Marcel Bernet | 30.07.2009

Jetzt doch: Microsoft und Yahoo gegen Google

microsoftyahooJetzt finden sich Microsoft und Yahoo doch noch. Wie gestern angekündigt in einer zehnjährigen Kooperation. Ob sie den 70 % Marktanteil von Google knacken?

Wer erinnert sich an das Hin und Her vom letzten Jahr? Mit Übernahmeangeboten, Spekulationen und schliesslich dem Rückzug von Microsoft? Steve Ballmer war dann Yahoo doch zu teuer – hier die Timeline aus Moneyspecial. Jetzt haben die beiden doch geheiratet, oder besser: Eine befristete Partnerschaft für zehn Jahre vereinbart. Die von den amerikanischen Regulatoren noch abgenommen werden muss und 2010 voll operativ funktionieren soll. Die wichtigsten Punkte:

  • Bing wird die neue Suchplattform, auch für Yahoo-Suchen. Yahoo bietet ja gerade in den USA nicht nur Suchen, sondern auch ausgebaute Portalseiten. Dabei soll das Branding auf Yahoo-Portalen «yahooig» bleiben, also nicht wie Microsoft oder Bing aussehen.
  • Microsoft erhält eine Zehnjahres-Exklusivlizenz an Yahoos Suchtechnologie und darf diese in ihre bestehenden Suchplattformen integrieren. Obwohl Bing die bevorzugte Suchtechnologie der Partnerschaft ist.
  • Yahoo verkauft die Werbung für die grossen Premium-Werbekunden beider Unternehmen. Die einheitliche Werbe-Aqkuise wird als grosser Vorteil der Partnerschaft angepriesen. Das Hauptaugenmerk der Kommunikation richtet sich an die Werbekunden, sie entscheiden über den finanziellen Erfolg.
  • Beide Unternehmen behalten separate Verkaufsteams für die generellen Kleinanzeigen auf ihren separaten Suchplattformen.
  • Microsoft entschädigt Yahoo durch Abgaben auf dem via Yahoo erhaltenen Werbe-Einnahmen.

Vorbildliche Microsite
Details des Deals zeigt die Medienmitteilung der neuen Partner. Die ist übrigens gleich auf einer vorbildlich gemachten Microsite eingespielt. Auch wenn die Internet-Adresse choicevalueinnovation.com gar posaunig ausfällt: Yahoo und Microsoft machen vor, wie man derartige Deals wirksam ankündigt und verbreitet. Man kann E-Mail-News abonnieren, den Inhalt per Klick weiterverbreiten, Videos von Steve Ballmer und Carol Bartz anschauen, eine Übersicht der Fakten erhalten.

Mehr als zwei Krümelmonster
Wie das Wall Street Journal berichtet, beansprucht Google heute 70 Prozent der US-Suchmaschinen-Werbeeinnahmen für sich. Forrester Research zeigt in einer Grafik etwa 15 Millionen USD Umsatz für 2009 und sieht eine Verdoppelung in den nächsten fünf Jahren. Die angesprochenen grossen Werbekunden zeigen sich angetan vom Zusammenschluss der Google-Konkurrenten. Die grosse Zurückhaltung der Konsumenten, mehrere Suchmaschinen zu benutzen, wird immer die Nummer 1 bevorteilen. Aber Yahoo und Microsoft haben zusammen das Potenzial, im Kampf um diesen Kuchen mehr als die Krümelmonster zu sein. Wenn sie sehr gute Suchresultate liefern und sich zentrale Plätze für Such-Eingaben ergattern. Dieser Kampf läuft über Browser, Betriebssysteme, Geräte und mobile Applikationen.

Sabine Betschart | 29.07.2009

Erzählen bedeutet «Verstehen herstellen»

Buecherstapel ErzählungenEtwas erzählen heisst etwas verständlich machen und eigene Erfahrungen ausdrücken. Was macht eine Erzählung spannend und unterhaltsam? Wo setzen Sie Schwerpunkte beim Erzählen?

Mithilfe von Sprache machen wir Erfahrungen sichtbar und erzählen bedeutet «Verstehen herstellen». Je reicher der Wortschatz, desto stärker formt die Sprache unser Denken und Fühlen – literarische Texte beschreiben das reichhaltige Gefühlsleben. Peter Bieri, Philosoph und Autor von «Nachtzug nach Lissabon» (unter Pseudonym Pascal Mercier). Hier seine Kriterien (nach Wichtigkeit), damit eine Erzählung gelingt:

  • Genauigkeit und Echtheit: Bis in alle Details recherchieren, damit die Erzählung «echt» ist. Der Lesende empfindet dann eine Wucht, die ihn in die Erzählung hineinzieht.
  • Spannung: Neues oder etwas Bekanntes neu wiedergeben. Hauptziel: Lesende sollen sich in den beschriebenen Erfahrungen wiedererkennen.
  • Handlung: Meist wird diese Komponente der Geschichte überschätzt. Sie ist lediglich Instrument, Erfahrung zur Sprache zu bringen.

Gute Erzählungen seien oft intelligenter als ihr Autor, meint Bieri. Weil Bezüge von Lesenden neu erfunden werden können, und die unbewusste Fantasie des Lesenden den Text komplementiert. Fazit: «Literatur ist Bildungserlebnis und verändert den Lesenden». Auszug aus Peter Bieris Focus-Gespräch mit Schweizer Radio DRS.

Ich meine: Es ist ein Glücksfall, wenn sich die Lesenden öffnen. Und dann horchen, welches Echo der Text bewirkt.

Hier fünf Erzählungen (vielleicht als Sommerlektüre) – zwei empfohlen von Peter Bieri (*) und die anderen von mir (Amazon verlinkt):

Dominik Allemann | 28.07.2009

Pandemia.ch: Die Info-Site ist online

bag-grippe-logoDie Schweiz rüstet sich für die anrückende «pandemische» Grippe H1N1. Und damit auch das schweizerische Bundesamt für Gesundheit. Die Infowebsite  Pandemia.ch ist online.

Darauf in drei Landessprachen und auf illustrative Art präsentiert die wichtigsten Infos für die ganze Bevölkerung (Aspekt «vorbeugen») und für diejenigen mit Grippesymptomen (Aspekt «heilen»).

Im TV-Spot zur Kampagne (YouTube) erklärt Beat Schlatter (bzw. im Tessin Ferruccio Cainore und in der Romandie Marie-Thérèse Porchet) die wichtigsten Do’s and Don’ts.

Der Webauftritt gefällt in seiner Klarheit gut. Was ich noch vermisse ist ein Element, wo «News» oder Entwicklungen besser abgebildet werden können. Aber vielleicht folgt das noch. Und fraglich find ich auch den klingenden Namen «Pandemia» für das Infoangebot. Hier dürfte man meiner Meinung nach sachlicher bleiben – aber vielleicht bleibt er einfach besser in Erinnerung…

Mehr zum Thema im bernetblog:
US-Kampagne gegen H1N1, 13.7.2009
Schweinegrippe und Medien, 7.5.2009
Von der Schweinegrippe profitieren?, 4.5.2009

Lilly Anderegg | 27.07.2009

Ich werde geklickt, also bin ich

AnnouncementDie Blogosphäre gilt als Albtraum der Kontrolleure und Kulturkritiker. Viel wird geschrieben, viel davon ist belanglos. Was bleibt?

Journalist und Blogger David Bauer ruft in der SonntagsZeitung das Ende der Blogs als Jedermann-Medium aus.  Wer jetzt noch schreibe, habe Ausdauer oder Erfolg – die breite Masse steigt auf Facebook oder Twitter um:

«Dank des Blogs konnte erstmals jeder kinderleicht Dinge im Netz publizieren – aber können konnte eben doch nicht jeder. Wenn Bloggen so einfach ist, warum gehen dann mehr Blogs ein als Restaurants, fragte die New York Times kürzlich lakonisch. Viele mussten inzwischen feststellen: Es fehlt an Ideen, an Zeit, sich welche auszudenken, oder an der Disziplin, sie regelmässig aufzuschreiben. Blogs waren für die breite Masse das richtige Medium, solange es kein besseres gab. Eines, das bietet, was vielen reicht: Mal schnell dies und das der Welt erzählen. Die Statusmeldungen sind das neue Zuhause für all jene, die unbedingt mit der Welt kommunizieren müssen, aber eigentlich nicht viel zu erzählen haben.»

Egal ob Blog, Twitter oder Facebook: Aus meiner Sicht sind sie alle ein Tummelplatz für mitteilungslustige Leute. Entsprechend gross ist die Zahl belangloser Beiträge. Die wenigen Beiträge, die mich tatsächlich vom Hocker reissen, beziehen sich interessanterweise auf Zeitungsartikel. Und der Rest? Im besten Fall Blabla. Nützt es nichts, schadet es nichts.

Bloggen als kultureller Selbstverständigungsprozesses
Letzte Woche bin ich in diesem Zusammenhang über den Artikel «Alles sagen, allen Leuten» in der Welt am Sonntag gestolpert. Darin stellt Alan Posener das Buch «Say Everything: How Blogging Began, What It’s Becoming, and Why It Matters» von Scott Rosenberg vor, Blogger und Mitbegründer des Internetmagazins salon.com. Zum ersten Mal leben wir in einer Welt, in der jeder alles sagen kann, schreibt Rosenberg. Was bedeutet das? Für Rosenberg besteht der Grundfehler bei der Betrachtung Neuer Medien in der Annahme, sie würden den Menschen etwas antun. Ein weiterer Fehler, so Rosenberg, liegt in der Vorstellung ein Blog sei ein Einwegmedium, wie die Zeitung, das Radio, das Fernsehen. Bloggen müsse man sich eher wie Telefonieren vorstellen. Wer keine Online-Kommentare zulasse, verschliesse sich der Diskussion. Das sei wie ein Telefonat, bei dem der Partner nur angeschrien wird: Irgendwann wird er auflegen.

Zu den interessantesten Bemerkungen Rosenbergs gehört der Hinweis auf die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben. Jeder Journalist kenne das Phänomen, dass er erst beim Schreiben erkennt, was er sagen will – das weiss auch Posener: «Millionen Blogger bedeuten deshalb Millionen Menschen, die sich immerhin die Zeit nehmen, darüber klar zu werden, was sie eigentlich denken. Der Gewinn für den mentalen Aggregatszustand des Planeten dürfte immens sein.» Ich hoffe, ich konnte heute meinen Beitrag dazu leisten …

Dominik Allemann | 27.07.2009

Blogger im Profil: Stefan Meierhans – Preisüberwacher

smeierhansDer Schweizer Preisüberwacher ist eine Stelle des Bundes. Er «überprüft Preise, welche von Kartellen und von marktmächtigen Unternehmen des privaten und des öffentlichen Rechts festgelegt werden.» Und er bloggt.

Stefan Meierhans bekleidet das viel beachtete Amt in der Schweiz (Details bei Wikipedia) seit Oktober 08. Im Rahmen unserer Serie «Blogger im Profil» haben wir nach den Erfahrungen mit dem Preisüberwacherblog gefragt – Meierhans führt ihn bereits seit Januar 09.

Warum bloggt der Preisübewacher?
Das Blog stellt für mich eine einzigartige Kommunikationsplattform dar. Kein anderes Medium erlaubt es derzeit, so einfach und rasch in den Preisdialog mit dem Preisüberwacher zu treten. Im Gegensatz zum Newsletter der Preisüberwachung (ca. 6 – 8 mal jährlich) kann ich beim Bloggen tagesaktuell agieren und zu Kommentaren direkt Stellung nehmen. Ich bin überzeugt, dass diese Form der Interaktion in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird.

Allerdings sind auch institutionelle Grenzen gesetzt: Zum einen gelten eigentliche „Preisbeschwerden“ nur, wenn sie mit Name, Adresse etc. schriftlich eingereicht werden – ein Blog-Posting reicht nicht. So schreibt es das Gesetz vor. Deshalb leiten wir viele Blog-Besucher auf unser Webformular – und haben damit weniger Kommentare auf dem Blog.

Dennoch zeigt die jüngste Erfahrung – wir hatten im ersten Halbjahr 2009 doppelt so viele Preisbeschwerden wie im selben Zeitraum 2008 – dass die Interaktivität gefragt ist.

Welches ist deine wichtigste Blogerfahrung?
Trotz der blogspezifischen Sprache ist und bleibt das Blog des Preisüberwachers ein Teil einer behördlichen Institution. Daraus ergeben sich gewisse Zielkonflikte. Es ist eine grosse Herausforderung, den hohen Erwartungen an den Preisüberwacher einerseits und an ein unkompliziertes und schnell agierendes Blog andererseits gerecht zu werden. Hier gilt es, den richtigen Mix zu finden und sowohl Blogger als auch Unternehmen, Verbände und Medienschaffende mit einem attraktiven Blog anzusprechen.

Welches ist dein grösster Blogwunsch?
Ich wäre der glücklichste Blogger, wenn ich dank Kommentaren, Hinweisen und Feedbacks aus der Bevölkerung für faire Preise in unserem Land sorgen könnte.

Unser Fazit:
Neben Bundesrat Leuenberger ist Meierhans wohl der einzige Angestellte des Bundes mit einem regelmässig gepflegten Blog. Wie ersterer bloggt auch der Preisüberwacher (nur) im Wochenrhythmus. Diesen halten aber beide erstaunlich diszipliniert. Meierhans weiss wie man bloggt. Das zeigen Inhalt und Form seines Blogs: Kurze, persönlich geprägte Beiträge mit anschaulichen Texten und Bildern.  Zu wünschen wäre dem Preisüberwacherblog noch mehr Kommentare. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass das auch eine Frage der Zeit ist.

Dominik Allemann | 24.07.2009

Kontrollierter Webkonsum dank Diätpyramide

wired-new-rulesWie viel Zeit verbringe ich  pro Tag im Netz? Wie verteilt sie sich auf verschiedene Anwendungen? Und: Wo liegt Potenzial für Zeitersparnis?

Eine Diätpyramide der etwas anderen Art zeigte WIRED jüngst im Rahmen einer umfangreichen Sammlung an «New Rules for Highly Evolved Humans».

internet_diat_pyramide

(Klick aufs Bild vergrössert es noch leicht)

Bei mir persönlich sieht die Pyramide ziemlich anders aus. «Gaming» und «Entertainment» haben (leider oder zum Glück?) massiv weniger Anteile. Im Sockel meiner Pyramide stehen wohl die Blogs und News (inkl. Blogs selber schreiben) und dann noch ein wenig Networking. E-Mail allerdings eingeschlossen.

Die oben genannte «Rules-Collection» ist übrigens unbeding lesenswert. Da gibt es noch andere Tipps: Beispielsweise zur Wahl des richtigen Klingeltons oder über das Spannungsfeld zwischen Business-Hierarchien und «Freundschafts-Anfragen». Wie gliedert sich die Pyramide bei Euch?

Mehr zum Thema im bernetblog:
«Zählen Sie schon die Tweets bis zum Wochenende?»

Marcel Bernet | 23.07.2009

Kunden und Medien gleichzeitig: Obama machts vor

white-house-logoGestern abend hat Barack Obama eine Medienkonferenz zur Gesundheitsreform gehalten. Und seine Wähler mit einer Mail dazu eingeladen.

Ein einfaches Beispiel davon, wie man heute Gesamtkommunikation strategisch koordiniert: Der amerikanische Präsident betreibt seit seinem Amtseintritt eine neue Regierungsseite unter whitehouse.gov. Dort habe auch ich mich für E-Mail-Mitteilungen abonniert.

Die Mails werden sehr gezielt und sparsam eingesetzt, höchstens jeden Monat erhalte ich eine Mitteilung. Gestern abend kam  diese hier an:

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Was mir am ganzen Vorgehen gefällt, als Stichworte für Best Practice auch für Unternehmen:

  1. Pflege einen sehr aktuellen Web-Auftritt
  2. Baue dort Abo-Möglichkeiten ein und zeige sie prominent
  3. Ergänze ihn mit sofort aufgeschalteten Live-Inhalten, webgerecht portioniert
  4. Pflege deine Abonnenten mit aktuellen Mails, nicht zu pushy, nicht langweilig
  5. Gestalte die Mails sehr einfach: Worum geht es? Was ist die Kernbotschaft? (sehr gut gemacht hier mit den beiden fett ausgezeichneten «If you…»: genau dort tut’s weh, genau dort fragen sich die Empfänger – wie geht das jetzt weiter?)
  6. Gestalte eine Informationskaskade mit klar portionierten Inhalten und Abläufen: Eine frühe Ankündigung und Einladung an Wähler, Kunden, Mitarbeitende, der Medienanlass mit den Medien, zeitgleich auf der Website und weiteren Online-Kanälen
Lilly Anderegg | 23.07.2009

Zählen Sie schon die Tweets bis zum Wochenende?

Immer erreichbar: Manager in den FerienKönnen Sie erst einschlafen, wenn Sie darüber getwittert haben? Wie wir verlernen, mit uns selbst alleine zu sein.

Wenn das Handy mal keine Verbindung hat, blicken wir garantiert alle zwei Minuten auf das Display, ob sich das jetzt geändert hat. Wenn die Internetverbindung nicht funktioniert, werden wir nervös und fühlen uns ausgeschlossen. Verzweifelt suchen wir nach einer Möglichkeit, doch noch «reinzukommen». Vielleicht sollten wir zwischendurch einfach wieder mal üben, alleine zu sein.

Handy und Mail als Nuckelflasche
Nachdenklich gemacht hat mich der Artikel «Jenseits der Stille» auf sueddeutsche.de. Alex Rühle beschreibt darin Handy und Mail als «Nuckelflasche, aus der man sich seinen süssen Brei holt, das Gefühl, gebraucht, geliebt, angesprochen zu werden. Sobald der Blackberry in der Hosentasche vibriert, gibt es null Aufschub, muss man sofort nachschauen, wer da was Leckeres geschrieben hat.» Nicht umsonst trägt der Blackberry den Spitznamen Crackberry. Egal ob iPhone oder Blackberry: Allein die Aussicht, es könnte keiner anrufen, treibt dazu, selbst loszusimsen. Das Gefühl kenne ich selbst, ich geb’s zu.

«Wir haben uns verwandelt von einer Gesellschaft, die den einsamen Typen auf dem Rücken eines Pferdes feierte, zu einer Gesellschaft, der es am wichtigsten wurde, möglichst viele Datenströme zu verwalten», erklärt der New Yorker Sozialprofessor Dalton Conley in «Elsewhere, U.S.A.: How We Got from the Company Man, Family Dinners, and the Affluent Society to the Home Office, BlackBerry Moms, and Economic Anxiety». Ein lesenswertes Interview mit Conley gibt’s übrigens auf salon.com.


Ständige Erreichbarkeit

Conley schreibt, wir seien keine Individuen mehr, die nach Authentizität streben, sondern «Intraviduen», die gehetzt einen konstanten Strom von Messages, Anrufen, Kontakten und Daten zu managen versuchen. Heute würden alle, vom einfachen Arbeiter bis zur Führungskraft, permanent von dem Gefühl gejagt, zu wenig Zeit zu haben und zu wenig zu arbeiten. Weshalb eben alle versuchten, permanent erreichbar zu sein, am Wochenende genauso wie in den Ferien. Warum nicht schnell den Termin koordinieren und einen Flug buchen? Und wenn man am Sonntag zehn Mails beantwortet, muss man das nicht mehr am Montagmorgen im Büro machen.

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen Meditationswochen in Entschleunigungsoasen buchen – aber bitte mit Internetanschluss und Sat-TV.

Sonja Stieglbauer | 22.07.2009

Mediennutzung Jugendlicher

fischschwarmDer 15-jährige Brite Matthew Robson hat für Morgan Stanley die Mediennutzung seiner Freunde beschrieben. Die Medien reagieren aufgeregt.

Mit ein bisschen Scharfsinn überraschen die Ergebnisse kaum: Jugendliche haben verhältnismässig wenig Geld zur Verfügung, also nutzen sie vor allem Gratisangebote. Hier eine Zusammenfassung von Matthews Erkenntnissen für alle, die keinen Kontakt mit Jugendlichen haben.

Radio und Musik
Jugendliche hören kaum Radio, sie wählen lieber selbst aus, was sie hören wollen. Matthews Freunde haben noch nie eine CD gekauft, die Mehrheit lädt Musik illegal runter. 79 Pennies für einen legalen Download bei iTunes gilt als teuer. Trotzdem sind «hard copies» begehrt. Damit ist gemeint, dass man ein Stück auf dem PC zur freien Verfügung hat.

Fernsehen und Online-Filme
TV wird nur phasenweise und nach besonderen Interessen konsumiert, beispielsweise Fussball während der Saison. Werbung umgehen Jugendliche: Indem sie sich in dieser Zeit mit anderem beschäftigen.

Kino
Ins Kino geht man um dort seine Freunde zu treffen. Britische Jugendliche unter 15 gehen öfter ins Kino, weil sie dann nur den Eintritt für Kinder zahlen müssen. Die etwas Älteren weichen dafür aus und besorgen sich (Raub-)DVDs. Illegale Downloads sind bei Filmen weniger beliebt. Die Qualität ist zu schlecht und die Gefahr sich einen Virus einzufangen zu gross.

Zeitungen
Jugendliche kaufen keine Zeitung, lesen aber Gratiszeitungen. Gerade im öV findet Matthew Tabloid-Zeitungen praktischer.

Spiele
Spiele gehören dazu. Wii-Plattformen würden von immer jüngeren Kindern und immer mehr Mädchen genutzt. Da die neuen Konsolen Voice chat ermöglichen, brauchen Nutzer das Telefon weniger. Ist eine Konsole einmal im Haus, bleibt es bei dieser, ganz einfach, weil Eltern keine zweite bezahlen.

Virales und Plakate
Virales kommt gut an, da meist lustig. Kein Verständnis zeigt Matthew für Pop-ups und Banners im Sinne von: Was soll das, man ist doch gewöhnt, sie zu ignorieren. Ähnliches behauptet er von Plakaten.

Mobiltelefone
Alle, die Matthew kennt, besitzen ein Mobiltelefon. Ein Jugendlicher behält es meist zwei Jahre und der Wechsel fällt mit dem Geburtstag zusammen. Kinder aus ärmeren Familien besitzen meist keinen iPod und nutzen deshalb das Telefon um Musik zu hören.

Was zusätzlich kostet wird kaum genutzt: MMS und auch SMS, sofern das Telefon nicht Wi-Fi kompatibel ist und der Spass dadurch gratis wird. Bluetooth sei beliebt – es kostet nichts. Und wieso sollen Teenager per Handy Klingeltöne runterladen, wenn sie im Internet umsonst zu haben sind?

Internet und Computer
Auf britischen Schulcomputern läuft Windows, weshalb die meisten Kids ihre Hausaufgaben mit Microsoft office erledigen. Wenn Teenies selbst einen Computer besitzen, ist es meist ein PC – weil billiger als Mac.

Gemäss Matthew haben alle britischen Teenager Internetzugang. Daheim braucht man es vor allem für soziale Kontakte, in der Schule ist es Arbeitsinstrument. Google und Facebook sind für Suche und Soziales Nummer eins.

Teenager ignorieren Twitter: Viele hätten sich zwar angemeldet, aber gäben es rasch wieder auf. Vor allem weil es SMS-Guthaben aufbraucht, das man besser verwendet, um Persönliches seinen Freunden direkt mitzuteilen. Ausserdem seien Tweets nutzlos, wer verfolgt schon das Profil eines Jugendlichen?

Jugendliche besitzen keine Kreditkarte, deshalb sind für die meisten Internet-Einkäufe kein Thema.

Und bei uns?
Will man die Ergebnisse auf Schweizer Jugendliche übertragen, muss man berücksichtigen, wieviel für Teenager attraktive Dienste hier kosten. Ich erhalte beispielsweise von meiner Tochter keine SMS mehr, seit sie mit ihrem Mobil-Abo mehr Gratis-Gesprächsminuten als Gratis-SMS zur Verfügung hat.

Für immer an gratis gewöhnt?
Ich finde, dass der heranwachsende Homo oeconomicus seinen Nutzen klug maximiert, wohl auch weil er über genügend Information verfügt. Dabei wägt er ab

  • Interessiert es mich?
  • Hat es einen sozialen Nutzen?
  • Ist es gratis oder wenigstens bezahlbar?

Ich sehe auch nicht, dass Jugendliche darauf konditioniert werden, alles gratis zu bekommen. Es gibt Begehrenswertes, für das man bezahlen würde, wenn man das Geld hätte. Teenager sind aber daran gewöhnt, sich über den Preis zu informieren und dass es verschiedene Möglichkeiten gibt ans Ziel zu gelangen. In diesem Sinn sind die minderjährigen Konsumenten bereits mündig.

Marcel Bernet | 20.07.2009

Amazon löscht Bücher vom Kindle

georgeorwell_erase_mbStellen Sie sich vor: Sie sind gerade am Lesen. Plötzlich fehlt das Buch auf dem Nachttisch. Ausgerechnet zwei Orwell-Bücher sind im digitalen Loch verschwunden.

Gerade erfahre ich über einige Tweets von einem Artikel vom 17. Juli in der New York Times. Er beschreibt, dass Amazon direkten Zugriff auf die Kindle-Lesegeräte von Kunden genommen hat. Und dort kurzerhand Bücher löscht. Autsch. Sehr zum Ärger der Kunden, die sich ziemlich blöd vorkommen müssen.

Dass unter den gelöschten Ausgaben ausgerechnet «1984» und «Animal Farm» von George Orwell (Wikipedia) sind, passt ausgezeichnet zu diesem Vorfall:  In «1984» lässt der Big Brother-Zensurdienst Bücher in einer Verbrennungsanlage verschwinden, dem «Gedächtnisloch». Gemäss New York Times verspricht Amazon, in Zukunft von Löschungen abzusehen. Ausgelöst wurden sie, weil der Online-Anbieter die Autorenrechte nicht wirklich hatte. Es scheint, dass das Publikationssystem noch Schwächen aufweist: Bücher werden von Partnerfirmen an Amazon vorgeschlagen, die anscheinend nicht alle Rechte überprüfen (können). In Foren wird angegeben, dass auch Ausgaben von Harry Potter-Büchern vom Kindle gelöscht wurden. «1984» ist wieder als autorisierte digitale Version kaufbar, «Animal Farm» noch nicht.

Seltsame Vorstellung, dass ein Verkäufer Lösch-Zugriff auf mein Gerät hat. Muss ich jetzt doch bei Papierbüchern bleiben? Auch frage ich mich, ob das Annotieren von Passagen, Einfügen von Notizen bei den elektronischen Lesegeräten überhaupt funktioniert?

Dominik Allemann | 20.07.2009

Vom Mediencorner zum Online Newsroom

Laptop MegaphoneGibt es auf Ihrer Website noch eine Seite für die «Medien» oder die «Presse»? Warum? Ist es in Zeiten der serbelnden Holzpresse noch adäquat, diese Zielgruppe mit einer eigenen Seite anzusprechen?

Ich meine «Jein». In Prä-Internet-Zeiten (ich gebs zu: meine PR-Leben «vor» dem Web war kurz) war der Fokus auf die Medienschaffenden gegeben. Sie bildeten die breite und wichtige Brücke zu ganz vielen Rezipienten. Dann kam das Internet und wir PR-Leute haben den Medienschaffenden ihren eigenen Corner eingerichtet, mit spezifischen Informationen und gut überschaubaren «Facts&Figures». Heute merken wir: Im Web können wir die Geschichten unserer Unternehmen, Marken, Produkte (auch) direkt erzählen. Mit einem deutlichen «News-Charakter» – aber ohne Medienumweg.

Das Eine tun, das Andere nicht lassen
Das beeinflusst den Inhalt:  Die Medienschaffenden müssen unter enormem Zeitdruck den Rohstoff für ihre Artikel zusammensuchen. Daraus weben sie dann ihren eigenen Stoff, schreiben eine eigene Geschichte – je nachdem näher oder weiter weg von der PR-Version im Pressecorner. Die Konsumenten haben nicht mehr Zeit als die Journis – aber sie wollen direkt das Drama, den News-Kick, die Meinung, das Urteil. Und darum das «Jein». Zwar können wir in einer neuen Form des Mediencorners immer mehr und bildhafter Geschichten erzählen und Mehrwert bieten. Mit bewegten Bildern, Tönen, Fotogallerien, Kurz-Statements, Portraits oder Linklisten. Damit laufen wir aber Gefahr, die Journalisten  zu überfordern.

Wichtige Basics für Journalisten
Und das führt uns zu einigen «Musts», die zwar auch für allen einsehbar sind, sich aber eigentlich an den Medienprofi wenden:

  • Kontaktangaben: möglichst persönliche. Vielleicht mit Handy-Nummer
  • Faktenblatt: für den Express-Überblick bei der Recherche
  • Communiqués: brauchts nach wie vor – chronologisch gegliedert
  • Archiv: mit leistungsfähiger Suche über die Inhalte der letzten Jahre

Mit der Verschmelzung des «trockenen», schnellen Informationsangebots mit emotionaleren und bildhafteren Inhalten kann eine neue Plattform – der «Online Newsroom» – entstehen. Quasi als unternehmenseigener Medienkanal. Wo dank guter Übersicht jede Bezugsgruppe schnell den richtigen Inhalt in der richtigen Körnung findet.

Sonja Stieglbauer | 17.07.2009

Lasst Grafiken sprechen

Wissensgrafik aus der ZEITEs heisst, dass Bilder Menschen mehr ansprechen als Text.  «Die Zeit» zeigt wie.

Die meisten Grafiken sind Standard-Produkte. Ob Kurven, Balken oder Kuchen: Anders sind oft nur der Text und die - hoffentlich - im Corporate Design gewählten Farben. Die «Bildchen» sind nur ergänzendes oder dekoratives Beiwerk zum Text und damit Nebensache.

In der neuen Serie der Zeit Wissen in Bildern steht hingegen die Grafik im Zentrum. Auf einer «zeitgemäss» grossen Seite wird ein Sachverhalt dargestellt, zum Beispiel die Geschichte des Fahrrads oder die der Mondfahrt. Eigentlich schade, dass wir nicht häufiger Grafiken einsetzen: Beispielsweise um ein Business Modell darzustellen, anlässlich eines Firmenjubiläums oder um Re-Organisationsmassnahmen zu erklären. Gerade bei Letzterem würde vielleicht manche Schwachstelle früher entdeckt – von wem auch immer.

Gute Vorbilder für Grafiken gibt es nicht nur in der Zeit:
Fröhlich sehen die grössten Bankrotte der Geschichte aus
Wilder Wuchs – die Geschichte von Twitter
Ganz einfach und trotzdem eine lange Geschichte zu den US-Wahlen

Lilly Anderegg | 16.07.2009

Was haben Gewitter, Volksaufstand und Gesundheitsreform gemeinsam?

kaffee-atWussten Sie, dass sich in Pascal Couchepin ein Cappuccino versteckt? «Der deutsche Wortschatz» sucht nach Anagramen und kann noch weitaus mehr.

Ein ähnliches Projekt wie der «Global Language Monitor» (bernetblog, 08.07.09) ist das Projekt «Der deutsche Wortschatz» der Universität Leipzig.

Suchen Sie häufig nach Alternativen zu bestimmten Wörtern, nach Entsprechungen oder Ergänzungen? Nicht immer hat man ein gutes Wörterbuch zur Hand, wenn man eins braucht. In diesem Fall hilft das Wortschatzlexikon der Uni Leipzig. Die Wortschatz-Datenbank enthält Texte aus öffentlich zugänglichen Quellen, sprich Zeitungen und Internetseiten. Die Daten werden aus diesen Quellen automatisch erhoben und umfassen etwa 35 Millionen Sätze mit 500 Millionen Wörtern.

Mehr als reine Synonymsuche
Gibt man hier ein Wort ein, zum Beispiel «begeistern», erfährt man unter anderem, was das Wort bedeutet, wie geläufig es ist und wie es getrennt wird. Wichtig ist der Wortschatz vor allem für seine Synonymsuche. Es werden sowohl die Wörter aufgelistet, die als Synonym für «begeistern» verwendet werden können (ausflippen, berauschen, entflammen, enthusiasmieren, entzücken, mitreissen) als auch jene für die «begeistern» ein Synonym ist (antreiben, beflügeln, beschwören, beseelen, elektrisieren, ermutigen, locken, überzeugen). Bei Substantiven findet man zudem Angaben zur Flexion, ob es also im Genitiv «des Autors» oder «des Autoren» heisst. Beispielsätze helfen dabei, das gesuchte Wort praktisch anzuwenden.

Kontext graphisch dargestellt
Interessant finde ich die Angabe der Häufigkeitsklasse, so ist das Wort «der» um den Faktor 2^12 häufiger als «begeistern» und um den Faktor 2^21 häufiger als «enthusiasmieren» – ein Wort, von dem ich übrigens noch nie gehört habe, mich aber durchaus begeistern kann dafür … Ebenfalls werden die häufigsten linken und rechten Wortnachbarn gelistet und Wörter, die im Kontext erscheinen. Diese Wortverbindungen (in der Fachsprache Kollokationen und Kookurrenzen) sind mit der Datenbank verlinkt und in einer Grafik übersichtlich dargestellt.

Der deutsche Wortschatz: Grafik Kontextwörter zum Stichwort «Blog»

Wörter des Tages – auch als RSS-Feed
Es macht Spass, auch die übrigen Hilfsmittel des Portals zu entdecken. Unter anderem gibt es täglich um sieben Uhr die «Wörter des Tages». Heute unter anderem GewitterVolksaufstand und Gesundheitsreform (mit Assoziationsgraph und Häufigkeitsvergleich). Dazu werden verschiedene Tageszeitungen und Newsportale im Internet täglich ausgewertet. Die Aktualität eines Begriffs ergibt sich dabei aus seiner Häufigkeit heute, verglichen mit seiner durchschnittlichen Häufigkeit über längere Zeit hinweg. Ich habe gerade entdeckt, dass es die «Wörter des Tages» mittlerweise auch als RSS-Feeds gibt.

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Suche nach Anagrammen
Ausserdem lassen sich Anagramme abfragen. Aus «Helmut Kohl» wird «hohlem Kult», aus «Hans-Rudolf Merz» wird «harmlos furzend» und in Pascal Couchepin versteckt sich ein Cappuccino. Ich gebe zu, das ist nicht wirklich nutzbringend für Normalsterbliche, aber trotzdem eine nette Spielerei.

Marcel Bernet | 14.07.2009

Klassische Medien schneller als Blogs

velorotschnellIm US-Wahlkampf haben die klassischen Medien die Blogs geschlagen – um 2.5 Stunden. Die Cornell University zeigt, wie Themen im Web entstehen.

Die New York Times hat die Untersuchung in einem Artikel verdichtet. Durchgeführt wurde die Studie vom Bereich Computer Science der Cornell University in Ithaca/NY. Anhand von einigen Kernaussagen aus dem Wahlkampf haben die Forscher untersucht, wie schnell sich Themen verbreiten. Dabei konnten sie sich natürlich nur auf Online veröffentlichte Inhalte abstützen. Mit ausgeklügelten Algorhythmen wurden Sätze und deren Variationen verfolgt, aus 1.6 Millionen Quellen in 90 Millionen Beiträgen. Die verschiedenen Grafiken sind auf memetracker.org auch animiert dargestellt.

Nur 3.5 Prozent aus Blogs
Im hier untersuchten Fall zeigen sich die klassischen Medien mit ihren Online-Ausgaben klar als Themenleader: nur 3.5 Prozent der Schlüssel-Wahlkampfsätze sprangen aus der Blogosphäre in die Medienausgaben. Und es dauerte im Schnitt zweieinhalb Stunden, bis die Blogs die «heissen» Sachen aufgenommen hatten. Aus der Original-Studie ist diese interessante Grafik:

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Sie zeigt die Gesamtsicht aller analysierten Aussagen – mit den zweieinhalb Stunden Zeitdifferenz. Die rote Medienspitze nimmt langsamer zu, sinkt aber sehr schnell ab: Gedruckt ist gedruckt, das scheint auch zu gelten für die Online-Ausgaben der klassischen Medien. Dagegen nimmt das Volumen in der grünen Blogkurve schneller zu und langsamer ab: Es wird länger über die gleichen Inhalte weiter geschrieben.

Kostenpflichtige Archive beschränken die Verbreitung
Bleiben Online-Medien vor Blogs? Auch falls die Verlage wahr machen mit ihren Kostenplänen für Online-Inhalte? Auch die NY Times denkt darüber nach, wie heute in der NZZ Online beschrieben. Ich glaube kaum, dass sich Bezahl-Inhalte breit durchsetzen werden. Auch wenn mir persönlich die  Times fünf Dollar pro Monat wert wäre. Die Verlage verlieren damit auch ein sehr wesentliches Verbreitungspotenzial. Wir werden sehen.

Dominik Allemann | 14.07.2009

SBB: Bahnbrechender Erfolg mit iPhone-Billet

sbb-logoBlitzschnell reagierte der SBB-Pressesprecher Daniele Pallecchi auf meine Anfrage über die Nutzerzahlen der neuen iPhone-SBB-Applikation: Diese übersteigen diejenigen herkömmlicher Mobildienste deutlich.

Die Antwort der Pressestelle im Originalwortlaut:

«Seit dem 6. Juli bietet die SBB den Mobile Ticketshop auch für das iPhone an. Alleine in den ersten zwei Tagen wurde die App 60′000-mal heruntergeladen. Damit dürfte es sich in der Schweiz diesbezüglich um eine der erfolgreichsten Apps handeln.

Interessant ist auch, dass wir mit dem iPhone mehr Zugriffe auf unseren Servern verzeichnen als mit allen anderen Handys zusammen. Unter Zugriffen verstehen wir sowohl Fahrplanabfragen als auch E-Ticket-Bestellungen.

Leider ist es noch zu früh, um Zahlen bezüglich Ticketverkauf via Handy zu vermelden. Doch auf elektronischem Weg (Fahrausweise als PDF, E-Ticket oder MMS) verkauft die SBB gesamthaft mittlerweile rund 2 Millionen Tickets pro Jahr. Das Angebot besteht seit 2005 und weist jährliche Steigerungsraten zwischen 20 bis 30 Prozent auf.»

Sonja Stieglbauer | 13.07.2009

US-Kampagne gegen H1N1

www.flu.govDie US-Regierung lanciert eine breite Online-Kampagne um die Bevölkerung auf eine mögliche Epidemie vorzubereiten.

Mit www.flu.gov setzen die Gesundheitsbehörden auf das Internet bei der Prävention. Jeder kann sich mit den Mitteln seiner Wahl auf dem Laufenden halten oder mitmachen: über Podcast, E-Mail, Twitter oder RSS. Man kann elektronische Postkarten, die zum Händewaschen ermuntern, verschicken, sich einer Facebook-Gruppe anschliessen oder an einem Wettbewerb auf You-Tube teilnehmen.

Das Argument, dass viele Menschen online ausgeschlossen sind, zählt für mich nicht. Denn diejenigen, die mit der Kampagne erreicht werden, sind auch Informationsmittler, beispielsweise Schulen oder Unternehmen. Und aus dem Iran weiss man, dass «Weitersagen» durch Einzelpersonen ein wichtiges Schlussglied in der elektronischen Informationskette ist.

Gut gewählt finde ich auf den Zeitpunkt der Lancierung: Jetzt anfangen bevor die (Schweine-)Grippesaison im Herbst beginnt. Die Gesundheitsbehörden haben auch daran gedacht, dass Grippe keine Sprachgrenzen kennt. Die Webseite gibt es in spanisch, chinesisch und vietnamesisch.

Auf einen SMS-Dienst wird verzichtet. Was zeigt, dass Kommunikation immer auch kulturell ist. Denn für eine Schweizer Grippe-Website sehe ich SMS als eines der wichtigsten Mittel.

Zur Schweinegrippe siehe auch den Blog vom 7. Mai 2009 Schweinegrippe und Medien

Sabine Betschart | 10.07.2009

Technische Geräte und Nutzer in Symbiose

fischspringtauswasserEin Tag ohne Handy ist unvorstellbar – es gehört so selbstverständlich in die Handtasche wie der Geldbeutel. Inputs, Anfragen, Links und emotionaler Balast kommen rein. Und eigentlich wurde es nur erfunden um zu telefonieren.

Während meines Kurzaufenthalts in Paris war ich total abgeschnitten vom Alltag – mitunter weil mein Handy streikte (PIN-Code vergessen, aber das ist eine andere Geschichte). Das Gefühl, ohne Handy nur ein halber Mensch zu sein, verbreitet sich immer mehr.

Psychologen stellen fest, dass wir handylos bereits Entzugserscheinungen aufweisen, sagt Markus Kaeser. Der 61-jährige Physiker und Philosoph nimmt Stellung zum Thema: Focus-Gespräch (Podcast 57″) auf Radio DRS. Er plädiert  für Ruhezonen und Muse-Nischen im Alltag. «Das Gerät abstellen allein ist keine Lösung – die Technik umgibt uns dauernd. Wir brauchen ganz bewusste Auszeiten, in denen alle Sinne involviert werden. Denn bei der Entdeckung von uns selbst erleben wir eine Befreiung» sagt er. Er zitiert Emanuel Kant: Was können wir aus uns machen? Und regt uns an zu hinterfragen, ob beispielsweise diese Mitteilung in diesem Moment von Bedeutung ist.

Im Gespräch kommt auch die Suchtgefahr zur Sprache. Wie oft schauen wir täglich auf das mobile Gerät? Sehr sehr oft – obwohl weder Antwort noch Anruf erwartet wird. Mein persönlicher Vorsatz: gelassener werden im Umgang und fixe Abmachungen im voraus treffen (wann und wo). Ich kaufe mir einen Wecker, der nur den Zweck erfüllt, mich am Morgen wach zu kriegen (und dies mit einmal läuten).  Was tun Sie? Sind sie zufrieden mit Ihrem Umgang mit Technik?

Zum Thema:
Blogbeitrag Marcel Bernet: Ich unterbreche, also bin ich

Dominik Allemann | 09.07.2009

Journalisten im Internet: Studie präsentiert

zprg7-115Gestern Mittwoch Abend präsentierten wir den zahlreich erschienenen Mitgliedern der Zürcher PR Gesellschaft und des Zürcher Pressevereins die Ergebnisse der neuesten Bernet_PR/IAM-Studie über «Journalisten im Internet».

Projektleiter Guido Keel vom Institut für angewandte Medienwissenschaften hielt das Referat. Marcel leitete danach das lebendige und kurzweilige Podium. Die Studienergebnisse lassen sich ab sofort von unserer Website downloaden (www.bernet.ch/studien). Ein Zusammenfassung liefert die gestrige Medienmitteilung (PDF, 505KB). Wir werden in den nächsten Wochen an dieser Stelle regelmässig über Erkenntnisse daraus berichten.

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(vlnr. Bettina Büsser, André Marty, Marcel Bernet, Hansi Voigt,
Franco Monti, Danni Härry)

Kurzweilig und lebendig gestaltete sich das Podiumsgespräch mit den Publikumsfragen. In der Schlussrunde äusserten die Podiumsteilnehmenden ihre persönlichen Wünsche an die PR-Schaffenden (von seiten Journis) und vice versa. Die freischaffende Journalistin und Klartext-Bloggerin Bettina Büsser ortete im Spannungsfeld von Tempo und Wirtschaftlichkeit die grosse Anforderung an die Qualität im Journalismus. Hier knüpfte SF-Nahost-Korrespondent und Blogger André Marty an mit seinem Wunsch nach einer engagierteren Diskussion um die Qualität im Journalismus – und nach einem gegenseitigen Respekt zwischen PR-Leuten und Journalisten. PricewaterhouseCoopers-Experte Franco Monti forderte Sorgfalt und Vorsicht und ein konsequenteres Hinterfragen von Quellen. Er verwies dabei auf die twitternden Legenden wie Sigmund Freud & Co.. SBB-Pressechef Danni Härry möchte auch in Zeiten von Copy/Paste noch kritische Fragen und echtes Interesse von den Medienschaffenden. Einen abschliessenden Lacher kriegte 20Min-Online Chefredaktor Hansi Voigt für seine Forderung, neben den Medienschaffenden auch im gleichen Masse PR-Leute abzubauen – ansonsten die Übermacht einfach zu gross sei. Marcel wünschte sich mehr Zeit und verknüpfte dies mit dem Canetti-Zitat «Alles wurde schneller, damit mehr Zeit ist. Es ist immer weniger Zeit.»

An der Wand des Auditoriums von Gastgeberin PwC prangten noch mehr Zitate und Sprüche. In meinen Augen passte dieses sehr gut zu den im Web recherchierenden Journalisten:
«Der schnellste Weg, sich über eine Sache klar zu werden, ist das Gespräch.» (Dürrenmatt)

Marcel Bernet | 08.07.2009

Vodafone PK für alle: Nicht nachhaltig

vodafoneVodafone hat heute mit einer öffentlichen Pressekonferenz eine neue Social-Media-Kampagne gestartet. Und zahlreiche Echos abgeholt – aus meiner Sicht der falsche Weg.

Wie immer in solchen Situationen: Die einen werden sehr zufrieden sein. Mit dem Pseudo-Tabubruch einer öffentlichen Medienkonferenz hat Vodafone zusätzlichen Wirbel ausgelöst. Und zahlreiche Online-Echos, Kommentare, Beurteilungen wie eben auch diese hier. Übrigens bringt Google bei der Suche nach «öffentliche Pressekonferenz» eine ganze Reihe von Beispielen. Ungewohnt ist dieser Schritt für ein Unternehmen.

Damit will man wohl den eher knappen journalistischen Newswert des Anlasses erhöhen. Es ging um die Lancierung der neuen Werbekampagne, die eine ganze Reihe von Social Media-Ansätzen integriert. Eine gute Idee mit interessanten Ansätzen – unter anderem präsentiert auf dem Werbemagazin Horizont oder kritisiert vom Kommunikationsblogger Ralf Schwartz. Die kritischen Kommentare auf Horizont zeigen, dass der neue Auftritt eher Gähnen auslöst.

Gut gemacht an der Kampagnen-Webseite ist die Einbindung der Kommentare mit Facebook: Zwar muss man dort als Benutzer registriert sein. Aber mit dieser Kombination schafft es Vodafone, Kommentare aus dem bestehenden Netzwerk auf beiden Plattformen zu sammeln. Bei mir auf Safari/Mac beginnt der Film nie zu laufen, gut ist die prominente Einblendung der Einbetten-Funktion. Damit möglichst viele Online-Publizisten den Code bei sich einbauen und den Film weiter verbreiten.

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Schlecht ist, dass jetzt am Nachmittag die Infos zur Medienkonferenz immer noch nicht aufgeschaltet sind. Das sind die Basics, die man im Griff haben muss: Alle Infos zur PK sofort online verfügbar. Erst dann darf man Zusatzpirouetten drehen.

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Ist das jetzt PR 2.0? Früher wurden die Medien eingeladen, dann kamen führende Blogger dazu, jetzt dürfen alle an die Medienkonferenz? Aus meiner Sicht ein Schwachsinn. Dort, wo wir heute stehen bezüglich Medienarbeit ist das ein Affront gegenüber Journalistinnen und Journalisten. Am besten gefällt mir dazu der Online-Kommentar des Handelszeitungs-Redaktors Thomas Knüwer, bei Klaus Eck entdeckt: «Es ist immerhin schön, dass hier auch Nicht-Journalisten mitbekommen, welche heisse Luft man bei PKs präsentiert bekommt…»

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Nachtrag: Langer, lustiger, angriffiger Blogpost mit der Kampagnen-Kritik von Thomas Knüwer.

Lilly Anderegg | 08.07.2009

«Web 2.0» ist das millionste englische Wort

The Global Language MonitorGemäss Global Language Monitor ist Englisch die Sprache mit den meisten Wörtern. Aber auch die deutsche Sprache hinkt nicht nach. Der Duden zählt dank Löli, hirnen und Schümlikaffee rund 135 000 Wörter.

Mit «Web 2.0» hat der «Global Language Monitor» im Juni das millionste englische Wort verzeichnet. Um in den Index des «Global Language Monitor» aufgenommen zu werden, muss ein Wort 25’000 Mal in Print- und Online-Medien erschienen sein. Rund alle hundert Minuten wächst der englische Wortschatz nach diesen Massstäben um ein neues Wort. Das sind knapp fünfzehn neue Wörter jeden Tag. Die meisten Neuzugänge stammen dabei aus dem Bereich der neuen Medien. Gleich nach «Web 2.0» folgt übrigens «Financial Tsunami» als Wort Nummer 1′000′001 des englischen Sprachwortschatzes. Interessant finde ich die Einschätzung von Paul Payack von «Global Language Monitor», die er gegenüber BBC gibt. Unter anderem beantwortet er im Interview die Frage «Are geeks killing the English language?».

Ist Englisch die wortreichste Sprache der Welt?
Die meisten Muttersprachler kommen mit 14′000 Wörtern locker über die Runden. Nur sehr sprachgewandte Menschen verfügen über einen aktiven Wortschatz von 50′000 bis 70′000 Wörtern. Im weltweiten Vergleich ist Englisch die Sprache mit den meisten Wörtern, erst mit grossem Abstand folgen Chinesisch und Japanisch. Warum ist das so? Englisch hat sich immer ungeniert aus anderen Sprachen bedient. Und trotzdem kann man sich angeblich mit nur vierhundert Wörtern und vierzig Verben auf Englisch verständigen. Ob da die Hände – oder die Liebe – noch im Spiel sind?

The Global Language Monitor

(Bildquelle: New York Post)

Die deutsche Sprache steht gemäss «Global Language Monitor» mit einem Wortschatz von 185′000 Wörtern auf Platz 6. Diese Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen, siehe dazu den empfehlenswerten Artikel «Englisch ist Wortmillionär» auf 20 Minuten Online und die kritischen Bemerkungen von Geoffrey Nunberg «Size Doesn’t Matter».

Auch der deutsche Wortschatz wächst
Am 21. Juli erscheint die 25. Ausgabe des Dudens. Das Standardwerk der deutschen Rechtschreibung umfasst rund 135′000 Stichwörter. Dabei haben fünftausend Wörter erstmals Aufnahme gefunden. Aus der Schweiz stehen neu Löli, hirnen und Schümlikaffee im Duden. Ich werde trotzdem weiterhin einen Cappuccino bestellen und keinen Schümlikaffee … Eine Auswahl von 125 Neuaufnahmen, darunter auch Hüftgold, No-go-Area und Kuschelkurs, hat der Verlag Duden vorab publiziert.

Mehr zum Thema:
«Neue Wörter: Die Wortwarte», bernetblog, 27.04.09

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