Marcel Bernet | 02.02.2010 | Medien

Ich poste – also bin ich: Schöne neue Medienwelt

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblogRekordbeteiligung am Gipfeltreffen von Medien- und PR-Schaffenden. Die Paneldiskussion brachte wenig Erhellendes. Interessant war das Plädoyer für bezahlschrankenfreie Qualität des Spiegels.

Setting und Titel erinnerten an die Dreikönigstagung der Schweizer Verleger (Bericht vom 6. Januar). Und das Thema «Schöne neue Medienwelt – ratlose Branche» zieht – mit rund 400 Teilnehmenden war das Auditorium Maximum rekordvoll. Mathias Müller von Blumencron war acht Jahre lang Chef von Spiegel Online und ist seit 2008 Co-Chefredaktor der gedruckten Ausgabe. Hier die wichtigsten Passagen aus seinem Eingangsreferat. Alle Teilnehmenden des anschliessenden Podiums sind auf der ZPRG-Seite gelistet.

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblog

PR-Branche in der Steinzeit
Den wohl relevantesten Bezug zur stark vertretenen PR-Branche brachte Moderator Reto Lipp in der Anmoderation:  «Wenn ich heute noch gewisse Communiqués lese – dann frage ich mich schon, ob die PR-Branche ein bisschen in der Steinzeit verweilt.» Ratlos sind zuweilen nicht nur die Verlage. Aber näher diskutiert wurde dieses heisse Thema dann doch nicht. A propos Steinzeit: Mathias Müller von Blumencron erinnerte an eine zentrale Forderung des damaligen Online-Projektleiters beim Spiegel, formuliert Mitte der Neunziger Jahre: «Ich bestehe auf wöchentlichen Updates». Das waren noch Zeiten.

Es läuft nicht so, wie die Verlage wollen
Der Spiegel-Chef ist überzeugt, dass wir trotz der grossen Umwälzungen der letzten drei Jahre erst am Anfang stehen. «Jetzt haben wir uns 15 Jahre Online abgerackert, haben hohe Reichweiten, machen 20 Millionen Gewinn mit Spiegel Online und einen mickrigen Gewinn. Doch mit der Printausgabe erreichen wir zehn mal soviel Umsatz und ein Vielfaches an Erfolg. Ist die digitale Welt nichts für uns Verlage?»

Qualitätsjournalismums habe eine Chance. Aber die Verlage müssten endlich aufgeben mit allen Versuchen, die Online-Welt ihren Bedürfnissen anzupassen: «Wir leben in einer Welt des ‘Ich poste, also bin ich.’ Die Welle schwillt an und ab. Mal ist sie furchtbar genial, mal total banal. Mal sind es intime Details, mal politische Ereignisse. Dieses gewaltige Gemurmel droht, uns Verleger ein Stückchen mehr an den Rand zu drücken. Bestehen können wir nur dann, wenn wir Bestandteil dieser digitalen Welt bleiben.»

Relevant sein heisst: findbar sein
Bei aller Diskussion um Google plädiert der deutsche Chefredaktor mit Schweizer Wurzeln resolut gegen Bezahlambitionen der Verlage. Der Spiegel löst das Problem durch ein Spiel zwischen täglich aktueller Online-Plattform und wöchentlichem Druckmagazin. Die Titelgeschichten sind Online nur gegen Micropayments verfügbar, nach drei Wochen kommen sie dann kostenlos ins Archiv. «Um relevant zu sein, müssen wir findbar sein.»

Für die nahe Zukunft sieht er drei Faktoren: Erstens werde das gedruckte Produkt Kern des Schaffens bleiben, nicht zu verschenken sondern eher noch teurer anzubieten. Zweitens würden immer mehr Leser mobil auf Inhalte zugreifen – und im mobilen Bereich seien Verrechnungsmöglichkeiten eher da, wenn auch zu minimalen Preisen. Drittens schliesslich erlebten wir eine «Explosion der Gerätschaften» mit neuen Möglichkeiten für die «kraftvolle und emotionale Platzierung von Inhalten, vor allem für Zeitschriften». Hier müssten die Verlage Ideen und Geld investieren in die neue Aufbereitung von Inhalten.

Guter Journalismus – mit weniger Rendite
Müller von Blumencron ist klar, dass er damit kein Patentrezept in der Hand hält für seine Branche, die weiterhin von grosser Unsicherheit geprägt sein wird. Nachdem sie «über Jahrzehnte so verdammt verwöhnt war. Die Traumrendite früherer Jahre ist dahin – guter Journalismus aber nicht.»

Mythos Multitasking

art_questionmark.pngWer sich heute im Internet bewegt, bewegt sich an der Grenze zum Informationsrausch. Was aber passiert in unserem Kopf, wenn wir gleichzeitig telefonieren, im Internet surfen, E-Mails checken und Musik hören?

Multitasking im Internet: Ist unser Gehirn damit grundsätzlich überfordert? Kann unser Nervenzentrum mit der technologischen Entwicklung mithalten? Oder treibt im Gegenteil die Infoflut das Gehirn zu immer neuen Höchstleistungen an? Ein amerikanischer Psychologe hat diese Vorgänge genau untersucht. Im Center for Cognitive Brain Imaging in Pittsburg untersucht Marcel Just die Gerhirnvorgänge mit neusten Scan-Methoden. Das Ergebnis ist dramatisch: “Wir haben einfach nicht genügend Ressourcen, um zwei Aufgaben gleichzeitig gleich gut zu erfüllen, sagt der Forscher in einem Spiegel-Artikel (Die Titelgeschichte ist als E-Paper erhältlich). “Wenn wir es trotzdem tun, sinkt unsere Gehirnleistung um 40 Prozent.” Vom Mythos Multitasking können wir uns also bald verabschieden. Stimmen die neusten Forschungen (und davon gibt es viele), arbeiten nicht diejenigen effizeint, die möglichst viel möglichst gleichzeitig erledigen, sondern diejenigen, die sich auf eine Aufgabe nach der anderen konzentrieren.

Der Mensch als Sammler: Rankaholics und Shortlist

rankaholics.jpgListen sind beliebt – ich bin gerade über zwei Beispiele gestolpert. Einmal eine wilde Sammlung aller Hitlisten (wo wir ja gerade kürzlich über Rankings abgelästert haben) und anderseits Shortlisten ohne Rangierung. Dazu ein Link mit einer konkreten Empfehlung für die Planung des anstehenden langen Sonntagmorgens…

«Wir listen die Welt» verspricht der Slogan von rankaholics.de. In drei Rubriken sind Hitlisten versammelt, was das Zeug hält: Gefunden in Web, TV und Zeitungen; User-Abstimmungen; Persönliche Rankings. Alle drei auch vorbildlich als RSS-Futter zu abonnieren. Wow, eine ganze Menge. Und da Bildschirm- wie Papier-Leser Rankings über alles lieben – vielleicht finden Sie hier interessantes Futter für einen nächsten Artikel.

Gemäss Impressum steht hinter diesem Angebot die unique relations. Schade, dass nicht gleich hier klar wird, was denn unique relations überhaupt ist. Ein paar Suchrecherchen weiter weiss man, dass es sich dabei um eine Print- und Online-Redaktion aus Berlin handelt. Mehr über das Business-Modell und die Absichten zeigt das Gespräch vom 26. Juli mit der Rankaholics-Portal Managerin auf dem Interview-Blog.

Ebenfalls auf die Beliebtheit von Listen setzt der Stern: «Let’s get listerical» hat sich die Shortlist aufs Banner geschrieben. Und hier findet man eine unglaubliche Vielfalt von Listen, die viel weniger auf «die Besten» setzen. Es handelt sich um Aufzählungen von interessanten Dingen zu interessanten Themen aus Film, Musik, Literatur, Spielen oder Gemischtem. Was interessant ist. liegt natürlich im Auge des Betrachters. Aus den vielen, schön bebilderten Beispielen hier der Link zu: «Alles für Sonntag morgens um halb 10». Bücher, Musik, Filme – hoffentlich können Sie ausschlafen (-:

Beda M. Stadler diskreditiert die NZZ am Sonntag

__sized_086_G.jpgSoll man Kolumnen ernst nehmen? Wie darf man bei der NZZ am Sonntag schreiben? Ich habe Stadlers Kolumne zum Thema Offroader ernst genommen – und frage mich, wieso er immer wieder eine halbe Seite bekommt.

Beda M. Stadler, Institutsdirektor und Professor für Immunologie an der Uni Bern, äussert sich regelmässig als Kolumnist in der NZZ am Sonntag. Diesmal scheint es, dass ihm jemand einen Anti-Geländwagen-Kleber an sein Auto geklebt hat. Das ist eine bösartige Vermutung von mir, vielleicht wars auch nur das Auto eines Nachbarn.

Der Untertitel seiner Kolumne: «Wer Offroader fährt, schützt das Leben seiner Kinder. Kritik daran ist nichts als Neid.» Beim Lesen habe ich gedacht: Ist wohl ein bissig-ironischer Einstieg, die Auflösung wird sich beim Lesen zeigen.

Zugegeben – die Slogans der Stop-Offrader-Kampagne sind polemisch. Einer davon ist «Gib Kindern keine Chance». Beda M. Stadler interpretiert ihn auf seine Art. Da lese ich mich durch seine Zeilen und denke: Na ja, die Auflösung wird noch kommen. Als Akademiker ist er diskurserprobt und wird These und Antithese vereinen, trotz klarem eigenen Standpunkt.

Sein Fazit: SUV darf man nicht aufgrund ihrer Gefährlichkeit verdammen. Denn im SUV drin ist man ja sicher! Und wenn einem Kinderschutz wichtiger ist als Umwelt, dann muss man SUV fahren. Schliesslich steigt sich Stadler sich zu folgendem Finale: «Muss jeder diese Art der Vernunft [der jungen Grünen] annehmen, bloss weil Bünzli-Mobility-Fahrer und alle anderen, die kein Geld für ein grösseres Auto haben, neidisch sind?

Wow. Wieso sind Mobility-Fahrer bünzliger als Porsche Cayenne-Besitzer? Wieso haben Mobility-Fahrer kein Geld für ein grösseres Auto? Die ironische Distanz zu diesen Folgerungen fehlt mir eindeutig, sie scheinen allen Ernstes ernst gemeint.

Liebe NZZ am Sonntag – ist Provokation um jeden Preis gefragt?

Hier interessante Beiträge aus dem Spiegel zur Kampagne und zur Sicherheit dieser Fahrzeuge mit dem Titel: Geländewagen sind so gefährlich wie fahrende Mauern.

Puuh – hoffentlich gibts bei Mobility bald auch SUVs…

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