Journalisten im Web: Jonas Projer, Redaktionsleiter SRF Arena

«Aussagen auf Twitter haben aus meiner Sicht mit der öffentlichen Meinung nicht allzu viel zu tun», sagt Jonas Projer, Redaktionsleiter und Moderator der «Arena» von SRF. Die Diskussions-Sendung versucht, die Debatte mit dem politischen Gegenüber abzubilden. Diese urschweizerische Stärke kann unter dem Rückzug in die «Meinungs-Blase» leiden. 

Die Serie «Journalisten im Web» portraitiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und der ZHAW. Die Zusammenfassung und Auswertung der Studie erfolgt 2017 (bereits zum zweiten Mal nach 2015). Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

Das Format der «Arena» braucht weder Primeurs noch Breaking News. Oft bestimmt die politische Aktualität die Themen. Am Freitag diskutieren im «Arena»-Studio Politiker/innen, Experten und Normalos über politische Dossiers.

Twitter: Eher Branchen-Apéro als Dorfplatz

Information und Input für ihre Sendung gewinnen Projer und sein Team aus Primärquellen, sehr stark aber auch aus anderen Schweizer Medien, beispielsweise Zeitungen oder anderen Sendungen von SRF. Social Media spielen bei der Recherche eine untergeordnete Rolle. Jonas Projer: «Wir stützen uns bei jeder Sendung auf die Vorarbeit zahlreicher anderer Journalisten. Die «Arena» setzt ja eher keine Themen, sondern nimmt die politische Aktualität auf. Der Grund: Damit ein Talk funktioniert, sind die Macher auf Vorwissen beim Publikum angewiesen. Social Media dient während der Erarbeitung einer Sendung eher als Sicherheitsnetz, keine aktuellen Entwicklungen zu verpassen. Grundsätzlich nehme ich Twitter eher als einen Branchen-Apéro wahr denn als einen Dorfplatz».

Das Arena-Team verbindet die politische Agenda mit seinen Recherchen, berücksichtigt Eindrücke aus dem Social-Media-Grundrauschen und trifft auf dieser Ebene publizistische Entscheide.

Jonas Projer: «Allzu stark sollte man sich als Journalist meiner Meinung nach nicht auf die sozialen Medien stützen. Mit zwei Pro- und zwei Contra-Tweets die öffentliche Meinung abbilden zu wollen, wie es in manchen Artikeln gemacht wird, scheint mir nicht unbedingt seriös.» (Bild: SRF)

Botschaften aus verschiedenen Welten

In der Schweiz empfände er das Twitter-Publikum als eher urban, männlich, techaffin und politnah. «Das deckt sich nicht unbedingt mit dem Publikum der «Arena». Dieses verhält sich oft ganz anders als jenes in den sozialen Medien. Wenn ich sehe, welche Feedbacks und Inputs wir auf klassischem Weg bekommen – via Brief, Mail oder persönlich – dann sind das komplett andere Botschaften als auf Social Media.» Projer ist selber stark in den sozialen Medien aktiv, beobachtet die dort stattfindende Entwicklungen aber auch kritisch. «Die Schnittmengen zwischen den Meinungsblasen scheinen mir auf Twitter klein. Wenn jemand eine andere Meinung vertritt, wird er eher in den Senkel gestellt, als dass man inhaltlich mit ihm debattieren würden.» Dabei sei doch gerade dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Ansichten, wie es in Gefässen wie der «Arena» stattfinde, für die Demokratie wichtig.

Online-Dialoge sind Scheindiskurse

Jonas Projer nimmt wahr, wie sich der Ton bei Feedbacks und Input – auch Online – in den letzten ein bis zwei Jahren deutlich verschärft hat. «Viele Kommentare sind manchmal zynisch, destruktiv, giftig.» Dabei gehe es kaum darum, einen Diskurs oder Dialog zu führen, wie es die sozialen Medien versprechen würden, die Kanäle seien rein zum Senden da. Projer: «Ein Diplomat erklärte mir mal, dass öffentliche Briefe immer das Ende der Gespräche bedeuten. Wer miteinander reden will, redet miteinander. Wer öffentlich seine Position deklarieren oder den Gegner blossstellen will, schreibt einen öffentlichen Brief.» Diese Effekte scheinen Projer auch in den sozialen Medien zu spielen.

Dennoch möchte Projer seine Aktivitäten in den sozialen Medien auf keinen Fall missen. Die Kanäle bringen ihm eine gewisse Qualitätskontrolle – nirgendwo wird schneller reklamiert, falls die «Arena» einen Fehler macht. Auch ein erster Eindruck über die Wirkung einer Sendung liegt drin, auch wenn dieser nicht repräsentativ ist. Und natürlich ist Social Media für die «Arena» auch ein Marketingtool. Wenn allerdings Talkgäste gesucht würden aus dem Publikum, sagt Projer, dann bringe ein Aufruf am TV noch immer weit mehr als der erfolgreichste Tweet.

Steckbrief

  • Jonas Projer, 36
  • Journalist seit: ca. 2008
  • Auf Facebook: 2008
  • Auf Twitter seit: 2012

Weiterführend: 
alle Artikel über unsere Studie «Journalisten im Web» 

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