Journalisten im Web: Jakob Bärchtold, Stv. Chefredaktor, Der Landbote

Aus einer spontanen Idee setzt der Landbote auf Social Media für die Berichterstattung. Das funktioniert mit einfachen Mitteln und kann deshalb vor allem in Lokalredaktionen gut übernommen werden: Der Live-Ticker von aussergewöhnlichen Anlässen mittels Twitter-Feed und Storify.

Die bernetblog-Serie «Journalisten im Web» portraitiert Redaktorinnen und Redaktoren und ihren Alltag im Social Web im Rahmen einer qualitativen Studie von Bernet_PR und der ZHAW. Der Hashtag zur Studie: #jstudie.

Im Dezember 2013 richtete sich die öffentliche Aufmerksamkeit in Winterthur auf die Budgetverhandlungen im Stadtparlament. Die finanzielle Lage war düster, und man erwartete einschneidende Kürzungen im städtischen Finanzplan. «Das Interesse war so gross, dass es keinen Platz mehr hatte im Ratsaal. Dutzenden Interessierten wurde deshalb aus Platzgründen der Zutritt verweigert; sie mussten wieder nach Hause gehen», erinnert sich Jakob Bächtold, Stv. Chefredaktor des Winterthurer Landboten, der damals mit der Berichterstattung der Budgetdebatte beauftragt war.

Bächtold wollte seine Leser aber an den Verhandlungen teilhaben lassen und twitterte live aus dem Ratsaal. Und was als spontane Idee startete, gehört inzwischen zu erprobten Repertoire des Landboten. «Wir haben das jetzt mehrmals gemacht. Auf unserer Website ist es aus technischen Gründen im Moment noch sehr umständlich, einen Ticker zu haben. Twitter ist für uns deshalb eine sehr gute Technologie, um diesen journalistischen Service zu bieten.»

jakob baerchtold der landbote

Damit die einzelnen Meldungen nicht in der Masse der Tweets untergingen, archivierte die Webredaktion des Landboten diese mit Storify, so dass auf der entsprechenden Website der ganze Ticker nachgelesen werden konnte, und immer noch nachgelesen werden kann. Bei Storify findet man heute neun Anlässe, über die der Landbote entweder selbst twitterte oder Tweets zu relevanten Geschichten zusammentrug.

Erfolgreich, aber aufwändig

Bächtold war mit dem Erfolg der Aktion zufrieden. „Das lief super, da kamen teilweise auch Anfragen zu uns, in den Rat rein, und die konnten wir dann gleich wieder beantworten.“ Wer die Berichterstattung nachliest, stellt fest, dass sich mit der Zeit auch die Gemeinderäte selbst an den Twitter-Diskussionen beteiligten. Dank Twitter konnte der Landbote zudem über die Deadline der Zeitung hinaus aktuell informieren. „Die Debatten gingen manchmal bis nachts um 12, das konnten wir gar nicht mehr in die Zeitung reinnehmen, weil das so spät war.“

Im vergangenen Dezember wiederholte der Landbote die Aktion, und wieder erreichte man damit weit über 1000 Leute, auch wenn die Debatte nicht mehr so heissblütig ausgetragen wurde wie im Vorjahr.

Bächtold würde das Mittel gerne häufiger einsetzen. In der Realität kommt der Landbote Twitter-Ticker aber doch relativ selten zum Einsatz. „Morgen Abend hätten wir das allenfalls von einer Podiumsdiskussion auch wieder machen wollen, aber voraussichtlich scheitert das am Personalaufwand. Das machen wir nur bei Dingen, die eine ganz hohe Beachtung haben.“ Und dies, obwohl Tweets schnell abgesetzt sind und die Zusammenstellung per Storify sehr einfach und schnell umgesetzt ist. „Wenn man an einer Abendveranstaltung dann auch noch unter Zeitdruck einen Artikel für die Printausgabe schreiben muss, ist das Twittern doch eine Zusatzbelastung.“

Kernkompetenz unter Beweis stellen

Über das Zielpublikum weiss Bächtold: „Mit diesem Angebot erreichen wir vor allem ein interessiertes Publikum, die wohl oft schon Landbote-Leser sind. Wenn ich schaue, wer sich jeweils via Twitter gemeldet hat, dann waren das viele, die wir kennen.“ Und zu den Absichten des Twitter-Angebots führt er weiter aus: „Wir machen das nicht, um neue Leser zu gewinnen. Wir wollen grundsätzlich die Funktion als erste News-Plattform von Winterthur auf allen Kanälen besetzen. Und ich glaube, auf Twitter ist uns das ganz gut gelungen.“

Dazu trägt in erster Linie die Online-Redaktion des Landboten bei, andererseits sind alle Redaktionsmitglieder aufgefordert, gleich zu twittern, wenn es angebracht ist. Inhaltlich gilt das gleiche Konzept wie für die Print-Ausgabe: Der Landbote soll dabei sein, wenn es Winterthur betrifft. Den Zugang zum Landbote-Twitter-Account haben alle. Strategische Grundlage für die Aktivitäten sind drei Papiere: ein Manual, ein Fact Sheet mit Hintergrundinfos, und dann noch Richtlinien zum Verhalten im Internet.

Allerdings ist der Social Media-Einsatz beim Print-Personal noch verhalten. „Da könnte die Beteiligung noch grösser sein. Wir forcieren das aber nicht zu sehr, das wäre kontraproduktiv“, sagt Bächtold. Zwar sind im Grundsatz alle eingeladen, auf freiwilliger Basis auf Social Media aktiv zu sein. Im Alltag sind es aber dann ein paar Interessierte, die auf Social Media präsent sind und gerne mitmachen.

Daneben auch noch Facebook

Zwar ist der Twitter-Ticker eine Erfolgsgeschichte. Trotzdem fragt sich Bächtold: „Bei Twitter frage ich mich manchmal schon auch, ob sich das lohnt. Denn bei Twitter sind im Raum Winterthur einfach nicht wahnsinnig viele Leute dabei. Wir haben zwar über 1800 Followers, oft sind es aber die üblichen Verdächtigen, die auf unsere Tweets reagieren. Aber wir sehen das als Investition in die Zukunft.“ Als der Landbote einmal zurückverfolgte, von wo die Leser auf die Internet-Seite gelangen, war Facebook fünfmal häufiger am Ursprung im Vergleich zu Twitter. Deshalb ist der Landbote auch auf Facebook aktiv. „Ich glaube, dass das Publikum einer Regionalzeitung eher auf Facebook ist als auf Twitter. Dort schalten wir aktuelle Beiträge auf, mindestens zwei pro Tag.“ Für diese Arbeit ist die Webredaktion zuständig.

In Einzelfällen nutzt der Landbote Facebook auch für Umfragen bei der Leserschaft. „Wir stehen dort in direktem Kontakt zu den Leserinnen und Leser. Das ist ein klarer Vorteil zum Print. So kommen via Facebook auch Inputs zu uns, die wir aufnehmen und daraus Geschichten machen können.“

Steckbrief

Jakob Bärchtold ist stellvertretender Chefredaktor beim Winterthurer Landboten.

  • Seit wann Journalist: 1995
  • Seit wann in jetziger Funktion: Stv. Chefredaktor seit zweieinhalb Jahren
  • Seit wann auf Facebook: 2009 / Twitter: 2010
  • Weiterbildung besucht zu Social Media: „Nein. Wir hatten zwar Kurse auf der Redaktion, aber ich selbst schaffte es nicht, hinzugehen. Teilweise waren die Kurse erfolgreich, teilweise ist der Effekt bald wieder verpufft.“

Gastblogger Guido Keel ist Geschäftsführer und Dozent am Insitut für angewandte Medienwissenschaften IAM an der ZHAW. Gemeinsam mit dem Team von Bernet_PR befragt er in der qualitativen Studie «Journalisten im Web» Redaktorinnen und Redaktoren zu ihrer Arbeitsweise im und mit dem Web.

Weitere Blogbeiträge aus unserer Studie «Journalisten im Web»:

alle Portraits der Serie «Journalisten im Web»

 

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