Die Zukunft: Mehr Dialog im Journalismus

maz-podium-wolfgang-blau_800x669Jedes Jahr liefert das maz Inputs zur aktuellen Lage des Journalismus. Hier die trockenen Thesen eines britischen Professors und die praktische Einsicht eines deutschen Online-Chefredaktors: Jonathan Hewitt konfrontiert die Medien mit Trauerarbeit, Wolfgang Blau will mehr Dialog und Leser-Kommunikation.

Frisch und frech beginnt Michael Elsener, Radio-Journalist, Student und Kabarettist: Wie seine Kollegen bei 20 Minuten Journalismus machten? Ganz einfach – sie surfen den ganzen Tag auf Newsnetz, kopieren ein paar Artikel, ergänzen sie mit Schreibfehlern und fertig ist das Morgenblatt. Doch mit Jonathan Hewitt, Director of Newspaper Journalism an der Graduate School of Journalism, City University London wird’s noch eine Spur härter am Medienpodium vom 7. September an der Schweizer Journalistenschule maz.

Mobiler Dialog in Südafrika
Der britische Journalismus-Professor mit eigenem Blog steigt mit Elisabeth Kübler-Ross ein: Die fünf Schritte beim Umgang mit der Nachricht über den bevorstehenden Tod sind 1. Ablehnung, 2. Wut, 3. Feilschen, 4. Depression, 5. Akzeptanz. So langsam seien die Verleger endlich auf Stufe fünf, mit einer etwas positiveren Einstellung gegenüber dem Untergang vieler hergebrachter Gesetzmässigkeiten. Auch ich akzeptiere mit der Zeit den stockenden Vortrag mit eher zufällig vorwärts oder rückwärts eingespielten Folen.

Ein interessantes Beispiel für neue Formen der Inhaltserarbeitung und -darbietung bietet die New Grocott’s Mail im südafrikanischen Grahamstown. Diese klassische Printzeitung bietet mit «Grahamstown Now» eine Mobiltelefon-Seite, die bevorstehende Anlässe, Radiosendungen, Kinoprogramme und aktuelle News oder Angebote kombiniert. Spannend ist auch die Redaktionsstube für Bürger/innen. Dieser Newsroom wurde 2009 eröffnet, bietet Hardware und Schulungen und wurde wie die mobile Applikation durch die amerikanische Knight Foundation mitfinanziert.

 

Zeit Online: Verlage sind nostalgisch und langsam
Wolfgang Blau wird in diesen Tagen Vater – und verzichtet deshalb auf das Risiko einer Reise nach Luzern. Die Einspielung von Bild und Ton via Skype funktioniert hervorragend, der Chefredaktor von Zeit Online kommt ohne Folien aus und liefert klare, konzise, inspierende Aussagen.

Seine Kernthese: Wir stehen mitten in einer Revolution. Und Revolutionen bringen rapide Umverteilungen von Macht, Wohlstand, Abläufen und Wertmassstäben. Niemand weiss, was dabei rauskommt. Und dass alles neu wird, heisst keineswegs, dass es besser wird. Es wird einfach anders.

Wie immer in großen Umbrüchen wehrt man sich dagegen: «Die Verlagsbranche pflegt zuviel Realitätsverweigerung, Nostalgie und sie ist zu wenig schnell im Wandel.» Womit wir wieder bei Phase 1 der oben skizzierten Trauerarbeit wären. «Wir haben keinen Schimmer» sei in Umbrüchen der beste Ansatz. Und eine gute Ausgangsbasis, um zum Beispiel eine iPhone App zu entwickeln, wie es Zeit Online gerade getan hat. Nur dann denke man so, wie Nutzer denken könnten.

Der neue Dialog beginnt erst
Klassische journalistische Fähigkeiten behalten auch in Zukunft ihre Bedeutung. Dazu kommen drei neue Anforderungen, mit abnehmender Priorität:

Erstens: Interaktion. Zeitungen müssten endlich den Schritt hin zu einem offenen Gespräch mit ihren Online-Leser/innen tun. Die Zeit Online schaffe das durch eine eigene Community Redaktion und durch die stete Aufforderung an Autor/innen, bei relevanten Dialogen selbst mitzumachen. Wenn Redakteure ein paar Mal erlebt haben, dass der Dialog interessante Anstösse bringt und geschätzt wird, dann würden sie sich von selbst engagieren. Laub sieht darin viel mehr als Leserbindung oder PR: Dieser Dialog gehört zum neuen Geschäftsmodell des Journalismus. Denn das Wissen und die Echos der Leser sichern die Funktionalität der vielen Applikationen und Webplattformen, führen zu Artikel-Nachträgen und neuen Geschichten. Mehr Details dazu samt Vorbildern aus anderen Branchen im Kurzvideo ab Skype-Beamer:

Zweitens Transparenz: Medienschaffende müssen transparenter informieren über eigene Interessen, Parteizugehörigkeit, nebenberufliche Tätigkeiten. Das bringe das Web mit sich und es gehe nicht, einfach darauf zu warten, bis das eingefordert werde. Den ersten Schritt in diese Richtung macht die Zeit Online mit Profilen (Beispiel Wolfgang Blau, samt vorbildlich eingespielten Kommentaren), die von den Mitarbeitenden freiwillig ausgefüllt werden.

Drittens: Programmieren. Blau wünscht sich mehr Redakteur/innen, die eine Ahnung von Web-Programmierung haben. «Das Internet ist viel mehr als ein Vertriebskanal – es mausert sich zum Betriebssystem unserer Gesellschaft und unserer Demokratie. Deshalb müssen sich Medienschaffende viel besser auskennen mit den technischen Belangen dieses Systems.» Nicht alle müssen alles können – aber vor allem jüngere Mitarbeitende hätten Erfahrung mit HTML, Java-Scripting, Video-Optimierung oder anderen Elementen.

Trotz Umbruch sieht Blau keinen Grund für Untergangsstimmung – wir kehren also nochmals zurück auf die Stufe Akzeptanz: «Wir sollten unsere Branche dazu treiben, mit mehr Mut als Nostalgie in die Zukunft zu schreiten.»

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3 Antworten auf Die Zukunft: Mehr Dialog im Journalismus

  1. Ein schöner Beitrag. Wertvoll, weil Perspektivenwechsel eine neue Sichtweise ermöglichen. Eigentlich hätte ich ihn gerne ganz “neufaul” mit “gefällt mir” geratet – was für ein deutsch. Aber der Button spricht in meinem Browser (Firefox 3.6.9) nicht an. Nun kommt mein Kompliment halt mit Worten. Ist der Kommentar in Zukunft das, was für uns heute ein Brief ist? Nur so ein Nebengedanke :-)

  2. hoi marie-christine. ja, diese facebook-plugins: mal gehen sie, mal nicht. hängt oft auch von der response-zeit des fb-servers ab. schöne idee: fb sollte den button in deutsch “neufaul” benennen :-)

    wegen kommentar und brief: früher schrieb man leserbriefe, veröffentlicht wurden die wenigsten. heuite posted man, sofort-anerkennung garantiert…

  3. Pingback: Die Zukunft des Journalismus zwischen Schwarz und Grau | bernetblog.ch

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