Journalisten im Web: Rafaela Roth, Ressort-Leiterin Reporter bei watson.ch

Dank Social Media ist der Austausch mit Quellen und Betroffenen direkter und weniger kontrolliert. Davon profitiert der Journalismus, findet Rafaela Roth, Ressort-Leiterin Reporter bei watson.ch. 

Die Serie «Journalisten im Web» portraitiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und der ZHAW. Die Zusammenfassung und Auswertung der Studie erfolgt (bereits zum zweiten Mal nach 2015) im Frühling 2017. Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

Ausrutscher auf Social Media können für Politiker das Ende ihrer Karriere bedeuten. Journalisten wissen das, Politikern offenbar manchmal nicht. In solchen Fällen bringen sie Reporterinnen wie Rafaela Roth in Bedrängnis. Als sich eine aufstrebende St. Galler SVP-Politikerin offenbar noch in betrunkenem Zustand auf Facebook über die Polizisten ausliess, die ihr Blut entnahmen, Fotos direkt aus dem Polizeiposten postete und Fahren in angetrunkenem Zustand als Kavaliersdelikt verkaufte, war die Story auf der watson-Redaktion praktisch komplett. «Wir entdeckten den Post, konfrontierten die Beteiligten sowie Experten und brachten die Geschichte innerhalb von drei Stunden. Die anderen Medien sprangen darauf auf und die Story entwickelte sich noch über Wochen weiter», so Roth.

Die noch bessere Quelle für Geschichten ist für sie Twitter. «Twitter ist für mich so eine Art Filter: Wenn man den richtigen Leuten folgt, erfährt man Dinge, die sonst in der Weite der Informationsflut untergehen.» Dabei sieht Roth vor allem im Tempo von Twitter dessen besondere Qualität: «Bei Grossereignissen wie den Attentaten im letzten Sommer wird Twitter enorm wichtig. Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, findet man auf Twitter immer die ersten Bilder und unmittelbare Augenzeugenberichte.»

Teil der Morgenpflicht
Social Media sind für Roth fixer Teil des beruflichen Tagesablaufs geworden. «Wenn ich morgens ins Büro komme, schaue ich gezielt, was läuft und die Menschen interessiert. Dazu checke in den Youtube-Trends und auf anderen Seiten, welche Videos gerade populär sind, scanne Facebook und Twitter und lese die Zeitungen. Für Facebook haben wir ein Programm, das mir jeden Morgen einen Newsletter auf die Mailbox schickt, welche Posts rund um die Welt zu ausgewählten Themen trenden. Am hilfreichsten sind die Posts, die erst kurz drauf sind, aber sehr viele Likes und Shares auslösen. Man kann daraus schliessen, dass es sich um einen besonders interessanten oder lustigen Inhalt handeln muss.»

Glaubwürdig ist der Absender, nicht der Kanal
Für Roth waren Social Media schon immer Teil des Berufsalltags. So hat sie auch keine Berührungsängste, um Informationen aus den Social Media für die eigene Berichterstattung zu verwenden. «Je nachdem behandle ich Social Media wie andere Quellen. Wenn zum Beispiel die Polizei etwas twittert, ist der Inhalt für mich gleichwertig, wie wenn sie eine Pressemitteilung verschickt.» Und ergänzt: «Für nicht-offizielle Accounts gelten dieselben Regeln wie für alle anderen Informationsquellen: Zwei Quellen müssen dieselbe Information bestätigen.»

Twitter für den Quellenkontakt
Roth findet via Social Media aber mehr als nur Themeninputs. «Man kann Beziehungen von Personen untereinander analysieren; und auch, um Personen zu kontaktieren, sind Social Media praktisch. Wenn Kontaktdaten fehlen, kann man Leute auf Facebook anschreiben.» Statt Telefonnummer oder E-Mail-Adresse hat man Facebook. Auch Interviewpartner sind einfacher zu finden: «Beim Attentat auf den LGBT-Club in Orlando beispielsweise, fing der Club selber an, mit seinen Gästen auf Facebook zu kommunizieren. Die Besucher des Clubs kommentierten auf diese Posts. Per Facebook konnten wir die Augenzeugen dann direkt für Interviews anschreiben. Solche Dinge kommen durchaus vor.» Das Gleiche gilt für Twitter. Der Mikroblogging-Dienst erleichtert die Kommunikation mit PR-Fachleuten: «Man kann Leute direkt ansprechen und erhält superschnelle Antworten. SBB-Sprecher Ginsig macht das ganz gut, den kann man per Tweet anhauen und er antwortet innerhalb von Sekunden.»

Die Welt ist informeller geworden
Dass Behörden per Social Media direkt ansprechbar sind, ist nur ein Aspekt der gestiegenen Informalität, die Roth auf Social Media zurückführt. «Auf Social Media wird weniger kontrolliert und formal kommuniziert. Uns Journalisten liefert es natürlich Geschichten, wenn zum Beispiel Politiker in Fettnäpfchen treten. Oder wenn Prominente Bilder von sich oder anderen hochladen, auf die wir dann zugreifen können – auch wenn man nicht alle verwenden darf.»

Beziehungspflege mit dem Publikum
Wer Roth via Social Media schreibt, kann grundsätzlich mit einer Antwort rechnen. «Wenn ich direkt angesprochen werde, antworte ich. Das bin ich den Unsern schuldig. Watson ist ein offenes Medium, und was ich schreibe, muss nicht für alle so stimmen. Deshalb finde ich, die Leser sollen ihre Meinung dazu abgeben dürfen und ich habe zu antworten – wenn die Kritik konstruktiv und sinnvoll ist. Mit der Zeit kann sich so etwas wie eine Beziehung zu gewissen Usern entwickeln.»

Für die Pflege ihres Netzwerks hat sich Roth Prinzipien zurechtgelegt: «Anfangs war ich zurückhaltend. Mittlerweile nehme ich auch fremde Leute als Facebook-Freunde an, wenn wir ungefähr fünf Freunde gemeinsam haben. Manchmal sind es interessante Leute, die zu spannenden Geschichten führen.

Steckbrief

  • Rafaela Roth, 29
  • Journalistin seit: 2009
  • Auf Facebook seit: 2008
  • Auf Twitter seit: 2010
  • Auf Instagram seit: 2012
  • Auf Snapchat seit: Frühling, 2016

Weiterführend: 
alle Artikel über unsere Studie «Journalisten im Web» 

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