Ich poste – also bin ich: Schöne neue Medienwelt
Rekordbeteiligung am Gipfeltreffen von Medien- und PR-Schaffenden. Die Paneldiskussion brachte wenig Erhellendes. Interessant war das Plädoyer für bezahlschrankenfreie Qualität des Spiegels.
Setting und Titel erinnerten an die Dreikönigstagung der Schweizer Verleger (Bericht vom 6. Januar). Und das Thema «Schöne neue Medienwelt – ratlose Branche» zieht – mit rund 400 Teilnehmenden war das Auditorium Maximum rekordvoll. Mathias Müller von Blumencron war acht Jahre lang Chef von Spiegel Online und ist seit 2008 Co-Chefredaktor der gedruckten Ausgabe. Hier die wichtigsten Passagen aus seinem Eingangsreferat. Alle Teilnehmenden des anschliessenden Podiums sind auf der ZPRG-Seite gelistet.
PR-Branche in der Steinzeit
Den wohl relevantesten Bezug zur stark vertretenen PR-Branche brachte Moderator Reto Lipp in der Anmoderation: «Wenn ich heute noch gewisse Communiqués lese – dann frage ich mich schon, ob die PR-Branche ein bisschen in der Steinzeit verweilt.» Ratlos sind zuweilen nicht nur die Verlage. Aber näher diskutiert wurde dieses heisse Thema dann doch nicht. A propos Steinzeit: Mathias Müller von Blumencron erinnerte an eine zentrale Forderung des damaligen Online-Projektleiters beim Spiegel, formuliert Mitte der Neunziger Jahre: «Ich bestehe auf wöchentlichen Updates». Das waren noch Zeiten.
Es läuft nicht so, wie die Verlage wollen
Der Spiegel-Chef ist überzeugt, dass wir trotz der grossen Umwälzungen der letzten drei Jahre erst am Anfang stehen. «Jetzt haben wir uns 15 Jahre Online abgerackert, haben hohe Reichweiten, machen 20 Millionen Gewinn mit Spiegel Online und einen mickrigen Gewinn. Doch mit der Printausgabe erreichen wir zehn mal soviel Umsatz und ein Vielfaches an Erfolg. Ist die digitale Welt nichts für uns Verlage?»
Qualitätsjournalismums habe eine Chance. Aber die Verlage müssten endlich aufgeben mit allen Versuchen, die Online-Welt ihren Bedürfnissen anzupassen: «Wir leben in einer Welt des ‘Ich poste, also bin ich.’ Die Welle schwillt an und ab. Mal ist sie furchtbar genial, mal total banal. Mal sind es intime Details, mal politische Ereignisse. Dieses gewaltige Gemurmel droht, uns Verleger ein Stückchen mehr an den Rand zu drücken. Bestehen können wir nur dann, wenn wir Bestandteil dieser digitalen Welt bleiben.»
Relevant sein heisst: findbar sein
Bei aller Diskussion um Google plädiert der deutsche Chefredaktor mit Schweizer Wurzeln resolut gegen Bezahlambitionen der Verlage. Der Spiegel löst das Problem durch ein Spiel zwischen täglich aktueller Online-Plattform und wöchentlichem Druckmagazin. Die Titelgeschichten sind Online nur gegen Micropayments verfügbar, nach drei Wochen kommen sie dann kostenlos ins Archiv. «Um relevant zu sein, müssen wir findbar sein.»
Für die nahe Zukunft sieht er drei Faktoren: Erstens werde das gedruckte Produkt Kern des Schaffens bleiben, nicht zu verschenken sondern eher noch teurer anzubieten. Zweitens würden immer mehr Leser mobil auf Inhalte zugreifen – und im mobilen Bereich seien Verrechnungsmöglichkeiten eher da, wenn auch zu minimalen Preisen. Drittens schliesslich erlebten wir eine «Explosion der Gerätschaften» mit neuen Möglichkeiten für die «kraftvolle und emotionale Platzierung von Inhalten, vor allem für Zeitschriften». Hier müssten die Verlage Ideen und Geld investieren in die neue Aufbereitung von Inhalten.
Guter Journalismus – mit weniger Rendite
Müller von Blumencron ist klar, dass er damit kein Patentrezept in der Hand hält für seine Branche, die weiterhin von grosser Unsicherheit geprägt sein wird. Nachdem sie «über Jahrzehnte so verdammt verwöhnt war. Die Traumrendite früherer Jahre ist dahin – guter Journalismus aber nicht.»











3. Februar 2010, 08:55
Hi,
1. Diese Veranstaltungen bringen ja selten etwas “Erhellendes”. Zum Networking sind sie jedoch ideal
2. Im September habe ich dem Social Media Forum in Hamburg als (offizieller) Blogger beigewohnt. Dort habe ich zahlreiche (neue) Konzepte von einigen grossen deutschen Zeitungen kennengelernt. Dort war sich jeder der Bedeutung von Social Media bewusst. So viel steht fest.
Der wohl interessanteste Vortrag kam von der Zeitung Le Figaro aus Frankreich. “Le Figaro und die Kunst Leser an eine Community zu binden” http://bit.ly/941u32
Vllt interessant, um auch mal Konzepte ausserhalb des deutschen Sprachraums kennen zu lernen.
Gruesse nach Europa,
Markus Sekulla
3. Februar 2010, 16:47
Danke für die gute Zusammenfassung. Auch wenn die Diskussion nicht allzuviel Neues gebracht haben mag, fand ich es doch erfrischend zu hören, wie Müller von Blumencron den Zusammenhang zwischen Gefunden werden, Relevanz, Google und Paid Content dargelegt hat.
4. Februar 2010, 10:06
@markus: danke für den interessanten link zum figaro, der ja schon früh mit solchen interaktionen angefangen hat. vorbildlich ist die integration von papier und online beim abdrucken von “guten” kommentaren. so was ist natürlich aufwändig – aber das ist es für alle dialogführenden organisationen.
@karsten: überrascht hat mich die ziemlich gegenteilige position von ringier-ceo marc walder. auf die diskussion bin ich weniger eingegagen – hier hat ronnie grob eine übersicht der interessantesten zitate gesammelt: http://www.presseverein.ch/blog/artikel/article/gesagt-ist-g.html
4. Februar 2010, 13:50
Wer nicht nur Zitate lesen mag – süffige Gesamtsicht ebenfalls von Ronnie http://presseverein.ch/blog/artikel/article/im-angeblich.html