Journalisten im Web: Rainer Stadler, Medienredaktor NZZ

Rainer Stadler ist eine Institution im Schweizer Journalismus. Seit fast 30 Jahren berichtet er als Medienredaktor der NZZ über Veränderungen im Journalismus und in den Medien. Er hat vieles kommen und einiges davon wieder gehen sehen. Social Media sieht er als spielerische Ergänzung für den Journalismus. 

Die Serie «Journalisten im Web» portraitiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und der ZHAW. Die Zusammenfassung und Auswertung der Studie erfolgt (bereits zum zweiten Mal nach 2015) im Frühling 2017. Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

Für Stadler ist Twitter die wichtigste Plattform. «Das ist ein Kanal mehr, wo man ein bisschen Action machen kann. Wo man Informationen findet und streuen kann, wo man schauen kann, wie Leute ticken, was es für Trends gibt; und wo man auch sich selbst vermarkten kann.» Auch für Rainer Stadler ist Twitter heute Alltag: «Der Kanal begleitet mich den ganzen Tag, auch unterwegs.» Neben Twitter nutzt Stadler auch Facebook – und zwar redundant: «Meine Tweets erscheinen automatisch auch bei Facebook.»

Spielerisches Element im Arbeitsalltag
Stadler betont das Spielerische und Zufällige von Social Media: «Ich versuche das locker zu nutzen. Wenn ich das dauernd als News-Stream wahrnähme, würde mich das viel zu stark absorbieren. Darum lasse ich das Prinzip Glück und Zufall walten. Ich reagiere, wenn mir etwas zufällt. Aber ohne Vollständigkeitsanspruch, wie ich ihn etwa beim Beobachten von Massenmedien zu erfüllen versuche.» Stadler sieht positive Seiten des neuen Publikumsdialogs: «Mir macht das Spass, ich habe letztes Jahr einen 4-stündigen Chat zum RTVG-Referendum gemacht, mit absolut vernünftigen Leuten. Die Trolls machen da sowieso nicht mit.»

Auch neuen Formen der Berichterstattung gegenüber ist Stadler offen: „Ich habe auch schon Twitter als News-Feed verwendet, habe schnäppchenweise vermeldet, was gerade vor sich geht. Aber das sind mehr Spielereien und keine systematische Ergänzung zum Angebot. Mein Hauptprodukt bleibt der reflektierte Bericht und der Kommentar.» Stadler sieht dabei einen Hauptunterschied zu seiner Haupttätigkeit als NZZ-Redaktor: «Es ist informeller. Ich schreibe ein bisschen lockerer für digitale Formen. Man hat weniger das Gefühl, dass einem 230 Jahre NZZ auf den Schultern sitzen.»

Es gibt nur einen Rainer Stadler
Wie sieht es aus mit Social-Media-Richtlinien der Redaktion? «Wenn es die gibt, hätte ich es vergessen.» Stattdessen hat Stadler seine eigene Ansicht entwickelt: «Weil ich schon so lange dabei bin, habe ich mir da meine eigene Meinung gebildet. Ich glaube, es gibt nicht zwei Ich. Auch auf Twitter bin ich gleichzeitig NZZ-Redaktor. Zwar etwas spielerischer, aber als dieselbe Person. So versuche ich mich auch zu verhalten.» Das kann beschränkend wirken: «Manchmal hätte ich auch Lust, mich über Gott und die Welt zu äussern, finde dann aber, das sei nicht meine Aufgabe. Ich muss nicht meine Meinung zur grünen Wirtschaftsinitiative oder sonstwas absondern.»

Und dann kommt Stadler doch noch auf eine kleine Ausnahme zu sprechen: «Gut, per Zufall hat sich ein kleines Hobby ergeben, weil ich hier von meinem Büro viel sehe auf dem Sechseläutenplatz. Die vielen Veranstaltungen dort fand ich irgendwann mühsam. Ich begann, Fotos mit ironischen Kommentaren auf Twitter zu setzen. Daraus hat sich quasi ein Sub-Fachgebiet ergeben: als Szenenbeobachter Sechseläutenplatz. Zwar immer noch in meiner journalistischen Identität als NZZ-Redaktor, aber spielerisch und politisch unverfänglich. Und ein paar Leute Freude haben offensichtlich Freude an meinen Bildern.»

Werbung in eigener Sache
Stadler nutzt Social Media für die Verbreitung von eigenen und fremden Artikeln, und macht so auf die publizistischen Leistungen seiner Zeitung aufmerksam. «Ich teste das immer ein bisschen, um zu sehen, wie und womit man Aufmerksamkeit erregt. Ich habe ich aber nie feststellen können, was das Rezept wäre für den grossen Durchschlag. Es hängt von Zufälligkeiten ab; natürlich auch vom Thema, aber auch da ist es nicht so klar.»Und noch unklarer ist für Stadler, wen er eigentlich via Social Media erreicht. «Man hat so eine Gemeinde, in der bewegt man sich in der Regel, und dann gibt es gewisse Themen, mit denen man breitere Kreise erreicht. Man weiss dann aber letztlich nicht so genau welche. Die Zahlen, die man hat, sind schwer zu deuten. Tendenziell ist es sicher ein jüngeres Publikum, aber ich treffe auf Facebook auch Alte.»

Austausch mit Mehrwert
Social Media dienen Stadler auch für den Publikumsdialog. «Ich behandle das wie Leserbriefe. Wenn mir jemand was sagt oder schreibt, dann antworte ich. Oder ich bedanke mich, wenn mich jemand auf etwas hinweist, das ich übersehen habe.» Dies geschieht nicht nur aus Höflichkeit. «Ich profitiere von Online-Leserkommentaren. Nicht immer, aber es kommt vor.»

Dass sich die Macht in der öffentlichen Kommunikation deswegen zum Publikum verschoben hätte, glaubt Stadler nicht. «Natürlich gibt es den Bedeutungsverlust der Massenmedien. Aber die Leute reagieren noch immer auf die Massenmedien. Ich bin immer noch der kleine König, mehr klein als König, aber immerhin.» Für Stadler haben seine Artikel nach wie vor klar Priorität. «Wenn ich einen langen Text und einen Kommentar schreibe, habe ich wenig Zeit, um Leserkommentare zu beantworten.» Da sieht er auch die Grenzen der neuen Möglichkeiten: «Ich muss ja auch noch arbeiten. Schreiben, Recherchieren und sich auf dem Laufenden halten braucht noch immer Zeit. Ich mache keinen Flipperkastenjournalismus. Diese Tendenz beunruhigt mich manchmal auch etwas. Da wird virtuos auf mehreren Bildschirmen kommuniziert und platziert, und am Ende des Tages, was hast Du gemacht? Viel Lärm. Es war vielleicht lustig für Dich persönlich, aber naja.»

Steckbrief:
Rainer Stadler, 58, seit 1989 Medienredaktor bei der NZZ

  • Journalist seit 1987
  • Private Nutzung von Social Media? Ab und an per Facebook mit Verwandten in den USA, aber ganz wenig.
  • Seit wann auf Twitter: 2009. Es ist fast schon Image-schädigend, wenn man später als 2009 beigetreten ist.
  • Facebook? Keine Ahnung.
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