Gedenkzeit.ch: Wenn das Trauern digital wird

Was bewegt ein Medienunternehmen, ein Portal für online Todesanzeigen aufzubauen? Trauert man online anders? Aufmerksam geworden durch ein Print-Inserat in der az Aargauer Zeitung habe ich mir die Plattform Gedenkzeit.ch angesehen und als Anlass genommen die Projektleiterin Anja Piubellini über die Publikation von Todesanzeigen online und den Umgang mit Trauer zu befragen.

Anja Piubellini arbeitet im Prozessmanagement für die AZ Medien. Seit November 2013 liefen die Vorbereitungen und Ende März wurde die Plattform lanciert. Die Kernfunktion ist die Online-Abbildung von den Todesanzeigen, die auch in der Zeitung erscheinen. Die Anzeigen können aufgegeben und gesucht werden. Ein Ratgeber gibt Auskunft zu verschiedenen Themen rund um einen Trauerfall. Unter Adressen sind aus der Region Nordwestschweiz alle Kontakte aufgelistet, die für Trauernde relevant sein können. Eine Zusatzfunktion sind die Gedenkseiten – personalisierte Seiten die Hinterbliebene gestalten können.

Warum braucht es eine Plattform wie Gedenkzeit?
Wir wollen dem Umstand gerecht werden, dass die Leute heute mobiler sind. Unser Angebot soll von überall her für alle verfügbar sein. Im Todesfall stellen sich ganz viele Fragen. Wir wollten Hand bieten: nicht nur mit einem Kondolenzbuch, sondern indem wir einen Ratgeber anbieten und Adressen wo man sich hinwenden und Hilfe in Anspruch nehmen kann. Die Seite ist im Aufbau und die Bereiche werden laufend ergänzt. Im Ratgeber integrieren wir neue Artikel zum Thema.

Was ist das Ziel der Plattform?
Wir wollen für unsere Leser und die Hinterbliebenen die zentrale Anlaufstelle in der Nordwestschweiz sein: für Informationen, teilen der Trauer und Abschied nehmen. – hier bekomme ich die Informationen, kann auf Gedenkzeit gehen und Abschied nehmen. Hier in der Region sind wir verankert und möchten unseren Kunden diesen Mehrwert bieten. Wir beraten seit Jahren an unseren Standorten am Schalter im persönlichen Gespräch. Die Beratung vor Ort ist ganz wichtig. Oft sind wir der erste Kontakt für die Angehörigen. Wir helfen mit Gesprächen, Vorlagen und viel Feingefühl. Manche Fragen oder Inserataufgaben kommen auch per E-Mail. Gedenkzeit.ch ist ein weiterer Kanal, der ergänzend zur Verfügung steht. Dazu geben wir auch ein Kärtchen mit als Gedankenstütze damit sie das Angebot zu einem späteren Zeitpunkt nutzen können.

Wie wird die Plattform genutzt?
Es war schön zu sehen, dass es gleich zu Beginn ein breites Interesse gab. Wir hatten gute Zahlen mit einer Verweildauer von zwei bis drei Minuten und viele wiederkehrende Nutzer. Das bestätigt uns in unserer Motivation, diese Dienstleistung zusätzlich anzubieten. Wir sind uns bewusst, dass die Schweizer noch etwas zurückhaltender sind. In Deutschland sind Online-Trauerplattformen bereits etabliert. Hier ist das Angebot neu und muss sich kulturell erst entwickeln. Das zeigt sich auch bei der Funktion «Gedenkseiten». Jede Todesanzeige generiert eine Gedenkseite mit der Anzeige und den Kerninformationen. Diese Vorlage könnte man personalisieren. Das wird noch nicht genutzt – es braucht eine Gewöhnungsphase. Auch die Social-Media-Einbindung ist ein Angebot: Man kann den Link zur Online-Anzeige verschicken und sie auf Twitter und Facebook posten. Was oft genutzt wird ist «Kerzen anzünden». Statt rein mit Text zu kondolieren, kann man eine Kerze auswählen, anzünden und eine Nachricht dazu verfassen. Oft schreiben die Besucher direkt an die Verstorbenen.

Wer steht hinter Gedenkzeit.ch
Gedenkzeit ist eine Dienstleistung der AZ Medien. Stark involviert sind die Beraterinnen und Berater: Sie beraten in persönlichen Gesprächen, telefonisch oder per E-Mail. Für Gedenkzeit gab es spezielle Schulungen. Ein Team kümmert sich um Aufgaben zum Anzeigenkonfigurator. Involviert sind auch die neun Zeitungen der AZ Medien. Auch hier ist eine gute Schulung und laufende Information wichtig, genauso wie im Verkauf. Über alle Standorte hinweg ist das aufwändig – aber wir wollen, dass sich alle damit befassen und wissen um was es geht und entsprechend beraten können. Das Thema Tod und Trauer ist sensibel, darum ist es umso wichtiger dass es keine Unsicherheiten gibt. Intern wurde das Projekt sehr gut aufgenommen und von der Unternehmensleitung und dem Verleger unterstützt.

Was ist ihre wichtigste Erfahrung?
Ich habe viel Input bekommen. Das Feedback von den Kunden war sehr positiv und auch die Handhabung läuft reibungslos. Es ist eine gute Sache. Die Leute besuchen die Seite. Sie nutzen diese Möglichkeit, das freut mich. Wenn jemand seine Anzeige nicht online schalten wollte , deaktivieren wir die Online-Anzeige. Das kommt aber selten vor. Was mir fehlt und aus Firmensicht mehr Zeit braucht, sind noch mehr Inhalte und Adressen brauchen Zeit und werden kontinuierlich ausgebaut.

Engagierte Ergänzung 
Beim Besuch von Gedenkzeit.ch empfinde ich vorallem Anerkennung für den Service. Befremdende Momente sind, wenn in einem anderen Zusammenhang harmlose Benennungen wie «Neuste Anzeigen» oder «Letzte Kerzen» etwas unangenehm berühren. Doch ich muss eingestehen, dass ich dies auch beim Durchblättern von  Todesanzeigen in der Zeitung empfinde. Gemerkt habe ich mir einen Zwischensatz im Rahmen des Interviews: «In der Trauer gibt es eine spätere Phase des wirklichen Gedenkens, wo das sich Erinnern die eigentliche Trauer ablöst». Es scheint als werde das Internet auch zum Ort von Bewahren und Dokumentieren über den Tod einer Person hinaus. Dass man dazu eine Plattform anbietet, finde ich gut. Oder wie es Anja Piubellini zum Abschluss des Gespräches sagte: «Das ist ein Service der den Nerv der Zeit trifft».

 Weiterführende Links: 
- Die Plattform Gedenkzeit.ch
- Bernetblog-Beitrag « Nachlass der digitalen Identität»
- Bernetblog-Beitrag «R.I.P.: Wie verletzlich zeigen wir uns auf Facebook» 

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