Trollfabrik: Was bedeutet sie für Online-Foren?

In der vergangenen Woche geisterte das Phänomen «Trollfabrik» durch die Weltpresse. Systematisch und im Schichtsystem verbreiten bezahlte Agenturmitarbeitende beschönigende Kommentare über die russische Politik. Was bedeutet dies für Online-Foren? 

Der Troll ist ein typisches Netzphänomen. Normalerweise ist er als Einzelgänger im Netz unterwegs, provoziert und stänkert. Die Russin Ludmilla Sawtschuk deckte ein neues Ausmass des Trolltums auf: In St. Petersburg werden Menschen in einer sogenannten Trollfabrik dafür bezahlt, systematisch politische Propaganda in Online-Newsportalen zu verbreiten. Diese beinhaltet politische Stimmungsmache, rassistische Hetze oder Beleidigungen.

Theorie der Schweigespirale: Eigene Meinung hängt von öffentlicher Meinung ab
Wer Online-Kommentare liest, bemerkt, dass wenig Anstand vorhanden, ist und viele Meinungen in die gleiche Richtung gehen und anderslautende Kommentare selten sind. Die Theorie der Schweigespirale besagt, dass die Bereitschaft, sich öffentlich zu äussern von der Mehrheitsmeinung abhängt. Wiederspricht die eigene Meinung derjenigen der Mehrheit, hält man sich automatisch zurück, gleicht sich an und übernimmt diese schlussendlich. Dazu sagt der Medienpsychologe Prof. Dr. Werner Wirth in der SRF-Sendung Kultur Kompakt vom 14. August 2015: «Wer trotzdem anderslautender Meinung ist, hat vielleicht keine Lust mehr, sich zu äussern, weil ihm die ganze Diskussion zu undifferenziert ist.» Online-Kommentare werden häufig nicht als die Meinung des Einzelnen wahrgenommen, sondern als Abbild der Öffentlichkeit. Diese Phänomene machte sich die Trollfabrik offenbar zunutzen: Laut Ludmilla Sawtschik sollen in der Trollfabrik gezielt politische Kommentare verbreitet worden sein, im Schichtbetrieb und von mehreren Accounts aus. Die verbreitete Informationen waren laut Sawtschuk immer streng auf Kreml-Linie. Wer diese las, meinte, dass sie die Meinung der Mehrheit wiederspiegelt und denkt im Endeffekt gleich.

Seriös kuratieren, Gudielines festlegen
Die Trollfarbrik beschränkte sich bislang auf Russische Online-Portale. Angeblich soll es aber auch eine Auslandabteilung geben (RonOrp-Videoperlen), die den deutsch- und englischsprachigen Raum abdeckt. Wie schützt man sein Online-Portal vor solchen Troll-Kommetaren? Dazu sagt der Medienpsychologe: «Einerseits streng filtern: Rassistische und unflätige Kommentare werden bei Online-Newsportalen von der Redaktion gelöscht.» Seriös kuratieren und die Kommentarfunktion in ein separates Forum auslagern kann ebenfalls eine Lösung sein. Falls Sie als Unternehmen Guidelines für das Forum haben, unbedingt auf diese verweisen: Warnen Sie die kommentierende Person erst, machen Sie sie auf die Guidelines aufmerksam. Das gilt für Zeitungen, aber auch für Unternehmen, die ein eigenes Forum betreiben.

Und wie schützt sich der User eines Forums, respektive der Bürger oder die Bürgerin vor Kommentaren eines Online-Portals, die er/sie nicht lesen will? Indem er/sie sich in bei verschiedenen Gefässen informiert und sich seine eigene Meinung bildet, sich mit Gleichgesinnten austauscht. Und, dass er sich nicht scheut, seine Meinung auch kund zu tun und Online-Kommentare immer auch mit einer gewissen Vorsicht geniesst.

Weiterführend
Spiegel.de, Russland: Troll-Bekämpferin erhält einen Rubel Schadenersatz
Neue Luzerner Zeitung, Aktivistin enttarnt Troll-Fabrik in Russland
Gedanken zur «Schweigespirale» im bernetblog-Beitrag vom 23.11.2006

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