Marcel Bernet | 19.03.2010

Die Zukunft des Journalismus: Weniger Geld, mehr Meinung

qualitätsjournalistEine US-amerikanische Analyse des Medienjahrs 2009 zeigt den drastischen Rückgang von Inseraten, Auflagen und Arbeitsplätzen. Diese Tendenz setzt sich 2010 fort. Wohin das alles führt, weiss  niemand genau – drei Bewegungsrichtungen sind klar.

Das Pew Research Center bietet eine vorbildliche Sammlung von Daten rund um Medien und Journalismus – in einer Qualität, die auch für die Schweiz wünschenswert ist. Das Zentrum bezeichnet sich auf der Website als «überparteilicher Fakten-Tank», getragen von den gemeinnützigen Pew Charitable Trusts. Über die jährliche Studie «State of the News Media» hat der bernetblog schon anfangs 2009 berichtet: «Wo versteckt sich die Rendite?» bleibt auch in der Studie 2010 Kernthema. Die wichtigsten Daten von 2009 samt den Trends, wie sie durchaus auch für Europa und die Schweiz gelten:

1. Das Geld geht aus
Die Zahlen sind dramatisch: US-Zeitungen haben 2009 in Online und Print zusammen 26 Prozent Werbeumsatz verloren. Der kumulierte Rückgang der letzten drei Jahre liegt damit bei 43 Prozent. Immer noch kommen 90 Prozent der Zeitungseinnahmen aus dem Printbereich. Einzig das Kabelfernsehen konnte im letzten Jahr ein minimales Umsatzplus verzeichnen:

pewresearch change in ad revenue by medium 08-09

Im Vergleich dazu liegen Schweizer Zahlen nur für Print vor. Die Erhebungen von Schweizer Presse/VSW/Wemf zeigen für 2009 ein kumuliertes Minus von 17 Prozent für Print, mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen nach Titeln, Regionen und Art der Inserate. Dieser Auszug ist der Wemf-Januarstatistik (PDF-Link) entnommen:

wemf inseratestatistik januar 2010

Es geht uns also noch deutlich besser als den Verlagskollegen in den USA – trotzdem steckt in diesem Fazit der Autoren die Wahrheit auch für Europa: «Die Industrie muss ein neues Geschäftsmodell finden, bevor das Geld ganz zu Ende geht.»

2. Mehr Plattformen, weniger Aufmerksamkeit
Diesbezüglich ist die Entwicklung in den USA ein ganzes Stück weiter – und wird uns Europäern mit den vielen sprachregionalen Abgrenzungen und den kleinräumigeren Märkten immer voraus bleiben. Immer mehr nicht-klassische-Verleger drängen mit Inhalten aufs Web. Auf einer Seite des Spektrums stehen mitschreibende User mit privaten oder politischen Interessen, früher nur als «Leserin und Leser» bekannt. Auf der anderen buhlen journalistisch ausgerichtete Plattformen wie Politico, Huffington Post, ProPublica, Kaiser Health News oder Global Post um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Irgendwo dazwischen stehen Aggregatoren von Yahoo über MSN bis GoogleNews.

Da weiss der geneigte Leser nicht mehr, wohin gucken. Von der beschränkten Zeit wird überall ein bisschen weniger verteilt, niemand mehr hat einen einzigen bevorzugten News-Kanal – siehe dazu auch den Beitrag «Newskonsum: Internet rückt vor». Das drückt auf die Anzeigenpreise und die Auflagen – dazu eine letzte schlimme Kurve zu Tages- und Sonntagszeitungen in den USA:

pewresearch newspaper circulation 03-09

3. Mehr Meinung, mehr Sofortberichte
Die Pew-Studie zeigt auf, dass der Mehrinhalt auf diesen Plattformen vor allem mehr Meinung bringt. Original recherchierte Artikel kommen immer noch in erster Linie aus den Online-Angeboten der traditionellen Verlage. «Unsere langfristige Auswertung von mehr als einer Million Blogs und Social Media Seiten zeigt zum Beispiel das 80 Prozent der dortigen Links auf die Online-Seiten klassischer Medienhäuser führen.» Meinung verdrängt die Recherche, bezieht sich aber gleichzeitig gerne auf die inhaltlichen Vorleistungen.

Ebenso bedrängt wird die Recherche vom Echtzeit-Rausch der Absender und Empfänger. Jedes Medium will die News zuerst im Web haben, da bleibt keine Zeit für Rückfragen. Flatterhafte News-Empfänger wechseln ihre Favoriten, wenn der Bericht über eine Unternehmensfusion auf der einen Plattform zuerst steht. Zu recht sieht Pew als Folge immer mehr Instant-News, die unreflektiert aus PR-Quellen oder Social Media Diskussionen übernommen werden.

Die «Alten» sind noch die Grössten – wie weiter?
Alle diese Beobachtungen blicken auf einen vorbei ziehenden Lavastrom. Noch ist er keineswegs erkaltet. Er zerstört lieb gewordene Denkmuster, Geschäftsmodelle und journalistische Praktiken. Das Neue, das aus dieser Zerstörung wachsen wird, erscheint ungewiss bezüglich Finanzierung und Akzeptanz. Interessant ist, dass bei aller Aufmerksamkeit für das Neue die klassischen Medienanbieter immer noch eine herausragende Rolle spielen: 67 Prozent der meistbesuchten News-Seiten gehören «alten» Verlegern.

Die Zeit läuft aus, das Geld wird knapp. Gespart und rationalisiert wird in der Produktion von Inhalten. Journalismus wird schneller, meinungsorientierter und in vielen Fällen unreflektierter, näher an den Newsquellen aus Wirtschaft, Kultur, Politik, Tagesgeschehen. Es macht wenig Sinn, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. In der Grundrichtung wird sie sich durchsetzen.

Nischen für Qualität und mehr Kooperation
Verleger tun gut daran, Gefässe für Recherche und Reflektion weiterhin zu pflegen – in Nischen werden diese Inhalte sehr gefragt sein und sie werden als Orientierungs-Leuchtfeuer dienen. Denn der Newskonsument von morgen wird noch überforderter sein in seiner Quellenwahl als er es heute ist. Sprunghaft wird er trotzdem bleiben. Von eminenter Bedeutung ist die Zusammenarbeit der Verleger in allen Bereichen, die über den Redaktionsraum hinausreichen. Das verlangt ein schmerzhaftes Umdenken. In diese Richtung weisen das E-Reader-Projekt von Swisscom, NZZ, Ringier, tamedia und Orell Füssli oder die im Aufbau befindliche Online-Bezahlplattform Journalism Online in den USA.

Dieser Artikel erschien auch auf NZZ Online / Extrablog.

Marcel Bernet | 16.03.2010

News sind sozial

zeitungsleser In den USA werden Nachrichten immer stärker Online und mobil abgerufen. Soziale Netzwerke werden für News-Anbieter so wichtig wie Suchmaschinen – Plattformen wie Facebook werden zum Bazar für News.

Anfang März publizierte das Pew Research Center die lesenswerte Studie «The New News Landscape». Sie zeigt, dass bereits ein Drittel der US-Amerikaner/innen News übers Mobiltelefon lesen. Das Internet ist nach dem Fernsehen die zweitwichtigste Quelle für Nachrichten, die Mehrheit der Befragten nutzt täglich bis zu sechs verschiedene Newszugänge, siehe «Newskonsum: Internet rückt vor» mit einem Vergleich USA/Schweiz. Interessant sind die sozialen Aspekte im Umgang mit Nachrichten:

Soziale Netzwerke auf News-Empfang
Wie werden News empfangen? Ganze drei Viertel der Online-News-Lesenden geben an, dass sie Neuigkeiten via E-Mail und / oder Einträgen auf Sozialen Netzwerken erhalten. Der Austausch via E-Mail und Netzwerke kombiniert ist also sehr gross. Dabei geht es den Empfängern wie uns allen: 38 Prozent lesen alle erhaltenen Sendungen, 37 Prozent einen Teilen, 23 Prozent haben selten die Zeit dazu.

Noch spannender wird diese Zahl: 23 Prozent der Benutzer von Sozialen Netzwerken, die News Online lesen, verfolgen Journalisten oder Medien auf Plattformen wie Facebook.

Die grosse soziale News-Verteilmaschine
Was tun die Empfänger mit Neuigkeiten? Die Hälfte der Internet-Newskonsumenten gibt Inhalte via E-Mail weiter, ein Viertel kommentiert. An dritter Stelle folgen wiederum die Sozialen Netzwerke: 17 Prozent geben an, einen Link zu einer Nachricht erfasst zu haben, ergänzt mit ihren Gedanken. 11 Prozent setzen Tags oder Schlagworte zu Einträgen, kategorisieren sie in ihren Linksammlungen. Nur 9 Prozent schreiben selbst Beiträge, posten eigene Videos oder Bilder. Twitter als kürzeste Form des Weiterleitens von Links und News erreicht 3 Prozent.

was machen internet user mit news

Soziale Netzwerke so wichtig wie Suchmaschinen
Im Vordergrund des Mitmachweb stehen das schnelle Weiterverbreiten und Kommentieren. Soziale Plattformen wie Facebook werden in zunehmenden Masse zum persönlichen Nachrichtenbazar. Hier verbringen Web-Nutzer sowieso viel Zeit, sie lesen also auch noch gleich ihre Lieblingszeitung und die News-Tipps von Freunden. Sie beteiligen sich am Kommentargespräch, geben ihre Sicht der Dinge am liebsten über Links an andere weiter.

News waren schon immer sozial, Märkte schon immer Gespräche. Jetzt werden sie zunehmend Online geführt. Und weil die Teilnehmenden nicht überall präsent sein können, verweilen sie lieber ein wenig länger zwischen E-Mail und Facebook.

Soziale Netzwerke erhalten für den Empfang und die Weiterverbreitung von News eine ähnlich hohe Bedeutung wie Suchmaschinen.

Marcel Bernet | 15.03.2010

Newskonsum: Internet rückt vor

zeitungsleser In den USA werden Nachrichten zunehmend online gelesen. Ein Vergleich mit neuesten Schweizer Daten zeigt, dass Zeitungen und Radio weiter Anteile verlieren dürften.

Anfang März publizierte das Pew Research Center die lesenswerte Studie «The New News Landscape», kurz darauf erschien die «Kommtech-Studie 2010» (leider nur in Auszügen veröffentlicht) von Igem und Publica Data. Beide dokumentieren die laufende Veränderung der Mediennutzung und erlauben in Teilbereichen einen interessanten Ländervergleich.

USA: Internet liegt vorne, Zeitung am Schluss
Heute führen viele Wege nach News: Die Hälfte der US-Amerikaner/innen nutzt täglich bis zu sechs verschiedene Medienplattformen. An der Spitze der Nennungen steht dabei im Fernsehland immer noch ein lokaler oder nationaler TV-Sender mit Nennungs-Anteilen von 78 respektive 73 Prozent. Gleich darauf folgt das Internet mit 61 Prozent. Das Radio erreicht nur noch 54 Prozent der Nennungen, die lokale Zeitung 50 und nationale Zeitungen wie USA Today oder die New York Times 17 Prozent.

Damit heisst die Rangfolge für den Newskonsum in den USA: TV, Internet, Radio, Zeitung. In der Schweiz heisst sie: TV, Radio, Zeitung, Internet.

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Noch umgedrehtes Bild in der Schweiz
Die Zahlen der Kommtech-Studie sind leider nicht detailliert zugänglich, im NZZ-Artikel vom 9. März listet Rainer Stadler folgende Zahlen: Als Quelle für tagesaktuelle Infos nennen 77.1 Prozent das Fernsehen, 71.5  das Radio, 68.4 die kostenpflichtige Tageszeitung, 52.7 die Gratiszeitung, 45.6 das Internet und 41.2 den Teletext. So, wie sich in der Schweiz die Mehrfachnennunen für gekaufte und Gratiszeitung nicht addieren lassen, sind auch die lokalen und nationalen Zeitungswerte in den USA nicht summierbar. Deshalb verwendet die Grafik in beiden Fällen den jeweils höheren Wert einer Teilgattung.

Fernsehen und Internet rücken zusammen
Muss die Schweiz den selben Weg gehen wie die USA? Keineswegs. Aber für mich ist ganz klar: Die Richtung Verschiebung ist gegeben. Die gedruckten Zeitungen werden weiterhin Anteile verlieren, das Internet wird sich an die Spitze vordrängen. Interessant wird, wie sich das Fernsehen weiter entwickelt – wenn immer mehr TV übers Mobiltelefon und über Laptops oder Tablets konsumiert wird, dann rücken Fernsehen und Internet für die Benutzer noch näher zusammen. Dasselbe gilt für Fernseher, die surfen können. Werden die TV-Stationen mit ihren ausgebauten News-Angeboten die Doppelnutzer abholen oder die Online-News von klassischen Printverlegern?

Dieser Artikel erschien auch auf meinem Extrablog für NZZ Online.

Marcel Bernet | 24.02.2010

Social Media unterstützt die Recherche

@zeichen_schreibmaschJournalistinnen und Journalisten nutzen Blogs, Twitter und Facebook intensiv als Quelle – mit höherer Anforderung an die Überprüfung.

Schon 2009 hat die Bernet/IAM-Studie «Journalisten im Internet» (alle bernetblog-Artikel zur Studie, samt Grafiken) eine hohe Akzeptanz von Social Media bei Schweizer Medienschaffenden gezeigt. Letzte Woche veröffentlichten der globale PR-Dienstleister Cision und die George Washington University eine neue Studie (Medienmitteilung deutsch, Website GWU englisch).

Social Media als Quelle etabliert – bei tiefer Glaubwürdigkeit
Der Fachbereich Strategic PR der George Washington Universität GWU sandte im Herbst 2009 Fragebogen an 9100 Medienschaffende, ein Rücklauf wird nicht angegeben. 89 Prozent geben an, Blogs für Recherchen zu nutzen, 65 Prozent nutzen dazu Soziale Netzwerke wie Facebook und LinkedIn, 52 Prozent verfolgen Microblogging-Dienste wie Twitter und 61 Prozent setzen auf Wikipedia.

Damit ist klar: Social Media haben sich als wichtige Quelle für Recherchen etabliert. Was auch nicht weiter erstaunlich ist bei dem riesigen Angebot an Informationen, die sich an diesen neuen Web-Lagerfeuern sammeln. Glauben kann man aber nicht gleich alles, was hier herumgereicht wird – zumindest geben die befragten Journalistinnen und Journalisten zu 84 Prozent an, dass Social Media-Quellen «wenig» oder «viel weniger» glaubwürdig sind als traditionelle Medien.

Vergleich Schweiz: Trend ist klar
Die US-amerikanischen Zahlen liegen bis auf die Nutzung von Wikipedia wesentlich höher als in unserer repräsentativen Studie von 2009 – hier der Vergleich:

socialmedia_journalisten_usa_ch

Gerade im Bereich Blogging bietet sich hierzulande auch wesentlich weniger Inhalt als in den USA. Hinzu kommt, dass unsere Befragung (Gratis-Download) nicht einfach die Nutzung abfragt, sondern die Wertigkeit: Ausgewiesen ist nur der Anteil der Medienschaffenden, die zum Beispiel Blogs als «wichtig» oder «sehr wichtig» für ihre Arbeit bezeichnen. Auch mit dieser engeren Auslegung nutzen die Schweizer Wikipedia leicht stärker, dafür war Twitter Mitte 2009 journalistisch unbedeutend bei uns.

Social Media nicht nur als Quelle
Dass Social Media nicht nur für die Recherche ein absolutes Muss ist, zeigt der neue Chef von BBC World News: In einem internen Memo fordert Peter Horrocks den Einsatz für Recherche, die interne Zusammenarbeit und die Verbreitung der Inhalte. Und zwar ultimativ: «Wer es nicht mag oder wer denkt, dass diese Veränderung oder diese neue Arbeitsweise für ihn zu gross sei, der soll gehen und etwas anderes tun…» Mehr dazu im Beitrag «BBC sagt: Social Media muss sein».

Alle bernetblog-Artikel zur Studie
«Journalisten im Internet» mit Grafiken und Tipps

Marcel Bernet | 22.02.2010

BBC sagt: Social Media muss sein

@zeichen_schreibmaschDer neue Chef von BBC World Services nimmt kein Blatt vor den Mund: Social Media muss sein. Twitter, Facebook und Blogs verändern Recherche, Publikation und Geschwindigkeit.

In einem Blog-Interview des Guardians verdeutlicht Peter Horrock als neuer Chef der globalen BBC News seine Haltung zum Einsatz von Social Media im Journalismus. Dabei sieht er Blogs, Twitter oder Facebook nicht nur in der Recherche, sondern auch im internen und externen Dialog als unausweichliche Werkzeuge. Dass sie für die Informationsbeschaffung bereits stark verbreitet sind, zeigt eine neue Studie aus den USA.

Wer Social Media nicht einsetzt, kann gehen
Der frühere Chef des Multimedia Newsrooms Peter Horrocks hat die Leitung von BBC World Services Anfang Februar übernommen. Zu seinem Antritt hat er in der internen Hauszeitung klar gemacht, dass Social Media eine wichtige Quelle sind für Recherchen, für die gemeinsame Erarbeitung von Geschichten und deren Verbreitung nach aussen. Der Guardian-Artikel zitiert: «Das ist nicht einfach die Laune eines Technogie-Freaks. Ich befürchte, dass wir unsere Arbeit nicht machen, wenn wir diese Dinge nicht beherrschen. Das ist keine Ermessensfrage. Wer es nicht mag oder wer denkt, dass diese Veränderung oder diese neue Arbeitsweise für ihn zu gross sei, der soll gehen und etwas anderes tun – weil es einfach passieren wird. Niemand kann es aufhalten.»

Recherche, Verbreitung und Dialog
Technologie ändere den Journalismus. Deshalb seien Twitter und RSS-Reader essentielle Werkzeuge für die News-Recherche. BBC-Redaktorinnen und Redaktoren sollen darüber hinaus Twitter und andere Möglichkeiten einsetzen zur Verbreitung ihrer Inhalte samt Links zu den Originalberichten. Und schliesslich sei ein journalistisches Social Media Engagement wesentlich für den direkten Austausch mit Leserinnen und Lesern.

Immer schneller, immer oberflächlicher?
Wir Medienkonsumenten erleben wie die Medienschaffenden eine spannende Veränderung: News werden weltweit immer schneller erfasst und immer schneller publiziert. Im Wettrennen um das erste Bild oder die erste Schlagzeile entscheiden heute Sekunden. Früher konnte man in Sondersituationen ein Extrablatt schreiben und drucken, das erste Foto der Notlandung auf dem Hudson-River gelangte vom Mobiltelefon über Twitter innert Sekunden an die Öffentlichkeit.

Der Kampf um das erste Bild, die erste Schlagzeile ist unerbittlich. Wir stehen in eine steigenden Flut von Sofortnachrichten. 2oMinuten bringt mir eine Eilmeldung aufs iPhone? Wieso kann ich die Geschichte noch nicht auf NZZ Online nachlesen? Ich glaube, dass Peter Horrock recht hat: Wer im Nachrichtengeschäft tätig ist, muss beides schaffen: Sehr schnell raus mit Inhalten und so schnell wie möglich die Hintergründe dazu liefern. Dabei helfen Social Media. Und sie können eine wichtige Rolle spielen beim Vermitteln der Inhalte ans Publikum.

Schnell ist immer oberflächlich, das liegt in der Natur der Sache. Ich habe die Eilmeldungen auf meinem iPhone wieder ausgeschaltet. Weil mir der Hintergrund am nächsten Tag wichtiger ist als Störung mitten im Tagesablauf. Die Meldungen, von denen ich mich stören lasse, bleiben in E-Mail und RSS abonniert.

Dieser Beitrag erschien am 25. März auf Marcel Bernets «Extrablog» der NZZ.

bernetblog-Artikel zur Social Media-Nutzung von Schweizer Medien

Sabine Betschart | 17.02.2010

Internetnutzung: US-Teenager lesen News online

breakthroughkid

Wie werden die Digital Natives die Medien beeinflussen und verändern? Eine Studie aus Amerika zeigt: 60 Prozent der 12- bis 17-Jährigen lesen News im Internet.

Das Pew Research Center in Washington betreibt Forschungsarbeit für Politik und Presse. Die soeben erschienenen Ergebnisse zu «Social Media & Mobile Internet Use Among Teens and Young Adults» sind spannend. Hier meinen persönlichen Auszug:

12- bis 29-Jährige: 93 Prozent sind online
Teens (12- bis 17-Jährige) bleiben die am stärksten vertretene Online-Altersgruppe. Die Kurve flacht 2009 ab, denn die Sättigung ist hoch: 93 Prozent aller Jugendlichen nutzen das Internet. Gleich oft online gehen heute in den USA Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren. Alle Altersgruppen über 18 Jahren erreichen mit 74 Prozent eine wesentlich tiefer Nutzung.

Internetnutzung 2000-2009

12 bis 17-Jährige: 62 Prozent lesen News im Netz
Mehr als die Hälfte aller Teens beschaffen sich Nachrichten Online. Warum sollten sie eine Zeitung oder ein Buch zur Hand nehmen? Diese Angewohnheit wird die Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts stark beeinflussen. Mobil und allzeit verfügbar bleibt wichtig: 55 Prozent aller 18- bis 29-Jährigen beschaffen sich mit dem Telefon den Zugang zum Internet.

Die Studie enthält darüber hinaus Angaben zur Blog-Aktivität (die zurückgeht), zur Nutzung von Sozialen Netzwerken (nimmt zu, bei ausgeglichener Altersverteilung) und zu Twitter (wo Jugendliche praktisch nicht aktiv sind).

Mehr zum Thema:
Weist das Medienverhalten der Jungen die Zukunft

Marcel Bernet | 02.02.2010

Ich poste – also bin ich: Schöne neue Medienwelt

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblogRekordbeteiligung am Gipfeltreffen von Medien- und PR-Schaffenden. Die Paneldiskussion brachte wenig Erhellendes. Interessant war das Plädoyer für bezahlschrankenfreie Qualität des Spiegels.

Setting und Titel erinnerten an die Dreikönigstagung der Schweizer Verleger (Bericht vom 6. Januar). Und das Thema «Schöne neue Medienwelt – ratlose Branche» zieht – mit rund 400 Teilnehmenden war das Auditorium Maximum rekordvoll. Mathias Müller von Blumencron war acht Jahre lang Chef von Spiegel Online und ist seit 2008 Co-Chefredaktor der gedruckten Ausgabe. Hier die wichtigsten Passagen aus seinem Eingangsreferat. Alle Teilnehmenden des anschliessenden Podiums sind auf der ZPRG-Seite gelistet.

Communication Summit Februar 2010 Panel / ©bernetblog

PR-Branche in der Steinzeit
Den wohl relevantesten Bezug zur stark vertretenen PR-Branche brachte Moderator Reto Lipp in der Anmoderation:  «Wenn ich heute noch gewisse Communiqués lese – dann frage ich mich schon, ob die PR-Branche ein bisschen in der Steinzeit verweilt.» Ratlos sind zuweilen nicht nur die Verlage. Aber näher diskutiert wurde dieses heisse Thema dann doch nicht. A propos Steinzeit: Mathias Müller von Blumencron erinnerte an eine zentrale Forderung des damaligen Online-Projektleiters beim Spiegel, formuliert Mitte der Neunziger Jahre: «Ich bestehe auf wöchentlichen Updates». Das waren noch Zeiten.

Es läuft nicht so, wie die Verlage wollen
Der Spiegel-Chef ist überzeugt, dass wir trotz der grossen Umwälzungen der letzten drei Jahre erst am Anfang stehen. «Jetzt haben wir uns 15 Jahre Online abgerackert, haben hohe Reichweiten, machen 20 Millionen Gewinn mit Spiegel Online und einen mickrigen Gewinn. Doch mit der Printausgabe erreichen wir zehn mal soviel Umsatz und ein Vielfaches an Erfolg. Ist die digitale Welt nichts für uns Verlage?»

Qualitätsjournalismums habe eine Chance. Aber die Verlage müssten endlich aufgeben mit allen Versuchen, die Online-Welt ihren Bedürfnissen anzupassen: «Wir leben in einer Welt des ‘Ich poste, also bin ich.’ Die Welle schwillt an und ab. Mal ist sie furchtbar genial, mal total banal. Mal sind es intime Details, mal politische Ereignisse. Dieses gewaltige Gemurmel droht, uns Verleger ein Stückchen mehr an den Rand zu drücken. Bestehen können wir nur dann, wenn wir Bestandteil dieser digitalen Welt bleiben.»

Relevant sein heisst: findbar sein
Bei aller Diskussion um Google plädiert der deutsche Chefredaktor mit Schweizer Wurzeln resolut gegen Bezahlambitionen der Verlage. Der Spiegel löst das Problem durch ein Spiel zwischen täglich aktueller Online-Plattform und wöchentlichem Druckmagazin. Die Titelgeschichten sind Online nur gegen Micropayments verfügbar, nach drei Wochen kommen sie dann kostenlos ins Archiv. «Um relevant zu sein, müssen wir findbar sein.»

Für die nahe Zukunft sieht er drei Faktoren: Erstens werde das gedruckte Produkt Kern des Schaffens bleiben, nicht zu verschenken sondern eher noch teurer anzubieten. Zweitens würden immer mehr Leser mobil auf Inhalte zugreifen – und im mobilen Bereich seien Verrechnungsmöglichkeiten eher da, wenn auch zu minimalen Preisen. Drittens schliesslich erlebten wir eine «Explosion der Gerätschaften» mit neuen Möglichkeiten für die «kraftvolle und emotionale Platzierung von Inhalten, vor allem für Zeitschriften». Hier müssten die Verlage Ideen und Geld investieren in die neue Aufbereitung von Inhalten.

Guter Journalismus – mit weniger Rendite
Müller von Blumencron ist klar, dass er damit kein Patentrezept in der Hand hält für seine Branche, die weiterhin von grosser Unsicherheit geprägt sein wird. Nachdem sie «über Jahrzehnte so verdammt verwöhnt war. Die Traumrendite früherer Jahre ist dahin – guter Journalismus aber nicht.»

Marcel Bernet | 02.02.2010

Die Macht der Einfachheit: Apple gegen alle?

jobs_ipadNur ein Sturm im Wasserglas? Oder waren es die überhörten Glocken einer Revolution? Apples neues iPad ist ein genialer Schachzug im Kampf um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Konsumenten.

Keine Angst: Dieser Beitrag bringt keine uneingeschränktes Lob, keine Was-noch-fehlt-Liste und keine Analyse von Apples Kommunikation. Nachdem sich die Wogen ein wenig geglättet haben, interessiert die Gesamtsicht: Was vollzieht sich mit diesem Endgerät und des damit verbundenen Ausbaus von iTunes und AppStore?

Geräte und Plattformen binden Kunden
«Closest to the consumer is the best place to be.» Auf diesen einfachen Nenner brachte UCLA-Professor Uday Karmakar das Thema Medienkonvergenz schon 2008, in einem Vortrag in Zürich. Heute sitzen die Konsumenten einen grossen Teil ihrer Arbeits- und Freizeit an Bildschirmen. In dieses Puzzle von Endgeräten fügt sich der iPad ein. Matchentscheidend ist die Anbindung dieses Endgeräts an eine Inhalts-Plattform – iTunes verzeichnet weltweit 140 Millionen Nutzer.

So einfach wie möglich
Mehrheiten wollen einfache Geräte und einfache, sichere Plattformen. Das iPad ist das im Moment wohl simpelste Endgerät – ohne Tastatur, ohne Multitasking, mit wenig Optionen. iTunes ist die im Moment einfachste Plattform für den gleichzeitigen Einkauf von Musik, Videos, Podcasts, Büchern und über den AppStore Programmen oder Spielen. Einfach heisst für die Mehrheit: Einfaches Bezahlmodell, nur einmal registrieren, sichere Inhalte, grosse Auswahl.

Ein weiteres Element der Einfachheit zeigt sich in dieses Schema: Tablets, Smartphones und TV-Konsolen können von verschiedensten Anbietern kommen – wer sich für Apple entscheidet, muss sich nur an ein System, einen Login, einen Backup «gewöhnen».

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Die Grenzen dieses einfachen, aber geschlossenen Systems zeigen sich bei MobileMe und Möglichkeiten für den sozialen Austausch. Bei den mobilen Datenspeichern ist die Konkurrenz der kostenlosen Möglichkeiten gross. Und Soziale Netzwerke wie Facebook werden klar bevorzugt – weltweit waren dort am 1. Dezember 350 Millionen User registriert. Die Macht der Einfachheit zeigt sich auch bei Facebook: Je grösser eine Plattform ist, desto einfacher wird es für die Benutzer, mit einem Login Kontakte zu erreichen und sich dabei an die Eigenheiten eines Systems zu gewöhnen.

Der Preis der Einfachheit
Die Masse will ein einfaches System. Das führt in der Regel zu einem Standard. Siehe Microsoft für Betriebssysteme, Google für Suchresultate, Kleenex für Taschentücher. Wird Apple zum Standard für Endgeräte und Inhalts-Plattformen? Der Preis, den wir für die von Apple etablierte Einfachheit bezahlen, liegt in der geschlossenen Plattform. Es ist ein Eintrittspreis, den Konsumenten für die Einfachheit bezahlen – und dafür gewisse Austausch-Einschränkungen in Kauf nehmen. Auf der anderen Seite stehen Inhaltslieferanten wie Verlage, Musikproduzenten oder Programmierer Schlange. Sie entrichten gerne 30 Prozent ihrer Verkaufseinnahmen als Obolus an Apple, um damit Zugang zu den Käufern zu erhalten.

Das Spiel läuft. Das iPad wird dabei in der genialen Integration mit allen anderen Apple-Geräten und -Plattformen eine wichtige Rolle spielen. Gerätehersteller, Web-Anbieter und Inhaltslieferanten werden sich weiterhin um den Kuchen streiten. Bei diesem Spiel sitzen die klassischen Inhaltslieferanten leider etwas in der zweiten Reihe. Die grossen Spieler im inneren Zirkel werden versuchen, möglichst alle Felder von Gerät bis Plattform zu kontrollieren.

Medienkonvergenz – Uday Kamarkar (Juni 2008)
Die Zukunft des Online-Journalismus (Oktober 2009)

Marcel Bernet | 28.01.2010

PR-Trends 2015: Jeder Nische ihren digitalen Kurator

steve_rubel_ausblickWas geschieht in den nächsten zwei bis fünf Jahren im Web? Auf welche Trends müssen sich Unternehmen und Organisationen vorbereiten?

Zum Schluss dieser Interview-Serie (ganze Serie auf einer Seite) passt ein Ausblick. Steve Rubel, Leiter des Digital Team der globalen PR-Agentur Edelman, sieht fünf Trends:

1. Medien werden total digital sein
Auch Zeitungen wird es in fünf bis zehn Jahren nicht mehr gedruckt geben. Das wird in den USA und Asien schneller vor sich gehen, als in Europa.

2. Unternehmen werden Medien
Diese Digitalisierung wird Unternehmen und Organisationen noch stärker die Möglichkeit geben, selbst zu publizieren. Im direkten Austausch mit ihren Zielgruppen, ohne Zwischenschritt über die bisherigen Medienhäuser. Damit ist nicht gesagt, dass das einfach sein wird. Mit dieser Option werden sich Kommunikation und Werbung grundsätzlich verändern.

3. Suchmaschinen entscheiden über Erfolg oder Misserfolg
Der Kampf um Märkte und Meinungen entscheidet sich über Suchresultate. Google ist das Medium, auf dem Menschen Kaufentscheide fällen. Schon in zwei Jahren sieht Steve den Hauptschauplatz im Kampf um Einfluss bei Google – und vielleicht anderen Suchmaschinen.

4. Soziale Netzwerke sind der zweite Wegweiser
Die weitere Explosion von Inhalten und Plattformen macht das Entdecken von Inhalten immer anspruchsvoller. Steve sieht zwei Pfadfinder, die beim Entdecken des Relevanten helfen: Erstens Suche, zweitens soziale Empfehlung. Über Microblogging, Soziale Netzwerke, weitere Dienste.

5. Jede Nische hat ihren digitalen Kurator
In Zukunft geht es nicht nur darum, Inhalte zu schreiben oder sie zugänglich zu machen. Ebenso interessant ist das Zusammenstellen spezialisierter Inhalte, als Kurator: «Im Web hats Kunst und Mist. Wer trennt mir den Spreu vom Weizen?» Hier sieht Steve eine weitere Chance für seine Kunden: Jede Informationsnische kann ihren eigenen Kurator haben. Wenn dieser die Kompetenz hat und die Ressourcen dafür aufbringen will.

Mit diesen fünf Trends bringt der Social Media Guru auf den Punkt, womit wir uns kommunikativ in den nächsten Jahren beschäftigen werden. Alles wird einen ganzen Zahn schneller, vielfältiger und herausfordernder werden – in der Umsetzung. Der Kern, die strategischen Grundfragen und damit die Ausrichtung auf Märkte und Meinungen bleiben unverändert.

Gespräche mit Steve Rubel auf einer Seite.
Social-Media-Gespräche mit Richard Binhammer, Dell, auf einer Seite.

Steves Originaltext über den digitialen Nischen-Kurator, der Mist und Kunst trennt:

Marcel Bernet | 06.01.2010

Medien: Ratlosigkeit auf der Kommandobrücke

DK_Bild_03Am Dienstag trafen sich die Kapitäne der Schweizer Medientanker zu ihrer jährlichen Dreikönigstagung. Den König hatte zum erstenmal niemand im traditionellen Kuchen gefunden. Die Kronen im Kampf um die Lesergunst werden von neuen Mitspielern verteilt.

Die Ratlosigkeit auf den Kommandobrücken der etablierten Informations-Tanker ist verständlich: Niemand weiss, wie die neuen Geschäftsmodelle für Produktion und Verkauf von Inhalten aussehen. Und wie NYU-Professor Clay Shirky in «Thinking the Unthinkable» sagte: Wer mitten in grossen Umbrüchen behauptet, er wisse, wie es weiter geht – der lügt. Hier meine wichtigsten Eindrücke vom Treffen auf der Kommandobrücke:

Romanus Otte, Chef Welt Online: Reichweite dank Integration

2006 hat sich die Welt-Gruppe in den Newsroom aufgemacht – zur Integration von Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt, Welt Online und Berliner Morgenpost Print und Online. «Die Reichweite haben wir massiv ausgebaut – am Umbau der Abläufe und der Denkkultur arbeiten wir noch.» Otte sieht den integrierten Newsroom ganz pragmatisch als besten Weg, knappe Ressourcen produktiver einzusetzen. Um sicher zu stellen, dass die verschiedenen bedienten Blätter nicht alle Themen gleich behandeln, gibt es im Pool getrennte Chefredaktoren, Stellvertreter und Blattmacher. Die können in der Matrix-Organisation eigene Akzente setzen.

…Google und Apple greifen nach den Kunden
Welt und Morgenpost haben gerade Schlagzeilen gemacht mit der Einführung von Bezahlschranken. Otte will Erfahrungen sammeln, «in den Etats für 2010 sind noch keine fixen Einnahmen budgetiert». Reichweite sei die Vorausseztung für Monetarisierung. Aber es fehlt an Verrechnungs-Systemen, an gescheiten CRM-Datenbanken, an einer Verbindung von Print-Kundendaten mit Online-Kundendaten. Auf den springenden Punkt kommt der agile und undogmatische Manager mit dieser Aussage: «Google und Apple versuchen, den Verlegern die Kundenbeziehung abspenstig zu machen. Und das ist die grosse Gefahr für die Verleger.»

Definitiv. Entscheidend für den Verkauf von Inhalten werden die Endgeräte und die damit verbundenen Inhalte-Aggregations und -Bezahlsysteme. Systeme, die über nationale und Verlagsgrenzen hinaus funktionieren. Werden Verleger so etwas hinkriegen?

Frédéric Filloux, Redaktor & Blogger: Das Ende der Konkurrenz
Der frühere Chefredaktor von Libération arbeitet heute für Schibsted und teilt wöchentlich seine Medien-Analysen auf «Monday Note». In einem Schnellvortrag postuliert er radikales Umarmen – denn die Zeit der geschützten Märkte sei zu Ende. «Der Wettbewerb unter Verlagen darf nur in den Redaktionsräumen geführt werden. Für alle industriellen Bereiche wie Produktion und Vertrieb müssen sie zusammen arbeiten. Es braucht einen gemeinsamen Ansatz um mit Google zu verhandeln und mit der ganzen Werbebranche.» Seine Präsentation enthielt drastische Zahlen zur Dokumentation der aktuellen Situation.

Der durchschnittliche Online-Besucher verbringt gerade mal 15 Minuten pro Monat bei Le Monde und schaut sich dort 19 Seiten an. Im Gegensatz zum französischen Facebook-Durchschnitt von 2 Stunden und 400 Seiten pro Monat. Soviel zum Thema Attraktivität des klassischen News-Konsums. Ebenso schockierend war ein Vergleich der durchschnittlichen Werbe-Einnahmen pro Leser: Ein Online-Leser bringt im Schnitt 16 mal weniger Ertrag als ein Print-Leser.

Ebenso aufschlussreich war Filloux’ Kategorisierung von News: Es gibt aus seiner Sicht Standard-News, Gemeinschaftsklatsch und Qualitätsnischen. Für Standard-News muss man keine Zeitungen mehr drucken, die gibts schneller und gratis auf Twitter oder sonstwo. Gemeinschaftsklatsch entsteht in sozialen Netzwerken, er lebt nicht von Genauigkeit und Tiefgang sondern durch die zumindest projizierte Nähe unter den Absendern. Qualitätsjournalismus rettet sich in die Qualitätsnischen, wo sich wohl auch Print weiter halten wird.

Andreas Schönenberger, CEO Google Schweiz: 1 Milliarde für Verleger
Die Kapitäne haben den Piraten zur Sitzung eingeladen – der mittlerweile auf dem grösseren und erfolgreicheren Tanker sitzt. Hier zeigte sich die Schwäche der Veranstaltung am stärksten: Es gab keinen Dialog zwischen Publikum und (den viel zu zahlreichen) Referenten. Gerne hätte man mehr erfahren über das auch von Schönenberger skizzierte Interesse an einer vertieften Zusammenarbeit mit den Verlegern. In seinen Ausführungen sprach er davon, dass 2009 eine Milliarde US Dollar von Google an Verleger ging – verglichen mit einem zu erwartenden Gesamtumsatz für 2009 von rund 23 Milliarden USD. Dazu erwähnte Schönenberger eine Milliarde Clicks für Verleger/Newslieferanten aus GoogleNews und drei Milliarden aus GoogleSearch.

…ein Gerät das mich kennt
30 Prozent des Medienkonsums erfolgen heute Online. Vor diesem Hintergrund skizzierte Schönenberger seine Vision intelligenter Endgeräte – am gleichen Abend wurde das erste Google-Phone vorgestellt: «2015 habe ich ein mobiles Gerät. Damit sehe ich Bilder, Videos, alles gestochen scharf und schnell geladen. Das Gerät kennt mich, meine Vorlieben und es weiss, was ich schon gelesen habe. Es schlägt mir Artikel vor, ich bewerte seine Vorschläge und mache damit die Informationsauswahl immer besser. Wenn es um die Bezahlung der Inhalte geht, dann könnte es so sein, dass ein Grundbedarf durch ein Monatsabo bezahlt wird. Darüber hinaus gehende Abrufe werden auf meinem Konto belastet, andere Inhalte könnten durch Werbung finanziert sein.»

Google kann so etwas global lancieren, Verleger wohl höchstens in nationalen Verbänden. Doch die werden wichtig sein, wenn Amazon, Apple, Google oder andere Geräte- und Plattform-Pioniere sich die Verlagsrosinen als Partner sichern wollen.

…mindestens fünf harte Jahre – und gute Fragen
Schönenberger glaubt, dass es noch mindestens fünf Jahre dauert, bis neue Medien-Geschäftsmodelle erfolgreich etabliert sind. «Deshalb ist es für Google sehr wichtig, gemeinsam Leserschaften an der Stange zu halten und damit Einnahmen zu generieren.» Diese fünf Jahre des Übergangs werden sehr schmerzhaft sein. Und es gebe nicht eine einzige richtige Antwort, sondern eine ganze Menge von Fragen: Wie werden News gezeigt? Auf welchen Plattformen? Zu welchem Preis? Wie sieht die Nachfrage nach lokalen versus regionalen und nationalen Inhalten aus? Google sieht einen sehr grossen Anteil von lokalen Suchanfragen. Welche mobilen Plattformen werden sich durchsetzen? Wo öffnen sich Optionen für massgeschneiderte Inhalte?

Womit wir wieder beim Einstieg wären. Es geht um das Stellen der richtigen Fragen. Wer heute antwortet, der lügt. Dass sich einige Schweizer Verleger auch mal Fragen gemeinsam stellen, zeigt die angekündigte Kooperation mit Swisscom für ein E-Readerformat. Wenn unternehmerische Marktgrenzen abbröckeln, verbündet man sich national. Bis auch diese wegbrechen.

Sonja Stieglbauer | 05.01.2010

Impressum für Webseiten und Social Media

ImpressFür Webseiten und Social Media gibt es in der Schweiz keine Impressumspflicht. Aus PR-Sicht sind die Angaben ein Muss.

In Deutschland wird die Impressumspflicht für Twitter diskutiert. Ich begebe mich nicht aufs rechtliche Glatteis, aber aus Kommunikationssicht finde ich: Webseiten und Social Media-Profile sollen über den Absender informieren.

Dazu gehören mindestens eine physische Anschrift mit Kontaktmöglichkeiten, die Namen von Verantwortlichen und Partnern sowie Rechtliches wie Datenschutz, Copyright, Haftung. Wenn der Name nicht schon eine Erklärung ist, muss der Unternehmenszweck beschrieben sein. Auch bei Blogs sollte man sich die Mühe machen, ein Impressum zu erstellen; hier das Beispiel vom bernetblog. Übrigens: Wer sein Angebot von der Schweiz aus vor allem nach Deutschland richtet, für den ist ein Impressum auch für Elektronisches Pflicht.

Die Pflege eines Impressums ist zwar nicht mit grossem Aufwand verbunden, trotzdem muss es aktualisiert werden. Das neue Jahr ist ein guter Moment, um wieder mal alle Angaben auf der Webseite, dem Blog, auf Twitter, Facebook und weiteren zu überprüfen. Oder man merkt es sich für den Frühling vor, wenn die Geschäftsabschlüsse vorliegen. Spätestens dann ist es auch Zeit, Einträge in Online-Verzeichnissen zu aktualisieren.

Informationen zu Internetauftritt und Twitter bei unseren Checklisten und zum Facebook-Auftritt im bernetblog.

Lilly Anderegg | 16.12.2009

Je mehr Klicks, desto mehr $?

dollar-zeichenHeute muss ja alles messbar sein, wir PR-Leute können ein Lied davon singen. Mit ValuateMySite.com lässt sich jetzt auch der Geldwert von beliebigen Internetseiten berechnen.

Haben Sie sich jemals gefragt, wie viel Ihre Internetseite wert ist? ValuateMySite.com berechnet den Wert von Internetseiten:

  • Amazon.com: 340,512,336 USD
  • Facebook.com: 340,512,336
  • Blick.ch: 572,027 USD
  • Tagesanzeiger.ch: 383,656 USD
  • NZZ.ch: 284,273 USD
  • Bernet.com: 49,383 USD

Interessant, dass Blick.ch deutlich mehr wert ist als der Internetauftritt des Tages-Anzeigers oder der Neuen Zürcher Zeitung. Das unser eigener Auftritt immerhin knapp 50′000 USD erreicht, schmeichelt natürlich.

ValuateMySite.com nutzt dazu laut eigenen Angaben mathematische und statistische Methoden. Die Anwendung misst die Anzahl Besucher einer Internetseite und analysiert die vorhandenen Informationen im Internet über die Seite. Das ist natürlich alles relativ. Wie immer, wenn es darum geht, einen immateriellen Wert zu messen. Einfacher noch ist es, zu schauen, wie viele Treffer die Internetseite auf Google erreicht:

  • Blick.ch: 995′000 Treffer
  • Tagesanzeiger.ch: 574′000 Treffer
  • NZZ.ch: 494′000 Treffer

Die Rangfolge bleibt jedenfalls dieselbe. Wieder einmal ist alles nur eine Frage der Suchmaschinen-Optimierung. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mehr zum Thema im bernetblog:

Journalisten im Internet: Acht Tipps für Online PR, 26.08.2009
Barrierefrei = Suchmaschinen-optimiert, 11.05.2007
Suchmaschinen-Optimierung, 16.02.07

Marcel Bernet | 15.12.2009

LeWeb: CNN schreibt Steno

Barry schreibt StenoVon der 1558 entwickelten Kurzschrift zum journalistisch gemachten Online-Beitrag: Barry Neild von CNN schlägt in der Not eine interessante Brücke.

Ich unterhielt mich mit Katrin Weber, Deutsche Telekom, und Christian Leumund, Starblogger aus der Schweiz, bei den Lunch-Häppchen, als Barry Neild, Digital Producer bei  CNN Online uns interviewte. In guter alter journalistischer Manier machte er sich Notizen – in Stenografie. Interessanterweise beschreibt Wikipedia diese 1558 in der heutigen Form entwickelte Kurzschrift als «geeignet, um Ideen in Echtzeit zu notieren». Was ja perfekt zum Anlass passt. Denn So schlägt Barry eine Brücke vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart.

In seinem Beitrag «How paper and pen caused a stir at major Web event» erklärt Barry, dass er notgedrungen zu dieser Technik griff. Denn sein Blackberry sei zu alt, der Computer zu langsam, die Kamera unbrauchbar und das Dictaphone «mürrisch». Mir hat er Eindruck gemacht – denn schlussendlich geht es im Journalismus genau darum: Schnell sein, unabhängig von der Technik, sich Notizen machen und dann reflektieren, schreiben.

Was bei den 25′000 Tweets wohl weniger der Fall war…

Dominik Allemann | 03.12.2009

Medientalk Uni Zürich: Zukunft der Leitmedien

uni_zuerichKeine Leitmedien-Diskussion ohne Konfrontation von Online mit Print. Der vierte «Medientalk» an der Uni Zürich zeugte vor allem von – Ratlosigkeit.

Der Abend schloss die Viererreihe (hier mein Bericht über Teil 3 über die «Sonntagsmedien») des «NZZ-Medientalks» ab, die gemäss Schlusswort für das kommende Jahr wieder evaluiert werden soll.

Wieder war der Saal gut und zu geschätzten Dritteln gefüllt mit Fachleuten, Studis und Rentnern. Es sprachen Uni-Publizistikprofessor Frank Esser und René Zeller, Leiter NZZ-Inland. Hier – ganz boulevardesk verkürzt – die kernigsten Aussagen aus den Kurzreferaten:

NZZ-Redaktor Zeller: «Kein Verlag kann ohne Online-Strategie überleben – aber keiner weiss, wo das Geld liegt.»
Für ein reines Printprodukt sieht René Zeller keine Zukunft – darum müssen alle Publikationen in den sauren weil teuren Online-Apfel beissen. Die NZZ tut dies mit einem integrierten Modell – die Redaktionen arbeiten miteinander und nicht nebeneinander. Dabei sei es ein punktuelles Abwägen, wann «online first» gelte und wann auf eine Parallel- oder Vorab-Publikation verzichtet würde. Die Online-NZZ habe darum Erfolg, weil sie sich konsequent auf ihr Qualitätsversprechen berufe und so den wertvollen Brand der «alten Dame» schütze. Dabei unterschlug Zeller, dass die Online-NZZ in der Vergangenheit Leser an die Boulevard-Konkurrenz abgeben musste.

Uni-Professor Esser: «Zu retten sind nicht die Verlagshäuser – schützenswert ist der Qualitätsjournalismus.»
Was heute verkaufe und sich etabliere, sei der polemisch-empörende Meinungsjournalismus. Dazu komme der Trend der Medienkonvergenz (Online/Print) und eine allgemeine Redimensionierung des Medienkonsums. Was unter steigendem Kostendruck und – ach, die Krise – Inserateschwund leide, sei der investigative, erklärende Hintergrundjournalismus. Er und nur er gehöre geschützt. Aber wie? Staatsintervention? Stiftungen? Hohe Abopreise? Antworten oder Ansätze dazu gab Esser keine. Aber eine düstere Ahnung davon, was es bedeutet, wenn Qualitätsinformation zum Privileg einer wohlhabenden Elite wird.

Während des Abends erreichte mich via iPhone-Tagi-App die «Breaking News» über die Gefängnisstrafe der Schweizer Lybiengeiseln. Die NZZ doppelte erst einige Minuten später nach – ohne Push-App notabene – und veröffentlichte dann die haargenau gleiche Agenturmeldung. Was mir beweist: Online gewinnt, wer mit Tempo und Kürze neue Leser gewinnt. Und mit neuen Technologien mitgeht. Diesem Speed kann sich – Qualität hin oder her – auch die NZZ nicht entziehen.

Lilly Anderegg | 27.11.2009

15 Vorhersagen zur Zukunft des Internets

enter-tastaturWas bringen die nächsten 5 Jahre im Web: Mehr Interaktivität, mehr Inhalte, mehr Web 3.0? Endlich ein intelligenter Artikel zur alten Frage.

Wir nähern uns dem Jahresende und damit der Hochsaison der Auguren. Prinzipiell traue ich weder Auguren, Gurus noch Schlagzeilen. Von zehn Vorhersagen treten mindestens zwei sowieso zufallsbedingt ein. Was die Zukunft im Internet bringt, will ich trotzdem wissen – erst recht wenn die Trends intelligent, kurzweilig und anschaulich dargestellt sind.

Was bringen die nächsten 5 Jahre im Web? Hoffentlich viele so gute Artikel wie diesen von Cameron Chapman:

«The Future Of The Web: Where Will We Be In Five Years?» zeigt 15 Trends – sehr lesenswert, mit einer guten Mischung aus Text und Bild und mit tollen weiterführenden Links.

Interessant finde ich folgende Entwicklungen, eine kleine Auswahl zitiert aus dem genannten Artikel:

  • «Micro-payments will likely be popular among online magazines and news services, as well as other providers of in-depth content. (…) Payment via cell phone opens up whole new area of economic opportunity, particularly in areas where cell phones are more prevalent than computers. Being able to make and receive very small payments, the equivalent of a dollar or less in many cases, via a mobile device paves the way for many in developing nations to participate in the Internet economy in a way that only a few years ago might not have been deemed possible.»
  • «Facial recognition software is improving all the time, and pretty soon using an augmented reality program on your mobile phone to find out who a person is might be possible. You’d just snap a picture of them, and the app would cross-reference it with social networking profiles and photos across the Web, eventually coming across a match. From there, you could see whatever information the person had chosen to make public about him or herself.»
  • «Virtually every new monitor on the market is widescreen. It only makes sense that websites will adapt and make more use of horizontal scrolling in future than vertical, especially websites that have multiple small blocks of content, rather than long stretches of text. (…) A horizontal layout makes a lot more sense for certain kinds of sites, especially portfolios, media galleries and websites that rely more heavily on multimedia than text.»

Wie tief muss ich für Perlen tauchen?
Die meisten Neuerungen werden wir nicht einmal bewusst registrieren, sondern einfach für selbstverständlich nehmen. Und viele der vorgestellten Trends treten wahrscheinlich schon früher ein. Da gehen sich auch die unzähligen Kommentatoren des Artikels einig. Google bietet mit Wave bereits jetzt die Möglichkeit, Anwendungen wie E-Mail, Chat, Wikis, Foren aber auch Dokumente, Fotos, Filme etc. auf einer einzigen Webseite integrativ zu verwalten.

Spannend finde ich diesen Kommentar:
«Our daily lives are already so soaked in the web, that these changes will come without us even noticing. However I do think that socialization has a limit – you do NOT want to be overwhelmed with all sorts of useless social gibberish. That is why I believe that there will be a huge demand for services that help you filter all the garbage and provide you with quality information.»

Der Kommentator macht hier Werbung für seinen eigenen Service. Aber er hat trotzdem Recht. Ich bin gespannt, wie und ob sich hier bald die Tweets, äh Spreu vom Weizen trennen lässt. In wenigen Jahren werden wir die meisten Anwendungen über das Handy steuern und alle Informationen integriert abrufen. Ich jedenfalls würde in fünf Jahren gerne alle Anwendungen mit einem einzigen Gerät und einer einzigen Anwendung bedienen können. Das wäre eine wahre Erleichterung!

Mehr zum Thema im bernetblog:

Wettrennen der Suchmaschinen, 03.06.2009

Sabine Betschart | 18.11.2009

Quellangaben: Wie gehen Gratisblätter damit um?

QuelleAgenturen sind nützliche Lieferanten für die Medien. Werden diese auch als Quellen genannt und und ist es rechtlich zwingend?

Jüngst ist mir aufgefallen, dass die Autoren SDA oder AP bei 20Minuten-Artikeln nicht genannt werden. Marco Boselli, Chefredaktor 20Minuten reagierte auf meine Anfrage: «Meldungen, die nicht gekennzeichnet sind, stammen immer von SDA oder AP. Sinn des Ganzen: Eigenleistung hervorheben». Ist dies rechtlich zugelassen?

Balz Bruppacher, Chefredaktor von Associated Press AP nimmt Stellung: «Quellangaben in Printmedien sind grundsätzlich sehr wichtig für unsere Arbeit. Im Falle 20Minuten wird oft gekürzt und umgeschrieben, worduch sich die Texte stark vom Agenturoriginal unterscheiden. Auch der Blick schreibt Agenturmaterial auf seine Bedürfnisse um. In diesen Fällen wird korrekterweise auf die Quellangabe verzichtet.»

Die beiden anderen Gratisblätter NEWS und Blick am Abend geben die Agentur-Quellen meist an. Beim Blick am Abend werden die hauseigenen Journalisten sogar mit E-Mail-Adressen genannt – der modernste Ansatz und Dialog öffnend.

Vergleich Schweiz – Europa
Die Schweizer Zeitungen (ebenso wie die Deutschen) verhalten sich in Sachen Quellangabe vorbildlich und leisten einen Beitrag zum Wettbewerb unter den Agenturen. Im Gegensatz zu Frankreich oder Italien: Laut Balz Bruppacher müssen dort Agenturen Sensationsnachrichten liefern, damit sie in der Zeitung erwähnt werden.

Dominik Allemann | 11.11.2009

Medientalk Uni Zürich: Sonntagsmedien wohin?

uni_zuerichGesund sind die sonntäglichen Printtitel – im Gegensatz zu den Tageszeitungen mit düsteren Prognosen und sinkenden Zahlen. Wo liegen die Herausforderungen?

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Medientalk» des Publizistischen Instituts der Uni Zürich sprachen gestern Abend Felix Müller, NZZ am Sonntag und Professor Heinz Bonfadelli, Uni Zürich unter der Leitung des NZZ-Redaktors Thomas Ribi. Hier zusammengefasst die Hauptaussagen:

Der Markt
In den letzten Jahren haben die Sonntagstitel stets Leser dazu gewonnen. Diese verteilen sich heute aber bereits auf fünf Titel (neu: Sonntag, Südostschweiz, Zentralschweiz). Damit ist der Lesermarkt wohl ausgeschöpft – ein wirtschaftlich (und redaktionell?) harter Verdrängungskampf ist die Folge. Felix Müller hält mittelfristig Zusammenschlüsse für durchaus möglich. Und sind die heute in UK stark sinkenden Sonntagsauflagen ein Indiz für die Schweizer Entwicklung (Prof. Bonfadelli)?

Die Inhalte
Durch die grosse Online-Konkurrenz wandern immer mehr Hintergrundberichte in den Tagesjournalismus. Der Tagi will gar eine «tägliche Wochenzeitung» sein. Damit einher geht ein schleichender Bedeutungsverlust der Politik zu Gunsten von weicheren Themen (Lifestyle, Reisen, Kultur). Wie können sich also NZZaSo und ihre Pendants weiter entwickeln – und im Spannungsfeld zwischen Leser- und Werbemarkt attraktiv bleiben? Bonfadelli rät, bezüglich Themensetting von den Gratiszeitungen (hauptsächlich 20Minuten) zu lernen – und Bildung, Multimedia/neue Medien oder Gesundheit verstärkt zu bearbeiten.

Die Leser
Wir alle konsumieren immer mehr Inhalte mit einer flackernden, unsteten Aufmerksamkeit (Bonfadelli). Die Sonntagsmedien dagegen befinden sich auf einer Art Insel. An ihrem Erscheinungstag nehmen sich die Leute mehr Zeit, wollen sich gemütlich zurück ziehen und Inhalte mit grösserer Konzentration geniessen. Diese Lektüre hat in der Schweiz den Messgang ersetzt.

Ein kluger und kurzweiliger Abend, gut geführt von Gesprächsleiter Ribi. Ich bedaure die ersten beiden Abenden der Veranstaltungsreihe verpasst zu haben (zum Beispiel Zukunft der Leitmedien am 29. September). Und bin gespannt auf den Abend vom 1. Dezember, wenn es um die Konvergenz zwischen Print- und Onlinemedien geht (hier die Koordinaten).

Beim ersten Talk zum Thema Medien, Macht und Qualität mit Markus Spillmann war der bernetblog dabei, samt Kurzvideo: Beitrag vom September 2008.

Lilly Anderegg | 28.10.2009

Das Internet wird 40

global_communicationQuadratisch, praktisch und gut ist eine Technologie, die vierzig Jahre Entwicklungszeit hatte: Das Internet. Aus Anlass des 40-jährigen Geburtstags zeigt der Guardian spannende Hintergründe und Videos über die Entwicklung von 1969 bis heute.

Was mag das sein? So beschreibt der Guardian das Internet:

Age: 40.
Appearance:
Flat, rectangular; dimensions vary.
What is it?
An unquantifiable ocean of free-flowing data; a boundless virtual universe that in many respects closely mirrors our own world, but with a lot more porn.
What is it really?
A bunch of computers hooked together.

(Mehr Text unter «It’s 40 years old, but how much do you know about it?»)

Erster Datenaustausch vor 40 Jahren
Vor 40 Jahren bastelten ein paar Wissenschaftler in Kalifornien an der Vernetzung von Computern und legten den Grundstein für das heutige Internet. Am 29. Oktober 1969 werden erstmals Daten zwischen zwei verschiedenen Orten ausgetauscht: zwischen der Universität von Kalifornien, Los Angeles, (UCLA) und dem Stanford Research Institute in Menlo Park, Kalifornien. Das Netz bricht aber nach den ersten beiden Buchstaben des Wortes «logon» zusammen. Heute, 40 Jahre später, steigt die Zahl der weltweiten Internet-Nutzer auf mehr als 1,5 Milliarden. In China alleine sind über 250 Millionen und damit erstmals mehr als in den USA.

guardian.co.uk: The internet at 40

So startet der Guardian die interaktive Geschichte des Internets – natürlich im Internet. Und angepasst an das heutige Benutzerverhalten: wenig Text, viel Bildmaterial und Querverlinkungen zum Durchklicken.

Mehr Text, weniger Bilder und trotzdem gut ist auch folgender Artikel zum Thema: «Das Internet steht vor der Midlife Crisis» auf spiegel.de.

Nachtrag: Was wäre, wenn das Internet an nur einem einzigen Tag entstanden wäre? Die erste E-Mail kommt in Deutschland zwar noch vor der Frühstückspause an, aber bis Facebook und MySpace gegründet werden, dauert es bis nach Einbruch der Dunkelheit … Gerade entdeckt: Geschichte des Internets an einem Tag.

Marcel Bernet | 27.10.2009

Kindle-Test: Quadratisch, praktisch, unübersichtlich

kindle_kurztestSeit einer Woche spiele ich mit Amazons E-Book, das nun auch international verkauft wird. Hier die wichtigsten Erfahrungen aus dem Kurztest, samt Bildern und Video.

Das Fazit vorneweg: Ich werde die FAZ weiterhin auf Papier lesen. Auch das getestete Fachbuch habe ich mir gestern in Papierform nachbestellt – Bildschirmseite für Bildschirmseite erhalte ich einfach viel zu wenig schnell den Durchblick auf das Wesentlichste. Für ein von Anfang bis Ende gelesenes Buch kann ich den Kindle empfehlen. Weil er sehr schnell und bequem geladen ist (auch in der Schweiz, ohne Zusatzkosten), wenig Platz einnimmt und weil das Gerät handlich, schön und batteriesparsam ist. Aber die E-Books müssen auf alle Fälle noch besser werden. Gekostet hat der Kindle International übrigens 259 USD.

Handlich, schön, flach
Schon die Verpackung ist gelungen – so steht zum Beispiel auf der Karton-Aufreisslasche «Once upon a time…». Und das gelieferte Gerät funktioniert tadellos, auch in der Schweiz samt Wireless-Sofortverbindung. Unbemerkt sind das schon vorher bei Amazon bestellte Buch, die ersten Ausgaben der FAZ und der WirtschaftsWoche auf dem Kindle geladen. Auch mit dem Aufladen konnte ich noch eine ganze Weile warten – dazu brauchts übrigens einen Steckeradapter, geliefert wird nur ein US-Stromkabel.

Wer sich sechs Minuten Zeit nimmt, kann die wesentlichen Punkte der ersten Testwoche im folgenden Kurzvideo mitverfolgen. Wer lieber liest, der findet meine Haupterkenntnisse samt Screenshots im Nachgang.

Bildschirmlesen wie in den Anfängen des Internet
So sieht das Inhaltsmenu meines Kindle aus – noch ist ganz wenig draufgeladen: Social Media Bible als Fachbuch, die Frankfurter Allgemeine, My Clippings mit selbst gespeicherten Auszügen aus Inhalten, die WirtschaftsWoche, die Kindle Bedienungsanleitung und der New Oxford American Dictionary. Der kommt gratis mit und liefert zu jedem (englischen) Wort eine Erklärung. Der Bildschirm ist gut lesbar, mir ist der Kontrast von (leicht gräulichem) Hintergrund zu Schrift stark genug – bei genügend starker Fremdbeleuchtung. Im Halbdunkel liest sich das Gerät schlecht.

kindle_inhaltsverzeichnis

So ein Inhaltsverzeichnis ist kein Problem – hat ja alles auf einer Seite Platz. Echt schwierig wirds beim Fachbuch, da darf ich mich durch sechs Seiten durchblättern. So kann ich mir kein Gesamtbild des Buchinhalts machen. Und hier steckt für mich das Kernproblem des Kindle: Zu kleiner Bildschirm, zu wenig Infos pro Seite. Es kommt mir vor wie in den Anfängen des Web, vor 13 Jahren. Kleine Bildschirme, wenig Info pro Seite. Und Bildschirmlesen ist halt immer: Seite nach Seite.

kindle_faz_inhalt_artikel

Wenn ich im Kindle-Inhaltsmenu auf die FAZ klicke, wird einfach ein erster Artikel dargestellt, siehe rechtes Bild. Darunter führt ein Link «View Sections List» auf die links eingeblendete Inhaltsübersicht. Wenn ich da zum Beispiel «Wirtschaft» wähle, dann steht wieder einfach der erste Artikel da – anstatt eine Gesamtsicht der Wirtschaftsbeiträge, zu meiner Auswahl. So mag ich Zeitung nicht lesen. Gut, dass man die Zeitungs- und Magazin-Abos innert der ersten 14 Tage kostenlos annullieren kann. Ab heute versuche ichs mal mit der New York Times. Amazon gibt auch an, dass im Moment nur die amerikanischen Medienerzeugnisse mit Bildern ausgeliefert werden können.

Wireless problemlos, kein Surfen, keine Blogs
Man merkt gar nicht, dass der Kindle Online ist – er ist es einfach. Das ist wirklich sehr angenehm, keine Einrichtung, keine Zusatzkosten. Wenn man dann auf einen Link klickt, davon hats zum Beispiel in der Social Media Bible eine ganze Menge, dann öffnet sich ein Browser-Fenster. Mit der Meldung, dass aufgrund «internationaler Restriktionen» leider kein Surfen möglich sei. Den Weg zurück auf die eben verlassene Buchseite finde ich leider nur über das Kindle-Inhaltsmenu.

Amerikanische Blogs preisen auch Kindle-Versionen an. Meine Recherche auf Amazon zeigt, dass wir Europäer noch keine Blog-Inhalte bei Amazon für eine Kindle-Publikation anmelden können.

Abwarten und Papier geniessen
Für oder gegen den internationalen Kindle sprechen nach dieser Testwoche:

kindle_pro_contra

Ich freue mich darauf, die Social Media Bible in Händen zu halten. In zwei Sekunden werde ich wissen, was ich lesen will und was nicht. Randnotizen und Seitenhinweise werde ich schneller reinkritzeln, als sie mit der seltsamen Kindle-Tastatur erfasst sind.

Dominik Allemann | 15.10.2009

Der neue Blick: das sagt die Schweiz dazu

Blick_Logo_2Positiv aufgenommen wurde er, der neu gewandete Jubiläumsblick – 50 Jahre feierte er  gestern und sein neues Grossformat. Stimmen aus dem Meinungswald.

«Die Feierstimmung im neuen «Blick» liess keinen Platz für aufregende Geschichten über Kriminalfälle, Sex oder Politik. Neu darf auf Seite 1 jeweils eine junge Frau nackte Haut zeigen, wobei das alles – gemessen an den heutigen Sitten – ziemlich züchtig wirkt.»
Neue Zürcher Zeitung NZZ

«Im Gegensatz zu «Bild» in Deutschland hat «Blick» weder die Regionalisierung noch die «line extension» (Markenerweiterung in Richtung Frauen, Sport, Computer, Auto …) geschafft. Aber noch immer ist er eine der stärksten Medienmarken der Schweiz. Jetzt hofft das reife Geburtstagskind dem Altern zu entgehen, indem es sich als Dachmarke eines Verbunds mit Abend-, SonntagsZeitung und Online aufstellt. Der Erfolg ist möglich, aber unsicher. Wie fast alles in der Medienwelt.»
Karl Lüönd in 20Minuten

«Was der neue alte Blick nun verzogen hat, ist eigentlich ein “no brainer” und wusste jeder der sich mit Marketing und Medien beschäftigt. Weshalb Ringier so lange zugewartet hat und Experimente mit Tabloid und “linkem” Boulevard Journalismus gemacht hat, ist schon ziemlich unverständlich.»
Leserkommentator Urs Jaermann auf nzz.ch

«hab mir heute im #coop ein #blick gekauft – find das neue format voll gut – beim inhalt hat sich nix geändert, tja.»
Twitter-Kommentar von @FLOG

«Früher, und ich meine wirklich früher, war das Layout klar und prägnant. Der Inhalt auch. Heute ist es bunt und flauschig. Adjektive, die leider auch auf den Inhalt zutreffen.»
Leserkommentator Thomas Engeli auf persoenlich.com

«Diese Rückkehr ist ein Akt der Verzweiflung: Dem «Blick» geht es elend. Seine Leser altern, seine Inserate wandern ins Internet. Dieser Misserfolg ist die Strafe für den enormen Erfolg: Mit 50 Jahren Mord, Sex und Cipollata-Prominenten hat der «Blick» überzeugt. Alle, die früher die Nase rümpften, haben gelernt. TV, Presse, das Netz: Sie alle kümmern sich breit um das rohe Leben.»
Constantin Seibt im Tages-Anzeiger

Allenthalben also recht gutgemeint, die Beurteilungen der neuen alten Zeitung. Ich bleibe auch nach Ausgabe 2 bei der enthusiastischen Prophezeiung von 10% Wachstum in Jahresfrist. Wir bleiben dran…

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