Marcel Bernet | 19.03.2010

Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung

qualitätsjournalistEine US-amerikanische Analyse des Medienjahrs 2009 zeigt den drastischen Rückgang von Inseraten, Auflagen und Arbeitsplätzen. Diese Tendenz setzt sich 2010 fort. Wohin das alles führt, weiss  niemand genau – drei Bewegungsrichtungen sind klar.

Das Pew Research Center bietet eine vorbildliche Sammlung von Daten rund um Medien und Journalismus – in einer Qualität, die auch für die Schweiz wünschenswert ist. Das Zentrum bezeichnet sich auf der Website als «überparteilicher Fakten-Tank», getragen von den gemeinnützigen Pew Charitable Trusts. Über die jährliche Studie «State of the News Media» hat der bernetblog schon anfangs 2009 berichtet: «Wo versteckt sich die Rendite?» bleibt auch in der Studie 2010 Kernthema. Die wichtigsten Daten von 2009 samt den Trends, wie sie durchaus auch für Europa und die Schweiz gelten:

1. Das Geld geht aus
Die Zahlen sind dramatisch: US-Zeitungen haben 2009 in Online und Print zusammen 26 Prozent Werbeumsatz verloren. Der kumulierte Rückgang der letzten drei Jahre liegt damit bei 43 Prozent. Immer noch kommen 90 Prozent der Zeitungseinnahmen aus dem Printbereich. Einzig das Kabelfernsehen konnte im letzten Jahr ein minimales Umsatzplus verzeichnen:

pewresearch change in ad revenue by medium 08-09

Im Vergleich dazu liegen Schweizer Zahlen nur für Print vor. Die Erhebungen von Schweizer Presse/VSW/Wemf zeigen für 2009 ein kumuliertes Minus von 17 Prozent für Print, mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen nach Titeln, Regionen und Art der Inserate. Dieser Auszug ist der Wemf-Januarstatistik (PDF-Link) entnommen:

wemf inseratestatistik januar 2010

Es geht uns also noch deutlich besser als den Verlagskollegen in den USA – trotzdem steckt in diesem Fazit der Autoren die Wahrheit auch für Europa: «Die Industrie muss ein neues Geschäftsmodell finden, bevor das Geld ganz zu Ende geht.»

2. Mehr Plattformen, weniger Aufmerksamkeit
Diesbezüglich ist die Entwicklung in den USA ein ganzes Stück weiter – und wird uns Europäern mit den vielen sprachregionalen Abgrenzungen und den kleinräumigeren Märkten immer voraus bleiben. Immer mehr nicht-klassische-Verleger drängen mit Inhalten aufs Web. Auf einer Seite des Spektrums stehen mitschreibende User mit privaten oder politischen Interessen, früher nur als «Leserin und Leser» bekannt. Auf der anderen buhlen journalistisch ausgerichtete Plattformen wie Politico, Huffington Post, ProPublica, Kaiser Health News oder Global Post um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Irgendwo dazwischen stehen Aggregatoren von Yahoo über MSN bis GoogleNews.

Da weiss der geneigte Leser nicht mehr, wohin gucken. Von der beschränkten Zeit wird überall ein bisschen weniger verteilt, niemand mehr hat einen einzigen bevorzugten News-Kanal – siehe dazu auch den Beitrag «Newskonsum: Internet rückt vor». Das drückt auf die Anzeigenpreise und die Auflagen – dazu eine letzte schlimme Kurve zu Tages- und Sonntagszeitungen in den USA:

pewresearch newspaper circulation 03-09

3. Mehr Meinung, mehr Sofortberichte
Die Pew-Studie zeigt auf, dass der Mehrinhalt auf diesen Plattformen vor allem mehr Meinung bringt. Original recherchierte Artikel kommen immer noch in erster Linie aus den Online-Angeboten der traditionellen Verlage. «Unsere langfristige Auswertung von mehr als einer Million Blogs und Social Media Seiten zeigt zum Beispiel das 80 Prozent der dortigen Links auf die Online-Seiten klassischer Medienhäuser führen.» Meinung verdrängt die Recherche, bezieht sich aber gleichzeitig gerne auf die inhaltlichen Vorleistungen.

Ebenso bedrängt wird die Recherche vom Echtzeit-Rausch der Absender und Empfänger. Jedes Medium will die News zuerst im Web haben, da bleibt keine Zeit für Rückfragen. Flatterhafte News-Empfänger wechseln ihre Favoriten, wenn der Bericht über eine Unternehmensfusion auf der einen Plattform zuerst steht. Zu recht sieht Pew als Folge immer mehr Instant-News, die unreflektiert aus PR-Quellen oder Social Media Diskussionen übernommen werden.

Die «Alten» sind noch die Grössten – wie weiter?
Alle diese Beobachtungen blicken auf einen vorbei ziehenden Lavastrom. Noch ist er keineswegs erkaltet. Er zerstört lieb gewordene Denkmuster, Geschäftsmodelle und journalistische Praktiken. Das Neue, das aus dieser Zerstörung wachsen wird, erscheint ungewiss bezüglich Finanzierung und Akzeptanz. Interessant ist, dass bei aller Aufmerksamkeit für das Neue die klassischen Medienanbieter immer noch eine herausragende Rolle spielen: 67 Prozent der meistbesuchten News-Seiten gehören «alten» Verlegern.

Die Zeit läuft aus, das Geld wird knapp. Gespart und rationalisiert wird in der Produktion von Inhalten. Journalismus wird schneller, meinungsorientierter und in vielen Fällen unreflektierter, näher an den Newsquellen aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Tagesgeschehen. Es macht wenig Sinn, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. In der Grundrichtung wird sie sich durchsetzen.

Nischen für Qualität und mehr Kooperation
Verleger tun gut daran, Gefässe für Recherche und Reflektion weiterhin zu pflegen – in Nischen werden diese Inhalte sehr gefragt sein und sie werden als Orientierungs-Leuchtfeuer dienen. Denn der Newskonsument von morgen wird noch überforderter sein in seiner Quellenwahl als er es heute ist. Sprunghaft wird er trotzdem bleiben. Von eminenter Bedeutung ist die Zusammenarbeit der Verleger in allen Bereichen, die über den Redaktionsraum hinausreichen. Das verlangt ein schmerzhaftes Umdenken. In diese Richtung weisen das E-Reader-Projekt von Swisscom, NZZ, Ringier, tamedia und Orell Füssli oder die im Aufbau befindliche Online-Bezahlplattform Journalism Online in den USA.

Dieser Artikel erschien auch auf NZZ Online / Extrablog.

Marcel Bernet | 16.03.2010

News sind sozial

zeitungsleser In den USA werden Nachrichten immer stärker Online und mobil abgerufen. Soziale Netzwerke werden für News-Anbieter so wichtig wie Suchmaschinen – Plattformen wie Facebook werden zum Bazar für News.

Anfang März publizierte das Pew Research Center die lesenswerte Studie «The New News Landscape». Sie zeigt, dass bereits ein Drittel der US-Amerikaner/innen News übers Mobiltelefon lesen. Das Internet ist nach dem Fernsehen die zweitwichtigste Quelle für Nachrichten, die Mehrheit der Befragten nutzt täglich bis zu sechs verschiedene Newszugänge, siehe «Newskonsum: Internet rückt vor» mit einem Vergleich USA/Schweiz. Interessant sind die sozialen Aspekte im Umgang mit Nachrichten:

Soziale Netzwerke auf News-Empfang
Wie werden News empfangen? Ganze drei Viertel der Online-News-Lesenden geben an, dass sie Neuigkeiten via E-Mail und / oder Einträgen auf Sozialen Netzwerken erhalten. Der Austausch via E-Mail und Netzwerke kombiniert ist also sehr gross. Dabei geht es den Empfängern wie uns allen: 38 Prozent lesen alle erhaltenen Sendungen, 37 Prozent einen Teilen, 23 Prozent haben selten die Zeit dazu.

Noch spannender wird diese Zahl: 23 Prozent der Benutzer von Sozialen Netzwerken, die News Online lesen, verfolgen Journalisten oder Medien auf Plattformen wie Facebook.

Die grosse soziale News-Verteilmaschine
Was tun die Empfänger mit Neuigkeiten? Die Hälfte der Internet-Newskonsumenten gibt Inhalte via E-Mail weiter, ein Viertel kommentiert. An dritter Stelle folgen wiederum die Sozialen Netzwerke: 17 Prozent geben an, einen Link zu einer Nachricht erfasst zu haben, ergänzt mit ihren Gedanken. 11 Prozent setzen Tags oder Schlagworte zu Einträgen, kategorisieren sie in ihren Linksammlungen. Nur 9 Prozent schreiben selbst Beiträge, posten eigene Videos oder Bilder. Twitter als kürzeste Form des Weiterleitens von Links und News erreicht 3 Prozent.

was machen internet user mit news

Soziale Netzwerke so wichtig wie Suchmaschinen
Im Vordergrund des Mitmachweb stehen das schnelle Weiterverbreiten und Kommentieren. Soziale Plattformen wie Facebook werden in zunehmenden Masse zum persönlichen Nachrichtenbazar. Hier verbringen Web-Nutzer sowieso viel Zeit, sie lesen also auch noch gleich ihre Lieblingszeitung und die News-Tipps von Freunden. Sie beteiligen sich am Kommentargespräch, geben ihre Sicht der Dinge am liebsten über Links an andere weiter.

News waren schon immer sozial, Märkte schon immer Gespräche. Jetzt werden sie zunehmend Online geführt. Und weil die Teilnehmenden nicht überall präsent sein können, verweilen sie lieber ein wenig länger zwischen E-Mail und Facebook.

Soziale Netzwerke erhalten für den Empfang und die Weiterverbreitung von News eine ähnlich hohe Bedeutung wie Suchmaschinen.

Marcel Bernet | 15.03.2010

Newskonsum: Internet rückt vor

zeitungsleser In den USA werden Nachrichten zunehmend online gelesen. Ein Vergleich mit neuesten Schweizer Daten zeigt, dass Zeitungen und Radio weiter Anteile verlieren dürften.

Anfang März publizierte das Pew Research Center die lesenswerte Studie «The New News Landscape», kurz darauf erschien die «Kommtech-Studie 2010» (leider nur in Auszügen veröffentlicht) von Igem und Publica Data. Beide dokumentieren die laufende Veränderung der Mediennutzung und erlauben in Teilbereichen einen interessanten Ländervergleich.

USA: Internet liegt vorne, Zeitung am Schluss
Heute führen viele Wege nach News: Die Hälfte der US-Amerikaner/innen nutzt täglich bis zu sechs verschiedene Medienplattformen. An der Spitze der Nennungen steht dabei im Fernsehland immer noch ein lokaler oder nationaler TV-Sender mit Nennungs-Anteilen von 78 respektive 73 Prozent. Gleich darauf folgt das Internet mit 61 Prozent. Das Radio erreicht nur noch 54 Prozent der Nennungen, die lokale Zeitung 50 und nationale Zeitungen wie USA Today oder die New York Times 17 Prozent.

Damit heisst die Rangfolge für den Newskonsum in den USA: TV, Internet, Radio, Zeitung. In der Schweiz heisst sie: TV, Radio, Zeitung, Internet.

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Noch umgedrehtes Bild in der Schweiz
Die Zahlen der Kommtech-Studie sind leider nicht detailliert zugänglich, im NZZ-Artikel vom 9. März listet Rainer Stadler folgende Zahlen: Als Quelle für tagesaktuelle Infos nennen 77.1 Prozent das Fernsehen, 71.5  das Radio, 68.4 die kostenpflichtige Tageszeitung, 52.7 die Gratiszeitung, 45.6 das Internet und 41.2 den Teletext. So, wie sich in der Schweiz die Mehrfachnennunen für gekaufte und Gratiszeitung nicht addieren lassen, sind auch die lokalen und nationalen Zeitungswerte in den USA nicht summierbar. Deshalb verwendet die Grafik in beiden Fällen den jeweils höheren Wert einer Teilgattung.

Fernsehen und Internet rücken zusammen
Muss die Schweiz den selben Weg gehen wie die USA? Keineswegs. Aber für mich ist ganz klar: Die Richtung Verschiebung ist gegeben. Die gedruckten Zeitungen werden weiterhin Anteile verlieren, das Internet wird sich an die Spitze vordrängen. Interessant wird, wie sich das Fernsehen weiter entwickelt – wenn immer mehr TV übers Mobiltelefon und über Laptops oder Tablets konsumiert wird, dann rücken Fernsehen und Internet für die Benutzer noch näher zusammen. Dasselbe gilt für Fernseher, die surfen können. Werden die TV-Stationen mit ihren ausgebauten News-Angeboten die Doppelnutzer abholen oder die Online-News von klassischen Printverlegern?

Dieser Artikel erschien auch auf meinem Extrablog für NZZ Online.

Marcel Bernet | 03.03.2010

USA: Top-Unternehmen nutzen Blogs und Twitter

Laptop MegaphoneDie grössten amerikanischen Unternehmen bauen ihr Social Media Engagement aus. Twitter wird bereits stärker genutzt als Blogging, Video-Beiträge nehmen stärker zu als Audio-Podcasts.

Die Society for New Communications Research veröffentlicht diverse Studien rund um Online-Kommunikation. Ende Februar publizierte sie die zweite Ausgabe ihrer «Untersuchung zur Entwicklung des Blogging- und Twitter-Einsatzes unter den grössten US-amerikanischen Firmen» (Original-Studie PDF).

Sehr hohes Blogging-Engagement in den USA
Davon kann Europa nur träumen: Knapp ein Viertel der grössten amerikanischen Unternehmen bloggen – das sind 6 Prozent mehr als im Vorjahr. Interessant ist der Vergleich zwischen Fortune 500 (Wikipedia) und Inc. 500: Das erste Wirtschaftsmagazin misst private und öffentliche Unternehmen nach Umsatz, das zweite nur private Unternehmen nach Wachstum.

Sind die schnell wachsenden, privaten Unternehmen beweglicher, offener für den direkten Dialog mit Blog-Lesenden? Die Zahlen zeigen in diese Richtung, denn in der 500er-Liste von Inc. führen sagenhafte 45 Prozent ein eigenes Blog – gegenüber 39 Prozent im Vorjahr.

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Auch in der Schweiz werden aus meiner Sicht mehr Unternehmen aktuelle, interaktive Inhalte auf ihren Webseiten bieten. Vielleicht heissen sie Blog, vielleicht sind sie einfach ein Online-Magazin. Je grösser ein Unternehmen, desto eher kann es sich den hohen Aufwand für laufend aktuelle, gut recherchierte Beiträge leisten. Und natürlich haben es die amerikanischen Unternehmen wesentlich einfacher, was den Umgang mit Sprachen anbelangt.

Audio und Video aktiviert die Inhalte
Zurück zu den Fortune 500-Unternehmen: Den grössten Anstieg gegenüber 2008 zeigen Video-Beiträge. Auch die Audio-Podcasts wachsen: 19 Prozent der Unternehmensblogs enthalten Ton-Beiträge, gar 31 Prozent setzen auf Web-Videos. Auch das ein Trend in der Unternehmenskommunikation, der sich aus meiner Sicht verstärken wird.

Twitter überholt Blogging
Zum erstenmal erfasst wurden diejenigen Unternehmen, die ein Twitter-Account führen – und zwar aktiv. In den letzten dreissig Tagen «getweetet» haben 173 Unternehmen. Das sind 35 Prozent der erhobenen Firmen – gegenüber einem Blog-Engagement von 22 Prozent bei Fortune 500.

Twittern ist einfacher als Bloggen, deshalb wird die Zahl der schnellen Micro-Texter in Unternehmen immer etwas höher liegen. Trotzdem sehe ich diesen Kanal als ideale Ergänzung einer Inhalts-Strategie, die auf Blog-Beiträge setzt.

Sonja Stieglbauer | 01.03.2010

Corporate Social Responsability: Den Verbrauchern egal?

Institut für Marken- und KommunikationsforschungWeil Nachhaltigkeit Mode ist, hat die Corporate Social Responsabilty, CSR, an Bedeutung gewonnen. Forscher der deutschen Justus-Liebig-Universität behaupten nun, dass es den Konsumentinnen und Konsumenten egal ist, ob ein Unternehmen soziale Verantwortung übernimmt.

Beispielsweise wollen in Befragungen 50 Prozent umweltverträgliche Putzmittel. Im Supermarkt entscheiden sich aber nur noch 5 Prozent dafür. Auch bei Telefonen oder Kleidern gilt: Im Laden zählen Design und Preis mehr als Sozial- oder Umweltverträglichkeit.

Ganz für die Katz oder den Regenwald muss CSR trotzdem nicht sein. Die Forscher sehen drei wirkungsvolle Strategien:

  • CSR ist mit der Markenidentität verbunden, wie bei Bodyshop.
  • Gesellschaftliches Engagement wirkt ergänzend; Beispiele sind Volvic oder Krombacher.
  • Es ist den Verantwortlichen eines Unternehmens einfach wichtig, so wie das bei Würth der Fall ist. An Profit im Schraubengeschäft denkt man beim kulturellen oder sozialen Einsatz weniger.

Für mich gibt es noch ein weiteres Argument: Vielleicht bringt es Organisationen nicht viel, sich zu engagieren. Aber es kann teuer werden, sich nicht zu engagieren. Skandale um Lösungsmittel, Kinderarbeit oder abgeholzte Wälder schaden der Reputation nachhaltig. Und ich empfehle nicht, CSR einzig über das Risk Management zu steuern.

Marcel Bernet | 24.02.2010

Social Media unterstützt die Recherche

@zeichen_schreibmaschJournalistinnen und Journalisten nutzen Blogs, Twitter und Facebook intensiv als Quelle – mit höherer Anforderung an die Überprüfung.

Schon 2009 hat die Bernet/IAM-Studie «Journalisten im Internet» (alle bernetblog-Artikel zur Studie, samt Grafiken) eine hohe Akzeptanz von Social Media bei Schweizer Medienschaffenden gezeigt. Letzte Woche veröffentlichten der globale PR-Dienstleister Cision und die George Washington University eine neue Studie (Medienmitteilung deutsch, Website GWU englisch).

Social Media als Quelle etabliert – bei tiefer Glaubwürdigkeit
Der Fachbereich Strategic PR der George Washington Universität GWU sandte im Herbst 2009 Fragebogen an 9100 Medienschaffende, ein Rücklauf wird nicht angegeben. 89 Prozent geben an, Blogs für Recherchen zu nutzen, 65 Prozent nutzen dazu Soziale Netzwerke wie Facebook und LinkedIn, 52 Prozent verfolgen Microblogging-Dienste wie Twitter und 61 Prozent setzen auf Wikipedia.

Damit ist klar: Social Media haben sich als wichtige Quelle für Recherchen etabliert. Was auch nicht weiter erstaunlich ist bei dem riesigen Angebot an Informationen, die sich an diesen neuen Web-Lagerfeuern sammeln. Glauben kann man aber nicht gleich alles, was hier herumgereicht wird – zumindest geben die befragten Journalistinnen und Journalisten zu 84 Prozent an, dass Social Media-Quellen «wenig» oder «viel weniger» glaubwürdig sind als traditionelle Medien.

Vergleich Schweiz: Trend ist klar
Die US-amerikanischen Zahlen liegen bis auf die Nutzung von Wikipedia wesentlich höher als in unserer repräsentativen Studie von 2009 – hier der Vergleich:

socialmedia_journalisten_usa_ch

Gerade im Bereich Blogging bietet sich hierzulande auch wesentlich weniger Inhalt als in den USA. Hinzu kommt, dass unsere Befragung (Gratis-Download) nicht einfach die Nutzung abfragt, sondern die Wertigkeit: Ausgewiesen ist nur der Anteil der Medienschaffenden, die zum Beispiel Blogs als «wichtig» oder «sehr wichtig» für ihre Arbeit bezeichnen. Auch mit dieser engeren Auslegung nutzen die Schweizer Wikipedia leicht stärker, dafür war Twitter Mitte 2009 journalistisch unbedeutend bei uns.

Social Media nicht nur als Quelle
Dass Social Media nicht nur für die Recherche ein absolutes Muss ist, zeigt der neue Chef von BBC World News: In einem internen Memo fordert Peter Horrocks den Einsatz für Recherche, die interne Zusammenarbeit und die Verbreitung der Inhalte. Und zwar ultimativ: «Wer es nicht mag oder wer denkt, dass diese Veränderung oder diese neue Arbeitsweise für ihn zu gross sei, der soll gehen und etwas anderes tun…» Mehr dazu im Beitrag «BBC sagt: Social Media muss sein».

Alle bernetblog-Artikel zur Studie
«Journalisten im Internet» mit Grafiken und Tipps

Dominik Allemann | 29.01.2010

Facebook: Die Weltwoche über das neue Lagerfeuer

facebook_chFacebook ist in aller Munde und bringt Aufmerksamkeit und Leserzahlen. Die Weltwoche stellt eine Studie vor und sprach mit Marcel Bernet über die Nutzerzahlen.

Die Studie, in Auftrag gegeben von ROD, begleitete 50 Nutzer/innen durch eine einmonatige Facebook-Abstinenz. Die Reaktionen entsprachen von der Akquise der Proband/innen bis zur Auswertung ihrer Erfahrungen dem klassischen Suchtschema: Zuerst die grosse Überwindung oder gar Angst vor dem Ausstieg, gefolgt vom kalten Entzug mit Phantomschmerzen, Gereiztheit und Unverständnis bei der Peer-Group (Mitsüchtige, Community) und schliesslich die Erleichterung bei der Entdeckung von neuen alten (Sucht-) freien Lebensqualitäten.

Viele der Testpersonen – vor allem auch Studierende und Schüler/innen – waren weniger «zerstreut» und konnten sich besser auf die Arbeit oder das Lernen fokussieren. Trotzdem: Ausnahmslos alle fünfzig Teilnehmer kehrten nach den dreissig Tagen zurück ins Social Network – wollen es aber künftig «seltener, bewusster, sinnvoller» einsetzen. Wir werden sehen.

Das Virus Facebook in Zahlen
Der Weltwoche-Artikel wird begleitet von einer Infobox über Netzwerke. Marcel stand der Weltwoche Red und Antwort. Auffällig darin die Grafik mit den Facebook-Nutzerzahlen (Quelle: ROD).

nutzerzahlen schweiz facebook

Bei den 20-jährigen liegt die Abdeckung heute also schon bei nahezu neunzig Prozent. Grosses Potenzial liegt bei den Ü40-ern. Bedenkt man, dass bereits heute vierzig Prozent der Schweizer Facebook-Nutzer/innen über dreissig Jahre alt sind, merkt man: das Netzwerk wird immer erwachsener.

Siehe dazu auch unsere Beiträge über die Facebook-Nutzerzahlen:
Facebook User Schweiz: Zahlen 2009
Facebook – Muss das sein? Schweizer Reichweiten im Vergleich

Marcel Bernet | 21.01.2010

Facebook – muss das sein? Schweizer Reichweiten im Vergleich.

facebook_chFacebook erreicht 1.8 Millionen, das Schweizer Fernsehen 2.5 Millionen.  Was bringt dieser Vergleich und muss man als Organisation Facebook einsetzen?

Der Beitrag «Facebook User Schweiz: Zahlen für 2009» zeigt die Entwicklung von Facebook bezüglich Nutzer, Nutzung, Geschlecht, Sprachen und Alter. In welchem Verhältnis stehen diese Zahlen aus der Sicht von Werbung, Marketing, PR?

Facebook ist relevant
Wer sich überlegt, wo er ein Inserat schaltet, der fragt nach den Auflagen. Wie verhält sich die Zahl der aktiven Nutzer von Facebook zu den Reichweiten ausgewählter Medien? Das Schweizer Fernsehen gibt eine durchschnittliche Tages-Zuschauerzahl von 2.907 Mio an. Bei den Online-Medien fällt die Wahl auf den Tages-Anzeiger, NetMetrix zeigt im Dezember 1.407 Millionen Unique Clients. Als gedruckte Tageszeitung gibt schliesslich die NZZ gemäss Mach Basic 2009-2 315′000 Lesende an.

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Die Tageszeitung bleibt relevant

Hier vergleichen wir oberflächliche Zahlen. Sie messen nicht überall dasselbe – denn Fernseh-Reichweiten basieren auf Hochrechnungen, Unique Clients entsprechen nicht Usern. Hinter den Zahlen stehen weitere wesentliche Punkte: Erstens die Qualität der Interaktion und zweitens die Aufteilung der Gesamt-Reichweite nach soziodemografischen Merkmalen. Die durchschnittliche Verweildauer zum Beispiel liegt auf tagesanzeiger.ch bei 8 Minuten. Diese verbringen Nutzer aber mit einer anderen Intensität und Zielsetzung als die 20 Minuten auf Facebook.

Trotzdem: Organisationen, Unternehmen, Interessengruppen können Facebook nicht abtun als vernachlässigbares Online-Spielzeug. Soziale Netzwerke muss man sich anschauen. Genau so, wie die NZZ. Wen erreiche ich wo und wie?

Muss ich auf Facebook präsent sein? Ja, aber.
Dabei sein muss man heute zum Beobachten und Lernen. Der Schritt zu einer eigenen Seite oder zu Facebook-Inseraten will gut überlegt sein. Er macht Sinn, wenn Sie

  • eine starke, aktuelle, bereits dialogorientierte Website als Ausgangspunkt flankieren wollen
  • Inhalte bieten können, die in den Facebook-Kontext passen (hier wollen sich Benutzer austauschen, überrascht werden, sich involvieren)
  • über die Ressourcen verfügen für Aufbau, stete Aktualisierung und täglichen Dialog

Facebook-Engagements verlangen gute Ideen und ein hohes Engagement. Argumente dafür und dagegen samt Strategie-Beispiel im Beitrag «Was bringt ein Facebook-Auftritt?».

Übersicht aller bernetblog-Facebook-Tipps, samt diesem hier.

Marcel Bernet | 21.01.2010

Facebook User Schweiz: Zahlen für 2009

facebook_ch1.8 Millionen Schweizer sind auf Facebook registriert – je zur Hälfte Frauen und Männer. 40 Prozent davon sind älter als 30 Jahre, den grössten User-Anteil stellen die 20- bis 29-Jährigen. Die Verweildauer liegt bei 25 Minuten. Die Zahlen belegen die hohe Schweizer Reichweite von Facebook – wohin geht die Reise?

Bernet_PR präsentiert diese Auswertung in Zusammenarbeit mit dem Online-Dienstleister Serranetga, der die Daten bei Facebook abruft und aggregiert.

80 Prozent Wachstum, starke Nutzung
Insgesamt konnte die Facebook in der Schweiz erneut um 80 Prozent zulegen – gegenüber einer Vervierfachung der Zahlen im Vorjahr. Remo Prinz, Partner bei Serranetga und verantwortlich für verschiedene Facebook-Kampagnen, erwartet für 2010 ein entschleunigtes Wachstum: «Im letzten Quartal 2009 sahen wir Neu-Anmeldungen von rund 40′000 pro Monat oder 2.5 Prozent. Facebook wächst auf sehr hohem Niveau langsamer. Bei den Jüngeren ist durch die hohe Verbreitung eine Sättigung absehbar. Weiterhin zunehmen dürften Anmeldungen von über Dreissigjährigen.» Weltweit gab Facebook am 1. Dezember 350 Millionen User an. Die von Serranetga/Bernet_PR verwendeten Zahlen beschränken sich auf User, die ihr Konto in den letzten 30 Tagen aktiv genutzt haben.

Facebook gibt eine Schweizer Verweildauer von 25 Minuten an. Zum Vergleich: Die tägliche Mediennutzung für Zeitungen und Zeitschriften lag 2006 in der Schweiz bei 24 Minuten (Time Use Study im Jahresbericht 2006 von mediapulse/SRG). 56 Prozent der Benutzer sind täglich im Sozialen Netzwerk drin, 85 Prozent wöchentlich.

facebook schweiz user entwicklung 2008-09

Ende 2008 lag der Anteil der Frauen bei 53 Prozent, inzwischen haben die Männer aufgeholt: Die Anteile zeigen heute ein sehr ausgeglichenes Verhältnis von 49 Prozent weiblichen zu 51 Prozent männlichen Profilangaben. Die Aufteilung nach Sprachen zeigt 59 Prozent der Nutzung in deutscher Sprache, 22 Prozent französisch, 14 Prozent englisch und 5 Prozent italienisch.

Facebook Schweiz Geschlecht / Sprachen 2009

Jede Altersklasse in ihrer Beziehungswelt
Die weltweit grösste Soziale Plattform wird auch in der Schweiz sehr gemischt genutzt: Legt man die Grenze zwischen Jung und Alt bei 30 Jahren, so liegen 60 Prozent darunter und 40 Prozent darüber. Diese Anteile haben sich im vergangenen Jahr nur unwesentlich verschoben. Diese Durchmischung zeigt mir, dass sich die sehr unterschiedlichen Altersgruppen eigene Beziehungswelten schaffen – und sich trotz der Durchmischung nicht in eigene Nischen zurückziehen. Die hohe Anziehungskraft von Facebook liegt in der Grösse. Hier findet man die meisten Anknüpfungspunkte -  das Betreiben verschiedener Netzwerk-Profile ist zu aufwändig.

Facebook Schweiz Nutzer nach Alter 2009

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Prognose: 2.2 Millionen bis Ende 2010
Wenn Facebook beim Schweizer Plus von 2.5 Prozent des letzten Quartals bleibt, dann ist nicht einmal die 2-Millionen-Grenze zu knacken. Wird 2010 das Jahr der Facebook-Abmeldungen, wie von einer holländischen Künstlergruppe mit der virtuellen Sterbehilfe auf suicidemachine.org propagiert? Ich rechne mit weiteren Neueinsteigern und zunehmender Schweizer Aktivität auf Facebook bei 2.2 Millionen Usern bis Ende 2010. Verbunden mit einem leichten Rückgang ab 2011 – weil Nutzer müde werden und weils bis dann bestimmt wieder was Neues zum Ausprobieren gibt.

Morgen im bernetblog:
«Facebook – muss das sein? Schweizer Reichweiten im Vergleich.»
Externe Links:
Sterbehilfe 2.0 auf Tages-Anzeiger Digital
Internationale Facebook-Statistiken per Ende 2009 von Nick Burcher
Wikipedia zu Facebook

Lilly Anderegg | 21.10.2009

IT-Luftblasen 2009: Nur zwei von acht werden nicht platzen

IT-Luftblasen 2009Alles alter Wein in neuen Schläuchen? Ernst zu nehmen sind Business Intelligence und (Desktop-)Virtualisierung. Nur heisse Luft sind dagegen Enterprise-mash-ups und Social Software, sagen IT-Experten.

Im September habe ich über den Hype-Cycle von Gartner geschrieben, der regelmässig die IT-Trends bewertet. Im Trend 2009 sind Cloud Computing, Social Software und Green IT. Sind diese Technologien ernst zu nehmen oder nur Luftblasen? Sehr aufschlussreich finde ich dazu die Perspektive von IT-Experten. Laut einer Umfrage unter 311 IT-Freiberuflern und 39 Projektanbietern sind nur zwei von acht IT-Trends wirklich ernst zu nehmen:

  • Business Intelligence (Automatisierung des Reportings)
  • (Desktop-)Virtualisierung (lokales Ausführen von Desktop- oder Server-Anwendungen)

Was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und warum gerade diese Technologien mehr als heisse Luft sind, erklärt der Artikel Umfrage-Ergebnis: IT-Luftblasen 2009.

IT-Luftblasen 2009

Gemischte Gefühle bei Cloud Computing und Green IT
Cloud Computing ist für die meisten Umfrageteilnehmer nicht viel mehr als ein Marketing-Buzzword. Überraschend finde ich, dass Green IT so schlecht bewertet wird – dabei ist grüne Informatik aus ökologischer Sicht eine Notwendigkeit. Green IT unterstützt Massnahmen, um ein IT-Produkt über den gesamten Lebenszyklus hinweg so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten und nutzen. Konkrete Massnahmen sind beispielsweise der Einsatz energiesparender Prozessoren, Klimamanagement in Serverräumen und Virtualisierung von Servern sowie die Weiterverwendung der Komponenten und der Recyclingfähigkeit alter Rechentechnik. Dabei stehen nicht immer ökologische Interessen im Vordergrund – auch ökonomische Gesichtspunkte (Kosten sparen) und die Möglichkeit, sich als verantwortungsbewusste Firma zu vermarkten, spielen ebenso eine Rolle.

Und wie halten Sie es mit Social Software?
Erstaunt hat mich auch, dass rund zwei Drittel der IT-Spezialisten Enterprise 2.0 und Social Software – Beispiele sind Twitter, Weblogs und weitere Online-Communities – für nicht zukunftsrelevant halten. Eine Begründung bleibt uns der Artikel Umfrage-Ergebnis: IT-Luftblasen 2009 schuldig. Gemäss der Analysten von Gartner jedenfalls kommt in naher Zukunft kein Unternehmen an Social Software vorbei. Bottom-up statt Top-down sei der grosse Vorteil der Enterprise 2.0: Das Wissen und die Erfahrungen aller Mitarbeiter werden durch sie nutzbar, und das eröffnet dem Unternehmen bessere Entwicklungschancen. Microblogging – wie zum Beispiel über Twitter – ermöglicht Gartner zufolge neue Formen eines schnellen, geistreichen und einfachen Austauschs. Was ist Ihre Meinung?

Mehr zum Thema im bernetblog:

Hype-Cycle: Verliert Facebook den Reiz?, 08.09.2009
Was ist eigentlich: …Cloud Computing?, 11.09.2009

Marcel Bernet | 09.09.2009

Journalisten im Internet: Basics für den Mediencorner

zeichen_schreibmasch1Was suchen Journalisten auf der Website einer Organisation? Die Rangliste der wichtigsten Infos zeigt auf, wie Sie die Prioritäten für Ihren Mediencorner setzen müssen.

Auch wenn Online-PR immer komplexer und anspruchsvoller wird: Wichtig ist, dass die Basics stimmen. Die Wichtigkeits-Rangliste der Informationen, welche Medienschaffende auf einer Website erwarten, stellt so einfache Inhalte wie Kontaktinfos an die erste Stelle. Vor lauter Podcast-, Facebook- oder Twitter-Projekten gehen die Grundlagen oft unter.

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Erfüllen Sie die Top-Fünf auf dieser Liste. Wenn Sie folgendes im Griff haben, können Sie die nächsten fünf Wunschpunkte angehen:

  1. Kontaktinfos (immer aktuell, mit Funktion/Zuständigkeit, Telefon, Erreichbarkeit, Foto),
  2. Zahlen (die wichtigsten Zahlen in einer übersichtlichen Tabelle, zuoberst sichtbar, immer aktuell),
  3. Hintergrundinfos (mit einem Kurztext über Ihre zentralen Aktivitäten, am besten als Faktenblatt aufgebaut – so, dass ein Journalist sofort alles findet, was er zum Beispiel in einer Infobox zum Artikel einbauen will),
  4. Medienmitteilungen (als Archiv, chronologisch, alles in HTML, nicht in PDF- oder Word-Dateien versteckt) und
  5. Suchfunktion (schnelle Suche nur innerhalb des Mediencorners, nicht über die ganze Website)

Sie sind schon so weit? Checken Sie doch kurz Ihren Mediencorner anhand unseres Webchecks Mediencorner (drittunterste Position auf dieser Seite) durch. Und wenn dann die Basics alle stimmen, dann können Sie weitergehen im weiten Feld des Mediencorners 2.0 oder Social Media Newsrooms.

Alle Blogbeiträge zur Studie «Journalisten im Internet»
Studien-Download, Kurzfassung-Newsletter

Social Media Newsroom: do-it-yourself
Social Media Newsroom: Best Practice bei Electrolux

Lilly Anderegg | 08.09.2009

Hype-Cycle: Verliert Facebook den Reiz?

kiss_valentineDer Tages-Anzeiger diskutiert den Tod von Facebook. Und sitzt damit dem neusten Hype auf. Facebook wird erwachsen, gestorben ist es noch lange nicht.

Lange haben die Medien Facebook bejubelt. Das zieht nicht mehr. Jetzt wird das Netzwerk zu Tode verurteilt. «Wir langweilen uns gegenseitig: Der Tod des hippen Facebook», titelt der Tages-Anzeiger Online. Spannend sind die Kommentare, die der Artikel auslöst. Und ja, ich merke selbst, wie Facebook für mich an Attraktivität verliert, seit sich dort auch meine Schwiegermutter in spe, Arbeitgeber und Kunden tummeln. Für mich hat Facebook heute einen Stellenwert wie Xing vor fünf Jahren. Es ist wichtig, dabei zu sein – aber hip ist Facebook nicht (mehr).

Der Reiz des Neuen ist vorbei
Trotzdem: Ist es nicht völlig normal, dass der Hype mit der Zeit nachlässt? Die gesteigerten Erwartungen münden in Enttäuschung, die «hippe» Technologie wird zum Mainstream. Mir kommt es fast vor, als sei es der neuste Hype, den Tod von Facebook zu verkünden. Die Stichwort-Kombination «Tired of Facebook» erreicht auf Google bereits 300′000 Treffer, die ersten Einträge datieren von 2007. Web 2.0 durchläuft gerade eine Phase der Desillusionierung, wie auch die Marktforscher von Gartner in ihrem Hype-Cycle feststellen. Und was kommt danach?

Hype-Cycle

Der lange Weg zum «Plateau der Produktivität»
Der Hype-Cycle von Gartner bewertet regelmässig die IT-Trends. Im Trend 2009 sind zum Beispiel Cloud Computing, E-Books und Internet-TV. Social Software und Microblogging haben gemäss Gartner den Zenit bereits überschritten. Gartner geht dabei von einem gleich bleibenden Zyklus aus, den neue Technologien durchlaufen. Auf den Hype folgt die Ernüchterung, und langsam wird erkannt, wo eine neue Technologie realistisch einsetzbar ist. In der nächsten Phase wird die Technologie zunehmend eingesetzt, bis sie zuletzt zum Alltag gehört und die Produktivität steigert. Gartner bezeichnet die Phasen des Hype-Cycle als «Technology Trigger», «Peak of Inflated Expectations», «Through Disillusionment», «Slope of Enlightment» und «Plateau of Productivity». Unterschiedlich ist lediglich die Zeitspanne, die die Technologien in den einzelnen Phasen verbringen. Die Studie ist bei Gartner nicht frei zugänglich; eine Zusammenfassung gibt computerwoche.de.

Geht es nach Gartner, erreicht Web 2.0 in weniger als zwei Jahren die Phase der Produktivität. Ich bin gespannt. Und ich frage mich, was Gartner alles zu Web 2.0 zählt. Persönlich konnte ich zum Beispiel meine Produktivität dank Facebook  (noch) nicht steigern – im Gegenteil. Spass macht es trotzdem, den weltweit 250 Millionen registrierten Usern durchs Schlüsselloch zu schauen. Im Artikel des Tages-Anzeigers lese ich, dass Bill Gates sein Profil auf Facebook gelöscht hat – er hatte einfach zu viele Freunde, heisst es. Vielleicht waren es die falschen Freunde?

Marcel Bernet | 04.09.2009

Journalisten im Internet: Wikipedia und Facebook legen zu

zeichen_schreibmasch1Wikipedia ist für Schweizer Medienschaffende wichtiger als Web-Seiten von Unternehmen und Organisationen. Und Soziale Netzwerke sind wichtiger als Blogs.

Dabei sind Soziale Netzerke wie Facebook wohl erst seit rund einem Jahr ein wirklich ernst zu nehmender Faktor im Medien- und Newsbereich hier in Europa.

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Beide markierten Internet-Angebote wurden mit der aktuellen Studie erstmals abgefragt. Dass sich Wikipedia gleich vor die Unternehmens-Seiten setzt, hat uns überrascht. Doch als Quelle für die schnelle Abklärung von Jahreszahlen, Namen, Fakten bietet das Online-Lexikon unschlagbare Vorteile. Verwaltungs-Seiten wie admin.ch behaupten ihren Wichtigkeitsrang als Anlaufstelle für relevante Infos. Kleine Anteile der Mehrfachnennungen erhalten die Web 2.0-Anwendungen am Schluss der Rangliste – hier hakt die Studie mit einer Zusatzfrage nach:

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Wenn der Fragefokus auf den spezifischen Web 2.0-Anwendungen liegt, steigt deren Wichtigkeit: Mehr als die Hälfte der Schweizer Journalistinnen und Journalisten gibt an, YouTube sei für ihre Arbeit wichtig oder sehr wichtig. Und rund zwei Fünftel setzen auf Facebook oder Podcasts, ein Drittel auf Blogs – deren Kurz-Variante Twitter findet kaum Beachtung. Wie werden die Web 2.0-Möglichkeiten journalistisch genutzt? Hier eine Auswertung der Frage nach Video-Plattformen und Sozialen Netzwerken:

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Ein Fünftel findet Artikel-Ideen oder will Trends aufspüren, auf beiden Plattformen mit denselben Anteilen. Video-Plattformen wie YouTube sind für Zusatzinformationen sehr beliebt neue Perspektiven findet man auf beiden Plätzen.

Pendenzen für Online-Medienarbeiter: Sind die Wikipedia-Inhalte Ihrer Organisation aktuell? Pflegen Sie einen YouTube-Channel mit Ihren Video-Inhalten – oder sind diese nur auf der eigenen Website abgelegt? Schauen Sie sich hie und da wenigstens um auf Facebook?

Alle Blogbeiträge zur Studie «Journalisten im Internet»
Studien-Download, Kurzfassung-Newsletter

Marcel Bernet | 26.08.2009

Journalisten im Internet: Acht Tipps für Online PR

zeichen_schreibmasch1Medienschaffende setzen aufs Internet – und finden Inhalte vorwiegend über Suchmaschinen. Acht schnelle Tipps, wie Sie Ihre Medienmitteilungen auf Google besser positionieren.

Unsere Studie «Journalisten im Internet» zeigt repräsentativ für Schweizer Medienschaffende: Das Internet ist Arbeitsinstrument Nummer eins, vor dem persönlichen Gespräch und den Tageszeitungen. Und Suchmaschinen sind mit E-Mail das wichtigste Online-Arbeitsinstrument, mit 99.8 Prozent der Nennungen für Google – alle Grafiken dazu im Beitrag «Was Google nicht findet, gibts nicht».

Sind Ihre Medieninhalte gelistet?
Damit dürfen Sie als PR-Profi annehmen, dass Google über Ihr Auftauchen im Rahmen von journalistischen Recherchen entscheidet. Sind Ihre Medienmitteilungen sichtbar? Was geschieht, wenn Sie bei Google «Name_meiner_Organisation» eintippen mit «Cash Flow», «Medienmitteilung», «Jahresbericht» oder «Geschäftsleitung»? Schön, wenn die entsprechenden Inhalte auftauchen. Noch besser, wenn die Top-Suchresultate auch direkt in Ihren Mediencorner verweisen.

Fazit: Suchmaschinenoptimierung für den Mediencorner
Google und andere Suchmaschinen priorisieren Inhalte, die aktuell sind, passende Adressen haben, die richtigen Worte enthalten und stark verlinkt sind. Das heisst für Ihre Online-Medienarbeit:

Medienmitteilungen

  1. mit aussagestarken Titeln versehen
  2. im Text die relevanten Schlüsselworte zu verwenden (ohne Tricks)
  3. diese sofort Online schalten, in HTML (verlinkt mit Ihrem E-Mailversand)
  4. ohne Passwort, für alle zugänglich (auch für Suchmaschinen)

Mediencorner so gestalten, dass

  1. Mitteilungen direkt adressiert sind (nicht hinter Flash versteckt)
  2. die Adresse den Titel der Mitteilung enthält (wie bei Blogs)
  3. das Beifügen von Schlagworten möglich ist
  4. Mitteilungen per Klick verlinkt werden können (Blog, Facebook, Twitter)

Soweit das Wichtigste – gibts Ergänzungen?

Weitere Inputs zum Online-Mediencorner und Schlüsse finden Sie hier
Journalisten im Internet: E-Mail im Vormarsch

Journalisten im Internet: Studie präsentiert
Artikelübersicht zu Mediencorner und Online PR

Marcel Bernet | 25.08.2009

Journalisten im Internet: Was Google nicht findet, gibts nicht

zeichen_schreibmasch1Was Medienschaffende auf Google nicht finden, das gelangt kaum in einen Artikel. Das beweisen drei Grafiken zur Internet-Verwendung im journalistischen Alltag.

Im Juli haben wir die Resultate der dritten Bernet_PR/IAM-Studie «Journalisten im Internet» veröffentlicht (PDF-Download Vollversion, Kurzfassung Newsletter). Für uns PR-Profis lohnt es sich, die folgenden Schlüssel-Grafiken mit auf den Weg zu nehmen. Und daraus Schlüsse bezüglich Online-Medienarbeit zu ziehen.

Internet: Von Platz sechs an die Spitze
Wer erinnert sich ans Internet vor sieben Jahren? 2002 zeigte die Frage nach den wichtigsten Hilfsmitteln Internet und E-Mail erst auf Platz sechs und sieben, weit hinter den bislang bekannten Werkzeugen, vor den elektronischen Medien und dem damals noch vorhandenen Zeitungsarchiv:

journ_internet_2002_hilfsmittel(Bernet PR/ZHW Studie 2002 «Journalisten im Internet»)

Der Vormarsch des Internet liess auch im journalistischen Alltag nicht auf sich warten – 2006 hatte es sich bereits an die dritte Stelle vorgekämpft. Und 2009 stehen die Online-Tools an der Spitze der eingesetzten Hilfsmittel, im eng beieinander liegenden Spitzentrio Web / Tageszeitung / Gespräch:

journ_internet_2009_hilfsmittel

Suchmaschinen: Heissgeliebt
Wie oft tippen Sie eine Internet-Adresse ins Adressfeld und suchen dann dort die Inhalte? Und wie oft tippen Sie das Gesuchte gleich ins Suchmaschinen-Feld des Browsers oder einer Startseite? Medienschaffende verhalten sich wie Sie und ich. Deshalb gelten Suchmaschinen als wichtigstes Internet-Angebot, mit E-Mail:

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Sie haben es vermutet: 99.8 Prozent der Befragten geben Google.ch als Suchmaschine ihrer Wahl an, 27.3 Prozent der Mehrfachnennungen ergattert Search.ch, weit abgefallen folgen Yahoo mit 8.2, Altavista mit 6.1 und eine Vielzahl von Nennungen mit insgesamt 1.5 Prozent.

Was heisst das für Ihre Online-Medienarbeit? Acht Optimierungstipps bringt der nächste Beitrag.

Weitere Schlüsse und natürlich alle Detailgrafiken finden Sie in der Originalstudie. Oder in diesen Beiträgen:
Journalisten im Internet: E-Mail im Vormarsch
Journalisten im Internet: Studie präsentiert

Sonja Stieglbauer | 22.07.2009

Mediennutzung Jugendlicher

fischschwarmDer 15-jährige Brite Matthew Robson hat für Morgan Stanley die Mediennutzung seiner Freunde beschrieben. Die Medien reagieren aufgeregt.

Mit ein bisschen Scharfsinn überraschen die Ergebnisse kaum: Jugendliche haben verhältnismässig wenig Geld zur Verfügung, also nutzen sie vor allem Gratisangebote. Hier eine Zusammenfassung von Matthews Erkenntnissen für alle, die keinen Kontakt mit Jugendlichen haben.

Radio und Musik
Jugendliche hören kaum Radio, sie wählen lieber selbst aus, was sie hören wollen. Matthews Freunde haben noch nie eine CD gekauft, die Mehrheit lädt Musik illegal runter. 79 Pennies für einen legalen Download bei iTunes gilt als teuer. Trotzdem sind «hard copies» begehrt. Damit ist gemeint, dass man ein Stück auf dem PC zur freien Verfügung hat.

Fernsehen und Online-Filme
TV wird nur phasenweise und nach besonderen Interessen konsumiert, beispielsweise Fussball während der Saison. Werbung umgehen Jugendliche: Indem sie sich in dieser Zeit mit anderem beschäftigen.

Kino
Ins Kino geht man um dort seine Freunde zu treffen. Britische Jugendliche unter 15 gehen öfter ins Kino, weil sie dann nur den Eintritt für Kinder zahlen müssen. Die etwas Älteren weichen dafür aus und besorgen sich (Raub-)DVDs. Illegale Downloads sind bei Filmen weniger beliebt. Die Qualität ist zu schlecht und die Gefahr sich einen Virus einzufangen zu gross.

Zeitungen
Jugendliche kaufen keine Zeitung, lesen aber Gratiszeitungen. Gerade im öV findet Matthew Tabloid-Zeitungen praktischer.

Spiele
Spiele gehören dazu. Wii-Plattformen würden von immer jüngeren Kindern und immer mehr Mädchen genutzt. Da die neuen Konsolen Voice chat ermöglichen, brauchen Nutzer das Telefon weniger. Ist eine Konsole einmal im Haus, bleibt es bei dieser, ganz einfach, weil Eltern keine zweite bezahlen.

Virales und Plakate
Virales kommt gut an, da meist lustig. Kein Verständnis zeigt Matthew für Pop-ups und Banners im Sinne von: Was soll das, man ist doch gewöhnt, sie zu ignorieren. Ähnliches behauptet er von Plakaten.

Mobiltelefone
Alle, die Matthew kennt, besitzen ein Mobiltelefon. Ein Jugendlicher behält es meist zwei Jahre und der Wechsel fällt mit dem Geburtstag zusammen. Kinder aus ärmeren Familien besitzen meist keinen iPod und nutzen deshalb das Telefon um Musik zu hören.

Was zusätzlich kostet wird kaum genutzt: MMS und auch SMS, sofern das Telefon nicht Wi-Fi kompatibel ist und der Spass dadurch gratis wird. Bluetooth sei beliebt – es kostet nichts. Und wieso sollen Teenager per Handy Klingeltöne runterladen, wenn sie im Internet umsonst zu haben sind?

Internet und Computer
Auf britischen Schulcomputern läuft Windows, weshalb die meisten Kids ihre Hausaufgaben mit Microsoft office erledigen. Wenn Teenies selbst einen Computer besitzen, ist es meist ein PC – weil billiger als Mac.

Gemäss Matthew haben alle britischen Teenager Internetzugang. Daheim braucht man es vor allem für soziale Kontakte, in der Schule ist es Arbeitsinstrument. Google und Facebook sind für Suche und Soziales Nummer eins.

Teenager ignorieren Twitter: Viele hätten sich zwar angemeldet, aber gäben es rasch wieder auf. Vor allem weil es SMS-Guthaben aufbraucht, das man besser verwendet, um Persönliches seinen Freunden direkt mitzuteilen. Ausserdem seien Tweets nutzlos, wer verfolgt schon das Profil eines Jugendlichen?

Jugendliche besitzen keine Kreditkarte, deshalb sind für die meisten Internet-Einkäufe kein Thema.

Und bei uns?
Will man die Ergebnisse auf Schweizer Jugendliche übertragen, muss man berücksichtigen, wieviel für Teenager attraktive Dienste hier kosten. Ich erhalte beispielsweise von meiner Tochter keine SMS mehr, seit sie mit ihrem Mobil-Abo mehr Gratis-Gesprächsminuten als Gratis-SMS zur Verfügung hat.

Für immer an gratis gewöhnt?
Ich finde, dass der heranwachsende Homo oeconomicus seinen Nutzen klug maximiert, wohl auch weil er über genügend Information verfügt. Dabei wägt er ab

  • Interessiert es mich?
  • Hat es einen sozialen Nutzen?
  • Ist es gratis oder wenigstens bezahlbar?

Ich sehe auch nicht, dass Jugendliche darauf konditioniert werden, alles gratis zu bekommen. Es gibt Begehrenswertes, für das man bezahlen würde, wenn man das Geld hätte. Teenager sind aber daran gewöhnt, sich über den Preis zu informieren und dass es verschiedene Möglichkeiten gibt ans Ziel zu gelangen. In diesem Sinn sind die minderjährigen Konsumenten bereits mündig.

Marcel Bernet | 14.07.2009

Klassische Medien schneller als Blogs

velorotschnellIm US-Wahlkampf haben die klassischen Medien die Blogs geschlagen – um 2.5 Stunden. Die Cornell University zeigt, wie Themen im Web entstehen.

Die New York Times hat die Untersuchung in einem Artikel verdichtet. Durchgeführt wurde die Studie vom Bereich Computer Science der Cornell University in Ithaca/NY. Anhand von einigen Kernaussagen aus dem Wahlkampf haben die Forscher untersucht, wie schnell sich Themen verbreiten. Dabei konnten sie sich natürlich nur auf Online veröffentlichte Inhalte abstützen. Mit ausgeklügelten Algorhythmen wurden Sätze und deren Variationen verfolgt, aus 1.6 Millionen Quellen in 90 Millionen Beiträgen. Die verschiedenen Grafiken sind auf memetracker.org auch animiert dargestellt.

Nur 3.5 Prozent aus Blogs
Im hier untersuchten Fall zeigen sich die klassischen Medien mit ihren Online-Ausgaben klar als Themenleader: nur 3.5 Prozent der Schlüssel-Wahlkampfsätze sprangen aus der Blogosphäre in die Medienausgaben. Und es dauerte im Schnitt zweieinhalb Stunden, bis die Blogs die «heissen» Sachen aufgenommen hatten. Aus der Original-Studie ist diese interessante Grafik:

cornell_studie_medien_blogs

Sie zeigt die Gesamtsicht aller analysierten Aussagen – mit den zweieinhalb Stunden Zeitdifferenz. Die rote Medienspitze nimmt langsamer zu, sinkt aber sehr schnell ab: Gedruckt ist gedruckt, das scheint auch zu gelten für die Online-Ausgaben der klassischen Medien. Dagegen nimmt das Volumen in der grünen Blogkurve schneller zu und langsamer ab: Es wird länger über die gleichen Inhalte weiter geschrieben.

Kostenpflichtige Archive beschränken die Verbreitung
Bleiben Online-Medien vor Blogs? Auch falls die Verlage wahr machen mit ihren Kostenplänen für Online-Inhalte? Auch die NY Times denkt darüber nach, wie heute in der NZZ Online beschrieben. Ich glaube kaum, dass sich Bezahl-Inhalte breit durchsetzen werden. Auch wenn mir persönlich die  Times fünf Dollar pro Monat wert wäre. Die Verlage verlieren damit auch ein sehr wesentliches Verbreitungspotenzial. Wir werden sehen.

Dominik Allemann | 09.07.2009

Journalisten im Internet: Studie präsentiert

zprg7-115Gestern Mittwoch Abend präsentierten wir den zahlreich erschienenen Mitgliedern der Zürcher PR Gesellschaft und des Zürcher Pressevereins die Ergebnisse der neuesten Bernet_PR/IAM-Studie über «Journalisten im Internet».

Projektleiter Guido Keel vom Institut für angewandte Medienwissenschaften hielt das Referat. Marcel leitete danach das lebendige und kurzweilige Podium. Die Studienergebnisse lassen sich ab sofort von unserer Website downloaden (www.bernet.ch/studien). Ein Zusammenfassung liefert die gestrige Medienmitteilung (PDF, 505KB). Wir werden in den nächsten Wochen an dieser Stelle regelmässig über Erkenntnisse daraus berichten.

zprg7-139

(vlnr. Bettina Büsser, André Marty, Marcel Bernet, Hansi Voigt,
Franco Monti, Danni Härry)

Kurzweilig und lebendig gestaltete sich das Podiumsgespräch mit den Publikumsfragen. In der Schlussrunde äusserten die Podiumsteilnehmenden ihre persönlichen Wünsche an die PR-Schaffenden (von seiten Journis) und vice versa. Die freischaffende Journalistin und Klartext-Bloggerin Bettina Büsser ortete im Spannungsfeld von Tempo und Wirtschaftlichkeit die grosse Anforderung an die Qualität im Journalismus. Hier knüpfte SF-Nahost-Korrespondent und Blogger André Marty an mit seinem Wunsch nach einer engagierteren Diskussion um die Qualität im Journalismus – und nach einem gegenseitigen Respekt zwischen PR-Leuten und Journalisten. PricewaterhouseCoopers-Experte Franco Monti forderte Sorgfalt und Vorsicht und ein konsequenteres Hinterfragen von Quellen. Er verwies dabei auf die twitternden Legenden wie Sigmund Freud & Co.. SBB-Pressechef Danni Härry möchte auch in Zeiten von Copy/Paste noch kritische Fragen und echtes Interesse von den Medienschaffenden. Einen abschliessenden Lacher kriegte 20Min-Online Chefredaktor Hansi Voigt für seine Forderung, neben den Medienschaffenden auch im gleichen Masse PR-Leute abzubauen – ansonsten die Übermacht einfach zu gross sei. Marcel wünschte sich mehr Zeit und verknüpfte dies mit dem Canetti-Zitat «Alles wurde schneller, damit mehr Zeit ist. Es ist immer weniger Zeit.»

An der Wand des Auditoriums von Gastgeberin PwC prangten noch mehr Zitate und Sprüche. In meinen Augen passte dieses sehr gut zu den im Web recherchierenden Journalisten:
«Der schnellste Weg, sich über eine Sache klar zu werden, ist das Gespräch.» (Dürrenmatt)

Lilly Anderegg | 08.07.2009

«Web 2.0» ist das millionste englische Wort

The Global Language MonitorGemäss Global Language Monitor ist Englisch die Sprache mit den meisten Wörtern. Aber auch die deutsche Sprache hinkt nicht nach. Der Duden zählt dank Löli, hirnen und Schümlikaffee rund 135 000 Wörter.

Mit «Web 2.0» hat der «Global Language Monitor» im Juni das millionste englische Wort verzeichnet. Um in den Index des «Global Language Monitor» aufgenommen zu werden, muss ein Wort 25’000 Mal in Print- und Online-Medien erschienen sein. Rund alle hundert Minuten wächst der englische Wortschatz nach diesen Massstäben um ein neues Wort. Das sind knapp fünfzehn neue Wörter jeden Tag. Die meisten Neuzugänge stammen dabei aus dem Bereich der neuen Medien. Gleich nach «Web 2.0» folgt übrigens «Financial Tsunami» als Wort Nummer 1′000′001 des englischen Sprachwortschatzes. Interessant finde ich die Einschätzung von Paul Payack von «Global Language Monitor», die er gegenüber BBC gibt. Unter anderem beantwortet er im Interview die Frage «Are geeks killing the English language?».

Ist Englisch die wortreichste Sprache der Welt?
Die meisten Muttersprachler kommen mit 14′000 Wörtern locker über die Runden. Nur sehr sprachgewandte Menschen verfügen über einen aktiven Wortschatz von 50′000 bis 70′000 Wörtern. Im weltweiten Vergleich ist Englisch die Sprache mit den meisten Wörtern, erst mit grossem Abstand folgen Chinesisch und Japanisch. Warum ist das so? Englisch hat sich immer ungeniert aus anderen Sprachen bedient. Und trotzdem kann man sich angeblich mit nur vierhundert Wörtern und vierzig Verben auf Englisch verständigen. Ob da die Hände – oder die Liebe – noch im Spiel sind?

The Global Language Monitor

(Bildquelle: New York Post)

Die deutsche Sprache steht gemäss «Global Language Monitor» mit einem Wortschatz von 185′000 Wörtern auf Platz 6. Diese Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen, siehe dazu den empfehlenswerten Artikel «Englisch ist Wortmillionär» auf 20 Minuten Online und die kritischen Bemerkungen von Geoffrey Nunberg «Size Doesn’t Matter».

Auch der deutsche Wortschatz wächst
Am 21. Juli erscheint die 25. Ausgabe des Dudens. Das Standardwerk der deutschen Rechtschreibung umfasst rund 135′000 Stichwörter. Dabei haben fünftausend Wörter erstmals Aufnahme gefunden. Aus der Schweiz stehen neu Löli, hirnen und Schümlikaffee im Duden. Ich werde trotzdem weiterhin einen Cappuccino bestellen und keinen Schümlikaffee … Eine Auswahl von 125 Neuaufnahmen, darunter auch Hüftgold, No-go-Area und Kuschelkurs, hat der Verlag Duden vorab publiziert.

Mehr zum Thema:
«Neue Wörter: Die Wortwarte», bernetblog, 27.04.09

Lilly Anderegg | 01.07.2009

Twizept: Auch in der Kürze liegt viel Würze

twizeptDie Schweizer Kochplattform waskochen.ch stellt sich der Herausforderung von Twitter auf kreative Art und serviert Rezepte, die höchstens 140 Zeichen lang sind. Trotzdem stellt sich die Frage: Wer soll das lesen?

Die Markforscher von Nielsen haben in einer Studie herausgefunden, dass 60 Prozent aller neuen Benutzer von Twitter die Seite im zweiten Monat nicht mehr nutzen. Nach einem Jahr halten nur noch 30 Prozent der Nutzer Twitter die Treue. Im direkten Vergleich schneiden Facebook und MySpace viel besser ab.

Retention Twitter

(Bildquelle: Nielsen)

Und trotzdem ist Twitter in aller Munde. Jeder will mitmachen, am besten schon gestern. Ich persönlich glaube ja, Twitter wird mit steigenden Nutzungszahlen immer unattraktiver. Denn mit wachsender Popularität steigt auch der Anteil wertloser Tweets – und wer hat die Zeit, das zu lesen?

Rezeptesammlung für Twitter
Mit Twizept reagiert waskochen.ch kreativ auf den Twitter-Hype. Die Kochplattform erfindet mit Twizept eine neue Rezeptkategorie und sammelt unter twitter.com/twizept Kochrezepte mit maximal 140 Zeichen Länge. Das liest sich dann etwa so:

4Ossibuchi einmehlen, i 80g Burro braten; 1 Zwiebl + 1 Carot hacken,mitdünsten; 2dl Wwein dazu,aufkochen; m. 150g Pelati, S+P, 1Std. köcheln.

… und funktioniert auch für Vegetarier:
Morcheln 20Min in MilchH2O einlegen, abtropfen, in 4EL Butter dünsten, Pelati dazu, S+P, 5Min köcheln – mit Nudeln und Parmesan servieren.

Kein schöner Anblick für Verfechter der korrekten Schreibweise, doch mir gefällt die kreative Spielerei mit der Sprache, Kochrezepten und letztlich Twitter. Und weil die Twizepte so kurz sind, sind sie wohl auch im Handumdrehen zubereitet. Ich fürchte, Kochen muss man trotzdem können, einmal um die Twizepte zu verstehen, zweitens um den Rezepten zusätzlichen Pfiff zu geben. Aber ein Versuch ist es wert. Die Tweets können übrigens auf twitter.com/twizept abonniert werden.

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