich die Möglichkeit der Publireportagen auf Online-Plattformen. Wo auch immer: Diese Zwitterform von Werbung und Journalismus muss klar gekennzeichnet sein. Damit weiss ich beim Lesen: Dieser Artikel ist nicht so unabhängig, wie es bei einem redaktionellen Beitrag zumindest möglich ist.

Fazit: Wenn Publireportagen, dann mit sehr guten Aufhängern, nie werberisch und bitteschön sogar mit kritischen Fragen. Und natürlich mit perfekter Service-Box, gerade für den Reisebereich ist das entscheidend, samt allen Online-Links.

Die Zukunft: Qualität ist auch eine Frage des Konzepts
Gibt es in zehn Jahren noch reine Reise-Journalist/innen? Ich glaube nein. Ein guter Reisejournalist ist wohl schon heute auch ein wenig ein Foodjournalist, ein Kulturjournalist, eine Lifestyle-Kennerin. Und weil die Printseiten in den nächsten zehn Jahren weiter schwinden, schwindet auch der Platz für die Spezialisierung auf Reisethemen.

Schade, dass der Reiseteil in vielen Zeitungen und erst recht in den Online-Medienauftritten oft konzeptlos daher kommt. Mal gibt es eine Seite, mal keine. Mal ist sie irgendwo hinten versteckt, mal ganz woanders. In den Online-Auftritten schlummert Reisen unter Lifestyle, Magazin oder anderen nicht transparenten Kapitel-Stichworten.

Als Reisender, Leser, PR-Berater wünsche ich mir Reise-Seiten mit Konzept und Kontinuität. Damit ich mich darauf verlassen kann. Angepasst auf die Budgetmöglichkeiten und Zielsetzungen eines Mediums. Aber die Beliebigkeit, mit der hier und dort ein wenig gespart wird, schadet auch den Verlagen selbst.

Reisen bleibt ein Megathema, eine Wachstumsbranche. Mit guten Konzepten sind Leser und auch Werbetreibende zu gewinnen.

Wem gehört die E-Book-Zukunft: Amazon oder Apple?

altes BuchDank E-Books wird sich das Online-Lesen von Inhalten in den nächsten fünf Jahren gewaltig ändern. Interessante Beobachtungen aufgrund eines FastCompany-Artikels.

Mich faszinieren das Aufkommen und der absehbare Einfluss von E-Books auf unser aller Medienkonsumverhalten. Oder müsste man E-Reader sagen? Oder einfach Tablet-PC? In der Juli-Ausgabe hat das US-Magazin FastCompany (Artikel) darüber spekuliert, ob Jeff Bezos’ Pionierarbeit bald von Steve Jobs Tablet-Ambitionen überrundet werde.

Der Kindle machts vor
E-Reader-Programme gibts ja schon einige fürs iPhone, in den USA dazu auch die Kindle-App von Amazon. Aber mir ist der Bildschirm dann doch noch zu klein – gerne hätte ich einen Kindle. Denn mit diesem Gerät hat Jeff Bezos das geschafft, was Lesen am Bildschirm auch für längere Zeit, unterwegs, für Bücher interessant macht: Sehr klein, lichtstarker und deutlicher Bildschirm, einfacher Download von Inhalten. Dank 3G-Wireless-Anbindung sind auch dicke Bücher schnell geladen, über 1500 davon finden Platz. Auch wenn ich das Gerät nur auf Videos (zum Beispiel bei Amazon) sehen kann – dessen Markteintritt wird Lesegewohnheiten auch bei uns massiv verändern. Und damit das Geschäftsmodell der Buchbranche.

Buchverleger und Buchhandel unter grossem Druck
Amazon gibt an, das Kindle-Versionen von Büchern bei Amazon 35 Prozent an Zusatzumsatz zu den gedruckten Versionen bringen. Ein Citigroup-Analyst schätzt die Zahl der verkauften Kindles für 2008 auf eine halbe Million, bis Ende nächsten Jahres soll Amazon mit Lesegerät und E-Büchern einen Umsatz von 1.2 Milliarden USD erzielen. Bezos selbst gibt bisher keine genauen Zahlen bekannt.

E-Bücher gefährden das schwerfällige Produktions- und Verteilsystem der etablierten Verlage. Buchauflagen werden auf Vorrat produziert, gelagert, verteilt – in der Hoffnung, die Marktnachfrage zu treffen. Auf der Vertriebsseite kämpfen kleine Buchhandlungen ums Überleben, grosse Ketten entstehen durch Übernahmen und Fusionen. Amazon dominiert die Online-Distribution der physischen Bücher.

Mit elektronischen Versionen kann Amazon Produktion und Vertrieb umgehen. Wenn Bezos es schafft, direkte Verträge mit Autoren abzuschliessen. Zum Beispiel mit dem Vorteil von grösseren Gewinnanteilen für die Autoren von Bestsellern. Amazon könnte aber auch die Printausgabe gleich selbst drucken – erst noch dezentral und auf Bestellung, mit ihrem BookSurge Print-On-Demand-Dienst. Amazon setzt die etablierten Verlage bereits bei der Preisgestaltung für Kindle-Ausgaben stark unter Druck – ob Bezos gleich selbst den Schritt zum Verleger tun will? Noch dürfte die Marktmacht der etablierten Verlage zu gross sein.

Kindle und Amazon – oder Tablet und iTunes?
Über Online-Verkaufserfolge entscheiden heute das Endgerät und die damit verbundene Plattform. Jeff Bezos dominiert heute den Markt für E-Books mit Kindle und Amazon. Doch FastCompany spekuliert: Wieso Bücher mit dem Kindle lesen, wenn ich das mit dem Tablet von Apple kann? Der mir einen Farb-Bildschirm bringt und alle Möglichkeiten der Nutzung von E-Mail bis Musik oder Video?

Zwei Voraussetzungen müssten sich erfüllen: Erstens es gibt einen Tablet-PC von Apple, der auch wirklich klein, schnell, batterie- und bildschirmstark ist. Zweitens es gibt ein umfassendes, kostengünstiges Buch-Angebot auf iTunes. In diese Richtung weist eine Änderung der Markeneinträge, wo Apple 2008 erstmals auch Bücher geschützt hat. Oder die US-Patentanmeldung von «Fingerbewegungen für das Umblättern von Büchern» auf Touchscreens.

Höchstens zwei Geräte
Welche Kombination wird gewinnen? Ich freue mich ganz einfach auf ein integriertes, einfaches, handliches Gerät. Denn neben dem Mobiltelefon mag ich höchstens noch ein Zusatzding mit mir rumschleppen. Ach ja: Und wegen der ganzen Lizenzierungsproblematik werden wir Schweizer sowieso wieder lange warten müssen, bis die Inhalte auch bei uns abrufbar sind.

Newsablauf Online bis Print: Übersicht

velorotschnellWo entstehen News? Wie verändert sich dieser Ablauf durch Online Medien und Soziale Netzwerke. Versuch einer Übersicht, Version 2.

Mitten in den Recherchen für eine neue Twitter-Checklist (im September kommt sie raus, wer dann eine Mail-Benachrichtigung will, in der rechten Blogspalte voranmelden) wollte ich diese Grafik anpassen. Das erstemal war sie zu sehen am Ende des Beitrags «Soziale Medien, die neuen Newslieferanten?».

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Das erste Foto auf Twitter
Sie ist der Versuch einer Übersicht, schematisch, vereinfacht: Wo entstehen News? Von der vielzitierten Landung im Hudson war zuerst auf Twitter zu lesen. Sofortnachrichten, von Handys abgesetzt, sind ideal für die schnelle Weiterverbreitung. Egal, ob das nun auf Twitter oder mit Facebook-Meldungen geschieht.

Lieber schnell als richtig
Und weils schnell geht, sind die beiden Dienste auch oberflächlich. Falschmeldungen gehören zur Realität. Lieber mal schnell was reinhauen und «dabei sein», als Inhalte zu überprüfen – dazu auch die Süddeutsche in «Gezwitscher ohne Fakten». Das gilt ganz besonders auch für die zahlreichen Re-Tweets und Weiterleitungen von Falschmeldungen.

Neu habe ich auf der Zeitachse die Online-Medien vor die Blogs gesetzt. Weil die hier zitierte Studie zum letzten US-Wahlkampf gezeigt hat, dass die Online-Medien in der Regel einen Zwei-Stunden-Vorsprung auf Weblogs hatten. Das wird so lange noch gelten, wie Online-Medien näher an den meisten offiziellen Informationsquellen sitzen. Und in fünf Jahren wird diese Unterscheidung wohl immer weniger gemacht: qualitativ gute Blogs setzen sich als Online-Medien durch, heissen nicht mehr Blogs.

Stirbt das Einordnen aus?
Online-Medien und Blogs stehen aufgrund des hohen Aktualitätsdrucks so halb zwischen oberflächlich und vertieft. Erstens können sie Informationen oft erst später gegenchecken und in der Regel bleibt keine Zeit für vertiefte Zusatzrecherchen. Ich weiss: Auch die Tages- und Wochenpresse steht unter Zeitdruck, Stellen werden gestrichen, die  Redaktorinnen auf unabhängiger Recherche sterben langsam aus. Trotzdem liegt ihre einzige Chance in der Zusatzinfo, dem ersten Interview vor Ort, einer besser gemachten Grafik, dem Einordnen des am Vortag online gelesenen.

Einspruch?

Amazon löscht Bücher vom Kindle

georgeorwell_erase_mbStellen Sie sich vor: Sie sind gerade am Lesen. Plötzlich fehlt das Buch auf dem Nachttisch. Ausgerechnet zwei Orwell-Bücher sind im digitalen Loch verschwunden.

Gerade erfahre ich über einige Tweets von einem Artikel vom 17. Juli in der New York Times. Er beschreibt, dass Amazon direkten Zugriff auf die Kindle-Lesegeräte von Kunden genommen hat. Und dort kurzerhand Bücher löscht. Autsch. Sehr zum Ärger der Kunden, die sich ziemlich blöd vorkommen müssen.

Dass unter den gelöschten Ausgaben ausgerechnet «1984» und «Animal Farm» von George Orwell (Wikipedia) sind, passt ausgezeichnet zu diesem Vorfall:  In «1984» lässt der Big Brother-Zensurdienst Bücher in einer Verbrennungsanlage verschwinden, dem «Gedächtnisloch». Gemäss New York Times verspricht Amazon, in Zukunft von Löschungen abzusehen. Ausgelöst wurden sie, weil der Online-Anbieter die Autorenrechte nicht wirklich hatte. Es scheint, dass das Publikationssystem noch Schwächen aufweist: Bücher werden von Partnerfirmen an Amazon vorgeschlagen, die anscheinend nicht alle Rechte überprüfen (können). In Foren wird angegeben, dass auch Ausgaben von Harry Potter-Büchern vom Kindle gelöscht wurden. «1984» ist wieder als autorisierte digitale Version kaufbar, «Animal Farm» noch nicht.

Seltsame Vorstellung, dass ein Verkäufer Lösch-Zugriff auf mein Gerät hat. Muss ich jetzt doch bei Papierbüchern bleiben? Auch frage ich mich, ob das Annotieren von Passagen, Einfügen von Notizen bei den elektronischen Lesegeräten überhaupt funktioniert?

Marcel Bernet | 02.06.2009 | Medien

Tagi-Extrablatt: Strassenaktion im Rückblick

daniel_suter_tagi_perskommVor einer Woche gingen Tagi-Mitarbeitende auf die Strasse. In der Zwischenzeit sind die Kündigungen ausgesprochen. Ein kurzes Interview mit Daniel Suter, der vor einer Woche Flugblätter verteilt hat und inzwischen zu den Entlassenen zählt. Weitere Aktionen sind zu erwarten.

An jenem Dienstagmorgen nehme ich am Bahnhof Stadelhofen das beidseitig bedruckte A4-Blatt entgegen, erwarte einen Sonderdruck zu einem Grossereignis. Und sehe schnell: Es handelt sich um eine gut gemachte Strassenaktion der Tages-Anzeiger-Personalkommission. Deren Präsident Daniel Suter trägt ein Tagi-T-Shirt samt Tagi-Mütze und ist einverstanden, wenn ich ihn fotografiere. Ich haste weiter auf den Zug und er ist in den folgenden Tagen kaum erreichbar. So findet denn unser Kurzinterview erst heute morgen telefonisch statt. In der Zwischenzeit ist Daniel Suter entlassen worden, zusammen mit 50 Kolleginnen und Kollegen, siehe dazu auch Zürcher Presseverein mit einer Meldung vom Donnerstag.

daniel_suter_tagi_perskomm

Daniel Suter, wie fühlen Sie sich? «Den Umständen entsprechend, danke. Gerade habe ich sehr viel zu tun als Präsident der Personalkommission. Ich war bei allen Gesprächen als Vertreter der Arbeitnehmerseite dabei, jetzt stehen die Verhandlungen über den Sozialplan an.»

Hat die Strassen-Flugblatt-Aktion etwas gebracht? «Das direkte Echo war sehr gut – wir haben 10′000 Flugblätter (Flugblatt-PDF) unter die Leute gebracht, mit 15 Kolporteurinnen und Kolporteuren. Viele haben gesagt, so kann man das nicht machen: 52 Personen in der Redaktion und 7 Personen in der Druckerei entlassen bei den ersten roten Zahlen nach 116 Jahren.»

Sind Sie verwarnt worden, weil Sie mit Tagi-Logo ein Tagi-Extrablatt verteilt haben? «Nein nein. Ich bin nicht zitiert worden, es gab keine Verwarnung, ich habe ja nichts Illegales gemacht. Wenn die entlassenen Mitarbeitenden der UBS sich auf der Strasse engagiert hätten, dann würden sie das doch auch mit UBS-Logos tun. Ich bin mir wegen meines Engagements auch nicht besonders mutig vorgekommen – für mich ist diese Art der kritischen Auseinandersetzung eine Frage der Ethik, der Fairness.»

Sind Sie wegen Ihres Engagements auf der Entlassungsliste? «Ich würde sagen, das war nicht der Auslöser, aber bestimmt auch kein Hinderungsgrund.»

Planen Sie weitere Aktionen? «Jetzt empfehlen wir zuerst allen Betroffenen, ihre Kündigung anzufechten. Denn es fehlen individualisierte Angaben von Kündigungsgründen. Auch bin ich enttäuscht darüber, dass die Unternehmensleitung ihre Ankündigung von frühzeitigen Pensionierungen nicht eingehalten hat. Ich werde im August 60, auch mir wurde einfach gekündigt. Jetzt geht es um die Verhandlung des Sozialplans. Falls der unfair ausfällt, müssen wir wieder etwas machen. Auch bei der gemeinsamen Demonstration vom letzten Dienstag (tagi.ch) hat sich klar gezeigt: Es gibt eine starke Solidarität unter allen TA-Mitarbeitenden und wir werden bestimmt nochmals gemeinsam auftreten.»

Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Hätte ich selbst den Mut gehabt, mich in dieser Situation als Angestellter auszusetzen? Vielleicht bin ich selbständig, damit mich nur Kunden entlassen können. Die Aktion und das Flugblatt sind sympathisch gemacht, sinnvoll wäre aus meiner Sicht eine online-Flankierung. Noch ist auf Facebook nichts sichtbar. Ich drücke dem gehenden und dem bleibenden Teil des Tagi-Teams die Daumen für hoffentlich bessere Zeiten.

Marcel Bernet | 08.05.2009 | Medien

Murdoch will Geld und sieht ein neues Internet

bg_geld06.jpgZeit für eine Eilmeldung – grad sehen wir auf der NZZ Online, dass Rupert Murdoch eine Kehrtwende vollzieht: Jetzt will er Geld für Internet-Inhalte.

Da habe ich mich in einem Post von Januar 08 (US Zeitungen unter Druck) doch gerade noch darüber gefreut, dass die Wall Street Journal-Links endlich öffentlich sind. Auf Druck des neuen Besitzers Murdoch, so damals die Berichte, habe das WSJ den Webinhalt geöffnet. Und ganz generell glaube ich, dass versteckter Bezahl-Inhalt den Verlagen eher schadet als nutzt. Denn die erarbeiteten Materialien sind nicht auf Suchmaschinen findbar, der Traffic auf den mikrobezahlten Sites geht zurück (und damit die Werbeeinnahmen). Guter, verfügbarer Content erhöht Bekanntheit und Markenimage. Schlau machts der Spiegel, der die aufwändigen Titelstories erst nach einer gewissen Zeitspanne gratis aufschaltet – vorher muss man das Heft oder den Beitrag online kaufen.

Das sage ich als Nutzer. Und als Beobachter eines Mediums, in dem für jeden Inhalt neue Anbieter auftauchen, die diesen gratis anbieten. Aber vielleicht sehe ich das zu eng. Murdoch hat auf alle Fälle ein grosses Ertragsproblem, wie alle klassischen Verleger, siehe Originalmeldung der NZZ Online. Und jetzt sollen alle Inhalte im Web etwas kosten. Das wird ihm dort gelingen, wo er eine Alleinstellung hat.

In einem Telefoninterview soll Murdoch zur Begründung der Kostenpflicht gesagt haben: Das Internet, so wie man es kenne, werde es bald nicht mehr geben. Hat er eine Vision? Bahnt sich Bahnbrechendes an? Diese Geschichte wird uns bestimmt noch eine Weile begleiten. Nachtrag: Guter Hintergrund über Murdochs wandelnde Kraftsprüche rund ums Web auf Spiegel/Netzwelt.

Zum Thema:
NZZ Folio: Wann öffnet auch die NZZ die Archive

Marcel Bernet | 05.05.2009 | Medien

Bezahlte Tageszeitungen: Das Undenkbare denken?

img_0102_2Gestern abend habe ich an einem Podiumsgespräch am MAZ in Luzern teilgenommen. Trotz des Titels «Neue Medien braucht das Land»: Res Strehle, Jürg Weber und Sylvia Egli von Matt glauben an die Zukunft der bezahlten Tagespresse. Clay Shirky lädt dazu ein, das Gegenteil zumindest zu denken.

Der Abendanlass war sehr gut besucht, die Diskussion am Podium und mit dem Publikum anregend. Hier die für mich interessanten Punkte meiner Mit-Panelisten, ergänzt durch Auszüge aus den Gedanken von Clay Shirky, Professor an der New York University und Medienberater.

MAZ: Zehn Thesen zum Journalismus
Sylvia Egli von Matt ist MAZ-Direktorin und in verschiedenen Gremien engagiert, die sich mit der Qualität und der Zukunft des Journalismus auseinandersetzen. Ihre  zum Einstieg präsentierten Thesen: Journalismus wird multimedial-mobil-konvergent, schneller, dialogischer, segmentierter, lokaler, erzählender, visueller, erhält neue Erscheinungsformen. Schönes Praxisbeispiel des Wandels: Ein grosses dänisches Medienhaus habe einen «Media Conductor» – er steht mitten im integrierten Redaktionsraum und entscheidet, wo Geschichten gespielt werden, von Radio über Print bis Online.

LZ Medien: Regional rentabel
Jürg Weber ist Geschäftsleiter der Neue LZ AG und damit verantwortlich für diesen Zentralschweizer Verbund von Radio, TV, Print, Online. Dieser hat dank tiefer Kosten operativ auch im letzten Jahr noch sehr gut gearbeitet, wegen eines Finanzverlusts war dann das Ergebnis doch nicht so gut. Im Online-Bereich setzt er vor allem auf lokale News, eine Zusammenarbeit mit NZZ Online wird anscheinend diskutiert. zisch.ch-Inhalte werden auch auf den news1-Verbund gespielt. Wohin führt diese Strategie? Muss eine regionale Plattform wirklich mit nationalen Plattformen konkurrieren um Banners zu erhalten?

Tagi: Im September neu
Res Strehle ist seit dem 1. Mai Co-Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Er freut sich nicht über den gestern angekündigten .ch-Rückzug, ist aber erleichtert. Damit verbessert sich die Ausgangslage für den Verbund Tages-Anzeiger / News. News habe tiefere Kosten und könne im Verbund mit dem Tages-Anzeiger günstigere Inseratetarife anbieten, was im härteren Werbemarkt ausschlaggebend sei. Irgendwann zwischen 1. und 30. September verspricht er den Neuauftritt des Tagis mit einem reinen Vierbund-Konzept. Wo es hie und da noch Beilagen geben werde.

Die Zukunft der bezahlten Tageszeitung
Alle drei sind übereugt: Die bezahlte Tageszeitung wird es auch in Zukunft geben. Ob sie wirklich bezahlt sein wird? Ob sie wirklich täglich erscheint? Da bin ich nicht so sicher. Damit stimme ich kein Grabeslied an, im Gegenteil: Persönlich schätze ich Tageszeitungen sehr und ich bezahle auch dafür. Aber schon meine Kinder und zahlreiche Kollegen sehen das ganz anders. Und lesen News gratis online. Vielleicht wäre es gut, wenn Medien auch mal das Undenkbare denken, wie es Clay Shirky im März in seinem Blogbeitrag betitelt.

Seine Grundthese: Journalismus braucht es weiterhin. Aber keine Zeitungen. Seit Mitte der 90er Jahre verkünden alle Verleger, wie sie ihr altes Geschäftsmodell beibehalten in einer Welt der kostenlosen, einfachen Kopien. Es gibt aber ganz einfach kein Modell, welches das durchs Internet eben grad zerstörte ersetzt. Die davor komplexe, aufwändige und schwierige Aufgabe des Publizierens ist heute ein Kinderspiel. Grips braucht es weiterhin – für gescheite Inhalte. Und wie immer in grossen Umbrüchen: Wir leben in einer Zeit des Ausprobierens, der Fehlschläge und unerwarteten Erfolge.

Erst in zwanzig Jahren wird man zurückblicken und sagen: Ja klar, genau so musste es kommen. Grad noch stecken wir mitten im Nebel.

Marcel Bernet | 08.04.2009 | Medien

Online-Werbung: Medien ziehen den Kürzesten

Food shoppingDer Verkauf von Online-Werbung ist so ziemlich das einzige Ertragsmodell, dass Printverlagen den Schritt in die Online-Welt versüsst. Bloss sahnen da andere Anbieter von Inhalten wesentlich stärker ab – wie eine Auswertung von Tobias Trevisan zeigt. Dazu der aktuelle Schweiz-Vergleich von mediafocus.

Der FAZ-Verlagsleiter hatte am Verleger-Treffen vom 6. Januar 2009 in einem Vortrag aufgezeigt, dass die Wertschöpfungs-Chancen im Online-Bereich eher bei spezialisierten Inhalten liegen. Dazu hatte er in seinen Folien eine eigene Zusammenstellung der Online-Umsätze in Deutschland, die er mir im Rahmen der blogsofa-Interviews (hier das erste) zur Publikation freigegeben hat.

Wer den Zugang erleichtert, verkauft am meisten Werbung
Die Zahlen basieren auf Geschäftsberichten und Berechnungen von Tobias Trevisan selbst. Sie sind also nicht von einer unabhängigen Stelle verifiziert, aber sie ergeben ein eindrückliches Bild der grundsätzlichen Verhältnisse im Online-Bereich. Und das Total liegt mit 2.94 Mia EUR nahe genug an den vom Bundesverband für digitale Wirtschaft vermeldeten 3.65 Mia (Link zu Journalyse, weil der FAZ-Artikel zum Thema 4 Euro kostet, sic!).

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Am meisten wird dort verkauft, wo die meisten Surfer landen – wie die Dominanz der Suchwort-Werbung auf Google Adwords oder Yahoo zeigt.  Auch die Online-Portale wie GMX, web.de, T-Online fallen in die Kategorie der Starkbesuchten. Bei den Rubriken stehen Stellen-, Immobilien- und Partnerbörsen im Vordergrund, hier verkauft sich aus meiner Sicht vor allem die Qualität der Zuschauer, deren spezifische Interessen. Genau in diesem Bereich sieht Trevisan Verlags-Chancen mit eigenen Job-Börsen, Finanzportalen, Partnerschaftsangeboten.

Mit den Banner-Inseraten auf ihren Online-News verkaufen die Medien von Spiegel Online bis Zeit gerade mal 3 Prozent des gesamten Online-Volumens. Das ist hart für eine Branche, die lange Zeit ein Monopol auf News und dem damit verbundenen Werbe-Einnahmen hatte.

Nicht spezifisch ausgewiesen sind auf Trevisans Zusammenstellung für 2008 die auf Sozialen Netzwerken verkaufte Online-Werbung. Und leider finde ich dazu auch keine Angaben im Netz.

Wirklich so wenig Adwords-Anteil in der Schweiz?
Dank den Erhebungen und Schätzungen von mediafocus.ch lässt sich obige Grafik mit der Schweiz vergleichen – auch hier (PDF mit allen Details) sind Soziale Netzwerke nicht spezifisch ausgewiesen. Auch der Medien-Anteil am Bannerumsatz fehlt – hat jemand Zahlen dazu woanders gesehen? Der Kuchen hat etwas weniger Schnitze, sehr dominant ist der Anteil der Rubriken. Wo die Schweizer Verlage tamedia (Homegate, jobwinner, neu mit Edipresse) und Ringier (alle scout24-Plattformen) stark engagiert sind. Leider fehlen die Partner-Rubriken – sie liegen bei Trevisans Schätzungen im Bereich der Job-Anbieter.

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Online-Werbestatistiken sind immer noch Zufallstreffer mit vielen Expertenschätzungen. Kann es sein, dass der Anteil der Suchmaschinen in der Schweiz so viel tiefer liegt als in Deutschland?

Fazit: Harter Kampf
Die mit Verspätung im Online-Bereich angekommenen Verleger werden sich weiterhin massiv durch Zukäufe oder Kooperationen um diesen Kuchen streiten. Und parallel dazu weiterhin versuchen, ihre Copyrights für ihre News als Werbe-Aufhänger bei Google & Co. stärker durchzusetzen – was ihnen kaum gelingen wird, wenn Google einfach mit den Agenturen Deals macht (siehe Horizont-Meldung der GoogleNews-Vereinbarung mit EU Newsagenturen)  Die Online-Umsätze werden 2009 bei zurückhaltenden Auftraggebern nicht mehr so stark steigen, in den USA sind die Online-Preise auch schon stark unter Druck gekommen.

Weitere Artikel:
US-Studie 2008: 08 war brutal, 09 wird schlimmer
US-Newsmedien: Wo versteckt sich die Rendite?

Marcel Bernet | 25.03.2009 | Medien

US-Studie Newsmedien: Wo versteckt sich Rendite?

zeitungsleserDer Jahresbericht des «Project for Excellence in Journalism» zeichnet ein düsteres Bild für etablierte Zeitungsverlage. Die aus dem reichen Datenmaterial abgeleiteten Thesen öffnen ganz kleine Türchen.

Im letzten Beitrag haben wir die wichtigsten Zahlen zusammengefasst, Profis empfiehlt sich das Eintauchen in die ausgebaute Website mit allen Resultaten. Im Abschnitt «Major Trends» wagen die Autoren Aussagen zu möglichen Entwicklungen, neuen Geschäftsoptionen, sich abzeichnenden Änderungen. Interessant ist die Grundhaltung, die dahinter steht: Sie sehen als Herausforderung für den US-Journalismus kein Auflagen- oder Glaubwürdigkeitsproblem. Die Auflagen bleiben auf Sinkflug, auch die Glaubwürdigkeit nimmt über die Jahre ab (Grafiken im Bericht). Sie liegt US-typisch für TV-News höher als Print – und deutlich über Online-Quellen (anklicken für Vergrösserung):

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Des Pudels Kern liegt in der Rentabilitätsfalle. Entstanden durch das Auseinanderdriften von Werbung und News. Eine Auswahl der Folgerungen aus dem Bericht:

1. Neue Finanzierungsmodelle
Die öffentliche Diskussion sei auch in den USA zu stark auf mögliche neue Geldbeschaffungsmodelle beim Nutzer ausgerichtet. Oder dass Stiftungen journalistische Aufgaben finanzieren. Gegen die erste Idee richtet sich die ganze Realität des Web. Und Stiftungen können nur in Nischenbereichen, für Spezialpublikationen wirksame Partner sein. Die Autoren empfehlen den Verlegern das Ausprobieren ganz alternativer Modelle:

a) Kabel-Finanzierungsmodell mit einer Abogebühr, die abgezweigt wird von den monatlichen Surfabos, welche Nutzer sowieso bezahlen. Spannend – da wären wir bei einer Internet-Billag.

b) Aufbau von regionalen Shopping-Sites als Teil der lokalen News-Sites, zusammen mit Detailhändlern aus der Region. Der Schritt von den verlorenen Lokalanzeigen zur Online-Shopping-Plattform mit Zeitungslink – funktioniert vielleicht in den USA mit den riesigen Einzugsgebieten.

c) Abo-finanzierte Nischenangebote für gutsituierte Lesergruppen. Damit sind eigentlich Fachpublikationen gemeint, die weit über News-Elemente hinausgehen, auch Dienstleistungen anbieten. Aufwändig zu bauen und wohl die Richtung, in welche das FAZfinance.net geht, siehe diesen Beitrag.

d) Zusammenarbeit unter Verlegern und Agenturen, um Google als News-Aggregator anzugreifen. Mutig. Wieso tun das die Verleger nicht schon lange? Klar, weil sie immer noch in erster Linie Konkurrenten sind, bis zur Übernahme.

2. Inhalt raustragen statt Leser reinholen
2008 stand für viele Verleger im Zeichen einer verstärkten Anpassung an die (sozialen) Realitäten des Web: Was mit RSS-Abos, vereinzelten Podcasts oder einem E-Mail-Newsletter begann, breitet sich aus in stark verteilte und weiter verteilbare Inhalte. Die eigenen Plattformen werden geöffnet und zusätzlich angeboten auf Facebook oder Twitter. Benutzer sollen sie einfach lesen aber auch weiter verteilen. Zusätzlichen Ertrag bringen diese zusätzlichen Aufwendungen keinen. Die Autoren sehen dahinter eine zunehmende Akzeptanz der Verleger für die unwiderruflichen Realitäten des Webs.

3. Partnerschaft ist angesagt
Wo früher erst Verzweiflung zur Zusammenarbeit führte, weisen heute Kooperationen die besten Zukunftsperspektiven auf. Ehemalige Zeitungsrivalen in Südflorida und Texas teilen heute Teile ihrer Inhalte, Lokalredaktionen von NBC und Fox tauschen Videonews aus, CBS poolt alle Radiostationen auf Yahoo und AOL.

Soweit die aus meiner Sicht für unsere Märkte interessantesten Konklusionen. Ob Partnerschaften oder Übernahmen dazu führen: «Der Wert einer Newsorganisation wird in der Zukunft nicht nur vom Inhalt sondern stärker davon abhängen, wie sie ein aus verschiedenen Informationsquellen ein reichhaltigeres Paket schnürt.»

Ähnliche Beiträge:
Werbeausgaben: Vergleich USA-Schweiz für 2007

Marcel Bernet | 24.03.2009 | Medien

US-Studie Newsmedien: 08 war brutal, 09 wird schlimmer

zeitungsleserWer wissen will, wie es Medien geht und wohin die aktuelle Analyse zeigt: Der jährliche Bericht des «Project for Excellence in Journalism» kombiniert fundierte Daten mit interessanten Thesen.

Bereits zum sechsten Mal veröffentlicht dieses von der Pew-Stiftung getragene «Projekt für journalistische Qualität» ihren Bericht über den Zustand der Newsmedien in den USA. Eine vorbildlich gemachte Website präsentiert die Erkenntnisse aus einer eindrücklichen Sammlung von Sekundär- und Primärmaterialien (Methodologie). Hier die wichtigsten Erkenntnisse, die auch für europäische Medienentwicklungen von Interesse sein dürften.

Die neue News-Nachfrage: Konsumenten bestimmen was und wann
Beinahe alle amerikanischen News-Medien haben Leser verloren – ausser im Internet und auf dem Kabelfernsehen. Dort wuchs die durchschnittliche monatliche Zuschauerzahl um sagenhafte 38 Prozent. Grund dafür war die Nonstop-Berichterstattung über die Präsidentschaftswahlen, nach dem Sieg Obamas glitten die Zahlen wieder etwas zurück. Auf dem Web wuchsen alle News und Info-Sites um insgesamt 7 Prozent, wobei die grossen Plattformen überdurchschnittlich zulegten: Alleine bei den Top 50-Websites liegt das Jahreswachstum für 2008 bei 27 Prozent. Yahoo, MSNBC.com, CNN.com und AOL stiegen um 22 Prozent auf 23.6 Millionen Unique Visitors pro Monat. Dieser Ansprung fällt doppelt so stark aus wie 2007 oder gar fünf mal so hoch wie 2006.

Fazit: Die Grossen werden noch grösser, das Internet gewinnt schnell an Zustrom. Die Studie zieht aus dem Anstieg von Kabel- und Internet-Newskonsumenten den Schluss, dass News immer kurzfristiger, sofort und selektiv abgerufen werden. Man will nicht warten, bis eine Sendung beginnt. Sondern man holt sich dann die News auf den Handy-Bildschirm, wenn man grad Lust drauf hat. Aus der Quelle, die einem das schnell und im Sekundentakt aktualisiert liefert. Dass sekundenschnelle Updates nicht gerade Qualität garantieren, das erwähnen die Forscher auch in ihrer Analyse der Kabel-Berichterstattung: Sie war gekennzeichnet durch schnelles Weiterverbreiten von PR-News und Zwischenrufen aus jeder möglichen Informationsquelle.

Zeitungen: Weniger Auflagen, weniger Werbung, weniger Angestellte
Zappenduster fallen die Jahresergebnisse für die Print-Zeitungen aus, etwas besser gehts deren Online-Ausgaben. Die Gesamtauflage der US-Tageszeitungen fiel weiter um 4.6 Prozent und um 4.8 Prozent für die Sonntagsausgaben. Dieser Zerfall summiert sich seit 2001 auf Minus 13.5 Prozent für die Tagesausgaben und um 17.3 Prozent für Sonntags. Das Total der Unique Visitors für alle Online-Ausgaben von Print-Titeln sieht die Studie bei 8.4 Prozent Anteil an der Gesamtauflage. Man rechne: Der Wegfall der Printabos wird durch diese (unbezahlten) Abos nicht wettgemacht.

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Wenigstens nahmen die Online-Werbeausgaben 2008 noch zu – aber davon profitieren erst mal Google und die weiteren Suchportale. Von den 14 Prozent Online-Werbeanstieg im letzten Jahr gehen gerade mal geschätzte 4 Prozent an die Webseiten der etablierten Newstitel. Gleichzeitig halbierten sich die Online-Anzeigenpreise alleine im letzten Jahr, sie liegen gerade noch bei einem geschätzten Mittel von 26 cents für 1000 Viewers.

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2008 war brutal, 2009 könnte schlimmer werden: 5′000 Stellen oder rund 10 Prozent der Tageszeitungs-Redaktionsstellen wurden letztes Jahr gestrichen. Im Vergleich zu 2001 sind damit rund ein Fünftel bis ein Viertel weniger Personen mit der Aufbereitung von Print-News betreut. Gespart wird vor allem bei Ausland-Korrespondenten, in den grossen Städten und in Washington. Zeitungsausgaben werden dünner, ganze Beilagen werden eingestellt, an unprofitablen Tagen wird nicht mehr ausgeliefert und auf den Titelseiten prangen Anzeigen. Nein, auch diese Meldung ersparen wir den geneigten Lesern nicht: Die Aktienkurse von US-Zeitungen fielen im letzten Jahr um 83 Prozent.

Gibt es einen Ausweg? Geht es den US-Zeitungen immer noch gut, einfach nicht mehr zu gut? Mögliche Modelle skizziert der nächste Beitrag: «Wo versteckt sich die Rendite?».

Marcel Bernet | 10.03.2009 | Medien

Zeitungen: Clay Shirky sieht Schwarz

Print In einem Handelsblatt-Interview am Rande der Cebit macht der NYU-Professor Clay Shirky interessante Aussagen zur Zukunft der Tageszeitung. Für Inhalte wurde noch nie bezahlt – und in fünf Jahren wird das Erstellen und Verteilen von News von Unternehmen geleistet, die es vor 2000 noch nicht gab.

Aber hoppla. Es macht Spass, den Ausführungen des Beraters, Autors und Dozenten zu folgen, hier seine Bio. Er formuliert schnell, klar und vertritt eindeutige Positionen. Der Handelsblatt-Redaktor und Blogger Thomas Knüwer hat das Interview am 3. März online gestellt. Den Hintergrund zu Shirkys Aussagen bietet sein Grundsatzartikel «Newspapers and thinking the unthinkable» (danke Marco für den Kommentar-Link). Meine Schlüssel-Erkenntnisse aus dem Interview, Video am Schluss:

Für Inhalt wurde noch nie bezahlt
Die ganze Diskussion darum, dass man für Inhalte bezahlen müsse, ist für Shirky total daneben. Denn für Inhalte hätten wir noch nie bezahlt: «Wir zahlten für Bücher, LPs, Zeitungen. Aber nie für deren Inhalt, sondern für die Dienstleistung. Fürs Drucken, Verteilen, im Buchladen oder Kiosk bereit halten.» Früher war die Dienstleistung an das Gerät, die Platte, die CD, die Zeitung gebunden. Heute haben wir dafür einen Computer, der ist Radio, Fernseher, Zeitung in einem. Und niemand will mehr für die Inhalte bezahlen.

Gute Inhalte wurden immer subventioniert
Von Regierungen, Stiftungen, den Werbern. Nie haben die Benutzer voll und ganz für die Inhalte bezahlt. Wieso sollen sie das jetzt tun?

Bezahl-Inhalte: Langsamer Zerfall, aber Bedeutungslosigkeit
Zeitungen, die ihre Inhalte hinter einer «Bezahlwand» verstecken, werden damit den eigenen Untergang etwas aufhalten. Aber sie bezahlen für diesen Aufschub mit der Aufgabe ihres News-Potenzials. Wer eine top-aktuelle, globale Geschichte mit grossem Aufmerksamkeitspotenzial nur den Abonnenten zur Verfügung stellt, wird im grossen globalen Online-Pool nicht mehr wahrgenommen.

In fünf Jahren schreiben und verteilen Startups die News
Vor einigen Jahren sei er noch ganz positiv gewesen, was den Fortbestand der etablierten News-Verlage betreffe. Heute sei er davon überzeugt, dass das Web tolle Chancen für Startups im Newsbereich biete. Shirky meint apokalyptisch, dass in fünf Jahren das Sammeln und Verteilen von News für den Online-Bereich von Unternehmen geleistet werde, die erst nach 2000 gegründet wurden.

Soweit nur das wichtigste, interpretiert von mir. Hingucken lohnt sich. Ach ja – und trotz aller Schwärze wird es eine Marke wie die New York Times immer geben. Aber sie wird ganz anders produziert und vermarktet werden, meint der frühere Partner eines Startup-Investors.

blogsofa FAZ_2: Offene Archive und Semantik

blogsofa-trevisan-semantisch1FAZ-Geschäftsleiter Tobias Trevisan hat an der Dreikönigstagung der Schweizer Verleger sein Konzept einer semantischen Web-Applikation präsentiert. Was will sein Verlag damit erreichen? Wie arbeiten Print und Online bei der FAZ zusammen? Sind die FAZ-Blogs erfolgreich? Hier der zweite Teil des blogsofa-Interviews.

Überrascht hatten mich bei der Vorbereitung des Gesprächs die vielen Blogs auf der Startseite von faz.net. Kommentare sind nur möglich, wenn man sich zuerst registriert, die Registration bestätigt und sich dann einloggt.

Herr Trevisan: Funktionieren die Blogs?
Ja, wenn sie prominent platziert sind. Da liegt für mich wohl die Hauptherausforderung für den Online-Bereich: In der Navigation. Wie alle Online-Redaktionen haben auch wir das Problem, dass die Startseite immer länger und immer voller wird. Wir haben kürzlich nachgezählt – es sind mittlerweile 350 Infos drauf.

Haben Sie ein Konzept für den Umgang mit Kommentaren? Wird rück-kommentiert?
Dafür gibt es keine Vorgabe, das ist Sache des Redaktors. Sie geben die Kommentare auch frei, wir schalten sie erst nach einem Gegenlesen auf. Bewusst in Richtung Dialog gehen wir im sogenannten Lesesaal. Mit dieser Community rund um Bücher und Lesen suchen und begleiten wir den Austausch aktiv. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht und da wollen wir auch weiter gehen.

Economist, Wall Street Journal oder Financial Times sind auf Facebook – die FAZ?
Nein. Und das planen wir auch nicht. Wenn Communities, dann auf unserer eigenen Plattform. Ich sehe auf Facebook oder StudiVZ für unsere Marke noch zu wenig Zielgruppen-Nähe. Und der zusätzliche Aufwand einer externen Plattform generiert keinen Ertrag.

Wie arbeiten Online und Print auf der Redaktion zusammen?
Wir befinden uns hier, wie viele Verlage, in einer steten Übergangsphase. Print- und Online-Redaktorinnen und Redaktoren arbeiten in den selben Räumen, mit der selben Führung. Einige Printjournalisten schreiben auch Online-Beiträge, andere bleiben bei Print. Die Online-Redaktoren in den Ressorts haben den Lead für den Online-Teil, sie holen sich je nach Bedarf die Information intern bei Spezialisten, koordinieren sich mit Print.

Wieso öffnet die FAZ das Printarchiv nur gegen Entgelt?
Weil wir damit Geld verdienen. Weil da sehr viel Wissen, Qualität, Arbeit drin steckt. Wir verkaufen diese Inhalte an zahlende Abonnenten, an Wissensdatenbanken, an Unternehmen und Organisationen für ihre Intranets oder Presseschauen. Es macht keinen Sinn, dass wir das Printarchiv öffnen, nur um damit ein paar Suchabfragen mehr auf faz.net zu locken. Mehr Traffic um jeden Preis kann nicht die Strategie eines Qualitätsverlags sein. Vor allem dann nicht, wenn dies nicht zu zusätzlichen Erlösen führt.

Sie sprechen von semantischen Suchmodellen – was heisst das für die FAZ?
Dahinter steht der Schritt zu Web 3.0 und die Idee, dass wir die stets wachsende Vielzahl unserer Inhalte in einer Datenbank hinterlegen, die alles immer wieder neu organisiert. Und zwar in Bezug auf semantische, also sprachliche Merkmale – und diese immer verknüpft mit den häufigsten Suchabfragen und den gängigen Navigationswegen durch den ganzen Inhalt. Der Inhalt wird also nicht nur alphabetisch oder chronologisch geordnet. Sondern auch nach Zusammenhängen, die sich aus Sprache und Nutzerverhalten ergeben.

Alles klar bezüglich Semantik? Hier die  Erklärung von Tobias Trevisan im Original:

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blogsofa FAZ_1: Deutschlands grösstes Finanzportal?
blogsofa FAZ_3: Was müssen Journalisten können?

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