Marcel Bernet | 07.10.2009 | Medien

Amazon gibt Gas: Kindle kommt in die Schweiz

amazon_jeff_bezos_kindle_reutersSchon Ende Oktober soll es das Kindle E-Book in Europa geben, dank einer Kooperation mit ATT. Ich hab mal eins bestellt. Die Auslieferung ist auf 21. Oktober versprochen – und die Inhalte?

Im deutschen Mediendienst kress habe ichs heute erstmals gelesen, dann auf Spiegel Online und schliesslich auf der Amazon Homepage. Jeff Bezos lädt die Kunden weltweit ein, einen Kindle zu bestellen. Das sieht dann so aus:

amazon_startseite

Die FAZ als erster deutschsprachiger Inhalt
Da wird auch klar, dass erst englischsprachige Bücher verfügbar sind – mittlerweile 250′000. Und als erstes deutsches Produkt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.  Wow, ich gratuliere dem Verlagsleiter Tobias Trevisan für diesen Scoop – siehe übrigens blogsofa-Interviews vom Januar 2009 (Teil 3, Was müssen Journalisten können).

ATT als Roaming-Partner
Wie schon in «Amazon oder Apple – wem gehört die E-Book-Zukunft?» beschrieben: Entscheidend sind erstens ein gutes Gerät und zweitens die Vertriebsplattform für die Inhalte. Wie schon bei iPod und iTunes. Bezos hat mit dem Kindle das im Moment beste Gerät, dicht verfolgt von Sony. Amazon hat die Inhalte und als Vertriebspartner für den drahtlosen Download der Inhalte eine Generalvereinbarung mit ATT. Die kümmern sich dann Land für Land um die Roaming-Partnerschaften.

Endlich ein Kindle in der Schweiz
Natürlich habe ich mich sofort in die Tiefen der Amazon-Kindle-Infos gestürzt. Voilà – auch für Switzerland gibts Infos: Das Ding soll laufen, es kommt mit einem US-Stecker (kann ich verkraften) und über Zölle und so weiss man noch nicht Bescheid.

amazon_switzerland

Wie ists mit den spezifischen Wireless-Bedingungen für die Schweiz? Hier erscheint eine Welt-Übersichtskarte. Aha, die Schweiz ist drauf, Zürich bekommt eine 3G-Abdeckung.

amazon_coveragemap_zurich

Wird ATT mit der Swisscom zusammenarbeiten? Werde ich Ende Oktober ein Gerät erhalten ohne Download-Möglichkeiten? Ich habe schon mal vorbestellt und bin gespannt.

Jetzt gehts los mit E-Books
An der Frankfurter Buchmesse wird Sony sein neustes Gerät präsentieren (FastCompany Kurzporträt), sie arbeiten mit der Buchhandelskette Thalia und Google zusammen. Ich bin weiterhin überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren eine grobe Umwälzung des Leseverhaltens erleben werden. Auch wenn ich ein Papierstreichler bleiben werde: Gewisse Zeitungen, Fachhefte und Fachbücher werden elektronisch zu mir gelangen.

Nachtrag 1: Tagi-Online-Interview zum Thema mit Peter Hogenkamp.
Nachtrag 2: Die FAZ ist seit über zwei Jahren dabei im Programm mit Amazon USA – um Erfahrungen zu sammeln. Und hat dort 100 Abos verkauft, wie mir Tobias Trevisan per E-Mail mitteilt.

blogsofa FAZ_3: Was müssen Journalisten können?

blogsofa-trevisan-journalist1Im dritten und letzten blogsofa-Ausschnitt blickt FAZ-Geschäftsleiter Tobias Trevisan in die Zukunft der Journalisten und der bernetblog zieht ein Fazit aus dem Gespräch.

Wo werde ich die FAZ in zehn Jahren lesen? Tobias Trevisan meint: gemütlich beim Kaffee. Das entspricht meiner Lieblingsvorstellung. Denn so lese ich Zeitungen schon heute am liebsten. Fern von iPhone, Twitter und bernetblog. Aber vielleicht bleibt nur für die Alten wie mich alles beim Alten?

Herr Trevisan: Wohin führt die Online-Strategie der FAZ?
Für mich steht Wertschöpfung vor Reichweite. Das heisst: Wir heben uns dort ab, wo wir auch Geld verdienen können. Ich weiss, das ist nicht einfach im Web. Und auch nicht immer möglich. Wir wollen präsent sein mit einem sehr aktuellen, schnellen und qualitativ hochstehenden Online-Angebot, passend zu unserer Reputation. Die Wertschöpfung pro Nutzer liegt zum Beispiel bei der Trading-Plattform onvista.de rund zehnmal höher als auf faz.net. Mit dem neuen Finanzportal auf fazfinance.net wollen wir unsere Wertschöpfung erhöhen, indem wir redaktionellen Gehalt mit Beratungstools und Finanzdaten kombinieren.

Was müssen Journalistinnen und Journalisten in zehn Jahren besser können als heute?
Sie müssen sich noch stärker mit der Frage beschäftigen, welche Qualitäten nachgefragt werden. Ich glaube, dass die Zukunft eine weitere Spezialisierung von Inhalten und Formaten bringen wird. Online wird sich das Angebot weiter atomisieren, mit einer Vielzahl von Inhalts-Anbietern.

Und wer sagt denn den Journalisten, was nachgefragte Qualität ist? Die Marktforschung, die Nutzung des Angebots oder der Dialog mit den Lesern. Wobei nicht einfach die Masse zählt, wie Tobias Trevisan in diesem Gesprächs-Ausschnitt näher ausführt:

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Fazit: Neue Geschäftsmodelle wagen
Das Gespräch mit Tobias Trevisan hat mir gezeigt, wie anspruchsvoll die Leitung eines grossen, etablierten Verlags ist. Wenn das eigene, über Jahre erfolgreiche Geschäftsmodell durch Suchmaschinen, News-Aggregatoren, Online-Portale konkurriert wird: Wo mache ich mit? Wo schütze ich meine etablierten Margen? Wenn ich mich zu lange gegen das Neue wehre, dann klaut mir jemand die Marktchancen.

So könnte es den etablierten Zeitungen mit ihren verschlossenen Archiven gehen. Klar werden hier noch Einnahmen generiert, aber man verpasst die Gelegenheit, sich Online mit Inhalten zu profilieren und zu etablieren. Ein wenig mehr Öffnung müsste hier drin liegen – siehe übrigens diesen aktuellen Beitrag aus dem Medienspiegel, wo es ums Wieder-Verschliessen der NYT-Archive geht.

Nachhaltig scheint mir die Strategie der FAZ, mit dem Finanzportal wesentlich über den angestammten verlegerischen Bereich hinaus zu gehen. Hier will Trevisan die Glaubwürdigkeit der eigenen Marke und deren Neutralität in ein Online-Geschäftsmodell bringen. Damit verbindet die FAZ bereits bestehende Module wie Artikel, Beratung und Börsendaten auf eine neue Art und Weise. Und bricht damit das Monopol von Banken oder Lieferanten von Finanzdaten. Wie heisst es doch so schön: «Rien ne se crée, rien ne se perd, tous se transforme.»

blogsofa FAZ_1: Deutschlands grösstes Finanzportal?
blogsofa FAZ_2: Offene Archive und Semantik

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blogsofa FAZ_2: Offene Archive und Semantik

blogsofa-trevisan-semantisch1FAZ-Geschäftsleiter Tobias Trevisan hat an der Dreikönigstagung der Schweizer Verleger sein Konzept einer semantischen Web-Applikation präsentiert. Was will sein Verlag damit erreichen? Wie arbeiten Print und Online bei der FAZ zusammen? Sind die FAZ-Blogs erfolgreich? Hier der zweite Teil des blogsofa-Interviews.

Überrascht hatten mich bei der Vorbereitung des Gesprächs die vielen Blogs auf der Startseite von faz.net. Kommentare sind nur möglich, wenn man sich zuerst registriert, die Registration bestätigt und sich dann einloggt.

Herr Trevisan: Funktionieren die Blogs?
Ja, wenn sie prominent platziert sind. Da liegt für mich wohl die Hauptherausforderung für den Online-Bereich: In der Navigation. Wie alle Online-Redaktionen haben auch wir das Problem, dass die Startseite immer länger und immer voller wird. Wir haben kürzlich nachgezählt – es sind mittlerweile 350 Infos drauf.

Haben Sie ein Konzept für den Umgang mit Kommentaren? Wird rück-kommentiert?
Dafür gibt es keine Vorgabe, das ist Sache des Redaktors. Sie geben die Kommentare auch frei, wir schalten sie erst nach einem Gegenlesen auf. Bewusst in Richtung Dialog gehen wir im sogenannten Lesesaal. Mit dieser Community rund um Bücher und Lesen suchen und begleiten wir den Austausch aktiv. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht und da wollen wir auch weiter gehen.

Economist, Wall Street Journal oder Financial Times sind auf Facebook – die FAZ?
Nein. Und das planen wir auch nicht. Wenn Communities, dann auf unserer eigenen Plattform. Ich sehe auf Facebook oder StudiVZ für unsere Marke noch zu wenig Zielgruppen-Nähe. Und der zusätzliche Aufwand einer externen Plattform generiert keinen Ertrag.

Wie arbeiten Online und Print auf der Redaktion zusammen?
Wir befinden uns hier, wie viele Verlage, in einer steten Übergangsphase. Print- und Online-Redaktorinnen und Redaktoren arbeiten in den selben Räumen, mit der selben Führung. Einige Printjournalisten schreiben auch Online-Beiträge, andere bleiben bei Print. Die Online-Redaktoren in den Ressorts haben den Lead für den Online-Teil, sie holen sich je nach Bedarf die Information intern bei Spezialisten, koordinieren sich mit Print.

Wieso öffnet die FAZ das Printarchiv nur gegen Entgelt?
Weil wir damit Geld verdienen. Weil da sehr viel Wissen, Qualität, Arbeit drin steckt. Wir verkaufen diese Inhalte an zahlende Abonnenten, an Wissensdatenbanken, an Unternehmen und Organisationen für ihre Intranets oder Presseschauen. Es macht keinen Sinn, dass wir das Printarchiv öffnen, nur um damit ein paar Suchabfragen mehr auf faz.net zu locken. Mehr Traffic um jeden Preis kann nicht die Strategie eines Qualitätsverlags sein. Vor allem dann nicht, wenn dies nicht zu zusätzlichen Erlösen führt.

Sie sprechen von semantischen Suchmodellen – was heisst das für die FAZ?
Dahinter steht der Schritt zu Web 3.0 und die Idee, dass wir die stets wachsende Vielzahl unserer Inhalte in einer Datenbank hinterlegen, die alles immer wieder neu organisiert. Und zwar in Bezug auf semantische, also sprachliche Merkmale – und diese immer verknüpft mit den häufigsten Suchabfragen und den gängigen Navigationswegen durch den ganzen Inhalt. Der Inhalt wird also nicht nur alphabetisch oder chronologisch geordnet. Sondern auch nach Zusammenhängen, die sich aus Sprache und Nutzerverhalten ergeben.

Alles klar bezüglich Semantik? Hier die  Erklärung von Tobias Trevisan im Original:

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blogsofa FAZ_1: Deutschlands grösstes Finanzportal?
blogsofa FAZ_3: Was müssen Journalisten können?

Marcel Bernet | 20.01.2009 | Medien

blogsofa FAZ_1: Deutschlands grösstes Finanzportal?

blogsofa-trevisan-online-strategisch1Wie bewegen sich Verlage im Online-Bereich? Was heisst das für Kommunikations-Verantwortliche und Medienschaffende? Diesen Fragen geht der bernetblog neu auch mit Gesprächen auf dem blogsofa nach. Platz genommen hat Tobias Trevisan, Geschäftsführer und Sprecher der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ. Im ersten Teil gehts um Sparen, Qualität und das Ziel, Deutschlands grösstes Finanzportal zu werden.

Tobias Trevisan ist ein angenehmer Gesprächspartner: Offen, pragmatisch, unprätentiös. Der Verlagsprofi war unter anderem tätig für Ringier, TA Media und NZZ. Von dort hat er 2006 den Sprung in den deutschen Markt gewagt. Als gebürtiger Basler kommt er immer wieder gerne in die Schweiz – mit knapp 3000 Abonnenten und grossen Werbekunden der wichtigste Auslandmarkt seines heutigen Arbeitgebers. Zwischen Geschäftsterminen und einem Ski-Wochenende in Davos nimmt er Platz auf unserem blogsofa.

Herr Trevisan – was sind die letzten News, die Sie gelesen haben?
Die Meldung über den Absturz des Airbus in den Hudson, auf meinem Blackberry – über NZZ Online.

Wie konsumieren Sie generell News?
Am Morgen die Zeitung, natürlich zuerst die FAZ, dann Konkurrenten. Im Büro immer wieder Online-Dienste, bei kleinen Pausen oder auch während eines Telefongesprächs. Ich konsumiere sehr wenig Fernsehen, einzig Nachrichten – und wenn, dann oft sehr spät abends.

Spart auch die FAZ?
Wir haben uns zum Glück bereits im ersten Quartal 2008 mit Sparüberlegungen auseinandergesetzt und uns im August für einen Einstellungsstopp entschieden. Die Zeichen waren schon Ende 2007 klar: ein Rückgang der Stelleninserate und Anfang 2008 weniger Werbung aus dem Finanzbereich. 2009 wird wirtschaftlich ein schwieriges Jahr . Wieder aufwärts geht es wohl frühestens Anfang 2010.

Wie lassen sich Sparübungen mit Ihrem Qualitätsanspruch verbinden?
Einsparungen sollten ohne Qualitätsverlust zu erreichen sein. Wir versuchen das, indem wir laufend alle Prozesse überprüfen. Im Verlagsmarketing konzentrieren wir uns beispielsweise uns auf das, was die höchste Effizienz bringt.

Im Vordergrund der Diskussion steht der Qualitätsbegriff: Wir orientieren uns sehr häufig an der angebotenen und zu wenig an der nachgefragten Qualität. Da müssen wir umdenken. Bei der FAZ waren wir zum Beispiel davon überzeugt, dass ein Farbfoto auf der Titelseite die Qualität mindert. Und dann haben Tests gezeigt: Unsere Leser sehen das ganz anders. Das im Oktober 2007 eingeführte neue Layout hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir unsere Auflage erhöhen konnten. Und dass die Leser der FAZ in einer Marktforschung eine höhere Qualität attestieren.

Dieser blogsofa-Ausschnitt illustriert: Tobias Trevisan sieht die grösste Bedrohung nicht in der aktuellen Wirtschaftslage sondern in der strukturellen Veränderung der Mediennutzung. Die Online-Aktivitäten zählen zu den strategischen Projekten der FAZ.

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Wie wichtig ist Online für die FAZ?
Online ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Inhalts- und damit unserer Markenstrategie. Wir wollen den Online-Bereich weiter ausbauen.  In eine Richtung, von der die Gesamtmarke profitiert und die gleichzeitig Einkünfte generiert.

Wie wollen Sie das erreichen?
FAZ.net ist als Nachrichtenportal in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Feuilleton etabliert. Wir ergänzen die Newsplattform nun mit vertikalen Themenportalen. Es sollen Bereiche entstehen, in denen sich die Leserinnen und Leser massgeschneiderte Infos holen und wo sie sich in Communities auf unserer Plattform austauschen können.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist unser Finanzportal, das wir in diesen Tagen live schalten. Dahinter steht ein Joint Venture mit Softwareunternehmen, die auf die Entwicklung von Beratungsapplikationen für Finanzinstitute spezialisiert sind. Dieses Finanzportal ist über semantische Verfahren mit unserem Nachrichtenportal verknüpft. Das macht es möglich, Inhalte schneller und besser auf die Bedürfnisse der Nutzer einzurichten.

Finanzportale gibt’s viele – wo liegt der Unterschied?
In zwei Punkten: Erstens entwickeln wir nich nur ein reines Börsenportal, sondern eine Allfinanzplattform. Das heisst: Wir decken ein breites Themenfeld von Steuerfragen über Immobilien, Altersvorsorge bis zur Vermögensplanung ab. Und zweitens bieten wir zu den redaktionellen Inhalten und Daten auch Beratungsapplikationen. Sie erlauben es, die persönliche Finanzplanung selbst zu erstellen. Da verbinden wir Information und Beratung, als neutraler Verlag. Immer mehr Kauf- und Anlageentscheide werden im Internet vorbereitet und hier ist die FAZ ein äusserst glaubwürdiger Anbieter.

Wir haben die Plattform von Anfang an als Mandantenlösung aufgebaut. Dies erlaubt uns zum Beispiel mit T-Online zusammenzuarbeiten: Sie werden unser System auf ihrer eigenen Plattform übernehmen. Im Moment sind wir in Verhandlungen mit weiteren Portalen – mein Ziel: Noch in diesem Jahr wollen wir das reichweitenstärkste Finanzportal Deutschlands sein.

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