Die neu-grüne Welle

Grüne WeltWo treffen sich Non-Profit-Unternehmen, Start-ups und Video-Journalisten? Auf iturn.tv vernetzen sich Umweltaktivisten, Gutmenschen und Unternehmen, die vom LOHAS-Trend profitieren wollen.

iturn.tv ist eine gemeinnützige Schweizer Online-Plattform für Videos, die eine nachhaltige Entwicklung fördern. Die Video-Beiträge werden von Community-Mitgliedern oder der iturn.tv-Redaktion produziert und auf die Plattform geladen. Ich bin versucht, Hobby-Filmer als Zielgruppe aufzuzählen – aber wer hat heute noch ein Hobby? Au contraire: Der moderne Mensch hat keine Hobbys, sondern einen Lifestyle. Gemäss eigener Angaben richtet sich iturn.tv an Menschen, die sich für eine nachhaltige Entwicklung interessieren, Wert auf Qualität und Design legen und gleichzeitig mit guten Gewissen geniessen wollen – auf Neudeutsch Lohas.

Wer sind Lohas?
Lohas steht für «Lifestyle of Health and Sustainability» und beschreibt eine Zielgruppe von «Kulturkreativen» (unter Zynikern auch «moralische Hedonisten»), die aktiv in den Markt eingreifen und mit ihrem Konsum eine Verbesserung der Welt für nachfolgende Generationen erreichen will (Der politische Konsument im Internet). Der Lohas-Weg soll zu transparenteren Unternehmen führen, die fair und umweltbewusst handeln. Dabei sind sie jedoch weniger politisch-ideologisch als vielmehr sinnlich-ästhetisch orientiert. Es geht nicht um Verzicht, sondern um Genuss mit gutem Gewissen.

Finden Sie raus, ob Sie zu den Lohas zählen: Ein Test auf jetzt.de bringt die Wahrheit ans Licht. Wie verbringen Sie zum Beispiel Ihre Ferien? Ballermann auf Mallorca? Städtetrip nach London? Oder mit dem VW-Bus nach Osteuropa? Und wenn das nicht geht: Interrail? Die richtige Antwort lautet wohl spätestens seit Hape Kerkeling: Jakobsweg.

Für eine zukunftsfähige Welt
iturn.tv gibt sich selbst den Claim «Für eine zukunftsfähige Welt». Was auf den ersten Moment anbiedernd klingt, muss so schlecht gar nicht sein. Das Video-Portal schafft eine ehrlichen, sympathischen Auftritt ohne belehrend zu wirken. Es gibt wechselnde Videos der Woche, eine Themen-Auswahl und eine Stichwort-Suche. Unter dem Stichwort «Afrika» finde ich zum Beispiel einen Video-Beitrag von Greenpeace: «Solar Kickoff» in Jericho! Greenpeace Afrika richtete mit Jugendlichen aus dem südafrikanischen Dorf Jericho und lokalen Solarzellen-Herstellern eine solarbetriebene Live-Übertragung der Fussballmeisterschaft auf Grossleinwand ein. (Obwohl: Es geht auch ohne Grossleinwand – in Afrika und anderswo: Fans Watching World Cup.)

Auch eine Kurzanleitung für die Produktion eines Videobeitrags steht auf iturn.tv zur Verfügung – von der Idee über das Storyboad bis zum Schnitt. Viel Wahrheit steckt in diesem Tipp: «Die wichtigste Regel: Halte die Kamera ruhig!». Ziel ist der Erfahrungsaustausch und die «inspirierende Orientierung im Hinblick auf eine gesunde und faire Lebensweise». Jeder darf mitmachen und seinen Tipp für eine bessere Welt als Video auf die Plattform laden. Ob es nützt ist eine andere Frage. Ich frage mich, wie es das Portal schaffen will, eine Community aufzubauen, die die Seite mehr als einmal besucht.

Social Media ticken anders als klassische Medien: emotionaler, schneller, verlinkt

journalistWorüber schreiben Social Media im Vergleich zu traditionellen Medien? Twitter mag Technik, YouTube Lustiges und Blogs Meinungen. News auf Social Media haben eine kurze Haltbarkeit – und schwappen selten in die klassischen Medien, wie eine Langzeitstudie erstmals zeigt. 80 Prozent der Top-Blogstories bezogen sich auf BBC, CNN, New York Times und Washington Post.

Ende Mai hat das Pew Research Center eine weitere Medienanalyse des Project for Excellence in Journalism veröffentlicht. Diese empirische Auswertung bringt erstmals Klarheit bezüglich Themensetzung von Social Media und Übernahme von Inhalten. Ausgewertet wurden Erwähnungen und Links zu den wichtigsten News-Geschichten während 12 Monaten auf Zeitungen, Blogs, YouTube und während 7 Monaten auf Twitter. Icerocket und Technorati wurden für die Blog-Analyse eingesetzt, YouTube direkt, beide vom 19. Januar 2009 bis 15. Januar 2010. Das Twitter-Monitoring erfolgte über Tweetmeme vom 15. Juni 2009 bis 15. Januar 2010. Das unabhängige Studienzentrum wird von einer Stiftung getragen; Pew Research bietet eine Kurzfassung und die ausführlichen Resultate auf journalism.org.

Jede Medienkategorie setzt andere Schwerpunkte
Das analysierte News-Jahr zeigt: Social Media setzen andere Schwerpunkte als die traditionellen Zeitungen. Am nächsten liegen im Themenvergleich die Blogs – ausser im Bereich Technologie. Hier schert auch Twitter aus – und zwar massiv: knapp die Hälfte der News und Links führten zu Techie-Themen. Im Vordergrund standen dabei das Web, Twitter selbst, Apple, Facebook, Microsoft und Google. YouTube brachte am meisten Ausland-Themen und erstaunlich viel Politik. Hier entscheidet weniger der Newsgehalt als vielmehr die Kraft der bewegten Bilder: Angeschaut und geteilt wird, was lustig ist. Nur während 8 von 49 Wochen war das Top-Video identisch mit den Top-News in Zeitungen, in drei dieser acht Wochen ging es um die umstrittene amerikanische Gesundheitsreform, in zwei um die Strassenproteste in Teheran.

Wie werden News von YouTube, Twitter, Blogs und klassischen Medien ausgewählt?

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Es gibt also nicht nur einen Unterschied zur klassischen Zeitung; auch innerhalb der drei analysierten Social Media Plattformen werden News unterschiedlich aufgenommen. Blogger tendieren zu Inhalten, die sich mit persönlichen Kommentaren und Sichtweisen einfärben lassen. Die pointierten Pro- und Contra-Interpretationen hielten sich bei den Top-Themen in etwa die Waage.

Social News kommen und verschwinden sofort
Wenn News in Social Media aufgenommen werden, dann in den ersten Stunden nach deren Veröffentlichung. Nur fünf Prozent der Twitter-News blieben während zwei Wochen in den Top-Meldungen – gegenüber 13 Prozent bei Blogs und 9 Prozent auf YouTube. Ganz anders spielt der klassische Medienraum: Die Hälfte der fünf wichtigsten Geschichten einer Woche schafften es auch nächste Woche in die meist erwähnten.

80 Prozent der Blog-Links aus vier Medien
Es scheint, dass die vielzitierten Beispiele von Krisen, die aus Blogs in traditionelle Medien überspülen, nur schmerzhafte Einzelfälle illustrieren: Eine einzige Geschichte hat es aus der Blogosphäre in Zeitungen geschafft.

Im Gegenzug bauen Blogs stark auf die traditionellen Medien. Über 99 Prozent der in Blogs verlinkten News kamen aus führenden Zeitungen oder TV-Sendern. 80 Prozent gingen auf das Konto von gerade mal vier Medien: BBC, CNN, New York Times und Washington Post. Bei Twitter bezogen sich die Hälfte aller Top-Nachrichten auf klassische Medien.

Blogs und Twitter sind die wichtigsten Online-Multiplikatoren für die Online-Präsenz der klassischen Medien. Was wohl nur weiter so sein wird, wenn sich die Inhalte kostenlos verlinken lassen. Denn was bringt das Weiterreichen, wenn nur Abonnenten klicken können?

Fazit: Heterogene Ausrichtung, mehr Kurzlebigkeit
Auch wenn die Studie sich auf den amerikanischen Markt bezieht und von den in beobachteten Jahr präsenten Themen abhängt – endlich gibt es erste, brauchbare Hinweise auf das Funktionieren der neuen Medienkategorien. Die unterschiedliche Themenausrichtung bestätigt bisherige Annahmen. Erhärtet wird die Technologie-Ausrichtung von Twitter. Neu ist, das Blogs doch wenig Einfluss auf die Themenwahl der klassischen Medien haben. Aus meiner Sicht wird sich die Kurzlebigkeit der Inhalte auf klassische Medien ausweiten; nicht nur für deren Online-Ausgaben.

Weitere Artikel mit interessanten Pew-Studien:
Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung
News sind sozial: Wie Inhalte gelesen und geteilt werden
Internetnutzung: US-Teenager lesen News online

iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 3

online newsDie erste Hysterie rund um das Tablet namens iPad ist abgekühlt. Man beginnt, sich an das Toyl (von Toy&Tool) zu gewöhnen, es in den Alltag zu integrieren. Aber was bedeutet das neue Format für die Informationsanbieter, die Verlage?

In meiner Mini-Serie zum iPad – inspiriert vom Referat von InformationArchitect Chris Lüscher am Internet-Briefing – habe ich bereits die Änderungen im Nutzungsverhalten (Teil 1) und neue Anforderungen an die Inhalte (Teil 2) umrissen.

Formale und funktionale Neuerungen beeinflussen auch die Arbeitsweitsweise der Inhaltsanbieter, der Verlage. Hier in drei Ausprägungen:

Inhaltsproduktion: aufwändiger, komplexer
Es gibt einerseits neue, nur für den Online-Vertrieb erstellte Inhalte und andererseits den grossen Rest von Artikeln, die unbearbeitet von der Print-Ausgabe aggregiert werden. Beim iPad – mit seiner «Lean-Back» Nutzung, das heisst «Lesen in zurückgelehnter Haltung» – geht die Navigation wieder weg vom «Durchklicken». Wir wischen oder «swipen» durch die Seiten, wie durch eine Print-Publikation. Die Denke bei der Inszenierung von Inhalten geht demnach auch wieder Richtung Aufschlag/Titelseite und verschiedene Ressorts oder «Bünde». Und es wird Mischformen geben: Ein schön gestaltetes, ruhiges Seitenlayout mit einem integrierten, nervösen News-Element.

Der Blattmacher ist zurück
Online-Redaktor/Innen haben die Aufgabe, den Online-Auftritt zu orchestrieren, zeitlich abzustimmen und die Inhalte mit Video, Bild, Grafik, Textlinks, erweiterten Infos zu ergänzen. Die neue Funktion des «iPad-Editors» wird mehr die Blattmacher-Funktion wiederbeleben. Er setzt die Artikel zusammen, macht aus ihnen eine «Seite», einen Themenbund, eine «Zeitung». Das Pendel könnte leicht zurückschlagen, sagt Lüscher, vom atemlosen Online-News-Stakkato zur sorgfältig und visuell aufwändigeren Inszenierung von Inhalten. Mit Konsequenzen für ihre Vermarktung.

Vermarktung: Es bleibt der Kampf um die Bezahlinhalte
Wer soll das bezahlen? In den Verlagen herrscht ein Kampf: Die Print-Redaktionen kämpfen mit den Onlinern um die Vorherrschaft bei iPad-Projekten. Entschieden wird er durch die Nutzer/innen und ihre längerfristig etablierten Bedürfnisse. So etwas braucht Zeit. Ob und wann sich hier klarere Abgrenzungen herausbilden, ist ungewiss. Bis dann gilt:

  • Gratis-Inhalte werden durch Werbung finanziert
  • Es etablieren sich neue Bezahlkonzepte für Einzelartikel, Abos (bspw. nur einzelne Ressorts)
  • Es entwickeln sich neue Formen der «Rich Media Werbung» (bewegte Elemente, Audiovisuelles)
  • Statische Werbung – die «schöne» Anzeige – könnte an Bedeutung gewinnen

Zu guter Letzt können wirklich nützliche iPad-Applikationen ja auch verkauft werden; für ein ausgewähltes Publikum eine Option, für die grosse Masse hingegen uninteressant. Schliesslich bleibt die Anwendung das Tor zum Konsumenten, quasi als «Point Of Sale» – und den sollten die Verlage so offen und niederschwellig wie möglich halten.

Link:
iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 1

iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 2

bei den InformationArchitects:
Designing for iPad: Reality Check
WIRED on iPad: Just like a Paper Tiger… (umfangreich!)

Mediennutzung: Darf’s noch mehr Statistik sein?

Zeitung_auf_Computertastatur1-86x57Flitz Flosch und Karl Kiebitz müssen sich nicht fürchten vor dem Bündner Jäger. Die Auflagen der Schweizer Print-Publikationen, darunter auch das Schülermagazin Spick, sind bei der WEMF abrufbar.

Letztes Mal habe ich über die Nutzerzahlen von Websites und TV-Sendungen geschrieben. Die Auflagen der Schweizer Printmedien will ich Ihnen nicht vorenthalten, obwohl sie sich im Sinkflug befinden im Vergleich zu den elektronischen Medien. Einen Überblick finden Sie im Auflagenbulletin 2009 der WEMF AG für Werbemedienforschung. Das Glossar erklärt auch gleich die Unterschiede zwischen Auflage, Reichweite und Durchschnittskontakt.

Kleinvieh macht auch Mist
Die Grosswetterlage der Schweizer Printmedien ist den meisten bekannt, wir hatten vergangenen Oktober darüber berichtet: Die Gratiszeitungen haben die Nase vorne (Medienlandschaft Schweiz: «Blick am Abend» überflügelt «Blick», 02.10.2009). Interessant finde ich das «Beigemüse», etwa dass der «Bündner Jäger» mit 7′793 verkauften Exemplaren erfolgreicher ist als die Zeitschrift «Musik und Gottesdienst» (verkaufte Auflage: 2′703). Dass es die Steuer Revue nur auf 2′978 Exemplare bringt, wundert mich thematisch nicht – dafür im Monatsrhythmus und mit professionellem Internetauftritt. Die Schweiz ist nicht umsonst bekannt für ihre publizistische Vielfalt.

Spick – das «witzige» Schülermagazin
Besonders gefreut habe ich mich über die Auflage vom Spick mit 32′755 bezahlten Exemplaren – da werden Kindheitserinnerungen wach. Geliebt und immer gleich als erstes gelesen habe ich die Rubrik «Knacknuss» und die Seite mit Witzen in jeder Ausgabe. Die Witze sind auch online abrufbar, darunter zum Beispiel: «Was macht ein Deutscher, wenn er die WM gewinnt? Er schaltet die Play-Station aus.» – bitterböse.

Mediennutzung Schweiz
Weitere statistische Angaben zur Mediennutzung in der Schweiz präsentiert das Bundesamt für Statistik. Darunter die Radio- und Fernsehnutzung nach Programmen oder die Entwicklung der Internetnutzung, aufgeschlüsselt nach verschiedenen Merkmalen wie Bildung, Einkommen, Nutzungszweck und Nutzungsort. So zeigt die Entwicklung der Internetnutzung in der Schweiz: Das Internet dringt in die Privatsphäre vor und wird zum Alltagsmedium (siehe Abbildung). Bis 2000 wurde das Internet noch häufiger im Büro als zu Hause verwendet. Heute hat jedermann auch zu Hause einen Zugang zum Internet, und sei es damit die Kids die Witze aus dem Spick online lesen können.

Internetnutzung in der Schweiz

Wirksamer Jugendmedienschutz von Swisscom

enter Ratgeber digitale Medien Swisscom

Swisscom vermittelt mit dem Ratgeber «enter» Medienkompetenz auf hohem Niveau. Zur Leser-Zielgruppe gehören Kinder und Jugendliche, Erziehungs- und Lehrpersonen.

Swisscom hat mehr als fünftausend Schulen kostenlos ins Internet gebracht – jetzt liegt ihr die sichere Nutzung des Mediums am Herzen. Die «Digital Natives» verbringen viel freie Zeit mit digitalen Medien, nur wie medienkompetent sind sie wirklich? «enter» ist die Folgepublikation von SchoolNetGuide, herausgegeben von Swisscom 2003, im Rahmen der Initiative «Schulen ans Internet».

Der jährlich neu erscheinende Ratgeber «enter» ist handlich mit Aufbewahrungscharakter, womit die Swisscom Jugendmedienschutz betreiben möchte. Meiner Meinung nach eine qualitativ hochstehende Publikation, mit journalistischen Inhalten und einer sehr schönen Bildsprache. Hier ein paar Inhalts-Beispiele:

Interview mit Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie
Daniel Süss gibt interessante Anstösse, womit er Erziehungs- und Lehrpersonen ermahnt, ihre Begleitfunktionen wahrzunehmen: «Kinder brauchen Unterstützung, Begleitung und Grenzen für ihre Online-Tätigkeiten. Es ist wichtig, dass sich Jugendliche selbst die Frage stellen, mit welchen Inhalten sie in Kontakt kommen wollen und mit welchen nicht.»

Schwerpunktthema: Gefahren im Internet und wie damit umgehen
Praktische Antworten auf Fragen im Umgang mit den Medien: Wie lösche ich den Cache in den verschiedenen Browsern? Was tun, wenn man im Netz auf Kinderpornografie stösst? Wie und wo erstatte ich Anzeige?

Glossar
Die Sprache in den digitalen Medien ist eine eigene. Die farbigen Boxen geben einen schnellen Überblick. Wissen Sie was «Happy Slapping» bedeutet?

Um Kompetenz zu vermitteln oder vorzuleben braucht es ein Basiswissen. Dieses vermittelt die Swisscom mit Eltern- und Jugendschutzkursen. Wie medienkompetent sind Sie? Mit zehn Fragen des Online-Tests finden Sie es heraus.

Mehr zum Thema aus dem bernetblog:
Die Schule von Heute lehrt Medienkompetenz

Machen Jugendliche im Internet nur Mist?

Bildung im Internet: Swisscom zeigt Engagement
Ihre eigene Meinung?

iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 2

online newsDas iPad löst nicht nur die Diskussion um eine neue Art der Computer-Nutzung aus. Auch für die Konzeption und Gestaltung von Inhalten schafft es neue Bedingungen.

Im ersten Teil dieser kleinen Serie über Neues rund um die Tablets/iPads beschrieb ich Veränderungen im Nutzerverhalten. Diese und einige technische Raffinessen des Geräts schaffen auch neue Anforderung an die Inhalte. Erklärt hatte diese der InformationArchitect Chris Lüscher in seinem Vortrag am Internet-Briefing:

Schriften: Gross aber nicht zu gross
Eine wesentliche Neuerung ist die Grösse (und Anzahl) der Pixel pro Quadratzentimenter. Das iPad hat deutlich kleinere und mehr Pixels. Im Web gebräuchliche 12-Punktschriften sind auf dem iPad nicht gut leserlich. Zu gross dürfen die Schriften auf dem relativ kleinen Schirm aber auch nicht sein. Schliesslich hält man das Tablet näher an die Augen – verglichen mit dem Bildschirm.

Hintergründe und Kontraste
Das Layout inklusive Schriftbild bedarf also eines eigenen Stylesheets und will sorgsam ausgetestet sein. Auch bezüglich dem Farb- und Kontrasteinsatz. Durch die hohe Qualität des Screens ist weiss auf schwarz beispielsweise schlecht leserlich. Getönte oder – im Webeinsatz bis anhin verpönt – leicht marmorierte Hintergründe oder eine leichte «Textur» können also durchaus wirken.

Gerät drehen schafft Probleme
Das Drehen des Tablets verändert seinen Inhalt (diese Funktion kann übrigens blockiert werden) – und damit auch Spaltenbreite, Zeilenumbruch und Layout. Das kann die Lesenden ganz schön in die Irre führen. Wo war ich im Text? War auf der linken Seite nicht eine Infobox? Selbst Vorbildmagazine à la «Wired» kämpfen noch mit dieser Funktion. Jede Veränderung muss getestet und angepasst werden.

Bild/Film: Qualität gefragt
Grobpixelige Bilder und Filme kommen auf dem hochaufgelösten Pad schlecht raus. Eine bessere Qualität hingegen verursacht höhere Datenmengen und damit Kosten und Download-Zeiten. Ein Dilemma.

iBooks Büchergestell

Bildmetaphern: Von der Usability zum Kitsch
Das iPad wird zur Schiefertafel, zum Moleskine-Notizbuch, zur verknitterten Zeitung, zum Büchergestell. Oft sind diese Bildmetaphern zwar schön umgesetzt – aber selten wirklich konsequent. So irritiert es die Leser stark, wenn er ein vermeintliches Buch blättert, der Inhalt dann aber erst nach Ladesekunden erscheint. Man lerne: Interfaces mit Bildmetaphern sind verführerisch – und allenfalls verwirrend.

Wer hat den bernetblog schon mal auf dem iPad gelesen? Wir waren angenehm überrascht, wie er sich trotz drehen und wenden und hohen Pixelzahlen verhält. Heute testen wir neue Webauftritte konsequent auf verschiedenen Browsern und auf dem Smartphone. Jetzt kommt das «wendige» Tablet mit neuen Anforderungen dazu.

Link:
iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 1
iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 3

Mediennutzungszahlen auf einen Klick

Fernsehbildschirm mit Breaking News

Sie sind in den Medien erwähnt und möchten wissen, wie viele Personen Sie damit erreichen? Zwei Links, die Ihnen Auskunft über die aktuellen Leser- oder Zuschauerzahlen geben.

Gratuliere, Ihr Unternehmen, ein Kunde oder Sie selbst sind prominent in den Medien erwähnt. Die erste Hürde ist geschafft. Aber wer ausser Ihnen sieht den Beitrag potenziell sonst noch? Oder schreit kein Hahn danach? Aufschluss geben zwei Links:

  1. NET-Metrix-Audit misst die Zugriffe auf Websites. Die publizierten Daten sind vergleichbar und von NET-Metrix beglaubigt. Die Daten werden monatlich, jeweils am 6. Arbeitstag, um 15 Uhr publiziert.
  2. Das Medienportal von SF Media Relations bietet – ebenfalls kostenlos – tagesaktuelle Zuschauerzahlen von SF1 und SF2. Als neuer Benutzer müssen Sie sich registrieren, danach stehen Ihnen umfangreiche Informationen zur Verfügung, etwa eine Hitliste mit den Zuschauerzahlen seit 1985. Unübertroffen ist die Sendung «Wetten das …?» vom 12.04.86 mit 1′829′000 Zuschauern.

Schweizer Coup gegen Spanien: 1 Million Zuschauer
Das Spiel Schweiz gegen Spanien der FIFA WM 2010 von gestern, 16 Uhr, hat es gemäss Auswertung immerhin auf eine Reichweite von 1′001′000 Zuschauern gebracht, das entspricht laut Schweizer Fernsehen einem Marktanteil von 74.2 Prozent. War ich denn die einzige, die um diese Zeit gearbeitet hat?

iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 1

online newsDas iPad ist beliebt. Fans und Kritiker halten sich seit Wochen darüber auf, was es taugt und wo es versagt. Eins ist gewiss: Das neue Format verlangt von Informations-Gestaltern und Kommunikations-Fachmenschen ein Umdenken.

Kürzlich habe ich im Internet-Briefing-Vortrag des InformationArchitects Christoph Lüscher Spannendes über diese neuen Anforderungen gelernt. In einer kleinen Serie fasse ich meine Erkenntnisse zusammen. Diese neuen Voraussetzungen schafft das iPad (und hoffentlich bald auch andere Tablets):

Maximal out – minimal in
Ist das iPad nun Werk- oder Spielzeug? Ein Toy oder Tool? Ein Toyl? Erste Erfahrungen zeigen, dass aufgrund der Konsumhaltung und der Eingabemöglichkeiten die Menge an «User Generated Content» zurückgehen wird. Augrund der etwas mühsamen Dateneingabe wird der Input zurückgehen. Und es werden wieder mehr kommerziell erstellte Inhalte «konsumiert».

Die neue Konsumhaltung
Von wegen konsumiert; schon alleine die Körperhaltung ist neu. Mit Desktop oder Notebook nehmen wir – ok, mit wenigen Ausnahmen – eine aufrechte, meist sitzende Haltung ein, fachsprachlich «lean forward». Das iPad dagegen fördert die entspannt zurückgelehnte Konsumhaltung – «lean back» eben. Nicht zu unterschätzen, welche Konsequenzen diese Haltungsfragen auf den Inhalt haben wird.

Die Maus ist tot
Sie wurde fast 40 Jahre alt – seit ihrer Geburt gilt sie als eines der allerwichtigsten Computer-Eingabegeräte (detailierte Mausgeschichte bei Wikipedia). Und auch Ignoranten, die dem iPad eine Tastatur anhängen wollen – bei der Maus hört der Spass auf. Die neuartige Bedienung mit «Wischen» und Tippen ist für uns noch exotisch. Unsere Kinder schütteln das schon locker aus dem Handgelenk.

Passiv UND interaktiv
Jahrelang haben wir interaktive Webinhalte gelobt, gefördert, gestaltet. Die genannte «lean back»-Haltung bringt mehr Passivität auf das Tablet. Im Gegensatz zu klassischen E-Readern à la Kindle sind die Tablets aber vielseitiger einsetzbar – noch kein Gerät zuvor war zugleich so deutlich «passiv» und «aktiv». Gut möglich, dass die Informationsgestaltung ihren Fokus wieder vermehrt auf den passiven Konsum legen wird.

König «Inhalt» regiert
«Content is King» schreit die Web-Gemeinde ja seit Jahren. Trotzdem sind die Newsportale heute noch eher leserunfreundliche, farbig blinkende Ablenker. Auf dem Tablet hingegen ist das Lesen deutlich angenehmer. Das gibt dem Inhalt mehr Gewicht. Auch längere Artikel, Reportagen, Texte werden so auch für den Online-Vertrieb und -Konsum attraktiv.

Der Diskussion «iPad wofür» bin ich überdrüssig. Alleine schon diese ersten Erkenntnisse sind für mich Indiz genug, dass dieses neue Format die Zukunft der Informationsgestaltung massiv prägen wird. Und wenn dann noch taugliche Konkurrenz-Geräte erhältlich sind, mit gutem Produktdesign und offenen Plattformen – dann: «Heureka!»

Die weiteren Folgen dieses iPad 3-Teilers:
iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 2
iPad: Das Format schafft neue Bedingungen, Teil 3

Print mit Zukunft: weg vom Tagesjournalismus

bühne_theater

Die Portugiesen, Holländer und Schweden machen es vor: Zeitungen, die den Preis wert sind. Auf der Spur ihrer Erfolgsrezepte.

Wie muss eine Zeitung im 21. Jahrhundert sein, damit sie überlebt? Diese Frage haben die drei folgenden Blätter erfolgreich beantwortet (Auszug aus dem Magazin-Artikel vom 4. September 2009):

Portugal: informaçao
Martim Figueiredo startete seine Zeitung mitten in der Medien- und Finanzkrise. Eine ziemlich mutige oder gar überhebliche Handlung? Das Redaktionsteam geht grundsätzlich davon aus, dass Lesende sich auf anderen Kanälen über das Weltgeschehen informieren. Wer das Blatt für 1.40 Euro kauft, erwirbt sich einen Mehrwert. Chefredaktor Figueiredo: «Ich glaube, die Leser schätzen es sehr, nicht mit den Geschichten von gestern belästigt zu werden». Das portugiesische Blatt sichert sich seine Leserzahlen mit Aktualitäts-Inhalt: fünf Meinungsartikel, Reportagen und Hintergrundgeschichten. «Das erworbene Wissen soll länger als 24 Stunden nützlich sein und Themen für den Familientisch oder das Feierabendbier liefern», erklärt Martim Figueiredos.

Rotterdam: nrc.next
Die Hauptzielgruppe der Tageszeitung ist unter dreissig. Ja genau, die Digital Natives. Warum sollte diese Generation zum Papier greifen? Titia Ketelaar, Chefredaktorin, verzichtet bewusst auf News und bietet Hintergrund-Wissen zu den Schlagzeilen mit Reportagen, Analysen und Meinungen. Viel Überraschendes und eine klare Haltung sichern die Leserzahlen. 1.10 Euro kostet eine Ausgabe mit einer langen Auslandreportage und gut recherchierten Artikeln. Auch hier: Routine ist nicht gefragt, die Gliederung ist ohne Ressorts. Titia Ketelaars Geheimrezept lautet: «Keine Aktualität, wenig Relevanz. Überraschend und eigen.»

Stockholm: Svenska Dagbladet
Die Zeitung wirkt mit seiner eleganten Grafik und prägnanten Bildsprache grosszügig, pointiert und sinnlich. Und holt sich damit einen Preis nach dem anderen für die beste Gestaltung. «Nicht nur das Format muss sich ändern, sondern auch das Denken der Journalisten», sagt Ann Axelsson, stellvertretende Chefredaktorin. Der Inhalt ist eine Balance aus News und Hintergrund. Zusätzlich zur täglichen Ausgabe werden zwei Magazine beigelegt: eines zu Themen aus der Wirtschaft und ein anderes zu Themen aus Kultur und Gesellschaft. Die Redaktion besteht zur Hälfte aus Frauen.

Für mich ist klar, tagesaktuell und Print beissen sich. Deshalb wird in Zukunft nur bezahlt, was ich virtuell nicht bekomme oder online nicht dargestellt werden kann. Die Schweizer Medienlandschaft muss sich da noch Konzepte ausdenken – weg vom Tagesjournalismus, hin zum Hintergrundjournalismus. Ich freue mich auf diesen Wandel. Figueiredos freche Behauptung, dass Relevanz heute nach wie vor nur in Print erzeugt werden kann, ist mir zu überheblich. Hängt Relevanz vom Kanal ab oder von der Lesekultur oder gar von den Empfängern?

Social Media Gipfel: Swisscom testet eReader Plattform

online news Gibt es für eReader neben iPad und anderen Multifunktions-Tablets einen Markt? Wie finden Schweizer Verlage ein zahlendes Online-Publikum? Swisscom präsentierte am 4. Social Media Gipfel das Projekt «Codex» – und hatte damit einen harten Stand.

Die Skepsis war gross beim kritischen smgzh-Publikum. Und Swisscom-Projektleiter Mathias Kienholz geriet bei der Präsentation des Innovationsprojekts «Codex» arg ins Schwitzen.

Warum «Codex»?
Codex (lat. Baumstamm) stand vor Urzeiten für beschriftete Holz- oder Wachstafeln und für in Holz eingeschlagenes Pergament oder Papyrus (Quelle: Wikipedia). Bei Swisscom steht es für das Projekt, welches aus dem Abschied von den Holzmedien ein Geschäftsmodell entwickeln soll. Konkret: Auf eigens dafür gekaufte eReader (Preis noch offen) speichern die Nutzer/innen ihre Bücher, Zeitungen, Magazine oder laden vor der Frühstückslektüre ihre Zeitung – oder ausgewählte Teile daraus – per Synchronisation. Stand Anfang Juni 2010: In Kürze werden die eReader an das Testpublikum ausgeliefert, im Moment ist Swisscom noch mit letztem De-Bugging beschäftigt. Mit den ersten Erfahrungen will die Projektleitung dann über die Projektfortsetzung entscheiden.

Was braucht das Publikum?
Kienholz schloss seine Präsentation mit der Frage: «Was erwarten Sie von einer Online-Zeitung?» Die Antworten, Voten und Fragen lassen sich unmissverständlich zusammenfassen:

1. Multimedia
Niemand mit einem elektronischen Ausgabegerät will auf Videos, Bildergalerien und Hypertext verzichten. Im iPad-Jahr 2010 bitte auch in Farbe. Das Rascheln der Papierzeitung oder eines Buches geniessen wir genüsslich am Sonntag.

2. Multifunktion
Wieviele Geräte kann ein Mensch tragen? Auf meinem Tablet will ich Inhalte konsumieren (Bild, Ton, Schrift) aber auch Mails lesen, den Kalender pflegen, kleine Schreibarbeiten erledigen. Einen zusätzlichen eReader will ich nicht.

3. Offene Plattformen
Was am iPad nervt: Die Allmacht des Anbieters über Sein oder Nicht-Sein in seinem Medienuniversum. Der Wunsch nach einem Geräte- und Plattform-unabhängigem Angebot wächst. Ob ein CH-Konglomerat aus Swisscom und Verlagen hier mächtig genug ist?

Zur Ehrenrettung der CODEX-Projektgruppe sei gesagt: Nichts einfacher, als aus der zweiten Reihe hämisch auf die Machtlosigkeit von Verlagen zu spotten. Swisscom hat mit diesem «explorativen Projekt» wohl einen steinigen Weg eingeschlagen. Aber wer weiss, vielleicht wächst aus den Erfahrungen und nach steilen Lernkurven doch ein Produkt mit Win-Win-Charakter für Nutzer und Anbieter. Zu wünschen wäre es uns allen.

Achtung: Hier der Schluss der Berichterstattung über den
4. Social Media Gipfel mit Präsentation, Fotos, Eindrücken und Zitaten.

Links:
bernetblog «Die Macht der Einfachheit: Apple gegen alle»
bernetblog «Social Media Gipfel: Swiss Air Lines und die Vulkankrise»
bernetblog «Social Media Gipfel 4: Bilder, Präsentationen, Eindrücke»
Social Media Gipfel 4: Die Präsentation bei Slideshare
Twitter-Wall zum Social Media Gipfel
blog.hdzimmermann.net «Social Media goes Mainstream»
blog.amazee.com «Social Media Gipfel 4»

Mediennutzung: neu TV vor Zeitung

Frustrierte ZeitungsleserinSchweizerinnen und Schweizer nutzen täglich Fernsehen als Informationsquelle. Die Tageszeitungs-Lektüre ist ein Muss für mehr als die Hälfte.

Ein interessantes Bild in Sachen Mediennutzung 2009 zeichnet die Univox-Studie «Kommunikation & Medien» des Forschungsinstituts gfs-zürich. Eidgenossen informieren sich über die klassischen Medien wie TV, Zeitung und Radio. TV ist mit 67 Prozent ganz klarer Ranglistenanführer, dicht gefolgt von Zeitung mit 60 Prozent. Laut Studie verdrängt das Fernsehen gegenüber der letzten Studie im 2006 die Zeitung von der Spitze. Das Radio liegt mit 46 Prozent auf dem dritten Platz.

Tägliche Mediennutzung 2009_Grafik Bernet PR

Unaufhaltsamer Internet-Zuwachs
Wie in der Statistik erkennbar, nutzen 38 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer täglich das Internet. Dieses verzeichnete innerhalb der letzten drei Jahre den rasantesten Zuwachs von 9 Prozent. Am wenigsten gelesen werden Zeitschriften mit nur 17 Prozent; und 19 Prozent lesen täglich in einem Buch. In der Studie heisst es weiter, dass fast jede zweite befragte Person als unregelmässige bzw. sogar als Nichtleser/in eingestuft werden muss.

Zeit nicht entscheidend?
Lesen bedeutet für mich mehr aktiven Aufwand, als Radio hören oder TV schauen, deshalb erstaunt mich der Rang der Zeitung in der Studie. Hat der Zeitfaktor wenig Einfluss auf die Wahl des Mediums? Täglich finden 38 Prozent der Mediennutzer Zeit ins Internet zu gehen – dies neben der Nutzung anderer Medien. Für mich bleibt die Frage offen, wo unsere Zeit hingeht. Wie beeinflusst das Internet unsere Freizeit – freie Zeit?

US Zeitungen: Bezahlte Links sind grün und gefährlich

bezahlter link la times mia2Nach der Chicago Tribune verkauft jetzt auch die LA Times bezahlte Links. Die sind grün gekennzeichnet – und gefährlich für die Glaubwürdigkeit.

Redaktionelle Seiten sind begehrt – hier ist die Aufmerksamkeit der Lesenden grösser. Medien verkaufen sie gerne, gegen einen Aufpreis und als «Publireportage» gekennzeichnet. Je härter die Zeiten, desto höher die Bereitschaft, sich zu verkaufen. Das letzte Jahr hat auch in der Schweiz immer mehr Werbung gebracht, die sich als Artikel verkleidet – von der gekauften Titelseite bis hin zu Beilagen im Stil der ausgewählten Zeitung.

Links zu kaufen bei LA Times und Chicago Tribune
Einen nächsten Schritt gehen die führenden US-Tageszeitungen in Chicago und Los Angeles. Die Times startete letzte Woche ein Pilotprogramm, in Zusammenarbeit mit der Tribune. Ein internes Memo (siehe zweiter Teil, veröffentlicht im Blogpost von LA Observed) kündigt an, dass «ein E-Commerce Produzent der Chicago Tribune» Links zum TicketNetwork und Amazon in die Artikel einsetzen werde. Grüne Links würde dabei nie über bestehende blaue (redaktionelle) Links gesetzt. Und Redaktoren könnten reklamieren, wenn sie etwas gegen eine nachträglich gesetzte Verknüpfung hätten. Wenn man lange genug auf dem Link verweilt, wird die Meldung «Click to shop» sichtbar:

bezahlte links la times mia text ausschnitt

In Ordnung – und doch seltsam
Kolumnen und News würden im Pilotprogramm von Werbelinks verschont, sagt das Memo. Der Amazon-Link im oben als Ausschnitt gezeigten Beitrag über die Musikerin M.I.A. stört nicht,  er ist eine Dienstleistung. Dass er grün dargestellt ist, zeigt, dass die LA Times bei einem Kauf Geld bekommt von Amazon. Das ist völlig in Ordnung, lesefreundlich markiert, am Ende der Seite erklärt.

Die Unsicherheit beginnt bei der Anzahl von Links. Werden mehr gesetzt, als leserfreundlich sinnvoll erscheinen, damit mehr Umsatz erreicht wird? Ein Besuch auf der Chicago Tribune zeigt viel mehr Amazon-Links, wie bei diesem Beitrag fehlt am Ende der Seite der Hinweis auf die Bedeutung der grünen Links, die LA Times hält sich daran.

bezahlte links la times disclaimer text

Geradezu weh tut der Satz, dass «die Redaktion in keiner Art und Weise mit den grünen Links zu tun habe». Da gibt es also Stellen in einem von Journalisten gezeichneten Beitrag, mit denen sie nichts zu tun haben?

Alles im grünen Bereich?
Die schleichende Unterwanderung der journalistischen Unabhängigkeit wird zu einem weiteren Verfall der Glaubwürdigkeit von klassischen Medienmarken führen. Dabei hilft es auch nichts, wenn «nur» die Blogbeiträge mit bezahlten Links gespickt werden. Blogs tragen genauso zur Reputation einer Zeitungsmarke bei wie die Online- oder Printseiten der Wirtschaftsredaktion. Und diese Reputation wird darüber entscheiden, ob Konsumenten bereit sind, für Inhalte zu bezahlen.

Wenn die Zeitung redaktionelle Artikel mit teilweise gekauften Links verkauft, dann sind Leserinnen und Leser verunsichert. Dasselbe gilt für Publireportagen ohne klare Kennzeichnung. Oder wenn sie sich zu nahe am redaktionellen Erscheinungsbild als Artikel einschleichen wollen.

Die Grenzen zwischen Werbung und Redaktion verschwinden. Und damit die Lust, für eine Leistung zu bezahlen, die nicht mehr geboten wird: Unabhängiges Zusammenstellen von Inhalten.

Sabine Betschart | 15.04.2010 | Medien

New York Times täglich mit Newsroom-Video

newyorktimesBei der New York Times heisst’s: Video vor Online vor Print. Der tägliche Videobericht aus dem Newsroom kündigt grosse Themen an und zeigt, wie die Zeitung Themen aufspürt, angeht, umsetzt.

Mittags um eins ist der «TimesCast» auf der Startseite angerissen; nach einer Stunde wechselt er in die Video-Rubrik der Zeitung (diese ist übrigens äusserst informativ). Der Zusammenzug der wichtigsten Geschichten des Tages beinhaltet Interviews mit Journalisten und Korrespondenten sowie Szenen der Redaktionssitzung. Zudem gibt es Einblick in Diskussionen, welche Themen die Titelseite wert sein könnten. Ann Derry, Chefredaktorin für Video und TV der New York Times, sagt: «It’s not just straight, breaking news, it’s talking about the way The New York Times is looking at the story – our analysis, our particular take on the story.» Es gäbe bereits eine Menge von Videomaterial – aber ein Übersichtsvideo fehle.

Interessant oder überflüssig?
Die New York Times zeigt mit den Videos auf unterhaltsame Art, wie Information und News intern aufbereitet werden. Als Video-Konsumentin habe ich das Gefühl, an der Spitze jeder Geschichte dabei zu sein, dem Print voraus. Meiner Ansicht nach eine gelungene Vermischung von TV- und Print-Journalismus. Das Gefäss verbindet Information mit Aktualität und Dabeisein. Zudem ist der Ansatz von Ann Derry deutlich spürbar: Nicht nur der Newswert ist wichtig, sondern auch die Umsetzung und Herangehensweise. Der Aufwand für die Produktion der Videos ist gross. Als PR-Fachfrau interessieren mich die Sequenzen der Redaktionssitzungen, aber wie wichtig sind diese für alle anderen Medienkonsumenten?

NYT Blogbeitrag: The Times Introduces a Daily Video Report
Newsroom Blick: Blogbeitrag vom 26. März 2010

Social Media Gipfel: Premiere mit Paperboy

kooaba-Paperboy-Product_Icon-150x150Die heutige dritte Durchführung unseres Social Media Gipfels hatte eine Weltneuheit zu Gast: Der «Paperboy» – ein neues iPhone Tool – will eine Brücke bauen zwischen Print und Web.

Der heute getaufte «Paperboy» ist eine klassische «Augmented Reality» Anwendung: Die reale – in diesem Fall gedruckte – Welt wird verknüpft mit virtuellen Inhalten. Konkret: Interessiert uns ein Artikel in der Pendlerzeitung, fotografieren wir ihn mit dem iPhone bzw. dem Paperboy-App. Dann stehen drei verschiedene Anwendungen zur Verfügung:

  • Weiterempfehlen: via E-Mail, Facebook oder Twitter
  • Entdecken: Zusatzinhalte finden via Links zu Video, Bildern, Dokumenten
  • Aufbewahren: Die fotografierten Artikel im kooaba-Account oder Evernote (in Vorbereitung) speichern

Das App funktioniert denkbar einfach – wie auch dieses Video zeigt:

Wie lange überlebt der «Paperboy»?
Eine App, die allen Grundregeln einer guten mobilen Anwendung gehorcht: Einfach in Installation und Anwendung, smart aufgebaut und grafisch schön umgesetzt. Bleibt noch die Krux mit dem Nutzerbedürfnis. Nur darin liegt die Erfolgsaussicht und das Business-Modell für Kooaba (CTO und Mitgründer Till Quack präsentierte am SMGZH die Innovation) und die Verlage (als Kooperationspartner war 20Min-Online-Chefredaktor Hansi Voigt vor Ort). Das Bedürfnis liegt in der Schnittmenge der iPhone-Nutzer die gleichzeitig noch dem Printmedienkonsum frönen. Aber gibt es die (noch)? Und wird das iPad die Anwendung definitiv «überholen»?

Wie bei so vielen App-Innovationen: Das Tempo ist rasant. Der «Paperboy» erfüllt seine «Konvergenz-»Aufgabe heute sicher. Es wird sich weisen, ob er den Anbietern und -Konsumenten den richtigen Dienst erweist. Vielleicht ja schon – aber er braucht dafür noch Updates. Und weitsichtige Kooperationspartner bei den Medien. Heute dabei sind bereits 20Minuten, die NZZamSonntag, Weltwoche, einige Ringier- und Sporttitel und mehr.

Links:
Direktlink zur Paperboy-App auf iTunes

Paperboy-Website
Tweets zum dritten #SMGZH
bernetblog: «Was ist eigentlich: … Augmented Reality»

Marcel Bernet | 26.03.2010 | Medien

Blick im Newsroom: Schön, schnell, hierarchisch

blick newsroom wallGestern Abend lud der ZPV zu einer Besichtigung des neuen Blick-Newsrooms. Schön ist er geworden, Journalismus wird noch schneller und bleibt hierarchisch.

Edi Estermann, Projektleiter des dreijährigen Unterfangens für 15 Millionen Franken, führte eloquent und offen durch die Idee und den Raum selbst. Leider war dann abends um 1830 Uhr nicht mehr ganz so viel los – hier arbeiten 200 Mitarbeitende von 0600 bis 0030 Uhr für Blick, Blick am Abend, Sonntagsblick, Blick Online.

Schön – aber verschachtelt
10 Millionen der Investition gingen in den Umbau des Gebäudes – Edi Estermann zitiert Michael Ringier: «Journalismus gehört in die Stadt». Deshalb habe man nicht im Hagenholz gebaut, wo Ringier TV sitzt, sondern im teuren Zentrum. Man merkts: Aus Platzgründen sitzen nicht alle 200 auf derselben Etage, sondern auf zwei Stockwerken. Die Räume sind sehr schön gestaltet, die riesige Monitorwand im Zentrum ist ein Blickfang und auch für Führungen ist man bestens eingerichtet.

blick newsroom zentrum

Schnell – weniger Textübergaben, weniger Abteilungen
Viel Zeit hat Ringier in die Analyse und Optimierung der Abläufe investiert. Texte wurden im Schnitt über elf Stationen gereicht, bis sie publiziert werden konnten – heute liegt diese Zahl bei sechs. Früher gabs dabei sieben Korrekturmöglichkeiten, heute noch fünf. Um die täglichen Redaktionssitzugen am Stehpult in der Mitte des Schaltzentrums auf maximal eine Stunde zu drücken, müssen alle Themenvorschläge von den Ressorts vorher im Planungssystem erfasst werden. Edi Estermann: «Die Eingaben werden vorher gelesen, pro Ressort gibts dann nur noch zehn Minuten Diskussion.»

Früher arbeitete einzig der Sport für alle Titel, jeder Blick hatte seine eigene Nachrichten-, Wirtschafts-, Politik-, Lifestyle- und People-Redaktion. Heute arbeiten alle Ressorts für alle Ausgaben. Einzig das Magazin des Sonntagsblick ist teilweise separat bestückt. «Die grosse Herausforderung liegt in der Abstimmung der Ressourcen, dem zeit-, themen- und lesergerechten Bespielen aller Blick-Ausgaben.»

Chefs müssen sein – stark inszeniert
Dieses Abstimmen verlangt Austausch und Führung. Dass die Redaktionssitzungen im Plenum und nicht mehr in einem geschlossenen Raum stattfinden, betrachtet Estermann als Fortschritt. Doch nur, wer ganz nahe sitzt, bekommt etwas mit von den «öffentlichen» Diskussionen. Und das sind die Ressortleiter auf den Arbeitsplätzen gleich rund um das zentrale Stehpult.

Fünf Chefs sind im Halbrund platziert, auf den einzigen schwarzen Tischen auch optisch abgehoben. Diese Inszenierung wirkt etwas aufgesetzt. Eine Leitung brauchts, sie gehört ins Zentrum. Und trotzdem wird hier etwas unterstrichen, was der Gesamtidee des Newsrooms irgendwie widerspricht. Aber vielleicht schwingt hier nur der Neid des externen Betrachters mit, der wohl auch am liebsten an dieser Banane sitzen würde.

Marcel Bernet | 19.03.2010 | Medien

Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung

qualitätsjournalistEine US-amerikanische Analyse des Medienjahrs 2009 zeigt den drastischen Rückgang von Inseraten, Auflagen und Arbeitsplätzen. Diese Tendenz setzt sich 2010 fort. Wohin das alles führt, weiss  niemand genau – drei Bewegungsrichtungen sind klar.

Das Pew Research Center bietet eine vorbildliche Sammlung von Daten rund um Medien und Journalismus – in einer Qualität, die auch für die Schweiz wünschenswert ist. Das Zentrum bezeichnet sich auf der Website als «überparteilicher Fakten-Tank», getragen von den gemeinnützigen Pew Charitable Trusts. Über die jährliche Studie «State of the News Media» hat der bernetblog schon anfangs 2009 berichtet: «Wo versteckt sich die Rendite?» bleibt auch in der Studie 2010 Kernthema. Die wichtigsten Daten von 2009 samt den Trends, wie sie durchaus auch für Europa und die Schweiz gelten:

1. Das Geld geht aus
Die Zahlen sind dramatisch: US-Zeitungen haben 2009 in Online und Print zusammen 26 Prozent Werbeumsatz verloren. Der kumulierte Rückgang der letzten drei Jahre liegt damit bei 43 Prozent. Immer noch kommen 90 Prozent der Zeitungseinnahmen aus dem Printbereich. Einzig das Kabelfernsehen konnte im letzten Jahr ein minimales Umsatzplus verzeichnen:

pewresearch change in ad revenue by medium 08-09

Im Vergleich dazu liegen Schweizer Zahlen nur für Print vor. Die Erhebungen von Schweizer Presse/VSW/Wemf zeigen für 2009 2010 [Korrigenda: Das ist ja nur ein Monat kumuliert - die 2009er Zahlen besorge ich für einen nächsten Artikel] ein kumuliertes Minus von 17 Prozent für Print, mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen nach Titeln, Regionen und Art der Inserate. Dieser Auszug ist der Wemf-Januarstatistik (PDF-Link) entnommen:

wemf inseratestatistik januar 2010

Es geht uns also noch deutlich besser als den Verlagskollegen in den USA – trotzdem steckt in diesem Fazit der Autoren die Wahrheit auch für Europa: «Die Industrie muss ein neues Geschäftsmodell finden, bevor das Geld ganz zu Ende geht.»

2. Mehr Plattformen, weniger Aufmerksamkeit
Diesbezüglich ist die Entwicklung in den USA ein ganzes Stück weiter – und wird uns Europäern mit den vielen sprachregionalen Abgrenzungen und den kleinräumigeren Märkten immer voraus bleiben. Immer mehr nicht-klassische-Verleger drängen mit Inhalten aufs Web. Auf einer Seite des Spektrums stehen mitschreibende User mit privaten oder politischen Interessen, früher nur als «Leserin und Leser» bekannt. Auf der anderen buhlen journalistisch ausgerichtete Plattformen wie Politico, Huffington Post, ProPublica, Kaiser Health News oder Global Post um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Irgendwo dazwischen stehen Aggregatoren von Yahoo über MSN bis GoogleNews.

Da weiss der geneigte Leser nicht mehr, wohin gucken. Von der beschränkten Zeit wird überall ein bisschen weniger verteilt, niemand mehr hat einen einzigen bevorzugten News-Kanal – siehe dazu auch den Beitrag «Newskonsum: Internet rückt vor». Das drückt auf die Anzeigenpreise und die Auflagen – dazu eine letzte schlimme Kurve zu Tages- und Sonntagszeitungen in den USA:

pewresearch newspaper circulation 03-09

3. Mehr Meinung, mehr Sofortberichte
Die Pew-Studie zeigt auf, dass der Mehrinhalt auf diesen Plattformen vor allem mehr Meinung bringt. Original recherchierte Artikel kommen immer noch in erster Linie aus den Online-Angeboten der traditionellen Verlage. «Unsere langfristige Auswertung von mehr als einer Million Blogs und Social Media Seiten zeigt zum Beispiel das 80 Prozent der dortigen Links auf die Online-Seiten klassischer Medienhäuser führen.» Meinung verdrängt die Recherche, bezieht sich aber gleichzeitig gerne auf die inhaltlichen Vorleistungen.

Ebenso bedrängt wird die Recherche vom Echtzeit-Rausch der Absender und Empfänger. Jedes Medium will die News zuerst im Web haben, da bleibt keine Zeit für Rückfragen. Flatterhafte News-Empfänger wechseln ihre Favoriten, wenn der Bericht über eine Unternehmensfusion auf der einen Plattform zuerst steht. Zu recht sieht Pew als Folge immer mehr Instant-News, die unreflektiert aus PR-Quellen oder Social Media Diskussionen übernommen werden.

Die «Alten» sind noch die Grössten – wie weiter?
Alle diese Beobachtungen blicken auf einen vorbei ziehenden Lavastrom. Noch ist er keineswegs erkaltet. Er zerstört lieb gewordene Denkmuster, Geschäftsmodelle und journalistische Praktiken. Das Neue, das aus dieser Zerstörung wachsen wird, erscheint ungewiss bezüglich Finanzierung und Akzeptanz. Interessant ist, dass bei aller Aufmerksamkeit für das Neue die klassischen Medienanbieter immer noch eine herausragende Rolle spielen: 67 Prozent der meistbesuchten News-Seiten gehören «alten» Verlegern.

Die Zeit läuft aus, das Geld wird knapp. Gespart und rationalisiert wird in der Produktion von Inhalten. Journalismus wird schneller, meinungsorientierter und in vielen Fällen unreflektierter, näher an den Newsquellen aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Tagesgeschehen. Es macht wenig Sinn, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. In der Grundrichtung wird sie sich durchsetzen.

Nischen für Qualität und mehr Kooperation
Verleger tun gut daran, Gefässe für Recherche und Reflektion weiterhin zu pflegen – in Nischen werden diese Inhalte sehr gefragt sein und sie werden als Orientierungs-Leuchtfeuer dienen. Denn der Newskonsument von morgen wird noch überforderter sein in seiner Quellenwahl als er es heute ist. Sprunghaft wird er trotzdem bleiben. Von eminenter Bedeutung ist die Zusammenarbeit der Verleger in allen Bereichen, die über den Redaktionsraum hinausreichen. Das verlangt ein schmerzhaftes Umdenken. In diese Richtung weisen das E-Reader-Projekt von Swisscom, NZZ, Ringier, tamedia und Orell Füssli oder die im Aufbau befindliche Online-Bezahlplattform Journalism Online in den USA.

Dieser Artikel erschien auch auf NZZ Online / Extrablog.

News sind sozial

zeitungsleser In den USA werden Nachrichten immer stärker Online und mobil abgerufen. Soziale Netzwerke werden für News-Anbieter so wichtig wie Suchmaschinen – Plattformen wie Facebook werden zum Bazar für News.

Anfang März publizierte das Pew Research Center die lesenswerte Studie «The New News Landscape». Sie zeigt, dass bereits ein Drittel der US-Amerikaner/innen News übers Mobiltelefon lesen. Das Internet ist nach dem Fernsehen die zweitwichtigste Quelle für Nachrichten, die Mehrheit der Befragten nutzt täglich bis zu sechs verschiedene Newszugänge, siehe «Newskonsum: Internet rückt vor» mit einem Vergleich USA/Schweiz. Interessant sind die sozialen Aspekte im Umgang mit Nachrichten:

Soziale Netzwerke auf News-Empfang
Wie werden News empfangen? Ganze drei Viertel der Online-News-Lesenden geben an, dass sie Neuigkeiten via E-Mail und / oder Einträgen auf Sozialen Netzwerken erhalten. Der Austausch via E-Mail und Netzwerke kombiniert ist also sehr gross. Dabei geht es den Empfängern wie uns allen: 38 Prozent lesen alle erhaltenen Sendungen, 37 Prozent einen Teilen, 23 Prozent haben selten die Zeit dazu.

Noch spannender wird diese Zahl: 23 Prozent der Benutzer von Sozialen Netzwerken, die News Online lesen, verfolgen Journalisten oder Medien auf Plattformen wie Facebook.

Die grosse soziale News-Verteilmaschine
Was tun die Empfänger mit Neuigkeiten? Die Hälfte der Internet-Newskonsumenten gibt Inhalte via E-Mail weiter, ein Viertel kommentiert. An dritter Stelle folgen wiederum die Sozialen Netzwerke: 17 Prozent geben an, einen Link zu einer Nachricht erfasst zu haben, ergänzt mit ihren Gedanken. 11 Prozent setzen Tags oder Schlagworte zu Einträgen, kategorisieren sie in ihren Linksammlungen. Nur 9 Prozent schreiben selbst Beiträge, posten eigene Videos oder Bilder. Twitter als kürzeste Form des Weiterleitens von Links und News erreicht 3 Prozent.

was machen internet user mit news

Soziale Netzwerke so wichtig wie Suchmaschinen
Im Vordergrund des Mitmachweb stehen das schnelle Weiterverbreiten und Kommentieren. Soziale Plattformen wie Facebook werden in zunehmenden Masse zum persönlichen Nachrichtenbazar. Hier verbringen Web-Nutzer sowieso viel Zeit, sie lesen also auch noch gleich ihre Lieblingszeitung und die News-Tipps von Freunden. Sie beteiligen sich am Kommentargespräch, geben ihre Sicht der Dinge am liebsten über Links an andere weiter.

News waren schon immer sozial, Märkte schon immer Gespräche. Jetzt werden sie zunehmend Online geführt. Und weil die Teilnehmenden nicht überall präsent sein können, verweilen sie lieber ein wenig länger zwischen E-Mail und Facebook.

Soziale Netzwerke erhalten für den Empfang und die Weiterverbreitung von News eine ähnlich hohe Bedeutung wie Suchmaschinen.

Marcel Bernet | 15.03.2010 | Medien

Newskonsum: Internet rückt vor

zeitungsleser In den USA werden Nachrichten zunehmend online gelesen. Ein Vergleich mit neuesten Schweizer Daten zeigt, dass Zeitungen und Radio weiter Anteile verlieren dürften.

Anfang März publizierte das Pew Research Center die lesenswerte Studie «The New News Landscape», kurz darauf erschien die «Kommtech-Studie 2010» (leider nur in Auszügen veröffentlicht) von Igem und Publica Data. Beide dokumentieren die laufende Veränderung der Mediennutzung und erlauben in Teilbereichen einen interessanten Ländervergleich.

USA: Internet liegt vorne, Zeitung am Schluss
Heute führen viele Wege nach News: Die Hälfte der US-Amerikaner/innen nutzt täglich bis zu sechs verschiedene Medienplattformen. An der Spitze der Nennungen steht dabei im Fernsehland immer noch ein lokaler oder nationaler TV-Sender mit Nennungs-Anteilen von 78 respektive 73 Prozent. Gleich darauf folgt das Internet mit 61 Prozent. Das Radio erreicht nur noch 54 Prozent der Nennungen, die lokale Zeitung 50 und nationale Zeitungen wie USA Today oder die New York Times 17 Prozent.

Damit heisst die Rangfolge für den Newskonsum in den USA: TV, Internet, Radio, Zeitung. In der Schweiz heisst sie: TV, Radio, Zeitung, Internet.

newskonsum_usa_ch_2010_bernetblog

Noch umgedrehtes Bild in der Schweiz
Die Zahlen der Kommtech-Studie sind leider nicht detailliert zugänglich, im NZZ-Artikel vom 9. März listet Rainer Stadler folgende Zahlen: Als Quelle für tagesaktuelle Infos nennen 77.1 Prozent das Fernsehen, 71.5  das Radio, 68.4 die kostenpflichtige Tageszeitung, 52.7 die Gratiszeitung, 45.6 das Internet und 41.2 den Teletext. So, wie sich in der Schweiz die Mehrfachnennunen für gekaufte und Gratiszeitung nicht addieren lassen, sind auch die lokalen und nationalen Zeitungswerte in den USA nicht summierbar. Deshalb verwendet die Grafik in beiden Fällen den jeweils höheren Wert einer Teilgattung.

Fernsehen und Internet rücken zusammen
Muss die Schweiz den selben Weg gehen wie die USA? Keineswegs. Aber für mich ist ganz klar: Die Richtung Verschiebung ist gegeben. Die gedruckten Zeitungen werden weiterhin Anteile verlieren, das Internet wird sich an die Spitze vordrängen. Interessant wird, wie sich das Fernsehen weiter entwickelt – wenn immer mehr TV übers Mobiltelefon und über Laptops oder Tablets konsumiert wird, dann rücken Fernsehen und Internet für die Benutzer noch näher zusammen. Dasselbe gilt für Fernseher, die surfen können. Werden die TV-Stationen mit ihren ausgebauten News-Angeboten die Doppelnutzer abholen oder die Online-News von klassischen Printverlegern?

Dieser Artikel erschien auch auf meinem Extrablog für NZZ Online.

Social Media unterstützt die Recherche

@zeichen_schreibmaschJournalistinnen und Journalisten nutzen Blogs, Twitter und Facebook intensiv als Quelle – mit höherer Anforderung an die Überprüfung.

Schon 2009 hat die Bernet/IAM-Studie «Journalisten im Internet» (alle bernetblog-Artikel zur Studie, samt Grafiken) eine hohe Akzeptanz von Social Media bei Schweizer Medienschaffenden gezeigt. Letzte Woche veröffentlichten der globale PR-Dienstleister Cision und die George Washington University eine neue Studie (Medienmitteilung deutsch, Website GWU englisch).

Social Media als Quelle etabliert – bei tiefer Glaubwürdigkeit
Der Fachbereich Strategic PR der George Washington Universität GWU sandte im Herbst 2009 Fragebogen an 9100 Medienschaffende, ein Rücklauf wird nicht angegeben. 89 Prozent geben an, Blogs für Recherchen zu nutzen, 65 Prozent nutzen dazu Soziale Netzwerke wie Facebook und LinkedIn, 52 Prozent verfolgen Microblogging-Dienste wie Twitter und 61 Prozent setzen auf Wikipedia.

Damit ist klar: Social Media haben sich als wichtige Quelle für Recherchen etabliert. Was auch nicht weiter erstaunlich ist bei dem riesigen Angebot an Informationen, die sich an diesen neuen Web-Lagerfeuern sammeln. Glauben kann man aber nicht gleich alles, was hier herumgereicht wird – zumindest geben die befragten Journalistinnen und Journalisten zu 84 Prozent an, dass Social Media-Quellen «wenig» oder «viel weniger» glaubwürdig sind als traditionelle Medien.

Vergleich Schweiz: Trend ist klar
Die US-amerikanischen Zahlen liegen bis auf die Nutzung von Wikipedia wesentlich höher als in unserer repräsentativen Studie von 2009 – hier der Vergleich:

socialmedia_journalisten_usa_ch

Gerade im Bereich Blogging bietet sich hierzulande auch wesentlich weniger Inhalt als in den USA. Hinzu kommt, dass unsere Befragung (Gratis-Download) nicht einfach die Nutzung abfragt, sondern die Wertigkeit: Ausgewiesen ist nur der Anteil der Medienschaffenden, die zum Beispiel Blogs als «wichtig» oder «sehr wichtig» für ihre Arbeit bezeichnen. Auch mit dieser engeren Auslegung nutzen die Schweizer Wikipedia leicht stärker, dafür war Twitter Mitte 2009 journalistisch unbedeutend bei uns.

Social Media nicht nur als Quelle
Dass Social Media nicht nur für die Recherche ein absolutes Muss ist, zeigt der neue Chef von BBC World News: In einem internen Memo fordert Peter Horrocks den Einsatz für Recherche, die interne Zusammenarbeit und die Verbreitung der Inhalte. Und zwar ultimativ: «Wer es nicht mag oder wer denkt, dass diese Veränderung oder diese neue Arbeitsweise für ihn zu gross sei, der soll gehen und etwas anderes tun…» Mehr dazu im Beitrag «BBC sagt: Social Media muss sein».

Alle bernetblog-Artikel zur Studie
«Journalisten im Internet» mit Grafiken und Tipps

Link
Alle bernetblog-Beiträge zu Facebook-Zahlen

BBC sagt: Social Media muss sein

@zeichen_schreibmaschDer neue Chef von BBC World Services nimmt kein Blatt vor den Mund: Social Media muss sein. Twitter, Facebook und Blogs verändern Recherche, Publikation und Geschwindigkeit.

In einem Blog-Interview des Guardians verdeutlicht Peter Horrock als neuer Chef der globalen BBC News seine Haltung zum Einsatz von Social Media im Journalismus. Dabei sieht er Blogs, Twitter oder Facebook nicht nur in der Recherche, sondern auch im internen und externen Dialog als unausweichliche Werkzeuge. Dass sie für die Informationsbeschaffung bereits stark verbreitet sind, zeigt eine neue Studie aus den USA.

Wer Social Media nicht einsetzt, kann gehen
Der frühere Chef des Multimedia Newsrooms Peter Horrocks hat die Leitung von BBC World Services Anfang Februar übernommen. Zu seinem Antritt hat er in der internen Hauszeitung klar gemacht, dass Social Media eine wichtige Quelle sind für Recherchen, für die gemeinsame Erarbeitung von Geschichten und deren Verbreitung nach aussen. Der Guardian-Artikel zitiert: «Das ist nicht einfach die Laune eines Technogie-Freaks. Ich befürchte, dass wir unsere Arbeit nicht machen, wenn wir diese Dinge nicht beherrschen. Das ist keine Ermessensfrage. Wer es nicht mag oder wer denkt, dass diese Veränderung oder diese neue Arbeitsweise für ihn zu gross sei, der soll gehen und etwas anderes tun – weil es einfach passieren wird. Niemand kann es aufhalten.»

Recherche, Verbreitung und Dialog
Technologie ändere den Journalismus. Deshalb seien Twitter und RSS-Reader essentielle Werkzeuge für die News-Recherche. BBC-Redaktorinnen und Redaktoren sollen darüber hinaus Twitter und andere Möglichkeiten einsetzen zur Verbreitung ihrer Inhalte samt Links zu den Originalberichten. Und schliesslich sei ein journalistisches Social Media Engagement wesentlich für den direkten Austausch mit Leserinnen und Lesern.

Immer schneller, immer oberflächlicher?
Wir Medienkonsumenten erleben wie die Medienschaffenden eine spannende Veränderung: News werden weltweit immer schneller erfasst und immer schneller publiziert. Im Wettrennen um das erste Bild oder die erste Schlagzeile entscheiden heute Sekunden. Früher konnte man in Sondersituationen ein Extrablatt schreiben und drucken, das erste Foto der Notlandung auf dem Hudson-River gelangte vom Mobiltelefon über Twitter innert Sekunden an die Öffentlichkeit.

Der Kampf um das erste Bild, die erste Schlagzeile ist unerbittlich. Wir stehen in eine steigenden Flut von Sofortnachrichten. 2oMinuten bringt mir eine Eilmeldung aufs iPhone? Wieso kann ich die Geschichte noch nicht auf NZZ Online nachlesen? Ich glaube, dass Peter Horrock recht hat: Wer im Nachrichtengeschäft tätig ist, muss beides schaffen: Sehr schnell raus mit Inhalten und so schnell wie möglich die Hintergründe dazu liefern. Dabei helfen Social Media. Und sie können eine wichtige Rolle spielen beim Vermitteln der Inhalte ans Publikum.

Schnell ist immer oberflächlich, das liegt in der Natur der Sache. Ich habe die Eilmeldungen auf meinem iPhone wieder ausgeschaltet. Weil mir der Hintergrund am nächsten Tag wichtiger ist als Störung mitten im Tagesablauf. Die Meldungen, von denen ich mich stören lasse, bleiben in E-Mail und RSS abonniert.

Dieser Beitrag erschien am 25. März auf Marcel Bernets «Extrablog» der NZZ.

bernetblog-Artikel zur Social Media-Nutzung von Schweizer Medien

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