Journalisten im Web: Yvonne Zurbrügg, Chefredaktorin Women in Business

Die sozialen Medien – Zeitverschwender, Multiplikator oder Lieferant für News? Yvonne Zurbrügg, Chefredaktorin des Magazins «Women in Business», dem Schweizer Wirtschaftsmagazin für die Frau, schätzt Social Media für sich und das Magazin. Genutzt werden die Kanäle aber gezielt und auf Ressourcen und Publikum zugeschnitten. 

Die Serie «Journalisten im Web» porträtiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und dem Institut für angewandte Medienwissenschaften IAM der ZHAW. Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

Die Sozialen Medien als Arbeitswerkzeug kennt Yvonne Zurbrügg schon von ihrer Tätigkeit als stellvertretende Unterhaltungschefin bei der Schweizer Illustrierten: «Twitter ist wahnsinnig spannend. Gerade Prominente aus Show und Sport twittern heute, was sie früher in einer Pressekonferenz verraten hätten». Die Funktion des Newslieferanten Twitter hat sich nun für sie geändert. «Für Women in Business folge ich Frauen, die eine starke Meinung haben und dafür stehen». Twitter wird so mehr zum Kontakt- und Ideenpool. Denn, so Yvonne Zurbrügg weiter, «daraus entstehen noch keine Geschichten».

Recherche für Meinungsführer
Beim Magazin sei es schwieriger, auf Social-Media-Strömungen einzugehen. Das Magazin erscheint zehnmal im Jahr, die Geschichten müssen mindestens einen Monat lang aktuell bleiben. Ergänzend gibt es acht Mal im Jahr den «Women’s Talk» – ein Podium mit Expertengesprächen zu Wirtschaftsthemen für rund 100 Leserinnen. Hier dienen die sozialen Netzwerke als Recherchemittel: «Ich schaue, wer sich zum Thema bereits einen Namen  gemacht hat – für mich ist das Expertensuche, Qualitätskontrolle und Kontaktmöglichkeit in einem. Und: Diese Leute scheuen die Öffentlichkeit nicht». Zudem sind die Meinungsführer Multiplikatoren, die die Veranstaltung weiter streuen. Für die Vernetzung kam 2014 eine LinkedIn-Gruppe dazu, «weil wir merkten, dass auf LinkedIn viele Talk-Gäste bereits untereinander gut vernetzt sind. Viele kommen nicht nur wegen dem Talk, sondern weil sie wissen, wer sonst kommt». Seit der Übernahme der Chefredaktion entwickelt sich der Auftritt laufend weiter, seit September auch auf Twitter. «Als ich das Heft übernahm, hatten wir eine Typo3-Website und sehr wenig bis null Interaktion via Facebook. Die heutigen knapp 1500 Fans bekommen immer wieder Einblick in die Themen, die sie im nächsten Heft erwarten.»

Der neue Leserbrief
Das Ziel des Engagements ist die Interaktion mit den Leserinnen und potentiellen Leserinnen. Facebook und insbesondere die eigene Webseite, die seit September auf WordPress basiert, seien gute Feedbacktools. Mit den Kommentaren «wissen wir, was gefällt und was nicht». Bei Facebook sind diese öffentlich, bei der Webseite werden die Kommentare zuerst geprüft. «Oft erhalten wir via Webseite Feedback und Wünsche».  Mit der neuen Webseite ist alles moderner und einfacher lesbar. Facebook lasse sich besser integrieren. «Teaser zu den Artikeln funktionieren viel besser, auch Kolumnen und Lifestyle-Geschichten gehen online gut». Weniger geeignet seien längere Reportagen: «Wir haben Texte, die sind locker 7’000 oder 20’000 Zeichen lang, die eignen sich schlecht. Das liest schlicht keiner.» Auch schwierig ist die Streuung.

Die Frage mit der Exklusivität
«Die Frage für uns ist: Teasern wir nur an oder geben wir den ganzen Artikel preis? Es ärgert mich, wenn ich online 3’500 Zeichen lese und dann heisst es plötzlich ganz unvermittelt: Lesen Sie die ganze Reportage im Magazin.» Für Yvonne Zurbrügg macht diese Herausforderung den Umgang mit Social Media spannend. Hinzu kommt die Finanzierung. Die Redaktion besteht aus zwei Personen, dazu kommt ein Pool von zehn bis fünfzehn Autorinnen. «Ich habe nicht das Budget für zusätzliche Online-Geschichten». Exklusiv ist auch der private Twitter-Account von Yvonne Zurbrügg nicht: «Privat ist ja sowieso nie privat. Im Gegensatz zu Facebook bin ich auf Twitter praktisch nur Konsumentin oder Beobachterin. Das Fieber, meine Gedanken ins Weltall rauszujagen, hat mich nie wirklich gepackt». Bei Facebook ist sie mit vielen ehemaligen Berufskollegen mit gleichen Interessen vernetzt. So wird der private Account zum Perlentaucher: «Ich entdecke Sachen, die ich sonst nie gesehen hätte». Essentiell seien für sie die Vernetzung Xing und LinkedIn. Beispielhaft kam die Anfrage für ihre jetzige Stelle via Xing.

 

Magazin bleibt Magazin
Der Einfluss auf das Recherchieren und Publizieren von Artikeln sei nicht gross. «Die von uns porträtierten Frauen befinden sich oft im C-Level-Bereich und haben oder nehmen sich nicht die Zeit noch einen Social Media Kanal zu füttern». Viel wichtiger seien die Kanäle wie SMD, Radio und TV.  «Das Video-Portal des SRF finde ich grandios. So finde ich auch für den Women’s Talk heraus, wie jemand auftritt». Auch das persönliche Gespräch ist und bleibt wichtig für Yvonne Zurbrügg. «Social Media ist ergänzend. Was sich geändert hat: Meine jüngste Tante sieht, was ich poste, und so weiss es auch schon bald meine Mama».

Selber machen heisst Zeit gewinnen
Die Kanäle werden alle vom Zweierteam der Redaktion gepflegt. Bei der Webseite half zuerst ein Webmaster, nun betreuen sie auch diese selbst. «Das briefen ging fast länger, als es im Team zu machen. Ich möchte nichts, was wir nicht selbst bedienen können». Zu zweit ist das Team erst seit Dezember. Regelungen gibt es daher keine, «nur die, die ich für mich gemacht habe: Dass ich einen Post sieben Mal lese bevor ich ihn rauslasse». Und erzählt dazu ein Geschichte:«In der Hast habe ich mal einen Post gemacht auf Facebook und Blondinen mit ie geschrieben. Und das ist ja in meinem Beruf unsäglich peinlich. Also keine Schnellschüsse». Zeit ist daher umso wichtiger. «Manchmal ärgere ich mich, dass man soviel Zeit damit verbringt. Als Journalistin habe ich diese Wahnsinns-Krankheit, immer über alles Bescheid wissen zu wollen».

Steckbrief
Yvonne Zurbrügg, Chefredaktorin, Women in Business

  • Journalistin seit 2004
  • Bei Women in Business seit Juli 2014
  • Nutzt Facebook seit 2008 und Twitter seit 2009 eher als Beobachterin
  • Aktiv auf Xing und Linkedin

Weiterführend:
alle Portraits der Serie «Journalisten im Web»

 

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