Lieblings-Mashup: Wie viel Poesie verträgt Twitter?

TwitterÜber den Blog netzwertig.com bin ich auf die Poesie von Twitter aufmerksam geworden. Twyric ist ein kleines Mashup, das die poetische Seite von Twitter erkundet.

Die Internetseite Twyric (Twitter + Lyric = Twyric) sammelt Tweets, die mit Hashtags wie #gedicht, #haiku, #lyric, #limerick, #poem, #poesie versehen sind. Kombiniert werden die Tweets frei assoziativ mit Fotos von Flickr. Die Idee dahinter gefällt mir gut. Sei es für poetische Momente während der Arbeit – für mehr Poesie als 140 Zeichen reicht die Zeit häufig nicht – oder um das Englisch aufzufrischen. Zwar sind die lyrischen Tweets theoretisch in allen Sprachen denkbar, aber Englisch ist mit wenigen Ausnahmen die Lingua franca. Die Geschwindigkeit der Tweet- und Bildwechsel kann gesteuert werden. Und die Poesie lässt sich auch als Screensaver einrichten.

Seltene Perlen
Längst nicht jeder Beitrag ist wahre Lyrik, vieles nicht einmal ansatzweise lyrisch. Aber das Auffinden versteckter Perlen – gerade in der Kombination mit den Fotos von Flickr – macht umso mehr Freude. Aufgefallen sind mir diese Kurzgedichte:

Cold rainy morning
Sparrows splash in shallow puddle
I put on sweater

The shallow waters
Of a mediocre life
Never make a wave.

Morgensonne
Ein Tag bittet um Einlass
Der Abend wartet schon.

Genau. Der Abend wartet schon, darum bleibt auch keine Zeit für eigene Einträge ins Poesiebuch – zum Vorteil der Leserschaft, glauben Sie mir.

Amtsantritt: Inszenierung auf allen Kanälen

inauguration_nytimes_kampagneMorgen Dienstag wird er sein Amt antreten, seit Tagen ist er auf allen Kanälen präsent. Barack Obama setzt die integrierte Kommunikationsarbeit fort. Inszenierung gehört zur Führung. Mal mehr, mal weniger.

Überrascht hat mich letzten Donnerstag die NY Times. Sie lädt mich über mein Mail-Newsabo dazu ein, die ganze Inauguration live zu erleben, meine Bilder hochzuladen, Kommentare einzugeben, Videos zu sehen. «Wieso der Geschichte zusehen, wenn Sie daran teilnehmen können?» Web 2.0 machts möglich, von Facebook bis Blog. Na ja, mir geht das ein wenig zu weit. Als Kommunikationsprofi schaue ich mir gerne an, wie das abläuft. Aber vielleicht haben wir in zehn Jahren auch in der Schweiz Bundesratswahlen, die mit einer Medienpartnerschaft auf allen Kanälen ausgewertet werden? Hoch genug sind die Einschaltquoten ja schon jetzt.

Es wird gefilmt, geflickert, getweeted
Über den Anlass morgen (oder besser: die Serie von Anlässen bis morgen) wird heftigst publiziert. Die NY Times hat in diesem Blogbeitrag zusammengestellt, was alles läuft: Bei ihr selbst läuft einer der vielen Live-Videostreams, auch Hulu und Joost sind dabei. Current TV beginnt ab 11.30 Lokalzeit mit Live-Twittern, wofür Twitter gleich die Übertragungskapazität ihrer Server verdoppelt hat. Wer weiss, was «Flickeristas» sind? Wohl die, die Photos raufbeamen oder runterladen – sie können sich in einer Washingtoner Bar treffen und sich via Spezial-Flickr und persönlich austauschen. Microsoft baut mit CNN ein dreidimensionales Panorama des Anlasses auf. Dazu kombiniert die Software Photosynth Bilder von Newsagenturen, Medien und Benutzern in ein 3D-Bild. Wer nicht eingeladen ist, kauft sich schöne Kleider für seinen Avatar und besucht einen der Bälle auf Second Life und Wee World. Ja, und es gibt ein Presidential Inaugural Committee’s Web Tool, wo der kommente Präsident Spenden entgegennimmt und zu einer Party im Freundeskreis aufruft. Ach ja, dann wäre da noch die 2009 Presidential Inauguration Guide iPhone Applikation. Mit Tipps und Tricks für alle Anreisenden.

Wer sich einsetzt, setzt sich aus
Schon 1928 schrieb Edward Bernays in seinem Standardwerk «Propaganda»: «Durch Propaganda werde die Rolle des Präsidenten… überhöht und seine Person heroisiert…, ist eine häufig zu hörende Kritik… Aber wie soll man einen Effekt verhindern, der sich offensichtlich mit einer Sehnsucht weiter Bevölkerungsteile deckt?» Hier geht es um die Sehnsucht aller, die aufblicken zu einem Vorbild. Die Inszenierung gehört zur Führung. Erfolg hat sie dann, wenn sie bis hinein zum Kern stimmt. Wenn sie auf Worte auch Taten folgen lässt. Und wenn sie langfristig einer klaren – und aus meiner Sicht eher zurückhaltenden Linie folgt.

Ob Barack Obama der Mann ist, der die Herausforderungen des Moments erfüllt? Ich wünsche es ihm – zum Abschluss noch der Link zu einem interessanten Video der NY Times. Es blickt auf die Inaugurations-Rede, sagt dass es sich dabei als Spezialfall nicht mehr um eine Kampagnen-Rede und noch nicht um eine Regierungsrede handelt. Und die Redenschreiber von J. F. Kennedy und Bill Clinton geben Empfehlungen ab. Die Video-Plattform der Times ist wirklich stark gemacht.

Dialog 2.0: Wer möchte gratis ans WEF?

youtube.com/davosDas WEF nähert sich – bald werden die Helikopter pausenlos zwischen Zürich und Davos tanzen. Die Veranstalter geben Vollgas mit YouTube, Facebook, MySpace, Twitter, Flickr, Webpage und Blog. Für YouTube-Videos winkt ein Gratis-Eintritt.

Und wenn ich mir für diese Recherche alles anschaue: Nö, da möchte ich nicht mal gratis dabei sein. Es ist eine Riesen-VIP-Party für ganz viele, die da einfach dabei sein müssen. Hier trifft man genau die Personen, die man für das Erreichen seiner Ziele kennen will.  Was können Unternehmen und Organisationen lernen vom World Economic Forum (und damit habe ich die Acknowledgement Policy erfüllt, wie sie auf der Webpage minutiös festgeschrieben ist)?

Von Anfang an dabei, hoher Einsatz
Natürlich hats das WEF einfacher als viele KMUs: Die grossen Anbieter wie YouTube oder Facebook werden Schlange stehen bei Klaus Schwab. Denn eine bessere Promo für ihre Dienste bei den CEOs dieser Welt gibts nicht. Das WEF nutzt diesen Vorteil, setzt viel Ressourcen ein und es hat schon früh auf neue Online-Möglichkeiten gesetzt. Letztes Jahr haben übrigens 20 der 500 Teilnehmenden getwittert, dieses Jahr wird der öffentliche Twitter-Feed stark in die Promo eingebunden und man rechnet mit mehr Teilnehmenden, die diesen Kurznachrichtendienst nutzen werden. Die PR-Taktik geht auf – über den vernetzten Einsatz aller Web-Kanäle haben viele Medien berichtet, darunter auch newsnetz.

Vernetzter Einsatz aller Web-Mittel
Die Veranstalter stellen Video-Fragen auf YouTube, laden zur Diskussion ein auf Facebook und MySpace, sie wollen alle Medienkonferenzen live und mit Sofort-Chat-Echo ins Netz stellen und unterhalten eine ausgebaute Webpage, ein Konferenzblog, einen Twitter-Feed und eine Foto-Seite auf Flickr. Ganz schön viel und aufeinander abgestimmt.

Wobei meine Recherchen zeigen: Hier kann das WEF noch eine Menge dazu lernen. So sind zum Beispiel die verschiedenen Kanäle auf der Web-Page nicht dargestellt – ich muss mir die Links mühsam zusammensuchen. Auch ist der grafische Auftritt nicht homogen – das machen der Economist oder die LA Times viel besser, zum Beispiel auf ihren Facebook-Auftritten (siehe hier in einem früheren Beitrag «NYTimes und Obama auf Facebook»).

Mich störts, dass auf der Facebook-Plattform die Werbung nicht ausgeblendet ist, der Economist zum Beispiel sorgt dafür. Auf der WEF-Page stehen doofe Anzeigen, darunter eine für Frauen, die ich in meiner Region kennenlernen kann. Das ist der grosse Nachteil von Facebook und MySpace. Das WEF konnte übrigens nicht überall die Netzadresse /davos einsetzen, bei Flickr und MySpace war sie schon weg.

Weniger Kanäle, dafür mehr Dialog
Am stärksten gepusht wird dieses Jahr YouTube, wo schon das letztemal ein Kanal aufgesetzt wurde. Diesmal werden fünf Fragen gestellt, ganz kurz und knackig tut dies Klaus Schwab selbst. Und dann wartet man auf möglichst kreative Antworten. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Monty Metzger sagt, wie seine Generation das mit der Umwelt sieht. Ja, oben links scheint ein Kontrollmonitor zu hängen. Und das mit den Zetteln ist die Steigerung von Powerpoint.

Man merkt – es gibt etwas zu gewinnen. Popularität, YouTube-Views – und eine Reise nach Davos, ein Händedruck mit …? Sieht so Dialog aus? Schon der Benutzer schielt mehr auf seinen Auftritt. Ist er wirklich an einer Antwort interessiert? Ist das WEF an einem Dialog interessiert? Wie glaubwürdig wird es ihn überhaupt führen können, wenn auf unzähligen Kanälen dazu eingeladen wird? Aber vielleicht findet der «echte» Dialog doch nur persönlich statt, in Davos, am Kaminfeuer. Was dann zur Frage führt: Was ist echter Dialog? Vielleicht reden auch dort die meisten aneinander vorbei, wollen nur sich selbst darstellen.

Trotzdem: Im Web liegt interessantes Potenzial für die Flankierung von Anlässen, Kampagnen, Botschaften. Vom WEF können wir lernen.

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