Journalisten im Web: Kurt Pelda, Investigativ-Journalist beim Tages-Anzeiger

Kurt Pelda hat sich als Kriegsreporter einen Namen gemacht. Neben seinen Einsätzen in den Krisengebieten vor Ort nutzt er aber auch Social Media intensiv für seine Recherchen.

Die Serie «Journalisten im Web» portraitiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und der ZHAW. Die Zusammenfassung und Auswertung der Studie erfolgt (bereits zum zweiten Mal nach 2015) im Frühling 2017. Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

Social Media haben den Beruf fundamental verändert, findet Kurt Pelda. «Einerseits haben die Mediennutzer andere Möglichkeiten, sich zu informieren. Jede Interessengruppe kann ihre Sicht der Dinge darlegen. Genau das ist aber für uns Journalisten ein gefundenes Fressen: Man sieht, wer mit wem unterwegs ist, wer wen kennt. Früher brauchte man dafür Informanten.» Für Pelda hat das Publikum zwar – auf Kosten der traditionellen Medien – mehr Informationsquellen. «Aber es gibt auch neue Möglichkeiten für Journalisten, um an Infos oder Ideen für Geschichten heranzukommen.»

Fester Teil der Recherche

Rund eine Stunde pro Tag verbringt Pelda beruflich auf Social-Media-Plattformen. «Am wichtigsten ist das Durchforsten von Social-Media-Profilen. Ich nutze dabei Facebook Graph, um Verbindungen zu erkennen.» Pelda speichert auch systematisch Profile ab, da diese von den Nutzern jederzeit wieder gelöscht werden können. Häufig sei dabei interessanter und aufschlussreicher, was Familienmitglieder oder Bekannte der eigentlichen Zielperson posten. «Wer etwas zu verbergen hat, macht keine Selfies; wenn man dann aber die Kanäle der Kinder oder sonstigen Verwandten besucht, sieht man die gesuchte Person, ihren Aufenthaltsort und ihre Begegnungen. Diese Bilder sind eine riesige Fundgrube.»

Facebook liefert keine Geschichten

«Dass ich einfach auf Facebook gehen würde, einen Post sehe und daraus eine Geschichte mache, kommt praktisch nie vor.» Informationen in den Social Media erzählten für sich noch keine Geschichte. Der Sinn ergebe sich meist erst durch die Recherche. «Ich habe beispielsweise ein Foto mit vier lächelnden Männer. Das bedeutet noch nichts. Zwei Jahre später sagt mir jemand, einer dieser Männer sei in Syrien ums Leben gekommen. Dank dem Bild kann ich rekonstruieren, wer zum Freundeskreis dieser Person gehörte.»

Social-Media-Recherchen sind aufwändig

Social Media liefern die Geschichten also nicht pfannenfertig. «Ich ging mal in einem Monat durch 24’000 Facebook-Fotos, um Leute aus der Schweizer Koran-Verteiler-Szene zu finden. Ich kam so zu etwa hundert Fotos von Schweizern, natürlich ohne Namen. Es ist dann oft höchst mühsam und arbeitsaufwändig, herauszufinden, wer diese Leute sind. Aber in der Kombination mit vorhandenen Fotos, die man bereits hat, findet man sehr viel heraus.» Irgendwann fand Pelda zudem heraus: Facebook speichert Bilder von jedem Profil, die geliked wurden. «So findet man plötzlich Bilder, die eigentlich schon längst vom Profil eines Jihadisten gelöscht sind.»

Twitter als Nachrichtenkurator

Twitter hat für Pelda eine andere Funktion: Tweets verlinkten oft auf spannende Artikel von irgendwelchen Publikationen, die er nicht alle selbst verfolgen kann. Zudem schätzt Pelda die Tweets, die ihm automatisch aufgeschaltet werden. «Durch die Leute, denen ich folge und den Häppchen, die mir Twitter liefert, fühle ich mich ziemlich gut bedient.»

Blasengefahr

Gibt es nicht etwa auch eine Gefahr, sich nur in einer Gesinnungs-Blase zu bewegen? Pelda: «Klar, wenn ich nur Assad-Gegnern folgen würde, wäre das eine Gefahr. Aber ich kriege über Twitter auch andere Inhalte. Durch mein Interesse an Syrien oder den Irak kriege ich viele Dinge mit, die nicht meiner Meinung entsprechen – aber trotzdem sehr interessant sind. Gerade beim Giftgasangriff in Syrien, wo ganz viel Propaganda und Desinformation verbreitet wird. Da kommt man sehr wohl auf andere Meinungen. Von all den Internet-Trolls, die ihre Geschichte produzieren, um von der Realität abzulenken.» Wohl sei es aber schon so, dass ein radikalisierter Jihad-Anhänger ein sehr einseitiges Weltbild bekomme. Das hat Pelda auch schon im Selbstversuch festgestellt: «Ich habe Fake-Profile, in denen ich mich selbst als Jihad-Anhänger ausgebe. Dort habe ich auch nur solche Freunde. Und dort schlägt mir Facebook nur entsprechende Inhalte vor. Ich habe aber das Gefühl, das ist bei Facebook stärker ausgeprägt als bei Twitter.»

Resonanz ist unvorhersehbar

Was auf Social Media Resonanz erzeugt, kann Pelda nicht antizipieren. «Wenn es um Putin geht oder um Giftgas, da sind die Meinungen gemacht, auch von Leuten, die keine Ahnung vom Thema haben. Die negativsten Kommentare kommen häufig von Leuten aus Ostdeutschland, ehemalige SED-Leute, und natürlich aus dem Umfeld der AfD. Das ist etwas, was vorhersehbar ist. Dann gibt es Pseudo-Organisationen, die nichts anderes sind als der verlängerte Arm des russischen Geheimdienstes. Oder Human Rights International, eine ganz üble Pro-Assad-Maschinerie, die wohl mit dem dortigen Geheimdienst verknüpft ist.» Wenn man ein heisses Eisen anpacke, komme die Reaktion dieser Leute automatisch. Aber es gäbe auch sehr positive Wortmeldungen. «Es ist manchmal wirklich schwierig vorauszusagen, wie etwas laufen wird. Manchmal sind es auch einfach lustige Dinge, die ein Echo finden.»

Ausbildung und Youtube

Als er für das Fernsehen arbeitete, besuchte Pelda ein eintägiges Recherche-Seminar. «Nur ein Tag, aber das war extrem wertvoll.» Daneben bildet sich Pelda selbständig weiter: «Online gibt es ja einen riesigen Fundus von Möglichkeiten, v.a. Youtube-Videos, wo einem erklärt wird, wie man an E-Mail-Adressen von einem Facebook-Konto kommt. Es geht dann schon fast ein bisschen in Richtung Hacking.»

Was seine eigenen Kenntnisse betrifft, relativiert Pelda aber: «Die wirklich gefährlichen Gruppen haben ihre Inhalte häufig im Darknet. Aber da kenne ich mich noch nicht richtig aus.»

Steckbrief

  • Kurt Pelda, 52
  • Journalist seit 1984
  • Auf Facebook und Twitter seit: 2011 (arabischer Frühling)

Weiterführend:

alle Artikel über unsere Studie «Journalisten im Web»

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