Inhalte im Netz: Wo bleibt mein Geschäftsmodell?

Sein oder nicht Nichtsein – das ist die Frage, die auf jeder Paywall steht. Soll man sich mit seinen Inhalten dahinter verschanzen? Oder gibt es Geld zu verdienen auch ohne dass die Nutzer direkt dafür bezahlen?

Aktualisiert am 28.10.2011/0905

 

Am Dienstagabend wurde diese Frage wieder einmal gestellt und in unterschiedlichster Schattierung nur ansatzweise beantwortet. Trotzdem bot der simsa-Late-Afternoon-Talk Unterhaltung und Anregung; unter der Leitung von Peter Hogenkamp, Leiter Digitale Medien NZZ, diskutierten Andreas von Gunten, Verleger Buch und Netz, Hansi Voigt, Chefredaktor 20 Minuten Online, und Patrik Müller, Chefredaktor Der Sonntag.

Die Diskussion kreist um die Gretchenfrage Geschäftsmodell: Bekomme ich Geld für meine Leistungen, weil ich besser bin als meine Konkurrenz? Wenn mir jemand mein Modell wegschnappen will: Habe ich das Wissen und die Ressourcen, es durch noch bessere Leistung zu verteidigen? Oder versuche ich es vor allem über Reglementierung zu schützen? Über Gesetze, Preisabsprachen, Subventionen oder Eintrittshemmnisse für neue Mitspieler?

Hansi Voigt macht Millionen mit Werbung
Der Chef der grössten Schweizer Online-Zeitung 20min.ch führt heute rund 65 Mitarbeitende und schreibt nach eigenen Aussagen schwarze Zahlen. In zwei Jahren, so schätzt er, könnte er rund 120 Personen beschäftigen und immer noch in der Gewinnzone bleiben. Was Patrik Müller zu einer schnellen Rechnung verleitet: «Du machst also jetzt so viel Gewinn, wie 55 zusätzliche Mitarbeitende zu sagen wir grob 120’000 CHF Jahreslohn verdienen würden – also rund 6 bis 7 Millionen?» Natürlich bleibt diese Zahlenakrobatik unbestätigt.

Gratis-Zeitungen sind eine Variante des klassischen Verlagsgeschäfts, das es schon immer gegeben hat. Hier bezahlen die Werber für den Inhalt – was sie aber nur in der notwendigen Masse tun, wenn genügend Leser die Inhalte aufsuchen. 20 Minuten hat sich die Schweizer Pole-Position ergattert. Trotz des grossen Online-Erfolgs sieht Voigt auch in Zukunft die Kombination mit einer Print-Ausgabe als wichtiges Element.

Andreas von Gunten bringt Angst und Hoffnung
Der Musiker, Cloud-Spezialist, Webpionier, Informationsjunkie und Jungverleger ist gerade damit beschäftigt, ein neues Geschäftsmodell aufzubauen: Buch und Netz will die Vorteile des Web ins Verlagswesen bringen. Seine Einladung an Gäste und Konkurrenten: «Wer mal ein bisschen Angst bekommen will um sein Buchgeschäft, der soll einen Blick auf library.nu werfen.» Diese Seite bietet Gratis-PDFs zahlreicher Neuerscheinungen. Wie bei illegalen Angeboten üblich erfordert der Download technische Gewandtheit.

Bequemlichkeit ist einer der Hoffnungsschimmer, die Andreas von Gunten für Bezahlmodelle sieht: «Ich bin als Nutzer bereit, für Inhalte zu bezahlen, wenn sie mir einfacher und bequemer angeboten werden als anderswo, wenn sie nach meinen Wünschen zusammengestellt sind, wenn ich sie mit Freunden teilen, also weiterleiten kann. Je grösser der Informationsüberfluss wird, desto eher entstehen Chancen für bezahlte Zusatzleistungen.» Bleibt anzufügen, dass Werbefreiheit auch ein Grund fürs Bezahlen sein kann. Und dass das Geschäftsmodell von Buch und Netz Werbung in Büchern verkauft, aber auch deren Ausschluss anbietet.

Patrik Müller sieht Zahlungswille für Regionales und Mobilität
Der Sonntag fährt eine Online-Strategie, die Gratis-Lockstoff bietet und alle übrigen Inhalte nur gegen Bezahlung freigibt. Das Calmy-Rey-Gespräch vom letzten Wochenende hat der Chefredaktor am Samstag gleich selbst gratis ins Netz gestellt, als klar war, dass die SonntagsZeitung ebenfalls ein Interview publizieren würde.

Patrik Müller glaubt, dass man für sehr regionale Informationen auch in Zukunft Geld verlangen könne. Hier sei eine Alleinstellung möglich; für nationale und internationale Themen werde es immer zu viel Gratis-Konkurrenz geben. Andreas von Gunten zweifelt daran, dass solche Informationsmonopole im Web lange bestehen bleiben. Denn die Kosten für Neueinsteiger sind zu tief (Ton ganz laut schalten):

Ausprobieren bringt die Antwort
Wir leben in einer wilden Zeit. Wo Internet-Startups sich gegenseitig Geschäftsmodelle abluchsen oder sie verlieren, weil sie von den ganz Grossen kopiert werden. Wo Verlage gegeneinander und gegen neue Web-Konkurrenten kämpfen. Im Monopoly um Leseranteile werden die Regeln dauernd umgeschrieben.

Mein Fazit: Trial and error bleibt wohl die einzig mögliche Strategie. Die besten Antworten auf die Frage Bezahlen oder Nichtbezahlen liefert der Markt. Die Ermunterung liefert Samuel Beckett: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.»

Aktualisierung vom 28.10.2011: Ken Doctor schreibt wöchentlich für das Nieman Journalism Lab über die «Economics of News». Sein Beitrag von gestern liefert eine interessante Analyse amerikanischer Zeitungsversuche, mit Paywalls Einnahmen zu generieren und gleicheitig die Print-Auflage zu schützen. Für ihn summieren sich die Versuche von NYTimes oder regionalen Konkurrenten im Ziel «ein wirklich integriertes, Vollzugang-Geschäftsmodell zu entwickeln, samt mobilem Zugriff. Und zwar auf reelle mobile Applikatonen, nicht einfach E-Paper-Ausgaben. Mit integriertem Log-In für Print und Online. Einem Probe-Abo (fünf Seiten pro Monat), damit potenzielle Käufer reinschauen können. Einem Sonderpreis-Angebot für den Sonntag, das überzeugt. So entsteht ein Gesamtpaket, das Konsumenten mit einem interessanten Angebot lockt und es ihnen erschwert, einen (kostenlosen) Weg darum herum zu finden.»

The newsonomics of NYT’s Sunday gain and paid content 2.0

Hintergründe zu Bezahl-Marktversuche bringt auch paidcontent.org
Weiterführende Artikel:
Medien zwischen Klicks und Qualität
US-Medienanalyse 2010: Online-Herausforderung wächst
Zitat von Samuel Beckett

Foto Felix Honegger, simsa

Ein Kommentar zu Inhalte im Netz: Wo bleibt mein Geschäftsmodell?

  1. Marcel Bernet schrieb:

    Welche Versuche laufen mit welchem Erfolg in den USA? Eine Analyse des neuen New-York-Times-Sunday-Bundle Print/Online (welches in der Kombi billiger ist, als das Print-Abo alleine!) und weiterer Versuche bringt Ken Doctor im Nieman Journalism Lab, siehe heutige Ergänzung des Beitrags, am Schluss.

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