ON/OFF Studie: Was in «Always On» alles so drinsteckt

Innerhalb weniger Jahre haben uns Smartphone, Tablet und das schnelle Web zum Homo Digitalis entwickelt. Wer die Risiken von «Always On» besser kennt, kann auch die Chancen besser nutzen. Was wissen wir heute? Was ist Hype und was Fakt? 

Die Medienpsychologin Sarah Genner gewann mit ihrer Studie «ON|OFF Risks and Rewards of the Anytime-Anywhere Internet» (Download gratis E-Book) den Mercator-Award. Zu Recht. Das Thema ist hochaktuell, unaufgeregte und konstruktive Überlegungen dazu sind nötig – und wohl auch gewinnbringend. Denken wir daran, dass der wirtschaftliche Erfolg und die mentale und physische Gesundheit kommender Generationen weltweit hiervon massgeblich beeinflusst wird.

Always-On ist böse – Klischees auf dem Prüfstand

«In meiner Arbeit ON|OFF wollte ich herausfinden, was denn eigentlich die Risiken sind, damit wir die Chancen besser nutzen können. Ohne grosse Nebenwirkungen», sagt Sarah Genner im anschaulichen Kurzvideo zur Arbeit (Vimeo, siehe unten im Beitrag). Sarah Genners Erkenntnisse interessieren umso mehr, weil so viel Halbwissen und Klischees die Sicht trüben.

In fünf Themenfeldern und mit vielen Interviews und Research untersuchte die Forscherin gewisse Gemeinplätze. Eine Zusammenfassung:

Always on und …

… Produktivität
Studien zeigen, dass nur schon das Wissen um empfangene oder verpasste Nachricht zu einer gleich starken Ablenkung führt, wie die Nutzung des Mobilgeräts selber. Gleichzeitig können kurze Online-Auszeiten gar erholsame Effekte haben. Prokrastination gab es auch schon vor dem Internet. Es greift also zu kurz, Technologie als Wurzel aller Übels zu verstehen. Spannend ist der Zusammenhang zwischen sozialem Druck und mobilem Zugang. Es sind letztlich genauso Dispositionen und Verwirrungen, die zu Ablenkung und Info-Überforderung führen.

… Burnouts
Hyperconnectivity wird verantwortlich gemacht für Stresskrankheiten. Tatsächlich kann dies dazu beitragen, bestehende Verhaltensmuster zu intensivieren bis hin zur Selbstgefährdung. Zeitliche und örtliche Flexibilität führen dazu, dass sich private und berufliche Welten vermischen. Es braucht einen grösseren Aufwand, persönliche Grenzen zu setzen. Die hohe Zahl an Stresserkrankungen ist auch zurück zu führen auf eine zurückgehende Stigmatisierung von Psychischen Erkrankungen und die Erstarkung der Dienstleistungsgesellschaft.

… Sucht
Internet- oder Handysüchtige können nicht nach klinisch-medizinischen Attributen als «süchtig» bezeichnet werden – auch wenn sie sich gar selber als dies bezeichnen. Aber die neurologischen Effekte gleichen durchaus den «Substanzsuchten». Persönliche Dispositionen oder Problemkreise prägen die «Sucht». Und doch ist Informationstechnologie nicht einfach «neutral». Die neurologischen Suchteffekte werden damit durchaus – beispielsweise durch die Game-Industrie – zu erfolgreichen Geschäftsmodellen.

… Generationen
Noch sind weltweit über die hälfte aller Menschen Offline. Darunter auch sehr viele junge Menschen. Der digitale Graben vertieft sich denn auch mehr je nach Kultur, Bildungsgrad, Geschlecht, soziale Stellung und anderes. Und doch grenzen sich die Generationen ab: Jüngere Menschen unterscheiden viel weniger zwischen Off- und Online-Zeit und können sich Offline-Zeiten weniger vorstellen. Interessanterweise empfinden jüngere Menschen gemäss Studien die Ablenkung und Belastung durch Always-On eher als stressig und störend als Ältere.

… Privatheit
Unbestritten: Datenflut und die grosse Zahl an Mobilgeräten hat einen massiven Einfluss auf unsere Privatheit. Allen voran die Möglichkeit der Geo-Lokalisierung birgt verschiedenste Gefahren. Experten warnen vor einem unbekümmerten Umgang hiermit. Überwachung und Verletzung der Privatheit resultieren auch aus dem eigenen sorglosen Umgang mit Applikationen. Hier wird in den nächsten Jahren eine Auseinandersetzung und ein Abwägen nötig zwischen Uservorteilen, dem Nutzen von Überwachung und der Gefahr ihres Missbrauchs.

Sarah Genner entwickelt aus ihren Resultaten Empfehlungen für Entscheidungsträger aus Politik, Arbeitswelt, Bildung, Medien, Familie und Forschung. Wir werden dies hier im bernetblog aufnehmen.

Bild: Paul Chiroean «Connected» bei FLICKR unter CreativeCommons

Weiterführend:
bernetblog-Beiträge über Social-Media-Studien

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