Social Media ticken anders als klassische Medien: emotionaler, schneller, verlinkt

journalistWorüber schreiben Social Media im Vergleich zu traditionellen Medien? Twitter mag Technik, YouTube Lustiges und Blogs Meinungen. News auf Social Media haben eine kurze Haltbarkeit – und schwappen selten in die klassischen Medien, wie eine Langzeitstudie erstmals zeigt. 80 Prozent der Top-Blogstories bezogen sich auf BBC, CNN, New York Times und Washington Post.

Ende Mai hat das Pew Research Center eine weitere Medienanalyse des Project for Excellence in Journalism veröffentlicht. Diese empirische Auswertung bringt erstmals Klarheit bezüglich Themensetzung von Social Media und Übernahme von Inhalten. Ausgewertet wurden Erwähnungen und Links zu den wichtigsten News-Geschichten während 12 Monaten auf Zeitungen, Blogs, YouTube und während 7 Monaten auf Twitter. Icerocket und Technorati wurden für die Blog-Analyse eingesetzt, YouTube direkt, beide vom 19. Januar 2009 bis 15. Januar 2010. Das Twitter-Monitoring erfolgte über Tweetmeme vom 15. Juni 2009 bis 15. Januar 2010. Das unabhängige Studienzentrum wird von einer Stiftung getragen; Pew Research bietet eine Kurzfassung und die ausführlichen Resultate auf journalism.org.

Jede Medienkategorie setzt andere Schwerpunkte
Das analysierte News-Jahr zeigt: Social Media setzen andere Schwerpunkte als die traditionellen Zeitungen. Am nächsten liegen im Themenvergleich die Blogs – ausser im Bereich Technologie. Hier schert auch Twitter aus – und zwar massiv: knapp die Hälfte der News und Links führten zu Techie-Themen. Im Vordergrund standen dabei das Web, Twitter selbst, Apple, Facebook, Microsoft und Google. YouTube brachte am meisten Ausland-Themen und erstaunlich viel Politik. Hier entscheidet weniger der Newsgehalt als vielmehr die Kraft der bewegten Bilder: Angeschaut und geteilt wird, was lustig ist. Nur während 8 von 49 Wochen war das Top-Video identisch mit den Top-News in Zeitungen, in drei dieser acht Wochen ging es um die umstrittene amerikanische Gesundheitsreform, in zwei um die Strassenproteste in Teheran.

Wie werden News von YouTube, Twitter, Blogs und klassischen Medien ausgewählt?

.

Es gibt also nicht nur einen Unterschied zur klassischen Zeitung; auch innerhalb der drei analysierten Social Media Plattformen werden News unterschiedlich aufgenommen. Blogger tendieren zu Inhalten, die sich mit persönlichen Kommentaren und Sichtweisen einfärben lassen. Die pointierten Pro- und Contra-Interpretationen hielten sich bei den Top-Themen in etwa die Waage.

Social News kommen und verschwinden sofort
Wenn News in Social Media aufgenommen werden, dann in den ersten Stunden nach deren Veröffentlichung. Nur fünf Prozent der Twitter-News blieben während zwei Wochen in den Top-Meldungen – gegenüber 13 Prozent bei Blogs und 9 Prozent auf YouTube. Ganz anders spielt der klassische Medienraum: Die Hälfte der fünf wichtigsten Geschichten einer Woche schafften es auch nächste Woche in die meist erwähnten.

80 Prozent der Blog-Links aus vier Medien
Es scheint, dass die vielzitierten Beispiele von Krisen, die aus Blogs in traditionelle Medien überspülen, nur schmerzhafte Einzelfälle illustrieren: Eine einzige Geschichte hat es aus der Blogosphäre in Zeitungen geschafft.

Im Gegenzug bauen Blogs stark auf die traditionellen Medien. Über 99 Prozent der in Blogs verlinkten News kamen aus führenden Zeitungen oder TV-Sendern. 80 Prozent gingen auf das Konto von gerade mal vier Medien: BBC, CNN, New York Times und Washington Post. Bei Twitter bezogen sich die Hälfte aller Top-Nachrichten auf klassische Medien.

Blogs und Twitter sind die wichtigsten Online-Multiplikatoren für die Online-Präsenz der klassischen Medien. Was wohl nur weiter so sein wird, wenn sich die Inhalte kostenlos verlinken lassen. Denn was bringt das Weiterreichen, wenn nur Abonnenten klicken können?

Fazit: Heterogene Ausrichtung, mehr Kurzlebigkeit
Auch wenn die Studie sich auf den amerikanischen Markt bezieht und von den in beobachteten Jahr präsenten Themen abhängt – endlich gibt es erste, brauchbare Hinweise auf das Funktionieren der neuen Medienkategorien. Die unterschiedliche Themenausrichtung bestätigt bisherige Annahmen. Erhärtet wird die Technologie-Ausrichtung von Twitter. Neu ist, das Blogs doch wenig Einfluss auf die Themenwahl der klassischen Medien haben. Aus meiner Sicht wird sich die Kurzlebigkeit der Inhalte auf klassische Medien ausweiten; nicht nur für deren Online-Ausgaben.

Weitere Artikel mit interessanten Pew-Studien:
Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung
News sind sozial: Wie Inhalte gelesen und geteilt werden
Internetnutzung: US-Teenager lesen News online

Print mit Zukunft: weg vom Tagesjournalismus

bühne_theater

Die Portugiesen, Holländer und Schweden machen es vor: Zeitungen, die den Preis wert sind. Auf der Spur ihrer Erfolgsrezepte.

Wie muss eine Zeitung im 21. Jahrhundert sein, damit sie überlebt? Diese Frage haben die drei folgenden Blätter erfolgreich beantwortet (Auszug aus dem Magazin-Artikel vom 4. September 2009):

Portugal: informaçao
Martim Figueiredo startete seine Zeitung mitten in der Medien- und Finanzkrise. Eine ziemlich mutige oder gar überhebliche Handlung? Das Redaktionsteam geht grundsätzlich davon aus, dass Lesende sich auf anderen Kanälen über das Weltgeschehen informieren. Wer das Blatt für 1.40 Euro kauft, erwirbt sich einen Mehrwert. Chefredaktor Figueiredo: «Ich glaube, die Leser schätzen es sehr, nicht mit den Geschichten von gestern belästigt zu werden». Das portugiesische Blatt sichert sich seine Leserzahlen mit Aktualitäts-Inhalt: fünf Meinungsartikel, Reportagen und Hintergrundgeschichten. «Das erworbene Wissen soll länger als 24 Stunden nützlich sein und Themen für den Familientisch oder das Feierabendbier liefern», erklärt Martim Figueiredos.

Rotterdam: nrc.next
Die Hauptzielgruppe der Tageszeitung ist unter dreissig. Ja genau, die Digital Natives. Warum sollte diese Generation zum Papier greifen? Titia Ketelaar, Chefredaktorin, verzichtet bewusst auf News und bietet Hintergrund-Wissen zu den Schlagzeilen mit Reportagen, Analysen und Meinungen. Viel Überraschendes und eine klare Haltung sichern die Leserzahlen. 1.10 Euro kostet eine Ausgabe mit einer langen Auslandreportage und gut recherchierten Artikeln. Auch hier: Routine ist nicht gefragt, die Gliederung ist ohne Ressorts. Titia Ketelaars Geheimrezept lautet: «Keine Aktualität, wenig Relevanz. Überraschend und eigen.»

Stockholm: Svenska Dagbladet
Die Zeitung wirkt mit seiner eleganten Grafik und prägnanten Bildsprache grosszügig, pointiert und sinnlich. Und holt sich damit einen Preis nach dem anderen für die beste Gestaltung. «Nicht nur das Format muss sich ändern, sondern auch das Denken der Journalisten», sagt Ann Axelsson, stellvertretende Chefredaktorin. Der Inhalt ist eine Balance aus News und Hintergrund. Zusätzlich zur täglichen Ausgabe werden zwei Magazine beigelegt: eines zu Themen aus der Wirtschaft und ein anderes zu Themen aus Kultur und Gesellschaft. Die Redaktion besteht zur Hälfte aus Frauen.

Für mich ist klar, tagesaktuell und Print beissen sich. Deshalb wird in Zukunft nur bezahlt, was ich virtuell nicht bekomme oder online nicht dargestellt werden kann. Die Schweizer Medienlandschaft muss sich da noch Konzepte ausdenken – weg vom Tagesjournalismus, hin zum Hintergrundjournalismus. Ich freue mich auf diesen Wandel. Figueiredos freche Behauptung, dass Relevanz heute nach wie vor nur in Print erzeugt werden kann, ist mir zu überheblich. Hängt Relevanz vom Kanal ab oder von der Lesekultur oder gar von den Empfängern?

US Zeitungen: Bezahlte Links sind grün und gefährlich

bezahlter link la times mia2Nach der Chicago Tribune verkauft jetzt auch die LA Times bezahlte Links. Die sind grün gekennzeichnet – und gefährlich für die Glaubwürdigkeit.

Redaktionelle Seiten sind begehrt – hier ist die Aufmerksamkeit der Lesenden grösser. Medien verkaufen sie gerne, gegen einen Aufpreis und als «Publireportage» gekennzeichnet. Je härter die Zeiten, desto höher die Bereitschaft, sich zu verkaufen. Das letzte Jahr hat auch in der Schweiz immer mehr Werbung gebracht, die sich als Artikel verkleidet – von der gekauften Titelseite bis hin zu Beilagen im Stil der ausgewählten Zeitung.

Links zu kaufen bei LA Times und Chicago Tribune
Einen nächsten Schritt gehen die führenden US-Tageszeitungen in Chicago und Los Angeles. Die Times startete letzte Woche ein Pilotprogramm, in Zusammenarbeit mit der Tribune. Ein internes Memo (siehe zweiter Teil, veröffentlicht im Blogpost von LA Observed) kündigt an, dass «ein E-Commerce Produzent der Chicago Tribune» Links zum TicketNetwork und Amazon in die Artikel einsetzen werde. Grüne Links würde dabei nie über bestehende blaue (redaktionelle) Links gesetzt. Und Redaktoren könnten reklamieren, wenn sie etwas gegen eine nachträglich gesetzte Verknüpfung hätten. Wenn man lange genug auf dem Link verweilt, wird die Meldung «Click to shop» sichtbar:

bezahlte links la times mia text ausschnitt

In Ordnung – und doch seltsam
Kolumnen und News würden im Pilotprogramm von Werbelinks verschont, sagt das Memo. Der Amazon-Link im oben als Ausschnitt gezeigten Beitrag über die Musikerin M.I.A. stört nicht,  er ist eine Dienstleistung. Dass er grün dargestellt ist, zeigt, dass die LA Times bei einem Kauf Geld bekommt von Amazon. Das ist völlig in Ordnung, lesefreundlich markiert, am Ende der Seite erklärt.

Die Unsicherheit beginnt bei der Anzahl von Links. Werden mehr gesetzt, als leserfreundlich sinnvoll erscheinen, damit mehr Umsatz erreicht wird? Ein Besuch auf der Chicago Tribune zeigt viel mehr Amazon-Links, wie bei diesem Beitrag fehlt am Ende der Seite der Hinweis auf die Bedeutung der grünen Links, die LA Times hält sich daran.

bezahlte links la times disclaimer text

Geradezu weh tut der Satz, dass «die Redaktion in keiner Art und Weise mit den grünen Links zu tun habe». Da gibt es also Stellen in einem von Journalisten gezeichneten Beitrag, mit denen sie nichts zu tun haben?

Alles im grünen Bereich?
Die schleichende Unterwanderung der journalistischen Unabhängigkeit wird zu einem weiteren Verfall der Glaubwürdigkeit von klassischen Medienmarken führen. Dabei hilft es auch nichts, wenn «nur» die Blogbeiträge mit bezahlten Links gespickt werden. Blogs tragen genauso zur Reputation einer Zeitungsmarke bei wie die Online- oder Printseiten der Wirtschaftsredaktion. Und diese Reputation wird darüber entscheiden, ob Konsumenten bereit sind, für Inhalte zu bezahlen.

Wenn die Zeitung redaktionelle Artikel mit teilweise gekauften Links verkauft, dann sind Leserinnen und Leser verunsichert. Dasselbe gilt für Publireportagen ohne klare Kennzeichnung. Oder wenn sie sich zu nahe am redaktionellen Erscheinungsbild als Artikel einschleichen wollen.

Die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion verschwinden. Und damit die Lust, für eine Leistung zu bezahlen, die nicht mehr geboten wird: Unabhängiges Zusammenstellen von Inhalten.

Marcel Bernet | 26.03.2010 | Medien

Blick im Newsroom: Schön, schnell, hierarchisch

blick newsroom wallGestern Abend lud der ZPV zu einer Besichtigung des neuen Blick-Newsrooms. Schön ist er geworden, Journalismus wird noch schneller und bleibt hierarchisch.

Edi Estermann, Projektleiter des dreijährigen Unterfangens für 15 Millionen Franken, führte eloquent und offen durch die Idee und den Raum selbst. Leider war dann abends um 1830 Uhr nicht mehr ganz so viel los – hier arbeiten 200 Mitarbeitende von 0600 bis 0030 Uhr für Blick, Blick am Abend, Sonntagsblick, Blick Online.

Schön – aber verschachtelt
10 Millionen der Investition gingen in den Umbau des Gebäudes – Edi Estermann zitiert Michael Ringier: «Journalismus gehört in die Stadt». Deshalb habe man nicht im Hagenholz gebaut, wo Ringier TV sitzt, sondern im teuren Zentrum. Man merkts: Aus Platzgründen sitzen nicht alle 200 auf derselben Etage, sondern auf zwei Stockwerken. Die Räume sind sehr schön gestaltet, die riesige Monitorwand im Zentrum ist ein Blickfang und auch für Führungen ist man bestens eingerichtet.

blick newsroom zentrum

Schnell – weniger Textübergaben, weniger Abteilungen
Viel Zeit hat Ringier in die Analyse und Optimierung der Abläufe investiert. Texte wurden im Schnitt über elf Stationen gereicht, bis sie publiziert werden konnten – heute liegt diese Zahl bei sechs. Früher gabs dabei sieben Korrekturmöglichkeiten, heute noch fünf. Um die täglichen Redaktionssitzugen am Stehpult in der Mitte des Schaltzentrums auf maximal eine Stunde zu drücken, müssen alle Themenvorschläge von den Ressorts vorher im Planungssystem erfasst werden. Edi Estermann: «Die Eingaben werden vorher gelesen, pro Ressort gibts dann nur noch zehn Minuten Diskussion.»

Früher arbeitete einzig der Sport für alle Titel, jeder Blick hatte seine eigene Nachrichten-, Wirtschafts-, Politik-, Lifestyle- und People-Redaktion. Heute arbeiten alle Ressorts für alle Ausgaben. Einzig das Magazin des Sonntagsblick ist teilweise separat bestückt. «Die grosse Herausforderung liegt in der Abstimmung der Ressourcen, dem zeit-, themen- und lesergerechten Bespielen aller Blick-Ausgaben.»

Chefs müssen sein – stark inszeniert
Dieses Abstimmen verlangt Austausch und Führung. Dass die Redaktionssitzungen im Plenum und nicht mehr in einem geschlossenen Raum stattfinden, betrachtet Estermann als Fortschritt. Doch nur, wer ganz nahe sitzt, bekommt etwas mit von den «öffentlichen» Diskussionen. Und das sind die Ressortleiter auf den Arbeitsplätzen gleich rund um das zentrale Stehpult.

Fünf Chefs sind im Halbrund platziert, auf den einzigen schwarzen Tischen auch optisch abgehoben. Diese Inszenierung wirkt etwas aufgesetzt. Eine Leitung brauchts, sie gehört ins Zentrum. Und trotzdem wird hier etwas unterstrichen, was der Gesamtidee des Newsrooms irgendwie widerspricht. Aber vielleicht schwingt hier nur der Neid des externen Betrachters mit, der wohl auch am liebsten an dieser Banane sitzen würde.

Marcel Bernet | 19.03.2010 | Medien

Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung

qualitätsjournalistEine US-amerikanische Analyse des Medienjahrs 2009 zeigt den drastischen Rückgang von Inseraten, Auflagen und Arbeitsplätzen. Diese Tendenz setzt sich 2010 fort. Wohin das alles führt, weiss  niemand genau – drei Bewegungsrichtungen sind klar.

Das Pew Research Center bietet eine vorbildliche Sammlung von Daten rund um Medien und Journalismus – in einer Qualität, die auch für die Schweiz wünschenswert ist. Das Zentrum bezeichnet sich auf der Website als «überparteilicher Fakten-Tank», getragen von den gemeinnützigen Pew Charitable Trusts. Über die jährliche Studie «State of the News Media» hat der bernetblog schon anfangs 2009 berichtet: «Wo versteckt sich die Rendite?» bleibt auch in der Studie 2010 Kernthema. Die wichtigsten Daten von 2009 samt den Trends, wie sie durchaus auch für Europa und die Schweiz gelten:

1. Das Geld geht aus
Die Zahlen sind dramatisch: US-Zeitungen haben 2009 in Online und Print zusammen 26 Prozent Werbeumsatz verloren. Der kumulierte Rückgang der letzten drei Jahre liegt damit bei 43 Prozent. Immer noch kommen 90 Prozent der Zeitungseinnahmen aus dem Printbereich. Einzig das Kabelfernsehen konnte im letzten Jahr ein minimales Umsatzplus verzeichnen:

pewresearch change in ad revenue by medium 08-09

Im Vergleich dazu liegen Schweizer Zahlen nur für Print vor. Die Erhebungen von Schweizer Presse/VSW/Wemf zeigen für 2009 2010 [Korrigenda: Das ist ja nur ein Monat kumuliert - die 2009er Zahlen besorge ich für einen nächsten Artikel] ein kumuliertes Minus von 17 Prozent für Print, mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen nach Titeln, Regionen und Art der Inserate. Dieser Auszug ist der Wemf-Januarstatistik (PDF-Link) entnommen:

wemf inseratestatistik januar 2010

Es geht uns also noch deutlich besser als den Verlagskollegen in den USA – trotzdem steckt in diesem Fazit der Autoren die Wahrheit auch für Europa: «Die Industrie muss ein neues Geschäftsmodell finden, bevor das Geld ganz zu Ende geht.»

2. Mehr Plattformen, weniger Aufmerksamkeit
Diesbezüglich ist die Entwicklung in den USA ein ganzes Stück weiter – und wird uns Europäern mit den vielen sprachregionalen Abgrenzungen und den kleinräumigeren Märkten immer voraus bleiben. Immer mehr nicht-klassische-Verleger drängen mit Inhalten aufs Web. Auf einer Seite des Spektrums stehen mitschreibende User mit privaten oder politischen Interessen, früher nur als «Leserin und Leser» bekannt. Auf der anderen buhlen journalistisch ausgerichtete Plattformen wie Politico, Huffington Post, ProPublica, Kaiser Health News oder Global Post um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Irgendwo dazwischen stehen Aggregatoren von Yahoo über MSN bis GoogleNews.

Da weiss der geneigte Leser nicht mehr, wohin gucken. Von der beschränkten Zeit wird überall ein bisschen weniger verteilt, niemand mehr hat einen einzigen bevorzugten News-Kanal – siehe dazu auch den Beitrag «Newskonsum: Internet rückt vor». Das drückt auf die Anzeigenpreise und die Auflagen – dazu eine letzte schlimme Kurve zu Tages- und Sonntagszeitungen in den USA:

pewresearch newspaper circulation 03-09

3. Mehr Meinung, mehr Sofortberichte
Die Pew-Studie zeigt auf, dass der Mehrinhalt auf diesen Plattformen vor allem mehr Meinung bringt. Original recherchierte Artikel kommen immer noch in erster Linie aus den Online-Angeboten der traditionellen Verlage. «Unsere langfristige Auswertung von mehr als einer Million Blogs und Social Media Seiten zeigt zum Beispiel das 80 Prozent der dortigen Links auf die Online-Seiten klassischer Medienhäuser führen.» Meinung verdrängt die Recherche, bezieht sich aber gleichzeitig gerne auf die inhaltlichen Vorleistungen.

Ebenso bedrängt wird die Recherche vom Echtzeit-Rausch der Absender und Empfänger. Jedes Medium will die News zuerst im Web haben, da bleibt keine Zeit für Rückfragen. Flatterhafte News-Empfänger wechseln ihre Favoriten, wenn der Bericht über eine Unternehmensfusion auf der einen Plattform zuerst steht. Zu recht sieht Pew als Folge immer mehr Instant-News, die unreflektiert aus PR-Quellen oder Social Media Diskussionen übernommen werden.

Die «Alten» sind noch die Grössten – wie weiter?
Alle diese Beobachtungen blicken auf einen vorbei ziehenden Lavastrom. Noch ist er keineswegs erkaltet. Er zerstört lieb gewordene Denkmuster, Geschäftsmodelle und journalistische Praktiken. Das Neue, das aus dieser Zerstörung wachsen wird, erscheint ungewiss bezüglich Finanzierung und Akzeptanz. Interessant ist, dass bei aller Aufmerksamkeit für das Neue die klassischen Medienanbieter immer noch eine herausragende Rolle spielen: 67 Prozent der meistbesuchten News-Seiten gehören «alten» Verlegern.

Die Zeit läuft aus, das Geld wird knapp. Gespart und rationalisiert wird in der Produktion von Inhalten. Journalismus wird schneller, meinungsorientierter und in vielen Fällen unreflektierter, näher an den Newsquellen aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Tagesgeschehen. Es macht wenig Sinn, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. In der Grundrichtung wird sie sich durchsetzen.

Nischen für Qualität und mehr Kooperation
Verleger tun gut daran, Gefässe für Recherche und Reflektion weiterhin zu pflegen – in Nischen werden diese Inhalte sehr gefragt sein und sie werden als Orientierungs-Leuchtfeuer dienen. Denn der Newskonsument von morgen wird noch überforderter sein in seiner Quellenwahl als er es heute ist. Sprunghaft wird er trotzdem bleiben. Von eminenter Bedeutung ist die Zusammenarbeit der Verleger in allen Bereichen, die über den Redaktionsraum hinausreichen. Das verlangt ein schmerzhaftes Umdenken. In diese Richtung weisen das E-Reader-Projekt von Swisscom, NZZ, Ringier, tamedia und Orell Füssli oder die im Aufbau befindliche Online-Bezahlplattform Journalism Online in den USA.

Dieser Artikel erschien auch auf NZZ Online / Extrablog.

Social Media unterstützt die Recherche

@zeichen_schreibmaschJournalistinnen und Journalisten nutzen Blogs, Twitter und Facebook intensiv als Quelle – mit höherer Anforderung an die Überprüfung.

Schon 2009 hat die Bernet/IAM-Studie «Journalisten im Internet» (alle bernetblog-Artikel zur Studie, samt Grafiken) eine hohe Akzeptanz von Social Media bei Schweizer Medienschaffenden gezeigt. Letzte Woche veröffentlichten der globale PR-Dienstleister Cision und die George Washington University eine neue Studie (Medienmitteilung deutsch, Website GWU englisch).

Social Media als Quelle etabliert – bei tiefer Glaubwürdigkeit
Der Fachbereich Strategic PR der George Washington Universität GWU sandte im Herbst 2009 Fragebogen an 9100 Medienschaffende, ein Rücklauf wird nicht angegeben. 89 Prozent geben an, Blogs für Recherchen zu nutzen, 65 Prozent nutzen dazu Soziale Netzwerke wie Facebook und LinkedIn, 52 Prozent verfolgen Microblogging-Dienste wie Twitter und 61 Prozent setzen auf Wikipedia.

Damit ist klar: Social Media haben sich als wichtige Quelle für Recherchen etabliert. Was auch nicht weiter erstaunlich ist bei dem riesigen Angebot an Informationen, die sich an diesen neuen Web-Lagerfeuern sammeln. Glauben kann man aber nicht gleich alles, was hier herumgereicht wird – zumindest geben die befragten Journalistinnen und Journalisten zu 84 Prozent an, dass Social Media-Quellen «wenig» oder «viel weniger» glaubwürdig sind als traditionelle Medien.

Vergleich Schweiz: Trend ist klar
Die US-amerikanischen Zahlen liegen bis auf die Nutzung von Wikipedia wesentlich höher als in unserer repräsentativen Studie von 2009 – hier der Vergleich:

socialmedia_journalisten_usa_ch

Gerade im Bereich Blogging bietet sich hierzulande auch wesentlich weniger Inhalt als in den USA. Hinzu kommt, dass unsere Befragung (Gratis-Download) nicht einfach die Nutzung abfragt, sondern die Wertigkeit: Ausgewiesen ist nur der Anteil der Medienschaffenden, die zum Beispiel Blogs als «wichtig» oder «sehr wichtig» für ihre Arbeit bezeichnen. Auch mit dieser engeren Auslegung nutzen die Schweizer Wikipedia leicht stärker, dafür war Twitter Mitte 2009 journalistisch unbedeutend bei uns.

Social Media nicht nur als Quelle
Dass Social Media nicht nur für die Recherche ein absolutes Muss ist, zeigt der neue Chef von BBC World News: In einem internen Memo fordert Peter Horrocks den Einsatz für Recherche, die interne Zusammenarbeit und die Verbreitung der Inhalte. Und zwar ultimativ: «Wer es nicht mag oder wer denkt, dass diese Veränderung oder diese neue Arbeitsweise für ihn zu gross sei, der soll gehen und etwas anderes tun…» Mehr dazu im Beitrag «BBC sagt: Social Media muss sein».

Alle bernetblog-Artikel zur Studie
«Journalisten im Internet» mit Grafiken und Tipps

Link
Alle bernetblog-Beiträge zu Facebook-Zahlen

Marcel Bernet | 02.02.2010 | Medien

Ich poste – also bin ich: Schöne neue Medienwelt

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblogRekordbeteiligung am Gipfeltreffen von Medien- und PR-Schaffenden. Die Paneldiskussion brachte wenig Erhellendes. Interessant war das Plädoyer für bezahlschrankenfreie Qualität des Spiegels.

Setting und Titel erinnerten an die Dreikönigstagung der Schweizer Verleger (Bericht vom 6. Januar). Und das Thema «Schöne neue Medienwelt – ratlose Branche» zieht – mit rund 400 Teilnehmenden war das Auditorium Maximum rekordvoll. Mathias Müller von Blumencron war acht Jahre lang Chef von Spiegel Online und ist seit 2008 Co-Chefredaktor der gedruckten Ausgabe. Hier die wichtigsten Passagen aus seinem Eingangsreferat. Alle Teilnehmenden des anschliessenden Podiums sind auf der ZPRG-Seite gelistet.

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblog

PR-Branche in der Steinzeit
Den wohl relevantesten Bezug zur stark vertretenen PR-Branche brachte Moderator Reto Lipp in der Anmoderation:  «Wenn ich heute noch gewisse Communiqués lese – dann frage ich mich schon, ob die PR-Branche ein bisschen in der Steinzeit verweilt.» Ratlos sind zuweilen nicht nur die Verlage. Aber näher diskutiert wurde dieses heisse Thema dann doch nicht. A propos Steinzeit: Mathias Müller von Blumencron erinnerte an eine zentrale Forderung des damaligen Online-Projektleiters beim Spiegel, formuliert Mitte der Neunziger Jahre: «Ich bestehe auf wöchentlichen Updates». Das waren noch Zeiten.

Es läuft nicht so, wie die Verlage wollen
Der Spiegel-Chef ist überzeugt, dass wir trotz der grossen Umwälzungen der letzten drei Jahre erst am Anfang stehen. «Jetzt haben wir uns 15 Jahre Online abgerackert, haben hohe Reichweiten, machen 20 Millionen Gewinn mit Spiegel Online und einen mickrigen Gewinn. Doch mit der Printausgabe erreichen wir zehn mal soviel Umsatz und ein Vielfaches an Erfolg. Ist die digitale Welt nichts für uns Verlage?»

Qualitätsjournalismums habe eine Chance. Aber die Verlage müssten endlich aufgeben mit allen Versuchen, die Online-Welt ihren Bedürfnissen anzupassen: «Wir leben in einer Welt des ‘Ich poste, also bin ich.’ Die Welle schwillt an und ab. Mal ist sie furchtbar genial, mal total banal. Mal sind es intime Details, mal politische Ereignisse. Dieses gewaltige Gemurmel droht, uns Verleger ein Stückchen mehr an den Rand zu drücken. Bestehen können wir nur dann, wenn wir Bestandteil dieser digitalen Welt bleiben.»

Relevant sein heisst: findbar sein
Bei aller Diskussion um Google plädiert der deutsche Chefredaktor mit Schweizer Wurzeln resolut gegen Bezahlambitionen der Verlage. Der Spiegel löst das Problem durch ein Spiel zwischen täglich aktueller Online-Plattform und wöchentlichem Druckmagazin. Die Titelgeschichten sind Online nur gegen Micropayments verfügbar, nach drei Wochen kommen sie dann kostenlos ins Archiv. «Um relevant zu sein, müssen wir findbar sein.»

Für die nahe Zukunft sieht er drei Faktoren: Erstens werde das gedruckte Produkt Kern des Schaffens bleiben, nicht zu verschenken sondern eher noch teurer anzubieten. Zweitens würden immer mehr Leser mobil auf Inhalte zugreifen – und im mobilen Bereich seien Verrechnungsmöglichkeiten eher da, wenn auch zu minimalen Preisen. Drittens schliesslich erlebten wir eine «Explosion der Gerätschaften» mit neuen Möglichkeiten für die «kraftvolle und emotionale Platzierung von Inhalten, vor allem für Zeitschriften». Hier müssten die Verlage Ideen und Geld investieren in die neue Aufbereitung von Inhalten.

Guter Journalismus – mit weniger Rendite
Müller von Blumencron ist klar, dass er damit kein Patentrezept in der Hand hält für seine Branche, die weiterhin von grosser Unsicherheit geprägt sein wird. Nachdem sie «über Jahrzehnte so verdammt verwöhnt war. Die Traumrendite früherer Jahre ist dahin – guter Journalismus aber nicht.»

Marcel Bernet | 02.02.2010 | Medien

Die Macht der Einfachheit: Apple gegen alle?

jobs_ipadNur ein Sturm im Wasserglas? Oder waren es die überhörten Glocken einer Revolution? Apples neues iPad ist ein genialer Schachzug im Kampf um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Konsumenten.

Keine Angst: Dieser Beitrag bringt keine uneingeschränktes Lob, keine Was-noch-fehlt-Liste und keine Analyse von Apples Kommunikation. Nachdem sich die Wogen ein wenig geglättet haben, interessiert die Gesamtsicht: Was vollzieht sich mit diesem Endgerät und des damit verbundenen Ausbaus von iTunes und AppStore?

Geräte und Plattformen binden Kunden
«Closest to the consumer is the best place to be.» Auf diesen einfachen Nenner brachte UCLA-Professor Uday Karmakar das Thema Medienkonvergenz schon 2008, in einem Vortrag in Zürich. Heute sitzen die Konsumenten einen grossen Teil ihrer Arbeits- und Freizeit an Bildschirmen. In dieses Puzzle von Endgeräten fügt sich der iPad ein. Matchentscheidend ist die Anbindung dieses Endgeräts an eine Inhalts-Plattform – iTunes verzeichnet weltweit 140 Millionen Nutzer.

So einfach wie möglich
Mehrheiten wollen einfache Geräte und einfache, sichere Plattformen. Das iPad ist das im Moment wohl simpelste Endgerät – ohne Tastatur, ohne Multitasking, mit wenig Optionen. iTunes ist die im Moment einfachste Plattform für den gleichzeitigen Einkauf von Musik, Videos, Podcasts, Büchern und über den AppStore Programmen oder Spielen. Einfach heisst für die Mehrheit: Einfaches Bezahlmodell, nur einmal registrieren, sichere Inhalte, grosse Auswahl.

Ein weiteres Element der Einfachheit zeigt sich in dieses Schema: Tablets, Smartphones und TV-Konsolen können von verschiedensten Anbietern kommen – wer sich für Apple entscheidet, muss sich nur an ein System, einen Login, einen Backup «gewöhnen».

geraete_plattformen_bernetblog

Die Grenzen dieses einfachen, aber geschlossenen Systems zeigen sich bei MobileMe und Möglichkeiten für den sozialen Austausch. Bei den mobilen Datenspeichern ist die Konkurrenz der kostenlosen Möglichkeiten gross. Und Soziale Netzwerke wie Facebook werden klar bevorzugt – weltweit waren dort am 1. Dezember 350 Millionen User registriert. Die Macht der Einfachheit zeigt sich auch bei Facebook: Je grösser eine Plattform ist, desto einfacher wird es für die Benutzer, mit einem Login Kontakte zu erreichen und sich dabei an die Eigenheiten eines Systems zu gewöhnen.

Der Preis der Einfachheit
Die Masse will ein einfaches System. Das führt in der Regel zu einem Standard. Siehe Microsoft für Betriebssysteme, Google für Suchresultate, Kleenex für Taschentücher. Wird Apple zum Standard für Endgeräte und Inhalts-Plattformen? Der Preis, den wir für die von Apple etablierte Einfachheit bezahlen, liegt in der geschlossenen Plattform. Es ist ein Eintrittspreis, den Konsumenten für die Einfachheit bezahlen – und dafür gewisse Austausch-Einschränkungen in Kauf nehmen. Auf der anderen Seite stehen Inhaltslieferanten wie Verlage, Musikproduzenten oder Programmierer Schlange. Sie entrichten gerne 30 Prozent ihrer Verkaufseinnahmen als Obolus an Apple, um damit Zugang zu den Käufern zu erhalten.

Das Spiel läuft. Das iPad wird dabei in der genialen Integration mit allen anderen Apple-Geräten und -Plattformen eine wichtige Rolle spielen. Gerätehersteller, Web-Anbieter und Inhaltslieferanten werden sich weiterhin um den Kuchen streiten. Bei diesem Spiel sitzen die klassischen Inhaltslieferanten leider etwas in der zweiten Reihe. Die grossen Spieler im inneren Zirkel werden versuchen, möglichst alle Felder von Gerät bis Plattform zu kontrollieren.

Medienkonvergenz – Uday Kamarkar (Juni 2008)
Die Zukunft des Online-Journalismus (Oktober 2009)

Marcel Bernet | 15.12.2009 | Medien

LeWeb: CNN schreibt Steno

Barry schreibt StenoVon der 1558 entwickelten Kurzschrift zum journalistisch gemachten Online-Beitrag: Barry Neild von CNN schlägt in der Not eine interessante Brücke.

Ich unterhielt mich mit Katrin Weber, Deutsche Telekom, und Christian Leumund, Starblogger aus der Schweiz, bei den Lunch-Häppchen, als Barry Neild, Digital Producer bei  CNN Online uns interviewte. In guter alter journalistischer Manier machte er sich Notizen – in Stenografie. Interessanterweise beschreibt Wikipedia diese 1558 in der heutigen Form entwickelte Kurzschrift als «geeignet, um Ideen in Echtzeit zu notieren». Was ja perfekt zum Anlass passt. Denn So schlägt Barry eine Brücke vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart.

In seinem Beitrag «How paper and pen caused a stir at major Web event» erklärt Barry, dass er notgedrungen zu dieser Technik griff. Denn sein Blackberry sei zu alt, der Computer zu langsam, die Kamera unbrauchbar und das Dictaphone «mürrisch». Mir hat er Eindruck gemacht – denn schlussendlich geht es im Journalismus genau darum: Schnell sein, unabhängig von der Technik, sich Notizen machen und dann reflektieren, schreiben.

Was bei den 25′000 Tweets wohl weniger der Fall war…

Marcel Bernet | 06.10.2009 | Medien

Die Zukunft des Online-Journalismus: Vorwiegend gratis

stacheldrahtDas neue Mantra der Zeitungsverleger heisst: Schluss mit Gratis. Sonst sei bald Schluss mit Journalismus. Wer hat Gratis erfunden? Wohin führen Bezahlmauern?

Das böse Internet bringt Dinge kostenlos ins Haus, für die man früher bezahlt hat. Und erst noch viel besser sortiert als früher – aber mehr darüber am Schluss dieses Beitrags. Der Winkelried des Bezahl-Webs heisst Rupert Murdoch. Im August 2009 hat der Medienmogul die Einführung von Bezahlmodellen für seine Online-Besitztümer angekündigt; seither getrauen sich viele Verleger wieder, ins selbe Horn zu tuten. Gerade wieder am letzten Freitag John Riding, Chef der Financial Times, im Guardian: «Bezahlte Inhalte sind die einzige Rettung für den Journalismus». Ich behaupte: Wer anfängt mit Bezahlmodellen, stürzt sich selbst ins Aus.

Qualität kostet. Wieso gibt es Gratiszeitungen?
Qualität kommt von Qual, meint Wolf Schneider, deutscher Vorbildjournalist und Buchautor. Er bezog sich damit auf die Herausforderungen des Schreibens und Redigierens. Zu diesen Kosten gesellen sich die Mieten der meist sehr zentral gelegenen Verlagshäuser, Administration, Marketing, Technik, Druckmaschinen, Distribution. Zeitungen sind sehr teuer. Deshalb gibt es auch wenige, kapitalkräftige Verleger. Und weil Zeitungen so teuer sind (stimmt, das ist eine hämische Einleitung), haben die Verleger die Gratiszeitung erfunden. Die gibts seit 1995, da war das Gratis-Internet noch keine Zeitungsbedrohung.

Gratis gibt man immer dann etwas weg, wenn man damit auf andere Art und Weise mehr Geld machen kann. Im Falle der Gratiszeitungen sind es die Werbekunden, die nach Auflage bezahlen. Und damit in der Schweiz 20Minuten zu einer Geldmaschine gemacht haben. Andere haben mit dieser Idee hohe Verluste eingefahren. Im Detail auch zu lesen bei Kurt W. Zimmermann, ex-Chefredaktor grosser Schweizer Medien, heute Südtiroler Verleger, Verlagsberater, Kolumnist – und Autor von «War’s das?» im lesenswerten neuen NZZ-Folio (wo noch alle Inhalte Online verfügbar sind, siehe dazu auch Interview mit Folio-Chefredaktor Daniel Weber).

Spiegel Online schreibt gratis schwarze Zahlen
Wenn ein Verleger mit Gratis mehr Leser erreicht, dann kann er mehr für die Werbung verlangen. Das gilt auch im Web. Deshalb schreibt Spiegel Online seit 2005 einen Gewinn. Und Chefredaktor Rüdiger Ditz mag in einem SonntagsZeitungs-Interview vom 30. August auf keinen Fall der Vorreiter für bezahlte Inhalte sein. Ob er die Gebührenpflicht bei Spiegel-Online noch erleben werde? «Für den gesamten Auftritt? Nein, das glaube ich nicht.» Für bestimmte Applikationen schon, so kostet der Zugang zur E-Paper-Ausgabe schon heute.

Rund die Hälfte der Leser dank Google
Das erwähnte SonntagsZeitungs-Interview ist nur über das bezahlte Archiv zugänglich. Deshalb ist das Original hier nicht verlinkt. Und das führt zu einer Problematik, welche die ganze Gratis-Web-Geschichte wesentlich verschärft. Denn dieses Interview ist im Netz nicht auffindbar, keine Suchmaschine wird je einen Leser dorthin führen. Und damit nicht den Traffic auf SonntagsZeitung.ch erhöhen. Und dadurch die Werbe-Einnahmen des Verlegers nicht erhöhen, seine Reputation für interessante Inhalte nicht stärken. Am meisten schmerzen wird das erste «nicht». Google ist schon heute eine der wichtigsten Traffic-Quellen für Online-Medien. Schon im August 2008 schrieb meedia.de: «Bei Focus Online liegt die Zahl der User, die über Google kommen, derzeit schon bei 45 Prozent, Tendenz steigend.» Wollen Sie wirklich einen Zaun um Ihre Online-Inhalte bauen, Herr Burda? Ankündigen tut ers seit 2002, wie dieser (offen zugängliche) Handelsblatt-Artikel zeigt.

Drei neue Spielgregeln des Web
Vergessen wir kurz, dass die Verleger selbst im Printbereich zu den Erfindern von Gratis zählen. Online-Inhalte bringen schwierige neue Dimensionen ins Spiel:

1. Jeder kann mitmachen: Die Eintrittshürden liegen tief – die Produktion ist günstig, die Distribution kostenlos. Es braucht nur noch Grips fürs Schreiben. Klar, man kann auch abschreiben.

2. Alle Inhalte sind sichtbar: Plötzlich wird sehr transparent, dass wir nichts anderes als eine Inhalts-Überkapazität haben. Es werden viel zu viele Inhalte hergestellt und im Markt angeboten. Bei so viel Angebot ist das Finden noch offener Spezialisierungs-Nischen eine riesige Herausforderung. Und man kann nicht mit einem Preis in einen derartigen Markt einsteigen. Wie sagt sogar John Riding in seinem Guardian-Interview, welches mit dem Ende des Journalismus durch Gratis-Inhalte droht? «The FT luxury magazine ‘How to Spend It’ will launch online this weekend, but there will be no charge while it builds critical mass.»

3. Inhalte sind suchbar, sortierbar, abonnierbar, aggregierbar: Ausser man versteckt sie hinter Bezahlmauern. Das eröffnet neue Möglichkeiten fürs leserorientierte Zusammenstellen von Inhalten.

Das Meiste bleibt gratis, wo sind die Extras?
Meine Prognose: Wir werden weiterhin einen Überfluss an Online-Inhalten haben, mit hoher Qualität. Die Konsumenten werden nur bereit sein, für Extraleistungen zu bezahlen. Soche Extras sind benutzerdefinierte Zusammenstellungen, mobiler Zugriff, automatische Meldungen. Hier öffnen sich mit der weiteren Entwicklung von intelligenten, mobilen Endgeräten neue Chancen. Bezüglich leserfreundlicher Zusammenstellung geht Google mit FastFlip voran. Dieser Service bringt Inhalte verschiedener Quellen auf den Bildschirm oder aufs iPhone – wobei dort der Bildschirm aus meiner Sicht noch zu klein ist. Ich habe mir eine Suche nach «Public Relations» eingerichtet. Wenn ich auf diese Startseite gehe, erhalte ich die aktuellsten Beiträge aus amerikanischen Magazinen oder Zeitungen in übersichtlicher Form. Interessanterweise hat Google den beteiligten Verlegern erstmals ein Bezahlmodell für die derart aggregierten Inhalte vorgeschlagen.

Bezahlmauern sind Selbstmord
Diese Extraleistungen dürfen aber nicht dazu führen, dass Inhalte für Suchmaschinen versteckt bleiben. Mit diesem Stacheldraht schaufeln die Verleger weiter an ihrem eigenen Grab. Mögen Sie dieses Mantra noch hören? Bezahlt, sonst nehmen wir Euch den Journalismus! (Und bitte nehmen Sie noch einen Blick am Abend.)

Zusammenstellung von Standpunkten schon im August im medienspiegel
Interessanter Aufsatz zum Wert von Inhalten «The Price of Freedom»

Weiterführende Artikel bei bernetblog:
Glaubwürdigkeit und Rendite-Modelle amerikanischer Medien

Interessantes Beispiel einer regionalen Online-Zeitung in Graubünden

Newsablauf Online bis Print: Lieber schnell als richtig?

Bundesratswahl live auf dem iPhone: TA schlägt SF

IMG_0292Heute morgen sitzt die Schweiz vor dem TV, Computer – oder iPhone. Der Tages-Anzeiger bringt Video aufs iPhone, das Schweizer Fernsehen (noch) nicht.

Schon gestern abend dachte ich: Ideal wäre doch mobiles Live-Zuschauen beim Champions-League Duell FCZ – Real Madrid. Auf das Lesen von dauernd eingefütterten Text-Meldungen hatte ich keine Lust; die bisher am meisten verbreitete Live-Berichterstattung fürs iPhone.

Heute morgen spielt mir die iPhone-Applikation des Tages-Anzeigers eine aktuelle Meldung und einen Link zu. Sie haben es fertig gebracht, mit einigen technischen Kniffs das Signal von TeleZüri live einzuspielen. Wer die App installiert hat, kann dem ersten Link auf der Einstiegsseite folgen.

kombi_bild

Beim Schweizer Fernsehen begrüsst mich eine gut gemachte mobile News-Seite. Erst auf der normalen Website ist der Link zum Live-Stream zu finden – der dann tot ist. Apples Flash-Sperre sei dank.

Ich guck dann trotzdem nicht hin. Und lasse mich vom Endresultat überraschen. Wie gestern abend beim Tschutten.

Reisejournalismus und Publireportagen: Konzept entscheidet

podium_stwGestern abend haben sich Medien- und PR-Profis über die Zukunft des Reisejournalismus ausgetauscht. Hier meine persönliche Kurzfassung des sehr gut besuchten STW-Podiums, samt Videoausschnitt.

Bin ich wirklich hochkarätig? Wie fühlt sich das an? Nun, die Rekordbeteiligung mit rund 70 Teilnehmenden aus der Medien-, Kommunikations- und Reisebranche spricht dafür, dass die Ankündigung eines «hochkarätigen Podiums» beim Publikum angekommen ist. Ich durfte den lebendigen Austausch mitgestalten. Eingeladen hat der Swiss Travel Writers & Tourism Journalists Club – oder einfacher STW.

Der Reisebund bleibt in der SonntagsZeitung
Christoph Ammann, langjähriger Leiter der Reiseredaktion der SoZ und sehr erfahrener Reisejournalist, ist erleichtert: Letzte Woche hat er von der Verlagsleitung die Mitteilung erhalten, dass der Reisebund erhalten bleibt, trotz Bundreduktion von neun auf acht. Als Leiter des Zeitschriftenbereichs bei Ringier sieht auch Urs Heller eine weiterhin bestehende Nachfrage nach Reise-Seiten: «Journalistische Produkte haben dort Erfolg, wo sie ein Lesebedürfnis und gleichzeitig ein Werbebedürfnis treffen. Wer nur auf eine der beiden Seiten setzt, muss floppen.»

Weniger Inserate, mehr Publireportagen
Hochkarätig wird man, so fiel mir ein, wohl erst durchs Alter. Und weil wir fünf so erfahrene Profis sind, schwelgte das Podium kurz in der Erinnerung an tolle Zeiten. Als sich die grossen Reiseanbieter um die Inserate rissen, die Budgets gross waren und noch kein Geld ins Web floss. Heute werden Reise-Seiten immer rarer, die Honorare für freie Autoren immer tiefer.

Um doch noch Werbe-Etats anzuziehen, setzen Verlage verstärkt auf Publireportagen. Und um ihre Zielgruppen in der Flut von Inhalten und Inseraten doch noch zu erreichen, schalten Auftraggeber lieber Publireportagen als Inserate. Diesen Sonntag erscheint in der SonntagsZeitung eine Reise-Beilage mit lauter gekauften Beiträgen. Christoph Ammann sollte dazu ein Editorial schreiben, man hat dann aber darauf verzichtet – er sieht diese Beilage als klar abgegrenztes, kommerzielles Projekt. Und weiss nicht einmal, welche Artikel dort erscheinen werden. Dazu dieses Video:

Publireportagen müssen journalistisch sein
Urs Heller bringt im obigen Video-Ausschnitt seine Sicht der Publireportagen auf den Punkt: Sie müssen spannend sein. Und gut geschrieben, von Journalistinnen oder Journalisten. Gemacht werden sie, weil sie Geld bringen.

Ich persönlich lese bezahlte Artikel immer mit einer gewissen Zurückhaltung. Unseren Kunden empfehlen wir sie selten. Interessant finden wir gerade im Reisebereich die Möglichkeit der Publireportagen auf Online-Plattformen. Wo auch immer: Diese Zwitterform von Werbung und Journalismus muss klar gekennzeichnet sein. Damit weiss ich beim Lesen: Dieser Artikel ist nicht so unabhängig, wie es bei einem redaktionellen Beitrag zumindest möglich ist.

Fazit: Wenn Publireportagen, dann mit sehr guten Aufhängern, nie werberisch und bitteschön sogar mit kritischen Fragen. Und natürlich mit perfekter Service-Box, gerade für den Reisebereich ist das entscheidend, samt allen Online-Links.

Die Zukunft: Qualität ist auch eine Frage des Konzepts
Gibt es in zehn Jahren noch reine Reise-Journalist/innen? Ich glaube nein. Ein guter Reisejournalist ist wohl schon heute auch ein wenig ein Foodjournalist, ein Kulturjournalist, eine Lifestyle-Kennerin. Und weil die Printseiten in den nächsten zehn Jahren weiter schwinden, schwindet auch der Platz für die Spezialisierung auf Reisethemen.

Schade, dass der Reiseteil in vielen Zeitungen und erst recht in den Online-Medienauftritten oft konzeptlos daher kommt. Mal gibt es eine Seite, mal keine. Mal ist sie irgendwo hinten versteckt, mal ganz woanders. In den Online-Auftritten schlummert Reisen unter Lifestyle, Magazin oder anderen nicht transparenten Kapitel-Stichworten.

Als Reisender, Leser, PR-Berater wünsche ich mir Reise-Seiten mit Konzept und Kontinuität. Damit ich mich darauf verlassen kann. Angepasst auf die Budgetmöglichkeiten und Zielsetzungen eines Mediums. Aber die Beliebigkeit, mit der hier und dort ein wenig gespart wird, schadet auch den Verlagen selbst.

Reisen bleibt ein Megathema, eine Wachstumsbranche. Mit guten Konzepten sind Leser und auch Werbetreibende zu gewinnen.

Journalisten im Internet: Was Google nicht findet, gibts nicht

zeichen_schreibmasch1Was Medienschaffende auf Google nicht finden, das gelangt kaum in einen Artikel. Das beweisen drei Grafiken zur Internet-Verwendung im journalistischen Alltag.

Im Juli haben wir die Resultate der dritten Bernet_PR/IAM-Studie «Journalisten im Internet» veröffentlicht (PDF-Download Vollversion, Kurzfassung Newsletter). Für uns PR-Profis lohnt es sich, die folgenden Schlüssel-Grafiken mit auf den Weg zu nehmen. Und daraus Schlüsse bezüglich Online-Medienarbeit zu ziehen.

Internet: Von Platz sechs an die Spitze
Wer erinnert sich ans Internet vor sieben Jahren? 2002 zeigte die Frage nach den wichtigsten Hilfsmitteln Internet und E-Mail erst auf Platz sechs und sieben, weit hinter den bislang bekannten Werkzeugen, vor den elektronischen Medien und dem damals noch vorhandenen Zeitungsarchiv:

journ_internet_2002_hilfsmittel(Bernet PR/ZHW Studie 2002 «Journalisten im Internet»)

Der Vormarsch des Internet liess auch im journalistischen Alltag nicht auf sich warten – 2006 hatte es sich bereits an die dritte Stelle vorgekämpft. Und 2009 stehen die Online-Tools an der Spitze der eingesetzten Hilfsmittel, im eng beieinander liegenden Spitzentrio Web / Tageszeitung / Gespräch:

journ_internet_2009_hilfsmittel

Suchmaschinen: Heissgeliebt
Wie oft tippen Sie eine Internet-Adresse ins Adressfeld und suchen dann dort die Inhalte? Und wie oft tippen Sie das Gesuchte gleich ins Suchmaschinen-Feld des Browsers oder einer Startseite? Medienschaffende verhalten sich wie Sie und ich. Deshalb gelten Suchmaschinen als wichtigstes Internet-Angebot, mit E-Mail:

journ_internet_09_angebote

Sie haben es vermutet: 99.8 Prozent der Befragten geben Google.ch als Suchmaschine ihrer Wahl an, 27.3 Prozent der Mehrfachnennungen ergattert Search.ch, weit abgefallen folgen Yahoo mit 8.2, Altavista mit 6.1 und eine Vielzahl von Nennungen mit insgesamt 1.5 Prozent.

Was heisst das für Ihre Online-Medienarbeit? Acht Optimierungstipps bringt der nächste Beitrag.

Weitere Schlüsse und natürlich alle Detailgrafiken finden Sie in der Originalstudie. Oder in diesen Beiträgen:
Journalisten im Internet: E-Mail im Vormarsch
Journalisten im Internet: Studie präsentiert

Newsablauf Online bis Print: Übersicht

velorotschnellWo entstehen News? Wie verändert sich dieser Ablauf durch Online Medien und Soziale Netzwerke. Versuch einer Übersicht, Version 2.

Mitten in den Recherchen für eine neue Twitter-Checklist (im September kommt sie raus, wer dann eine Mail-Benachrichtigung will, in der rechten Blogspalte voranmelden) wollte ich diese Grafik anpassen. Das erstemal war sie zu sehen am Ende des Beitrags «Soziale Medien, die neuen Newslieferanten?».

bernetblog_socialmedia_news2

Das erste Foto auf Twitter
Sie ist der Versuch einer Übersicht, schematisch, vereinfacht: Wo entstehen News? Von der vielzitierten Landung im Hudson war zuerst auf Twitter zu lesen. Sofortnachrichten, von Handys abgesetzt, sind ideal für die schnelle Weiterverbreitung. Egal, ob das nun auf Twitter oder mit Facebook-Meldungen geschieht.

Lieber schnell als richtig
Und weils schnell geht, sind die beiden Dienste auch oberflächlich. Falschmeldungen gehören zur Realität. Lieber mal schnell was reinhauen und «dabei sein», als Inhalte zu überprüfen – dazu auch die Süddeutsche in «Gezwitscher ohne Fakten». Das gilt ganz besonders auch für die zahlreichen Re-Tweets und Weiterleitungen von Falschmeldungen.

Neu habe ich auf der Zeitachse die Online-Medien vor die Blogs gesetzt. Weil die hier zitierte Studie zum letzten US-Wahlkampf gezeigt hat, dass die Online-Medien in der Regel einen Zwei-Stunden-Vorsprung auf Weblogs hatten. Das wird so lange noch gelten, wie Online-Medien näher an den meisten offiziellen Informationsquellen sitzen. Und in fünf Jahren wird diese Unterscheidung wohl immer weniger gemacht: qualitativ gute Blogs setzen sich als Online-Medien durch, heissen nicht mehr Blogs.

Stirbt das Einordnen aus?
Online-Medien und Blogs stehen aufgrund des hohen Aktualitätsdrucks so halb zwischen oberflächlich und vertieft. Erstens können sie Informationen oft erst später gegenchecken und in der Regel bleibt keine Zeit für vertiefte Zusatzrecherchen. Ich weiss: Auch die Tages- und Wochenpresse steht unter Zeitdruck, Stellen werden gestrichen, die  Redaktorinnen auf unabhängiger Recherche sterben langsam aus. Trotzdem liegt ihre einzige Chance in der Zusatzinfo, dem ersten Interview vor Ort, einer besser gemachten Grafik, dem Einordnen des am Vortag online gelesenen.

Einspruch?

Marcel Bernet | 14.07.2009 | Medien

Klassische Medien schneller als Blogs

velorotschnellIm US-Wahlkampf haben die klassischen Medien die Blogs geschlagen – um 2.5 Stunden. Die Cornell University zeigt, wie Themen im Web entstehen.

Die New York Times hat die Untersuchung in einem Artikel verdichtet. Durchgeführt wurde die Studie vom Bereich Computer Science der Cornell University in Ithaca/NY. Anhand von einigen Kernaussagen aus dem Wahlkampf haben die Forscher untersucht, wie schnell sich Themen verbreiten. Dabei konnten sie sich natürlich nur auf Online veröffentlichte Inhalte abstützen. Mit ausgeklügelten Algorhythmen wurden Sätze und deren Variationen verfolgt, aus 1.6 Millionen Quellen in 90 Millionen Beiträgen. Die verschiedenen Grafiken sind auf memetracker.org auch animiert dargestellt.

Nur 3.5 Prozent aus Blogs
Im hier untersuchten Fall zeigen sich die klassischen Medien mit ihren Online-Ausgaben klar als Themenleader: nur 3.5 Prozent der Schlüssel-Wahlkampfsätze sprangen aus der Blogosphäre in die Medienausgaben. Und es dauerte im Schnitt zweieinhalb Stunden, bis die Blogs die «heissen» Sachen aufgenommen hatten. Aus der Original-Studie ist diese interessante Grafik:

cornell_studie_medien_blogs

Sie zeigt die Gesamtsicht aller analysierten Aussagen – mit den zweieinhalb Stunden Zeitdifferenz. Die rote Medienspitze nimmt langsamer zu, sinkt aber sehr schnell ab: Gedruckt ist gedruckt, das scheint auch zu gelten für die Online-Ausgaben der klassischen Medien. Dagegen nimmt das Volumen in der grünen Blogkurve schneller zu und langsamer ab: Es wird länger über die gleichen Inhalte weiter geschrieben.

Kostenpflichtige Archive beschränken die Verbreitung
Bleiben Online-Medien vor Blogs? Auch falls die Verlage wahr machen mit ihren Kostenplänen für Online-Inhalte? Auch die NY Times denkt darüber nach, wie heute in der NZZ Online beschrieben. Ich glaube kaum, dass sich Bezahl-Inhalte breit durchsetzen werden. Auch wenn mir persönlich die  Times fünf Dollar pro Monat wert wäre. Die Verlage verlieren damit auch ein sehr wesentliches Verbreitungspotenzial. Wir werden sehen.

Journalisten im Internet: E-Mail im Vormarsch

zeichen_schreibmasch1Nächste Woche veröffentlichen wir die dritte Studie zum Internet-Verhalten der Schweizer Medienschaffenden. E-Mail setzt sich in den Vordergrund – Alternativen bleiben trotzdem wichtig.

Wir stecken mitten im Feinschliff für die Publikation der Ergebnisse, die am nächsten Mittwochabend in Zürich-Oerlikon exklusiv präsentiert werden. Die Studie wurde im Mai abgeschlossen und erfasst eine repräsentative Stichprobe der Schweizer Medienschaffenden aller Sprachregionen, mit Fokus auf aktuellen Informationsjournalismus.

Auch Pressemappen lieber elektronisch
Interessant ist bei einigen Fragen der Vergleich zu den Vorstudien. Ich erinnere mich gut daran, wie ich noch vor der ersten Erhebung empfohlen habe: Einladungen zu Pressekonferenzen sollten schriftlich erfolgen. Weil eine gedruckte Einladung eine ganz andere Wertigkeit hat als ein schnelles E-Mail. Aber schon 2005 wünschten sich knapp 70 Prozent der Befragten elektronische Einladungen. Und jetzt springt dieser Anteil auf klare 93 Prozent. Am grössten ist der Zuwachs bei den Pressemappen: 69 Prozent bevorzugen eine elektronische Zustellung, 46 Prozent ein Couvert. 2005 war das Verhältnis noch umgekehrt: Nur 32 Prozent für E-Mail, 66 Prozent für Briefpost.

iam-bernet-studie_kanal_unternehmerinfos

RSS marginal, Twitter inexistent
Die Grafik zeigt, das Papier für Einladungen und Pressemappen eine gewisse Attraktivität behält. Und dass der Fax bei Medienmitteilungen und Einladungen noch existiert, mit rund 5 Prozent der mehrfach möglichen Erwähnungen. RSS fristet ein sehr karges Dasein, Twitter als Abo-Möglichkeit existiert noch nicht in der Schweizer PR-Szene.

Praxis: Nur den Link versenden, Papier gezielt einsetzen
Elektronische Pressemappen werden zum Speicher-Killer, wenn sie gleich im Anhang versendet werden. Deshalb versenden heute die meisten PR-Stellen nur den elektronischen Link zur Online-Dokumentation. Die holt man sich ganz nach Gusto, was dann auch zu weniger Altpapier führt.

Ich bin davon überzeugt, dass Papier wichtig bleibt; für ausserordentliche Medienkonferenzen, spezielle Anlässe mit einem besonderen Rahmenprogramm. Damit macht man den Empfängern natürlich das An- oder Abmelden schwieriger – deshalb will der Einsatz gut überlegt sein. Auch ich will einfache Einladungen zu Anlässen elektronisch, mit einem Klick bin ich dabei oder die Meldung ist gelöscht.

Marcel Bernet | 08.05.2009 | Medien

Murdoch will Geld und sieht ein neues Internet

bg_geld06.jpgZeit für eine Eilmeldung – grad sehen wir auf der NZZ Online, dass Rupert Murdoch eine Kehrtwende vollzieht: Jetzt will er Geld für Internet-Inhalte.

Da habe ich mich in einem Post von Januar 08 (US Zeitungen unter Druck) doch gerade noch darüber gefreut, dass die Wall Street Journal-Links endlich öffentlich sind. Auf Druck des neuen Besitzers Murdoch, so damals die Berichte, habe das WSJ den Webinhalt geöffnet. Und ganz generell glaube ich, dass versteckter Bezahl-Inhalt den Verlagen eher schadet als nutzt. Denn die erarbeiteten Materialien sind nicht auf Suchmaschinen findbar, der Traffic auf den mikrobezahlten Sites geht zurück (und damit die Werbeeinnahmen). Guter, verfügbarer Content erhöht Bekanntheit und Markenimage. Schlau machts der Spiegel, der die aufwändigen Titelstories erst nach einer gewissen Zeitspanne gratis aufschaltet – vorher muss man das Heft oder den Beitrag online kaufen.

Das sage ich als Nutzer. Und als Beobachter eines Mediums, in dem für jeden Inhalt neue Anbieter auftauchen, die diesen gratis anbieten. Aber vielleicht sehe ich das zu eng. Murdoch hat auf alle Fälle ein grosses Ertragsproblem, wie alle klassischen Verleger, siehe Originalmeldung der NZZ Online. Und jetzt sollen alle Inhalte im Web etwas kosten. Das wird ihm dort gelingen, wo er eine Alleinstellung hat.

In einem Telefoninterview soll Murdoch zur Begründung der Kostenpflicht gesagt haben: Das Internet, so wie man es kenne, werde es bald nicht mehr geben. Hat er eine Vision? Bahnt sich Bahnbrechendes an? Diese Geschichte wird uns bestimmt noch eine Weile begleiten. Nachtrag: Guter Hintergrund über Murdochs wandelnde Kraftsprüche rund ums Web auf Spiegel/Netzwelt.

Zum Thema:
NZZ Folio: Wann öffnet auch die NZZ die Archive

Marcel Bernet | 05.05.2009 | Medien

Bezahlte Tageszeitungen: Das Undenkbare denken?

img_0102_2Gestern abend habe ich an einem Podiumsgespräch am MAZ in Luzern teilgenommen. Trotz des Titels «Neue Medien braucht das Land»: Res Strehle, Jürg Weber und Sylvia Egli von Matt glauben an die Zukunft der bezahlten Tagespresse. Clay Shirky lädt dazu ein, das Gegenteil zumindest zu denken.

Der Abendanlass war sehr gut besucht, die Diskussion am Podium und mit dem Publikum anregend. Hier die für mich interessanten Punkte meiner Mit-Panelisten, ergänzt durch Auszüge aus den Gedanken von Clay Shirky, Professor an der New York University und Medienberater.

MAZ: Zehn Thesen zum Journalismus
Sylvia Egli von Matt ist MAZ-Direktorin und in verschiedenen Gremien engagiert, die sich mit der Qualität und der Zukunft des Journalismus auseinandersetzen. Ihre  zum Einstieg präsentierten Thesen: Journalismus wird multimedial-mobil-konvergent, schneller, dialogischer, segmentierter, lokaler, erzählender, visueller, erhält neue Erscheinungsformen. Schönes Praxisbeispiel des Wandels: Ein grosses dänisches Medienhaus habe einen «Media Conductor» – er steht mitten im integrierten Redaktionsraum und entscheidet, wo Geschichten gespielt werden, von Radio über Print bis Online.

LZ Medien: Regional rentabel
Jürg Weber ist Geschäftsleiter der Neue LZ AG und damit verantwortlich für diesen Zentralschweizer Verbund von Radio, TV, Print, Online. Dieser hat dank tiefer Kosten operativ auch im letzten Jahr noch sehr gut gearbeitet, wegen eines Finanzverlusts war dann das Ergebnis doch nicht so gut. Im Online-Bereich setzt er vor allem auf lokale News, eine Zusammenarbeit mit NZZ Online wird anscheinend diskutiert. zisch.ch-Inhalte werden auch auf den news1-Verbund gespielt. Wohin führt diese Strategie? Muss eine regionale Plattform wirklich mit nationalen Plattformen konkurrieren um Banners zu erhalten?

Tagi: Im September neu
Res Strehle ist seit dem 1. Mai Co-Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Er freut sich nicht über den gestern angekündigten .ch-Rückzug, ist aber erleichtert. Damit verbessert sich die Ausgangslage für den Verbund Tages-Anzeiger / News. News habe tiefere Kosten und könne im Verbund mit dem Tages-Anzeiger günstigere Inseratetarife anbieten, was im härteren Werbemarkt ausschlaggebend sei. Irgendwann zwischen 1. und 30. September verspricht er den Neuauftritt des Tagis mit einem reinen Vierbund-Konzept. Wo es hie und da noch Beilagen geben werde.

Die Zukunft der bezahlten Tageszeitung
Alle drei sind übereugt: Die bezahlte Tageszeitung wird es auch in Zukunft geben. Ob sie wirklich bezahlt sein wird? Ob sie wirklich täglich erscheint? Da bin ich nicht so sicher. Damit stimme ich kein Grabeslied an, im Gegenteil: Persönlich schätze ich Tageszeitungen sehr und ich bezahle auch dafür. Aber schon meine Kinder und zahlreiche Kollegen sehen das ganz anders. Und lesen News gratis online. Vielleicht wäre es gut, wenn Medien auch mal das Undenkbare denken, wie es Clay Shirky im März in seinem Blogbeitrag betitelt.

Seine Grundthese: Journalismus braucht es weiterhin. Aber keine Zeitungen. Seit Mitte der 90er Jahre verkünden alle Verleger, wie sie ihr altes Geschäftsmodell beibehalten in einer Welt der kostenlosen, einfachen Kopien. Es gibt aber ganz einfach kein Modell, welches das durchs Internet eben grad zerstörte ersetzt. Die davor komplexe, aufwändige und schwierige Aufgabe des Publizierens ist heute ein Kinderspiel. Grips braucht es weiterhin – für gescheite Inhalte. Und wie immer in grossen Umbrüchen: Wir leben in einer Zeit des Ausprobierens, der Fehlschläge und unerwarteten Erfolge.

Erst in zwanzig Jahren wird man zurückblicken und sagen: Ja klar, genau so musste es kommen. Grad noch stecken wir mitten im Nebel.

Marcel Bernet | 08.04.2009 | Medien

Online-Werbung: Medien ziehen den Kürzesten

Food shoppingDer Verkauf von Online-Werbung ist so ziemlich das einzige Ertragsmodell, dass Printverlagen den Schritt in die Online-Welt versüsst. Bloss sahnen da andere Anbieter von Inhalten wesentlich stärker ab – wie eine Auswertung von Tobias Trevisan zeigt. Dazu der aktuelle Schweiz-Vergleich von mediafocus.

Der FAZ-Verlagsleiter hatte am Verleger-Treffen vom 6. Januar 2009 in einem Vortrag aufgezeigt, dass die Wertschöpfungs-Chancen im Online-Bereich eher bei spezialisierten Inhalten liegen. Dazu hatte er in seinen Folien eine eigene Zusammenstellung der Online-Umsätze in Deutschland, die er mir im Rahmen der blogsofa-Interviews (hier das erste) zur Publikation freigegeben hat.

Wer den Zugang erleichtert, verkauft am meisten Werbung
Die Zahlen basieren auf Geschäftsberichten und Berechnungen von Tobias Trevisan selbst. Sie sind also nicht von einer unabhängigen Stelle verifiziert, aber sie ergeben ein eindrückliches Bild der grundsätzlichen Verhältnisse im Online-Bereich. Und das Total liegt mit 2.94 Mia EUR nahe genug an den vom Bundesverband für digitale Wirtschaft vermeldeten 3.65 Mia (Link zu Journalyse, weil der FAZ-Artikel zum Thema 4 Euro kostet, sic!).

onlinewerbung_d_2008_anteile

Am meisten wird dort verkauft, wo die meisten Surfer landen – wie die Dominanz der Suchwort-Werbung auf Google Adwords oder Yahoo zeigt.  Auch die Online-Portale wie GMX, web.de, T-Online fallen in die Kategorie der Starkbesuchten. Bei den Rubriken stehen Stellen-, Immobilien- und Partnerbörsen im Vordergrund, hier verkauft sich aus meiner Sicht vor allem die Qualität der Zuschauer, deren spezifische Interessen. Genau in diesem Bereich sieht Trevisan Verlags-Chancen mit eigenen Job-Börsen, Finanzportalen, Partnerschaftsangeboten.

Mit den Banner-Inseraten auf ihren Online-News verkaufen die Medien von Spiegel Online bis Zeit gerade mal 3 Prozent des gesamten Online-Volumens. Das ist hart für eine Branche, die lange Zeit ein Monopol auf News und dem damit verbundenen Werbe-Einnahmen hatte.

Nicht spezifisch ausgewiesen sind auf Trevisans Zusammenstellung für 2008 die auf Sozialen Netzwerken verkaufte Online-Werbung. Und leider finde ich dazu auch keine Angaben im Netz.

Wirklich so wenig Adwords-Anteil in der Schweiz?
Dank den Erhebungen und Schätzungen von mediafocus.ch lässt sich obige Grafik mit der Schweiz vergleichen – auch hier (PDF mit allen Details) sind Soziale Netzwerke nicht spezifisch ausgewiesen. Auch der Medien-Anteil am Bannerumsatz fehlt – hat jemand Zahlen dazu woanders gesehen? Der Kuchen hat etwas weniger Schnitze, sehr dominant ist der Anteil der Rubriken. Wo die Schweizer Verlage tamedia (Homegate, jobwinner, neu mit Edipresse) und Ringier (alle scout24-Plattformen) stark engagiert sind. Leider fehlen die Partner-Rubriken – sie liegen bei Trevisans Schätzungen im Bereich der Job-Anbieter.

online_werbunganteile_ch08

Online-Werbestatistiken sind immer noch Zufallstreffer mit vielen Expertenschätzungen. Kann es sein, dass der Anteil der Suchmaschinen in der Schweiz so viel tiefer liegt als in Deutschland?

Fazit: Harter Kampf
Die mit Verspätung im Online-Bereich angekommenen Verleger werden sich weiterhin massiv durch Zukäufe oder Kooperationen um diesen Kuchen streiten. Und parallel dazu weiterhin versuchen, ihre Copyrights für ihre News als Werbe-Aufhänger bei Google & Co. stärker durchzusetzen – was ihnen kaum gelingen wird, wenn Google einfach mit den Agenturen Deals macht (siehe Horizont-Meldung der GoogleNews-Vereinbarung mit EU Newsagenturen)  Die Online-Umsätze werden 2009 bei zurückhaltenden Auftraggebern nicht mehr so stark steigen, in den USA sind die Online-Preise auch schon stark unter Druck gekommen.

Weitere Artikel:
US-Studie 2008: 08 war brutal, 09 wird schlimmer
US-Newsmedien: Wo versteckt sich die Rendite?

Sabine Betschart | 27.03.2009 | Medien

News1.ch vereinigt sechs Medien auf einer Online-Plattform

bild-1newsnetz.ch hat es gut vorgemacht – jetzt zieht news1.ch nach. Ich blicke nicht durch, wie die Medienhäuser vom Zusammenzug profitieren.

Die sechs Regionalverleger Neue Luzerner Zeitung AG,  St. Galler Tagblatt AG,  AZ Medien AG, Meier + Cie AG (Schaffhauser Nachrichten),  Südostschweiz Medien AG und Zürich Land Medien AG (Zürichsee Zeitung, Zürcher Oberländer, Zürcher Unterländer) wollen mit dem Zusammenzug aller Online-Beiträge die umfassendste Schweizer News- und Community-Plattform sein. Das Portal ist benutzerfreundlich gegliedert und Suchende finden Informationen aus den sechs Verlagshäusern in gewünschten Rubriken bzw. Regionen. Sobald ich die Seite verlasse und in die einzelnen Auftritte abtauche, kommt jede Zeitung selbständig daher. Ist die news1-Seite demzufolge ein Zusammenzug der Meldungen ohne gemeinsame Software-Nutzung? Mir kommt es so vor. Das dient dem Ziel  Nachrichten weit zu verbreiten, nicht aber Ressourcen und Geld zu sparen. Was ich lustig finde, auf dem Portal werden auch NZZ-Inhalte unter «TopNews von NZZ Online» publiziert. Kann ich daraus schliessen, dass sich die NZZ dem Bund angeschlossen hat?

Neininger Norbert, die Triebfeder von news1.ch, berichtete im Persönlich-Interview vom 5. November,  dass news1.ch mit einem Geschäftsführer  als Aufgabenmanager startet. Dieser greift auf die Ressourcen der Partner zurück, was im Auftritt sichtbar ist.

Blog abonnieren

Sofortmail oder Wochenschau auswählen:

Social Media in der Medienarbeit:
Online-PR im Zeitalter von
Google, Facebook & Co.

CHF 37.90 / EUR 24.95
inkl. Porto

Erst reinschauen
Alle Beiträge zum Buch