Journalisten im Web: Rino Borini, Verleger und Chefredaktor Wirtschaftsmagazin Punkt

Nicht nur als Journalist, sondern auch als Verleger des Wirtschaftsmagazins Punkt setzt Rino Borini Social Media ein. In seinen zehn Jahren als Chefredaktor hat sich durch Social Media vor allem das Recherchieren verändert. Und obwohl er interne E-Mails abgeschafft hat, gibt es in der Redaktion auch eine physische Themen-Planung – mit Post-it’s. 

Die Serie «Journalisten im Web» portraitiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und der ZHAW. Die Zusammenfassung und Auswertung der Studie erfolgt (bereits zum zweiten Mal nach 2015) im Herbst 2017. Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

«Freude herrscht, ich tweete nun auch», teilte Rino Borini der Welt 2007 mit. Seither hat sich einiges getan: «In fast allen Situationen spielt Social Media eine Rolle. Ob ich eine Konferenz besuche oder eine Fachveranstaltung – vorausgesetzt man darf twittern. Da teile ich interessante Quotes mit der Crowd.» Die neuen Kanäle sind im Alltag integriert: «Am Morgen schaue auf den verschiedenen Kanälen, ob etwas reinkam. Früher ging ich auf die News-Apps wie NZZ und Tagi, heute gehe ich auf Twitter.» Was Rino Borini dort findet, sind «Geschichten, Inspiration, was gerade läuft, über was geredet wird.»

Digitale Identität
«Twitter ist für mich nicht privat, sondern business.» Das gilt auch für die anderen Kanäle: «Social Media ist für mich generell ein Kommunikationskanal, eine digitale Identität. Es ist ein Hilfsmittel, um zu sehen was anderswo läuft, auch auf anderen Kontinenten – es ist global.» Die Internationalität betont er besonders: «Was wir in der Schweiz über die Schweiz sagen, ist eines. Aber für mich als an Politik und Wirtschaft interessierte Person ist wichtig zu wissen, was andere sagen.»

Starkes Recherchetool
«Recherchieren hat sich durch Social Media am meisten verändert. Am Anfang hast du eine Idee von einer Geschichte und musst inspiriert werden. Klassische Tools sind nicht so inspirierend.» Rino Borini achtet darauf, was Brands machen. Beispielsweise eine Uhrenmarke, die eine Kollektion über Instagram verkauft – innert vier Stunden. «Wir fragen uns: Wie funktioniert die Crowd? Unsere Leser sind da draussen.» Neben Twitter nutzt Rino Borini auch Facebook und LinkedIn. «Zur Recherche bin ich angewiesen auf verschiedene Kanäle um auf Personen und Studien zu stossen.» Zudem helfen die sozialen Medien, auf Gesprächspartner zu stossen und diese zu kontaktieren:  «Eine Mailanfrage wurde mir nicht beantwortet. Auf Twitter hat der Interviewpartner dann zugesagt.» Nicht überall öffnen Social Media die Türen: «Ich würde gerne noch mehr Unternehmenslenker erreichen.»

Vermarktungstool
Neben dem Wirtschaftsmagazin Punkt organisiert Rino Borini mit seiner financialmedia AG die Finance 2.0. Auch hier setzt er Social Media ein: «Wir haben die grösste Fintech Konferenz in der Schweiz – mit Werbebudget null. Halt, doch: 500 Franken, um Werbung auf Twitter zu testen. Man kennt uns in London, in Hongkong. Dank Social Media.» Rund zehn Prozent der Ticketverkäufe laufen über Social Media. Für das Wirtschaftsmagazin Punkt setzt Rino Borini auf Artikelmarketing: «Für Themen, die ein globales Publikum ansprechen. Wir zeigen momentan  zwei Drittel der Artikel online. Jedoch nicht mehr lange. Ich bin gegen gratis Artikel. Um uns zu bekannt machen, sind Artikel momentan das Beste.» Das Artikelmarketing ist intensiv und aufwändig: «Ich glaube, da hätten wir noch mehr Potenzial. Wir bräuchten mehr Manpower.» Instagram wird für alle Marken von finacialmedia AG eingesetzt. «Mit guten Bildern versuchen wir Punkt und #dubistwirtschaft zu positionieren, Emotionen und ‘behind the scenes’ zu zeigen. Die Leser sollen uns cool finden und merken, dass wir leben und wer wir sind.»

Millionen Verleger
Relevantes zu filtern sei am schwierigsten. «Das ist die grösster Herausforderung, das Wichtigste. Das Schöne ist: Dank Digitalisierung haben wie Millionen von Verlegern. Das einzuordnen ist die Herausforderung. Wenn man auf einen Retweet stösst, muss man prüfen wer war das. Es ist nicht gleich alles bare Münze, sondern eher Inspiration.»

Regel: Gesunder Menschenverstand
«Wir haben die Regel, nach unseren Werten zu handeln und den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen. Dabei geht es vor allem um Loyalität und Anstand. Ich habe gute Leute hier, die nichts Komisches machen. Man geht mit Mitstreitern und Gesprächspartner um, wie man selber behandelt werden möchte.»

Facebook ist für Grossmütter
Die Leser des Magazins sind enorm durchmischt: «Vom 20-jährigen Student bis zum 70-jährigen Grossvater.» Natürlich bewegen sich diese auf verschiedenen Kanälen: «Facebook ist für die Grossmütter. Wenn ich die Jungen erreichen will, dann muss ich nicht auf Facebook. Bei Snapchat sind wir am überlegen, ob wir mitmachen, momentan ist dort keine Zielgruppe von uns. Wir sind am Testen mit dem Facebook-Messenger; Chatbots schauen wir auch an. Neu haben wir Augmented Reality im Heft integriert.»

Interaktion und Inputs
«Wir feilen manchmal andere Medien an – zum Beispiel, wenn wir zu einem Thema knackigere Aussagen hatten.» Für die Leser stehen alle Kanäle offen: «Wir beantworten jedes Mail, jede Nachricht. Ob uns der Inhalt passt oder nicht.» Viel Input kommt von Interessierten, Lesern, Jungunternehmern und PR-Agenturen. «Wir erhalten sehr viel Input.  Zum Beispiel ein Hinweis auf einen echt tollen Unternehmer in Oberwinterthur für Kompressoren. Das gab eine Geschichte! Ich würde mich freuen, wenn mehr solcher Input kommt. Natürlich nur, wenn es ins Heft passt.» Auch das Wirtschaftsmagazin Punkt nutzt Social Media, um die Leserschaft besser kennenzulernen und zu spüren, was ankommt. «Wir nehmen das ernst. Zum Beispiel sagte ein Leser, was ist mit den Gemeinden? So haben wir kleinere Geschichten recherchiert und setzen das jetzt in jedem Heft mit einer Grafik um.»

Zukunftspläne ohne E-Mail
«Mein Wunsch ist, dass wir alle hier – ob Journalist, Grafiker oder Fotograf – die Arbeit auch über seine Kanäle vertreibt. Ich möchte das ab 2018 bei allen Artikeln haben.» Intern werden die Kanäle einbezogen, aber:  «Was noch fehlt ist die Konsequenz. Das braucht auch Zeit. Wir haben schon viel intern gemacht: Wir schrieben keine E-Mails mehr und haben auf Slack gewechselt. Wir sind alle Prozesse am Digitalisieren. Auch für die Planung.» Trotzdem gibt es noch Papier in der Redaktion: «Wir haben gemerkt, dass wir auch physisch arbeiten müssen. So haben wir unsere Artikel-Planung mit Post-its dargestellt.»

Steckbrief

  • Rino Borini, 44, Verleger und Chefredaktor
  • Journalist seit: seit 10 Jahren
  • Auf Facebook seit: ca. 2007
  • Auf Twitter seit: 30.12.2011, 13.44 Uhr
  • Auf Snapchat seit: 2015
  • Auf Instagram seit: 2014
  • Auf Xing und LinkedIn seit: lange

Weiterführend
Alle Artikel über unsere Studie «Journalisten im Web»

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